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Veröffentlicht am 20.12.2022

Wenn die Krise kommt...

Connemara
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Nicolas Mathieu hat mich in seinem neuen Roman „Connemara“ für Hélènes Geschichte begeistern können. Obwohl das Buch nicht sonderlich schlank ist, hat es mich von der ersten Seite an in seinen Bann gezogen ...

Nicolas Mathieu hat mich in seinem neuen Roman „Connemara“ für Hélènes Geschichte begeistern können. Obwohl das Buch nicht sonderlich schlank ist, hat es mich von der ersten Seite an in seinen Bann gezogen und gefesselt. Es besticht durch seine Glaubwürdigkeit, seine relativ ruhige und gelassene Erzählweise, die es aber versteht äußerst präzise Sachverhalte, Emotionen und Kummer in Worte zu fassen, ohne dabei distanziert oder zu dramatisch zu wirken.

Besonders seine Figuren sind Nicolas Mathieu außerordentlich gelungen. Authentisch, wahrhaftig und nachvollziehbar, ausgestattet mit dem ein oder anderen Identifikationsmoment segeln seine Protagonisten, die bereits im Mittelalter angekommen sind, durch ihre Unzufriedenheit, Niederlagen, Versäumnisse, Wünsche, Begierden und amourösen Verwicklungen. Da die Beschreibungen frei von Sentimentalitäten sind, ist die rückhaltlose Darstellung der Gefühlswelten in sich auf eine besondere Weise berückend schön und ungekünstelt, ehrlich und echt. Diese Glaubwürdigkeit, die sich vor allem in Hélènes Arbeitswelt und ihrem Familienleben zeigt, ist vom Burn-out in Paris über die Rückblenden in ihre Vergangenheit bis zu ihren versuchten Neustarts überzeugend und tatsächlich auch erfrischend.

Ein Manko, ohne dass ich sicherlich gut hätte auskommen können (das aber wie immer Geschmackssache ist), ist die immer wieder in den Mittelpunkt gestellte Sexualität und Intimität – dass muss sicherlich nicht in diesem Ausmaß ausgeführt werden, auch wenn es sich um einen Roman handelt, der ein Liebesverhältnis zentral setzt. Das kann man bestimmt auch gemäßigter umsetzen.

Dennoch: mir hat er Roman sehr viel Freude bereitet, ich schätze den reflektierten Umgang mit gesellschaftlichen Erwartungen und Normen und dem allgemeingültigen Rollenverständnis und mag es, wie Mathieu diese Komponenten ans Licht zerrt und dem Leser einen Einblick in die französischen Gegebenheiten gewährt. Ich empfinde die Lektüre daher als lohnenswert und kann den Roman mit ein paar Abzügen empfehlen.

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Veröffentlicht am 18.12.2022

Wieder ein schönes Tagebuch!

Gregs Tagebuch 17
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Auch im 17. Band von Gregs Tagebuch geht es wieder rund. Dieses Mal kommen Rockfans voll auf ihre Kosten, denn Greg wird zum Helfer der Band „Folle Vindl“ seines Bruders Rodrick befördert, wo er eine kleine ...

Auch im 17. Band von Gregs Tagebuch geht es wieder rund. Dieses Mal kommen Rockfans voll auf ihre Kosten, denn Greg wird zum Helfer der Band „Folle Vindl“ seines Bruders Rodrick befördert, wo er eine kleine Karriere vom Träger bis zum Gitarristen durchläuft. Auch wenn Greg in diesem Band natürlich mit von der Partie ist, geht es in dem Roman sehr viel um Rodrick und seinen Traum vom Erfolg, der mit viel Werbung und Tipps von seinen Idolen wahr werden soll.

Zwar spielen Rupert und Manny fast keine Rolle in diesem Roman, was etwas schade ist, aber das Buch sorgt dennoch für viel Lesespaß, vor allem weil man als Leser so sehr viel Einblick in Rodricks Leben bekommt. Gewohnt witzig ist der Roman auf jeden Fall, er gehört unbedingt zu den guten Tagebüchern von Greg. Unvergesslich lustige Szenen spielen sich z.B. ab, wenn die Band zu streiten beginnt oder sich auf ungewöhnliche Weise versucht, sich Drumsticks zu verbessern.

Wie üblich ist auch diese Gregs Tagebuch mit zahlreichen sehr passenden und kreativen Zeichnungen geschmückt, die die Handlung zusätzlich illustrieren und das Vergnügen noch vergrößern.

„Voll aufgedreht“ ist eine große Leseempfehlung für alle Greg-Liebhaber und Rodrick-Freunde. Schön, dass hier einmal der Fokus auf dem großen Bruder liegt – dies sorgt für Abwechslung in Gregs Welt.

