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Veröffentlicht am 08.01.2026

Funktionieren im Schatten der Angst

Der Barmann des Ritz
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Das legendäre Ritz ist der Schauplatz dieses Romans, der sich um das auf wahren Begebenheiten beruhende Schicksal des einst als bester Barmann der Welt geltenden gebürtigen Österreichers Frank Meier rankt, ...

Das legendäre Ritz ist der Schauplatz dieses Romans, der sich um das auf wahren Begebenheiten beruhende Schicksal des einst als bester Barmann der Welt geltenden gebürtigen Österreichers Frank Meier rankt, der auch während des 2. Weltkriegs und der deutschen Besatzung Paris weiter seine Cocktails unter anderem für die Befehlshaber der Nazis mixte und seine jüdische Herkunft geheim halten musste.

Philippe Collin erzählt eine sehr besondere und faszinierende Geschichte. Sein Protagonist funktioniert mehr oder weniger nach außen hin einwandfrei, die Fassade sitzt, die Rolle des Barkeepers ist seine Berufung, auch wenn die Angst vor Entdeckung und den Konsequenzen sein ständiger Begleiter ist - es ist überaus nachvollziehbar, wie sehr Meier unter den "was wäre wenn"-Gedanken gelitten haben muss, wie stark ihn die Szenarien möglicher Konsequenzen belasteten. Dabei treibt ihn nicht nur die Angst um, als Jude entlarvt zu werden, auch das moralische Dilemma zwischen Passivität und Aktion zu entscheiden, nimmt ihn mit. So wird er als Dreh- und Angelpunkt an diesem Ort der Alltagsflucht zum Stellvertreter der universalen Frage in jener Zeit: bleibe ich unter dem Radar, um zu überleben oder begehre ich auf und setze mich der Lebensgefahr aus, um etwas zu verändern.

Neben Franks eingängiger Darstellung, die durch das Spannungsverhältnis zwischen Außenwahrnehmung und Introspektion bereichert wird, überzeugt dieser sehr fundierte und ausgezeichnet recherchierte historische Roman besonders auch durch seine authentische Atmosphäre, die durch die vielen Barbesucher abwechslungsreiche und kurzweilige Handlung und die elegant eingefügten Lerneffekte für den Leser - so macht Horizonterweiterung sehr viel Freude, denn die Lektüre ist gleichermaßen spannend und bedrohlich, aber eben auch einfach gut zu lesen. Es lohnt sich.

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Veröffentlicht am 15.12.2025

Gelangweilte Distanz

Mit den Augen eines Kindes
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Je länger ich dem Hörbuch lauschte, desto stärker wurde mein Empfinden, dass die Handlung leicht antiquiert war, etwas "aus der Zeit gefallen". Als mich dann auch immer mehr das Gefühl beschlich, dass ...

Je länger ich dem Hörbuch lauschte, desto stärker wurde mein Empfinden, dass die Handlung leicht antiquiert war, etwas "aus der Zeit gefallen". Als mich dann auch immer mehr das Gefühl beschlich, dass mir der Text bekannt vorkam, stellte ich fest, dass der Roman bereits aus dem Jahr 2004 stammt und ich ihn damals auch gelesen hatte - anscheinend auch da schon ohne langanhaltenden oder bleibenden Eindruck.

Während mir die Krimihandlung bisweilen etwas verworren und "over the top" erscheint und sie sich auch zum Ende hin sehr in die Länge zieht, besonders die sexuelle Anziehungskraft zwischen der Hauptfigur und seiner Jugendliebe ist kaum glaubwürdig und ermüdend, hatte ich bei der Hörbuchfassung leider auch immer wieder den Eindruck, dass auch der Sprecher keine rechte Begeisterung für die Lektüre aufbringen konnte. Über weite Strecken wirkt er gelangweilt und distanziert. Selbst wenn dieses Stimmlage vielleicht einen gewissen Coolness-Faktor vermitteln soll, konnte ich damit nicht viel anfangen, denn die fehlende Nuancierung und Begeisterung beeinflusst das Leseerlebnis doch sehr. Ich habe mich teilweise - auch wegen des Inhalts und des Settings des Textes - sehr zum Weiterhören zwingen müssen.

