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Meinungen aus der Lesejury

Veröffentlicht am 04.10.2021

Wenn sich die Spur im Matsch verliert...

Mädchengrab
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"Mädchengrab" ist ein außerordentlich atmosphärischer Krimi, dessen Titel eventuell nicht ganz passend ist - denn das Opfer, das vor mehr als zwanzig Jahren verschwand, ist doch mehr Frau als Mädchen.

Das ...

"Mädchengrab" ist ein außerordentlich atmosphärischer Krimi, dessen Titel eventuell nicht ganz passend ist - denn das Opfer, das vor mehr als zwanzig Jahren verschwand, ist doch mehr Frau als Mädchen.

Das ist aber schon fast der einzige Kritikpunkt, denn den Leser erwartet bei Angie Pallorinos Spurensuche ein überaus dichter, komplexer, spannungs- und wendungsreicher Kriminalroman, der sich zwischen weiblichem Neid, weiblicher Eifersucht und einer eingeschworenen, dörflichen Männergemeinschaft entspinnt. Dabei sind nicht nur die Figuren zahlreich, es gibt ebenso viele mögliche Motive wie die potentielle Täter. Die Krimihandlung selbst ist sehr verstrickt und überraschend und wartet immer wieder mit neuen Details und Informationen auf bis sich langsam aber sicher schließlich ein Puzzle zusammensetzt, das seine Auflösung aber doch erst fast am Schluß erfährt.

Angie ist ganz genretypisch eine schwierige Ermittlerin. Ihre Probleme wurzeln nicht zuletzt in ihrer traumatischen Vergangenheit, die sich auch für Leser, die zum ersten Mal mit einem Pallorino-Band zu tun haben, zumindest in groben Zügen erschließt.

Der Star des Romans sind für mich aber die westkanadischen Wälder, das nasse, regnerische Wetter, die wortkargen Menschen. Der Roman weist soviel Lokalkolorit auf, dass Kanada greifbar wird. Der Text holt tatsächlich alles aus seinem Setting heraus.

Für Fans von stimmungsvollen, komplexen Kriminalfällen, die nicht allzu actiongeladen sind, ist "Mädchengrab" ein absoluter Lesetipp.

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Veröffentlicht am 29.09.2021

Passive Selbstfindung

Hitze
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Ein sehr gehyptes Buch mit einem Cover, das um Aufmerksamkeit buhlt, "ein Lieblingsbuch von Obama" - kann es halten, was es verspricht? Ich für mich muss feststellen: eher nicht.

Ich beginne mal mit der ...

Ein sehr gehyptes Buch mit einem Cover, das um Aufmerksamkeit buhlt, "ein Lieblingsbuch von Obama" - kann es halten, was es verspricht? Ich für mich muss feststellen: eher nicht.

Ich beginne mal mit der Aussage zu Obama. Ich glaube, dass der Mann viel liest, aber eigentlich weiß ich nicht genau was und ob unsere Geschmäcker deckungsgleich sind, kann ich nicht beurteilen - denn Lesen ist ein sehr subjektives Erlebnis und nicht bei jedem bringt ein Buch etwas zum Klingen. In diesem Fall muss ich mich aber schon fragen, was Obama denn so umgehauen hat - die passive, stark sexuell aufgeladene und überforderte Sinnsuche der 23-jährigen Edie wird es wohl kaum gewesen sein, sondern (rein spekulativ natürlich) vermutlich eher die Tatsache, dass er namentlich im Buch auf S. 124 erwähnt wird. Würde mir das passieren, wäre ich wohl auch hingerissen und begeistert.

Ansonsten ist dieser Roman einer, der in seiner Bewertung geradezu nach einer deutlichen Trennung von Diskurs- und Inhaltsebene schreit. Auf der Ebene der erzählerischen Vermittlung hat mir der Roman zeitweise richtig gut gefallen. Die Erzählinstanz versteht es, Unausgesprochenes in den Mittelpunkt zu stellen, das Schweigen spricht, verunsichert aber nicht. Sie schlägt unvermittelte Bögen, die sinnvoll sind, und die Leserschaft nicht verwirren, sie deutet an und erkennt, kommentiert und lässt offen - sehr dosiert, sehr gut gemacht. Sie ist Beobachterin ihres eigenen Lebens, mit großer Distanz und Passivität lässt sie die Tage vorbeigleiten. Der einzige Wermutstropfen ist das Sprachregister, das einen Hang zu bildungssprachlichen Fremdwörtern aufweist, nicht zu der Selbstwahrnehmung der Erzählerin zu passen scheint und für mich daher störend war.

