Profilbild von mimitatis_buecherkiste

mimitatis_buecherkiste

Lesejury Star
offline

mimitatis_buecherkiste ist Mitglied der Lesejury

Melde dich in der Lesejury an, um dich mit mimitatis_buecherkiste über deine Lieblingsbücher auszutauschen.

Anmelden

Meinungen aus der Lesejury

Veröffentlicht am 04.06.2025

Ungewöhnlich außergewöhnlich und meisterhaft

Oben in den Wäldern
0

Ein Haus in den Wäldern von Massachusetts, das über Jahrzehnte hinweg von den unterschiedlichsten Personen bewohnt wird. Menschen und Lebenswege, die sich kreuzen, stumm wird das Haus Zeuge von Dramen, ...

Ein Haus in den Wäldern von Massachusetts, das über Jahrzehnte hinweg von den unterschiedlichsten Personen bewohnt wird. Menschen und Lebenswege, die sich kreuzen, stumm wird das Haus Zeuge von Dramen, Tragödien und Schicksalsschlägen, die Natur aber überlebt sie alle.

»Der Westen von Massachusetts ist eine Gegend mit reichen Landhäusern und verarmten Bauernhöfen. Mit prunkvollen Ballsälen und heruntergekommenen Bretterbuden. Künstler, Dichter, Industriemagnaten genießen ihre Sommerfrische, während nebenan im dunklen Wald der Jäger auf der Lauer liegt. Wäre dies die Geschichte eines einzigen Mordes, so würde das schon reichen. Aber machen Sie sich auf einiges gefasst!« (Seite 299)

Mit dem Todesengel fängt es an: Ein Überfall findet statt, ein Unrecht geschieht, Zugeständnisse werden gemacht, Fremde kehren ein und das Unheil nimmt seinen Lauf. Vier Gräber werden es sein. So steht es geschrieben. Der Anfang ist gemacht.

Dieses Buch hat meine Erwartungen bei weitem übertroffen, ich glaube nicht, dass ich etwas vergleichbares in den letzten Jahren gelesen hätte, zumindest erinnere ich mich daran nicht. Es besteht aus vielen Einzelteilen, Briefen, Berichten, Artikeln, sogar Gedichte und Liedertexte finden Platz darin. Kleine schwarzweiße Zeichnungen dienen als Trennhalter, zeigen an, wo ein neues Kapitel aufgeschlagen wird und Neues entsteht, wo das Alte vergangen ist.

Ein roter Faden zieht sich durchs Buch, lässt mich kleine Seufzer ausstoßen oder die Brauen hochziehen, den Mund vor Staunen öffnen, aber auch das ein oder andere Mal weinen, nachdem etwas unwiederbringlich zerbrochen oder zerstört wird, das vorher jahrzehntelang heil geblieben war. Verlorengegangenes taucht auf, Geister spuken, an vor langer Zeit Verstorbene wird erinnert und ein verschollenes Buch erwähnt, das ein Geheimnis offenbart, welches eine Überraschung bringt, obwohl es den Lesenden bekannt war. Was leicht und einfach klingt, ist für mich ein grandioses Werk, das auch ohne Zeitangaben einfach zuzuordnen war: da eine Person der Geschichte, dort eine Erfindung, hier ein Hinweis auf das Jahrhundert, so war mir eine ungefähre Zuordnung immer möglich; nicht dass diese wirklich wichtig war. Die angepasste Ausdrucksweise und die sprachlichen Eigenheiten der Epochen vervollständigen den Eindruck, dass dies ein Meisterwerk ist. Nicht mehr, aber auch nicht weniger. Lesen!

  • Einzelne Kategorien
  • Cover
  • Erzählstil
  • Handlung
  • Charaktere
Veröffentlicht am 02.06.2025

Eher enttäuschend…

Tage im August
0

Im Sommer 1943 holt der Vater die vierzehnjährige Anna und ihren jüngeren Bruder Giovanni aus dem Nonneninternat ab, um mit ihnen und seiner Frau in der Nähe von Rom Ferien am Meer zu verbringen. Während ...