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  • Thema "Gregs Tagebuch - Voll aufgedreht"
  • Cover "Gregs Tagebuch - Voll aufgedreht"
  • Bastelspaß
Veröffentlicht am 16.12.2022

Die bekannteste Frau des Mittelalters

Aquitania
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Eleonore von Aquitanien, die wohl schillerndste weibliche Persönlichkeit des Mittelalters, steht im Mittelpunkt des Romans von Eva García Sáenz, der sie durch ihre jungen Jahre begleitet. Der Leser erlebt ...

Eleonore von Aquitanien, die wohl schillerndste weibliche Persönlichkeit des Mittelalters, steht im Mittelpunkt des Romans von Eva García Sáenz, der sie durch ihre jungen Jahre begleitet. Der Leser erlebt Eleonore als willensstarke, sehr entschlossene, berechnend planende und hochintelligente Frau, die sich ihres Erbes und Standes in jeder Sekunde bewusst ist und verpflichtet fühlt. Tiefere Einsichten in ihre Gedanken und Motive werden durch die Wahl der Erzählweise ermöglicht, die zwischen der Ich-Perspektive Eleonores und der ihres Gemahls Louis wechselt. Bezeichnenderweise befassen sich auch die Kapitel, die aus der Sicht von Louis geschildert werden, hauptsächlich mit Eleonore, ihrem Wirken und vor allem ihrer Wirkung. Unterbrochen wird diese sich abwechselnde Erzählweise von Rückblicken, in denen sich nach und nach ein Geheimnis entfaltet, das eng mit der gesamten Handlung verbunden ist.

Der Roman ist ausgezeichnet recherchiert und mit viel Begeisterung für Eleonore geschrieben, davon zeugt der wirklich vorzügliche Anhang, der umfassende, weiterführende Literatur aufführt und von die Liebe der Autorin zum Detail zeigt. Leider spiegelt sich dieses Herzblut nur bedingt im Text wieder. Zwar versucht der durchaus anspruchsvolle Roman sich auf jeder Ebene Eleonore anzunähern, aber die Geschichte und Figuren bleiben doch seltsam blutleer und ist auch nicht so üppig und detailliert ausgestaltet wie der Rechercheaufwand vermuten lässt. Auch wenn ich den Roman mit großem Interesse gelesen habe und seine Erzählweise für kurzweilige und faszinierende Lesemomente sorgte, konnte er mich leider nicht vollends mitreißen. Bisweilen entstand für mich der Eindruck, dass die Aufklärung des Geheimnisses sowie die Erläuterung und Einbindung realer historischer Figuren und Ereignisse Vorrang vor einer schlüssigen und nachvollziehbaren Charakterentwicklung und einem fesselnden Erzählfluss hatte. So hielt mich der Text doch stets auf Distanz, da hätte ich mir einfach ein packenderes Leseerlebnis gewünscht. Insgesamt ist „Aquitania“ dennoch ein lehrreicher historischer Roman, der sich für alle eignet, die sich eine gut recherchierte Romanbiografie zu Eleonore von Aquitanien wünschen.

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Veröffentlicht am 05.12.2022

Scharfsinniges und bissiges Familiengemälde

Meine bessere Schwester
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Rebecca Waits frecher, humorvoller und bedrückender Roman “Meine bessere Schwester” enthüllt toxische Familiendynamiken und belastete Geschwisterbeziehungen. Schonungslos und mit sehr feiner Beobachtungsgabe ...

Rebecca Waits frecher, humorvoller und bedrückender Roman “Meine bessere Schwester” enthüllt toxische Familiendynamiken und belastete Geschwisterbeziehungen. Schonungslos und mit sehr feiner Beobachtungsgabe werden die Rivalitäten zwischen Kindern und die einzigartigen, sehr unterschiedlichen Beziehungsgeflechte zwischen Eltern und Kindern ausgelotet. Die Autorin schreckt nicht vor unangenehmen Wahrheiten zurück. Es gelingt ihr hervorragend sich in jede ihrer Figuren ausgiebig einzufühlen, herauszuarbeiten, warum diese so fühlt und wieso sie sich nur so verhalten kann. Bezeichnenderweise wirbt sie bei aller Empathie nicht um die Sympathie des Lesers für ihre wirklich sehr beladenen Figuren. So gelingt ihr eine faszinierende Balance zwischen scharfsinnigen Einzelporträts und einem umfassenden Familiengemälde, beherrscht von starken Charakteren mit sehr unterschiedlichen Einzelinteressen. Durch die zwischen neutral und ironisch-distanziert schwankende Erzählweise werden hochdramatische Momente vermieden, dafür gibt es zahlreiche humorvolle Beschreibungen und lustige Situationen, die den Leser zum Lachen bringen.
Handlungstechnisch ist der zeitliche Verlauf bisweilen etwas verwirrend, die Handlung springt zwischen Gegenwart und Rückblicken munter hin und her, es gibt sehr viele Personen, die die Handlung bevölkern, insgesamt hätte sicherlich etwas gestrafft werden können, auch wenn die Rückbliche natürlich absolut unerlässlich sind, um z.B. das Verhalten und die Handlungsoptionen der Mutter Celia zu verstehen.
Im Übrigen hätte ich mir im Klappentext einen deutlichen Verweis darauf gewünscht, dass dieser Roman als wesentliches Thema psychische Erkrankungen/Störungen behandelt (u.a. Schizophrenie und Psychosen). Ich weiß, dass dies Bereiche sind, mit denen viele Leser auch nicht konfrontiert werden möchten, selbst ich fühlte mich da etwas überrumpelt, als der leichte Ton in die Untiefen von Paranoia und Wahnvorstellungen glitt.
Insgesamt ist „Meine bessere Schwester“, dessen Originaltitel „I’m Sorry You Feel That Way“ eigentlich sehr viel besser umschreibt, worum es in diesem Roman geht – um Dominanz, Desinteresse, Ausnutzen von Beziehungen zum eigenen seelischen Vorteil, Oberflächlichkeit und falsches Mitgefühl – eine unterhaltsame, bissige, psychologisch detaillierte und überzeugende Familiengeschichte, in der wir alle etwas von uns wiederfinden können.