Inhaltlich dreht sich der Roman im ersten Teil um sehr viel Sex und die Möglichkeit mit Sex und Gewalt zu kontrollieren und kontrolliert zu werden, sowie der Versuch durch Sex eine Daseinsberechtigung zu erreichen und wahrgenommen zu werden. Diese inhaltliche Ausrichtung soll Edies Minderwertigkeitskomplexe unterstreichen, in ihrer Ausführlichkeit und ihrem Fokus nahm die Thematik für mich aber viel zu viel Raum ein und wurde ziemlich schnell einfach nur öde. Die zweite Hälfte des Romans hat mir inhaltlich besser gefallen, da hier der Fokus mehr auf Edies erwachendes Selbstverständnis gelegt wird. Allerdings waren mir viele Symbole und Ereignisse, die den Weg zur Beantwortung der Frage "Wer bin ich?" ebnen sollten, zu platt, zu zahlreich und zu simpel gewählt. Die vielen fehlschlagenden Versuche, sich selbst zu zeichnen und der verlangende Blick in den Spiegel - das geht doch nun wirklich auch subtiler. Ansonsten besticht Edie hauptsächlich durch ihre schon enervierende passive Art, die besonders in Zeiten eines aktiv selbstbestimmten Feminismus zeitweise wie ein anachronistischer Rückgriff auf ein antiquiertes Frauenbild anmuten mag. Darf man als Frau überhaupt noch zulassen, dass einem alles nur zustößt? Darf man als Mensch heute überhaupt noch zulassen, nichts zu tun oder zu sein?

"Hitze" ist ein Roman, der Gespräche und Gedanken anzustoßen vermag, und sicher auch ein paar Analysemöglichkeiten bietet. Erzählerisch auf gutem Niveau, bleibt er inhaltlich jedoch zu einfach und einseitig.

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Veröffentlicht am 28.09.2021

Wenn eigentlich nichts geschieht...

Eine Familie in Berlin - Paulas Liebe
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Ich lese gerne historische Schmöker und so bin ich mit viel Hoffnung an diesen Roman gegangen - leider konnte er mich aber nicht überzeugen.

Die grundlegende Idee, die doch sehr spezielle Beziehung von ...

Ich lese gerne historische Schmöker und so bin ich mit viel Hoffnung an diesen Roman gegangen - leider konnte er mich aber nicht überzeugen.

Die grundlegende Idee, die doch sehr spezielle Beziehung von Paula und Richard Dehmel aufzuarbeiten, war eine sehr gute, denn bei den beiden handelt es sich tatsächlich um ein Paar, bei dem so einiges in recht speziellen Bahnen läuft. Doch unglücklicherweise wurde aus dieser Grundlage zu wenig herausgeholt.

Stattdessen erfahren wir in epischer Breite fast alles über Paulas Heranwachsen - ein Prozess, der nicht sonderlich spannend und auch nur sehr bedingt unterhaltsam ist, dafür aber fast 50% des Textes beansprucht. Auch als Richard Dehmel die Szene betritt, wird es nicht wirklich interessanter, denn das Anbandeln der beiden geschieht fast ausschließlich "off stage". Plötzlich sind sie in Liebe für einander entflammt, wann, wie und warum - darüber bleibt zu spekulieren, zumal Richard als Charakter äußerst vage, fast ein Schatten und im Gegensatz zu Tante Auguste eine Randfigur bleibt. Er ist zwar Dreh- und Angelpunkt für Paula, aber was genau sie an diesem sehr ungehobelten Egomanen reizt, bleibt mir verschlossen. Dies ist im Kontext der Geschichte sehr schade, da man als Leser*in einfach nicht zu durchschauen vermag, wie man als Frau sich den diversen Zumutungen (unabhängig davon, dass der zeitliche Kontext ein anderer war) so aussetzen konnte.

Abgesehen von diesem nicht unerheblichen Faktor, weist der Text zahlreiche Wiederholungen auf. Immer wieder geht es nach Ahrenshoop (was noch einigermaßen verständlich ist), immer wieder wird betont, dass Hedwig eine gute Freundin geworden ist, dass Richard doch alles tut, was er soll, dass die Eltern wegen Richards Atheismus skeptisch sind und dass Auguste aus Erfahrung spricht. Ich hätte mir in der Tat ein inhaltlich sorgfältigeres Lektorat gewünscht, denn diese immer wiederkehrenden Aspekte haben mich zunehmend gestört und ich genervt. Man hätte gut und gerne den Roman um mindestens 1/3 kürzen können, wenn man die Variation der immer gleichen Dialoge oder Kommentare entfernt hätte. Hinzu kommen die zu zahlreichen Briefe, die der Handlung Authentizität verleihen sollen, diese aber nicht voranbringen - im Gegenteil: es passiert, das inhaltliche Komponenten in benachbarten Passagen unmittelbar wieder aufgenommen werden.

Insgesamt hat mich das zugrundeliegende Schicksal von Paula Dehmel sehr berührt und interessiert, aber die Umsetzung war für mich nicht auf die wesentlichen Punkte konzentriert.

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Veröffentlicht am 19.09.2021

Was wären wir ohne Sprache?

Die Sprache des Lichts
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Mit Margarète, einer katholischen Spionin, Edward Kelley, einem englischen Tunichtgut, und Jacob Greve, einem unscheinbaren Sprachgenie, reist die Leserschaft durch das von Religionsstreitigkeiten erschütterte ...