Insgesamt für mich leider weder ein spannendes noch begeisterndes Hörerlebnis...

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Veröffentlicht am 06.11.2025

Die heilende Kraft der Natur

Wilder Honig
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„Wilder Honig“ ist ein sehr entschleunigender, beruhigender Roman, der es trotz seiner ernsten und traurigen Ausgangslage schafft, dem Leser ein tröstliches und optimistisches Grundgefühl zu vermitteln. ...

„Wilder Honig“ ist ein sehr entschleunigender, beruhigender Roman, der es trotz seiner ernsten und traurigen Ausgangslage schafft, dem Leser ein tröstliches und optimistisches Grundgefühl zu vermitteln. Drei Frauen – jede mit ihrer eigenen Art von Gepäck der Vergangenheit – durchleben in einem Haus inmitten eines Obstgartens den Lauf der Jahreszeiten, erfahren die Hoffnung, die der Natur innewohnt und finden so durch den Einfluss ihrer Umgebung zu einer Heilung alter Wunden und Verletzungen und dies alles ohne dass die drei sehr viel miteinander sprechen. Es ist eher ein allmähliches Zusammenwachsen, das wesentlich durch das parallele Nebeneinanderleben erzeugt wird. Natur, Heilung, Jahreszeiten – das alles mag jetzt allzu idyllisch und womöglich auch esoterisch klingen, doch auch wenn die Beschreibungen der umgebenden Landschaft wirklich sehr schön und gelungen sind und der Roman sich einfach wunderbar liest, so ist er doch weit von Kitsch und Spiritualität entfernt, sondern erlangt durch seine Nutzung des Gartens und der Natur als Metapher und Handlungsspiegel eine elegante literarische Tiefe.

Neben dem eigentlichen Handlungsverlauf greift der Roman auf insgesamt elf Briefe zurück, verfasst von John, dem verstorbenen Ehemann einer der drei Frauen, Hannah. Da Johns und Hannahs Ehe zentral für die Geschichte ist, geht man als Leser mit einer gewissen Erwartungshaltung an Johns Ausführungen heran. Während die Briefe durch den Perspektivwechsel sehr viel Abwechslung in den Roman bringen und mit ihren Erläuterungen zum Leben der Bienen interessante Informationen bieten und so auch als erweiterter Kommentar zur Handlung interpretiert werden können, erfüllen sie doch das, was der Leser sich gewünscht hätte, letztlich nicht. Zu vage umschiffen sie die eigentliche Kernfrage, sodass ihre Lektüre letztlich doch etwas unbefriedigend bleibt – auch wenn man selbstverständlich auch im wahren Leben nicht auf alle Fragen eine Antwort bekommt.

Insgesamt ist „Wilder Honig“ trotz dieses ungelösten Rätsels und eines zu vorhersehbaren Handlungsteils eine schöne und empfehlenswerte Leseerfahrung – gerade im Winter, wenn die Natur zur Ruhe kommt und man vielleicht nach einer ruhigen und wohltuenden Lesefreude sucht, die daran erinnert, dass es auch wieder einen neuen Frühling geben wird.

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Veröffentlicht am 12.08.2025

Ein Shakespeare-Bezug macht noch keinen Shakespeare

We Burn Daylight
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Wenn man William Shakespeares "The Tragedy of Romeo and Juliet" als literarischen Bezugsrahmen wählt, dann hängt die Messlatte von Beginn an schon sehr hoch. Leider schafft Bret Anthony Johnston es nicht, ...

Wenn man William Shakespeares "The Tragedy of Romeo and Juliet" als literarischen Bezugsrahmen wählt, dann hängt die Messlatte von Beginn an schon sehr hoch. Leider schafft Bret Anthony Johnston es nicht, diesem selbstgewählten Anspruch gerecht zu werden, denn weder ist die Referenz schlüssig, noch kann der Roman selbst überzeugen. Zwei Liebende aus unterschiedlichen Lagern machen eben noch keine Tragödie Shakespearescher Qualität - das wäre auch zu einfach.