Im Sommer 1943 holt der Vater die vierzehnjährige Anna und ihren jüngeren Bruder Giovanni aus dem Nonneninternat ab, um mit ihnen und seiner Frau in der Nähe von Rom Ferien am Meer zu verbringen. Während die Jagdbomber über sie hinwegfliegen, erlebt Anna einen Sommer, in dem sie auf der Schwelle zum Erwachsenwerden steht, bald ist sie kein Kind mehr, sondern eine Frau.

Von der Autorin, die laut Buchklappe eine der wichtigsten Stimmen Italiens sowie feministische Pionierin sein soll, habe ich bis zur Lektüre noch nie etwas gehört. Gemäß dem nachträglich geschriebenen Vorwort hat sie das vorliegende Buch mit siebzehn Jahren geschrieben, erschienen ist dieses erstmalig 1961, beide Tatsachen merkt man dem Werk eindeutig an. Ich persönlich hätte das Alter der erzählenden Person sogar auf zwölf Jahre herabgesetzt, wobei ich nicht weiß, ob dies am italienischen Original liegt, oder an der Übersetzung, allerdings nicht was deren Verhalten angeht, denn dies ging weit über die Pubertät hinaus, sondern den Schreibstil und die transportierten Gefühle beziehungsweise das vollständige Fehlen letzterer.

Die Erzählung kam mir wie ein Jugendbuch vor, allerdings ab 16, das aber nur mit genügend Phantasie. Ich könnte bereits jetzt nicht mehr sagen, um was es eigentlich ging, so banal empfand ich diese. Die Gespräche verwirrend, ohne echten Gehalt. Insgesamt eine tolle Verpackung, aber leider ohne lesenswerten Inhalt. Dies geht besser. Sehr leichte Unterhaltung, die mir nicht im Gedächtnis bleibt.

  • Einzelne Kategorien
  • Cover
  • Erzählstil
  • Handlung
  • Charaktere
Veröffentlicht am 29.05.2025

Fulminante Fortsetzung

Der König
0

In der Kleinstadt Os im Norden Norwegens könnte alles nicht besser laufen, als der Bau eines neuen Tunnels droht, den Ort von den Touristenströmen abzuschneiden, was nicht nur Auswirkungen auf das Wellnesshotel ...

In der Kleinstadt Os im Norden Norwegens könnte alles nicht besser laufen, als der Bau eines neuen Tunnels droht, den Ort von den Touristenströmen abzuschneiden, was nicht nur Auswirkungen auf das Wellnesshotel der Brüder Carl und Roy Opgard hätte, sondern auch auf die gesamte Wirtschaft der Stadt. Natürlich lassen sich die Brüder etwas einfallen, um den Niedergang abzuwenden. Währenddessen arbeitet der Polizeichef Kurt Olsen weiterhin daran, Roy mehrere Morde nachzuweisen. Da zwischenzeitlich neue Beweise vorliegen, könnte es für ihn eng werden. Die Vergangenheit holt die Brüder ein und plötzlich geht es auch um die Frage, wer der König von Os ist, denn es kann nur einen geben.

»Ich hatte an diesem Ort alles verloren. Vermutlich aber auch alles gewonnen, was ich jemals hatte. Ich hasste Os, und ich liebte es. Kann man mehr von einem Heimatort verlangen?« (Seite 16)

Beim vorliegenden Buch handelt es sich um den zweiten Band mit den Opgard-Brüdern. Die Bücher können, sollten meiner Meinung nach aber nicht unabhängig voneinander gelesen werden. Es werden im aktuellen Teil zwar alle wichtigen Informationen wiederholt, das Verhältnis der Brüder zueinander und insbesondere auch die Beziehungen zu sowie unter den Stadtbewohnern selbst können nicht nebenbei erklärt und verstanden werden. Dazu sollte auch berücksichtigt werden, dass nach dem Lesen dieses Buches es sinnlos ist, den Vorgänger lesen zu wollen, da hier die Lösung aller Verbrechen präsentiert und verraten wird. In dieser Rezension wird natürlich nichts verraten, was vergangene Ereignisse angeht. Der wichtigste Punkt jedoch ist, dass der erste Teil einfach grandios war!