Mit Margarète, einer katholischen Spionin, Edward Kelley, einem englischen Tunichtgut, und Jacob Greve, einem unscheinbaren Sprachgenie, reist die Leserschaft durch das von Religionsstreitigkeiten erschütterte Europa der Renaissance und erfährt unglaubliche Dinge über Sprachfaszination, -begeisterung und -besessenheit.

Der schier unglaubliche Detailreichtu, mit der die Welt und Liebe zur Sprachvielfalt in diesem Roman umfassend recherchiert zur Darstellung gebracht werden, ist die absolute Stärke des Romans. Die Besonderheiten von Sprache(n), ihre Macht und ihre Funktion als verbindendes und trennendes Mittel, werden bis in den letzten Winkel ausgeleuchtet und begeisternd und inspirierend transportiert. Der Roman gewährt nicht nur Einblicke in andere Sprachsysteme, sondern zeigt auf eindrucksvolle Weise, wie abhängig der Mensch von Sprache und Sprachwissen ist.

Dieses Thematik ist eingebettet in eine sehr überzeugende und genau kontextualisierte Renaissance-Welt, die einen atmosphärischen Rahmen für die abwechslungsreiche, mit vielen Ortswechseln verbundene, Handlung bietet, die zeitweise auch mal einem Schelmenroman entsprungen zu sein scheint.

Trotz all dieser sehr positiven Punkte, schwächelte der Roman für mich jedoch zeitweise im Bereich der Figurenzeichnung und zum Ende hin auch in der Handlungskonstruktion. Die Figuren werden teilweise von der Last der Informationsvergabe erdrückt und erhalten nur wenig Möglichkeiten der freien Entfaltung, sodass der Leserschaft eine emotionale Nähe verwehrt bleibt. Der Schluss erscheint dann recht konstruiert und fast etwas pathetisch.

Dennoch ist und bleibt dieser historische Roman eine anspruchsvolle und intelligente Schleckerei für Menschen mit Sprachbegeisterung, die einen sehr viel klüger macht.

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Veröffentlicht am 19.09.2021

Wenn der Sommer unvollendet bleibt

Vom Ende eines Sommers
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Es mag sein, dass ich hier zum Advocatus Diaboli werde, da dieses Buch anscheinend vielfach Begeisterungsstürme auslöst, aber mich konnte es nicht überzeugen. Sicher, die Sprache des Romans ist wunderbar, ...

Es mag sein, dass ich hier zum Advocatus Diaboli werde, da dieses Buch anscheinend vielfach Begeisterungsstürme auslöst, aber mich konnte es nicht überzeugen. Sicher, die Sprache des Romans ist wunderbar, fast lyrisch, gefühlsbetont ohne ins Kitschige abzudriften, und lebt von ihren überaus detailreichen und bezaubernden Naturbeschreibungen. Ebenso faszinierend und überaus gelungen ist die nostalgische Stimmung eines verlorenen Englands, die die gesamte Erzählung durchströmt - sie ist so greifbar, das man sich fast in einem Gedicht von Philip Larkin, einem Country-House-Roman oder einem Heritage Film wähnt. Wenn es also um die sprachlichen Aspekte, das Setting und die Atmosphäre geht, muss man diesem Roman ein absolut goldenes Händchen bescheinigen - auf diesen Ebenen stimmt fast alles.

Allerdings - und dies ist leider ein größeres "allerdings" - bleibt der Text inhaltlich ziemlich auf der Strecke. Bereits ab der Hälfte - wenn nicht schon gar davor - begann ich mich zu fragen, ob es sich hier überhaupt um eine Geschichte handelt, die erzählenswert bzw. lesenswert sei. Die Autorin setzt eine unzuverlässige Erzählerin ein, die aber zu unvollendet, zu wenig ausformuliert und zu wenig charakterisiert wird, als dass der notwendige Prozess der Naturalisierung (also der Auflösung der Unzuverlässigkeit durch den Leser) abschließend gelingen könnte. Den gesamten Roman über schwebt man als Leser an den Rändern des Fassbaren, sieht sich mit losen Enden und wackligen Hypothesen konfrontiert, gibt sich Vermutungen hin und am Ende wird dann schließlich nichts aufgelöst. Noch dazu ist die Geschichte trotz einiger dramatischer Momente nicht wirklich faszinierend, es passiert zu wenig und die vielen Innensichten in Edies Seelenleben können wegen des mangelnden Verständnisses, dass in der zu vagen Kontextualisierung ihres Zustands begründet wird, nicht wirklich tragen.

Mir gefällt es nicht, dies zu sagen, aber ich habe mich tatsächlich über weite Strecken gelangweilt und war schlussendlich fast enttäuscht, denn auch das große Geheimnis um Constance wird nicht wirklich gelüftet. Geradezu ärgerlich war für mich, dass Edies Schicksal durch ein nichtfiktionales Nachwort zu (mehr) Bedeutung verholfen werden sollte - immer ein ungünstiger Moment für einen Roman.

Fazit: ein sprachlich überragend schöner Roman, der durch die Lobpreisung der Nostalgie eine ganz besondere Saite zum Schwingen bringt, aber leider inhaltlich ziemlich wenig liefert.

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