So bleibt "We Burn Daylight" ein Roman, dessen literarischer Ehrgeiz und Ideen durchaus Potenzial haben und deren Grundidee ich anerkenne, gut umgesetzt finde ich sie nicht, dafür verliert sich der Roman nach einem überaus vielversprechenden Beginn, der durch die unterschiedlichen Erzählperspektiven und Podcast-Auszüge sehr viel Abwechslung versprach, in fader Ödnis. Der Plot trägt trotz der Tatsache, dass er auf wahren, sehr bekannten Ereignissen basiert, kaum und die Figuren sind einfach viel zu flach und einseitig. Weder Identifikation noch Mitfiebern sind hier möglich und die Lektüre gerät zur Geduldsprobe - was sehr schade ist, da die Ausgangsposition doch überaus vorteilhaft war. Leider keine Leseempfehlung.

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Veröffentlicht am 04.08.2025

Große Themen überaus gut verpackt

Wohin du auch gehst
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Der Satz „Wohin du auch gehst“ zieht sich wie ein Motto durch das Debut von Christina Fonthes, einen Roman, der sich auf mitreißende und bewegende Weise zwischen den großen Themen Diaspora, Religiosität, ...

Der Satz „Wohin du auch gehst“ zieht sich wie ein Motto durch das Debut von Christina Fonthes, einen Roman, der sich auf mitreißende und bewegende Weise zwischen den großen Themen Diaspora, Religiosität, Patriarchat und Queerness bewegt. Auf zwei Zeitebenen werden die eng miteinander verbundenen Schicksale von Mira und Bijoux geschildert. Beide stammen aus dem ehemaligen Zaire und müssen nun in Europa ihren Weg finden. In Miras Fall führt dieser nach einer Zeit der Rebellion zu einer übersteigerten Religiosität, die ihr Denken und Handeln umfassend beeinflusst und verheerende Auswirkungen auf den Lebensweg der bei ihr aufwachsende Bijoux hat.

Christina Fonthes ist ein eindrückliches, überzeugendes und nachhallendes Porträt der afrikanischen Diaspora gelungen. Tief verwurzelt in dem Wunsch, die afrikanischen Traditionen und Ansichten auch in Europa zu erhalten, erscheint die (Glaubens)-Gemeinschaft wie ein enges, fast dörfliches Geflecht, aus dem es für Bijoux kaum einen Ausweg gibt – obwohl sie in Großbritannien lebt. Die überkommenen patriarchalischen Perspektiven bilden einen engen Käfig, der die Erwartungen und das Verhalten prägt. Erst allmählich und durch fortgesetzte Versuche des Aufbegehrens können diese bewusst gemacht und aufgeweicht werden.

Die Schilderung dieses Prozesses gelingt Fonthes hervorragend. Durch zahlreiche Rückblicke auf Miras Leben wird die Hinwendung zu einer konservativen Lebenshaltung nachvollziehbar geschildert. Ebenso allmählich und überzeugend erscheint Bijoux‘ Abkehr von diesen Normen. Dabei muss man der Autorin unbedingt zugutehalten, dass sie zu keiner Zeit ihre Themen plakativ nach vorne treibt. Im Gegenteil – die großen Anliegen des Romans schwingen im Hintergrund mit, sind präsent und spürbar, werden aber nie als Message didaktisch aufbereitet. Dafür gebührt Fonthes ein ganz großes Lob, denn allzu leicht hätte der Text zum demonstrativen feministischen Traktat werden können, das die Schicksale seiner Frauenfiguren vergisst.

Stattdessen fiebert und leidet man mit den Protagonistinnen mit, wobei die Identifikation mit Bijoux aufgrund der Ich-Perspektive deutlich leichter fällt. Mira kommt man nicht so recht nah, doch die Distanz, die in ihren Teilen durch die Erzählperspektive begründet wird, ist erwünscht und überaus sinnvoll, denn sie reflektiert auch die Tatsache, dass Mira nicht in sich selbst ruht, sich selbst fremd ist.

Auch wenn ich mir dann und wann ein bisschen mehr literarische Tiefe gewünscht hätte, ist „Wohin du auch gehst“ ein überaus lesenswerter und empfehlenswerter Roman, der trotz einiger vorhersehbarer Sequenzen immer wieder überrascht und bis zum Ende überzeugt.

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