»Wir sind eine Familie. Wir haben einander und sonst niemanden. Freunde, Geliebte, Nachbarn, die Dorfbewohner und Landsleute, alles Illusion. Wenn es eines Tages wirklich darauf ankommt, sind sie nichts wert. Dann heißt es, wir gegen sie, Roy. Wir gegen alle anderen. Absolut alle.« (Seite 220)

Als ich im Programm des Verlages das neue Buch von Jo Nesbø entdeckt hatte, hätte meine Freude nicht größer sein können, war der erste Teil seinerzeit als Standalone angekündigt worden. Anscheinend war die Geschichte der zwei Brüder, die unterschiedlicher nicht sein könnten, noch nicht auserzählt, ich konnte mein Glück kaum fassen, dass ich noch einmal nach Os zurückkehren durfte, um zu erfahren, wie es weitergeht. Wie im Vorband fungiert einer der Brüder als Ich-Erzähler und schildert die Geschehnisse aus seiner Sicht. Hierbei lässt er der Dramatik wegen manche Dinge weg, verschweigt bestimmte Handlungen und steigert so die Spannung ins Unermessliche, sodass ich mich mehrmals davon abhalten musste, vorzublättern, um zu erfahren, was danach passiert ist. Wie böse das war, mich dermaßen auf die Folter zu spannen!

Unerwartete Wendungen, emotionale Momente, komplizierte Beziehungen, ganze Kapitel voller Liebe, Schmerz und Wut; da waren Hass, Neid und Trauer nicht weit. Dieses Buch steht dem ersten in nichts nach und war doch ein bisschen anders. Für mich ein grandioser Abschluss der Geschichte, deren Ende überraschend, jedoch ganz in meinem Sinne war. Und wer weiß, vielleicht gibt es ja ein Wiedersehen in Os. Aber auch wenn nicht, so könnte ich damit leben, denn dieses Leseerlebnis bleibt unvergesslich für mich.

  • Einzelne Kategorien
  • Cover
  • Erzählstil
  • Handlung
  • Charaktere
Veröffentlicht am 27.05.2025

Der Geist lebt ewig

Ihr Königreich
0

»Ich verstand ihre Gedanken vielleicht nicht, wohl aber, dass sie wie mein Vater nach dem Naturgesetz lebte, dass die Familie an erster Stelle kommt. Vor Recht und Gesetz. Vor dem Rest der versammelten ...

»Ich verstand ihre Gedanken vielleicht nicht, wohl aber, dass sie wie mein Vater nach dem Naturgesetz lebte, dass die Familie an erster Stelle kommt. Vor Recht und Gesetz. Vor dem Rest der versammelten Menschheit. Dass es immer heißt: Wir gegen den Rest.« (Seite 187)

Nach jahrelanger Abwesenheit kehrt Carl Opgard nach Os zurück, zurück auf den Hof der Familie, von der nach einem Unfall vor achtzehn Jahren nur noch sein älterer Bruder Roy übrig ist. Er bringt seine Frau mit sowie hochtrabende Pläne, wie er dem Dorf, das er einst verlassen hat, zu Reichtum verhilft. Der Dorfpolizist Kurt Olsen indessen ist damit beschäftigt, Beweise dafür zu finden, dass die Brüder für das Verschwinden seines Vaters verantwortlich sind. Dies wird nicht das einzige Problem sein auf dem Weg, den die Geschwister noch vor sich haben.