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Veröffentlicht am 17.11.2022

Keep it simple

Kopenhagen mon amour
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Trotz der Tatsache, dass der Roman zum größten Teil in einer meiner Lieblingsstädte spielt, hat er sich als große Enttäuschung entpuppt. Ich hatte mir eine witzig-anspruchsvolle RomCom mit Hygge-Flair ...

Trotz der Tatsache, dass der Roman zum größten Teil in einer meiner Lieblingsstädte spielt, hat er sich als große Enttäuschung entpuppt. Ich hatte mir eine witzig-anspruchsvolle RomCom mit Hygge-Flair gewünscht, bekommen habe ich eine grenzenlos alberne Slapstick-Komödie mit infantilen Figuren, die an Simplizität fast nicht zu überbieten ist.
Die Französin Brune, die Protagonistin, bekommt Torschlusspanik und will im Wettlauf mit ihrer biologischen Uhr sicherstellen, noch Mutter zu werden. Als Single bleibt ihr da nur der Weg nach Dänemark – was natürlich kein Problem ist, denn in Dänemark sind ja alle Männer vom Aussehen her quasi Götter und das ist ja offensichtlich das, was bei der Samenspender-Auswahl zählt.

Unterstützt wird die grenzenlos unentschlossene, blauäugige und unerträglich naive Brune von ihrer idealistischen Freundin Justine, einer Klimaaktivistin, die am liebsten mit Pferd und Wagen nach Dänemark reisen würde, und in ihrem Eifer so gnadenlos überzeichnet ist, dass die Klimadiskussion fast zur Lachnummer verkommt. Wer glaubt, dass zu dem Zeitpunkt, an dem das einfältige Duo endlich Kopenhagen erreicht, auch die eigentliche Liebeshandlung endlich (es dauert nämlich unheimlich lang bis die beiden schließlich im doch Flieger landen) beginnen würde, sieht sich getäuscht.

Stattdessen wandeln Justine und Brune durch ein Kopenhagen, das es so wohl nur bei Instagram gibt, und das ausschließlich aus Tivoli und Nyhavn, einer schnuckeligen AirBnB-Unterkunft wie aus dem Bilderbuch und freundlichen, gutaussehenden dänischen Männern besteht, die sich in urigen Kneipen aufhalten und natürlich allesamt fließend Französisch sprechen. Neben der Tatsache, dass diese Darstellung selbstredend der dänischen Hauptstadt wohl kaum gerecht wird, empfand ich auch die komplette Stereotypisierung der Dänen als zunehmend anstrengend, mal ganz abgesehen von der haarsträubend schlichten Intelligenz der Hauptfiguren.

Über all dies hätte ich aber eventuell noch hinwegsehen können, wenn der Roman darauf verzichtet hätte, Brune durch allerlei Lebensweisheiten zu jagen, mit denen sie bei Zufallstreffen mit Wildfremden konfrontiert wird. Neben einem Pfarrer im Flugzeug, bringen sie auch eine ältere französische Touristin und der Besitzer einer Schlittschuhbahn (soweit das bei einer Figur wie Brune überhaupt möglich ist) zum Nachdenken. Die Handlung stolpert von Episode zu Episode und wirkt unzusammenhängend, was auch den zahlreichen konstruierten Momenten und Logiklöchern geschuldet ist. Erzählt wird der Roman in einer zur Tumbheit von Brune und Justine passenden Sprache, die zwischen gewollt humoristisch und simpel schwankt. Leider keine Leseempfehlung, auch wenn ich das Cover und den Titel sehr gelungen finde.

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