Dieses Buch war wie eine Naturgewalt, langsam und unaufhaltsam bewegte sich die Geschichte auf etwas zu, das ich anfangs nicht richtig fassen, was ich mir gar nicht vorstellen konnte, das aber in weiter Ferne bereits am Horizont zu sehen gewesen ist. Die Beziehung der beiden Brüder spielte dabei eine ebenso große Rolle wie Ereignisse, die Jahrzehnte zurücklagen und dennoch permanent zu spüren waren, so wie man die feuchte Luft förmlich fühlt, wenn man weiß, dass Regen aufzieht. Dadurch gab es eine unterschwellige, an den Nerven zehrende Spannung, die in Wellen kam, manchmal überschwappte und sich zurückzog, um unerwartet mit doppelter Kraft und Geschwindigkeit zurückzukehren und alles zu zerstören, was sich ihr in den Weg stellt.

Wieder einmal hat Jo Nesbø sein Können unter Beweis gestellt und klargemacht, was für ein unnachahmlicher Geschichtenerzähler er ist. Fast 600 Seiten lang entführte er mich in eine andere Welt, ließ mich fühlen, bangen, hoffen, Mitleid sowie Hass empfinden, und trug dazu bei, dass ich letztendlich doch noch die Fassung verlor. Ich kann gar nicht zählen, wie oft ich Worte, Sätze, ganze Abschnitte wiederholte, weil es mich packte und ich noch einmal fühlen wollte, was beim ersten Lesen so bewegend gewesen ist. Das ist Erzählkunst, das ist einfach meisterlich! Wie gut, dass der Autor sein Wort nicht gehalten hat, als er in einem Interview zum vorliegenden Buch von einem Standalone sprach. Die Fortsetzung mit dem Titel »der könig« steht bereits in meinem Regal und ich bin gespannt, wie es weitergeht.

  • Einzelne Kategorien
  • Cover
  • Erzählstil
  • Handlung
  • Charaktere
Veröffentlicht am 26.05.2025

Tränen einer Mutter

American Mother
0

Diane Foley bekommt 2021 die Möglichkeit, im Gefängnis dem Briten Alexanda Kotey gegenüber zu sitzen, um mit ihm zu sprechen. Kotey hat sich des Kidnappings, der Folter und der Ermordung ihres Sohnes, ...

Diane Foley bekommt 2021 die Möglichkeit, im Gefängnis dem Briten Alexanda Kotey gegenüber zu sitzen, um mit ihm zu sprechen. Kotey hat sich des Kidnappings, der Folter und der Ermordung ihres Sohnes, des durch den IS enthaupteten US-Journalisten James Foley, schuldig bekannt. Der Bestsellerautor Colum McCann schrieb dieses Buch zusammen mit Diane Foley und erinnert darin vordergründig an ihren Sohn, der sich der Wahrheit verschrieben hatte und bei der Ausübung seines Berufes getötet worden ist.

»Ihre Gefühle ihm gegenüber haben nichts mit Hass zu tun. Auch nicht mit Wut. Oder Mitleid. Sie hat noch keine Worte dafür gefunden.« (Seite 31)

Bedauerlicherweise fand ich keinen Zugang zum Buch, obwohl es stellenweise sehr bewegend und schwer zu ertragen war, besonders als die Umstände des Todes beschrieben wurden. Colum McCann gibt Diane Foley als Ich-Erzählerin freie Hand und lässt sie das Tempo bestimmen, was gerade zu Beginn dazu führte, dass ich fast ungeduldig darauf wartete, dass es endlich losgeht. Die Gefühle einer Mutter sind nach einer solch grausamen Tat kaum nachzuvollziehen und vor ihrem Mut, den Gefangenen zu treffen, ziehe ich meinen Hut, obgleich ich nicht finde, dass dieser Besuch, der mehrere Stunden an zwei Tagen umfasste, zufriedenstellend war. Aber beurteilen kann ich es nicht, dies steht mir auch nicht zu. Macht euch am besten selbst ein eigenes Bild.

  • Einzelne Kategorien
  • Cover
  • Erzählstil
  • Handlung
  • Charaktere