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Veröffentlicht am 29.05.2026

Ein Gesellschaftsroman unserer Gegenwart

Hellere Tage
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„Hellere Tage“ von Ulrich Wölk ist ein Gesellschaftsroman unserer Zeit, der viele aktuelle Themen aufgreift und sie in die Lebensrealität seiner Figuren einbettet. Themen wie politischer Extremismus, sexuelle ...

„Hellere Tage“ von Ulrich Wölk ist ein Gesellschaftsroman unserer Zeit, der viele aktuelle Themen aufgreift und sie in die Lebensrealität seiner Figuren einbettet. Themen wie politischer Extremismus, sexuelle Orientierung, Umwelt- und Klimaschutz fließen in die Handlung ein ohne dass der Roman dabei belehrend wirkt. Stattdessen entsteht beinahe eine Chronik unserer Gegenwart, die zeigt, welche Fragen und Konflikte unsere Gesellschaft derzeit beschäftigen.

Im Mittelpunkt des Romans steht die Ethikprofessorin Ruth, Mitte fünfzig, die sich nach der Affäre ihres Mannes Ben plötzlich neu orientieren muss. Sie sucht nach Nähe, Liebe und Sexualität, streitet gleichzeitig mit ihrem Ex um eine Immobilie und versucht weiterhin eine enge Beziehung zu ihrer Stieftochter Jenny aufrechtzuerhalten. Parallel dazu wird sie von ihrer Vergangenheit eingeholt. Vor Jahren war sie an einem linksextremistischen Anschlag auf einen Strommast beteiligt, was berufliche Konsequenzen für sie hatte. Hinzu kommen der Tod ihres Vaters und ein Geheimnis, das dieser ihr zeitlebens verschwiegen hat. Dadurch stellt sich Ruth zwangsläufig die Frage, wie gut sie ihn eigentlich wirklich kannte. Ihr Leben gerät zunehmend ins Wanken.

Besonders gelungen fand ich Ruth als Figur. Ihr Seelenleben wird offengelegt. Sie ist intellektuell, reflektiert, aber auch verletzlich. Gerade ihre Gedanken über gesellschaftliche Entwicklungen machen den Roman interessant. Auch die Beziehung zu Jenny ist glaubwürdig geschrieben. Ruth bemüht sich ehrlich um einen guten Kontakt zu ihrer Stieftochter, hört ihr zu und ist bereit, sich auf ihre Sichtweisen einzulassen. Gleichzeitig merkt man, wie sehr Jenny zu Ruth aufblickt. Sie möchte selbst rebellisch und aktivistisch sein, erkennt aber schnell, dass sie an ihre Grenzen stößt und Ruth in ihrer Jugend deutlich kompromissloser und mutiger war.

Sehr amüsant war zudem die Szene, in der Jenny für ihren Freund ein Steak kaufen möchte, es an der Kasse jedoch zurücklegt, nachdem sie dort eine alte Bekannte trifft. Die Scham darüber, in bestimmten Kreisen mit Fleischkonsum negativ aufzufallen, beschreibt Woelk äußerst treffend. Gerade solche kleinen Momente halten unserer heutigen Gesellschaft einen Spiegel vor und machen den Roman so zeitnah.

Trotz vieler starker Ansätze hätte ich mir an manchen Stellen allerdings mehr Tiefe gewünscht. Einige Themen werden eher angerissen als wirklich ausgearbeitet. Die Homosexualität von Ruths Vater verläuft beispielsweise etwas im Sande, ebenso die beginnende Affäre mit dem unter RAF-Verdacht stehenden Harald. Andererseits passt genau das vielleicht auch zum Konzept des Romans. Denn nicht jede Geschichte findet eine klare Auflösung, manches verliert sich einfach im Alltag und bleibt fragmentarisch, genau wie im echten Leben.

„Hellere Tage“ ist ein Roman über gesellschaftliche Umbrüche, persönliche Krisen und die Frage, wie man sich selbst immer wieder neu erfindet. Trotz aller Schwere bleibt am Ende ein hoffnungsvoller Ton zurück und die leise Erinnerung daran, dass nach dunklen Zeiten eben doch wieder hellere Tage kommen können. Für mich ein kluger, aktueller und sehr menschlicher Roman.

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Veröffentlicht am 23.05.2026

Eine schonungslose Abrechnung mit der New Yorker Kultur- und Kunstszene

Nur das Allerbeste
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Mit „Nur das Allerbeste“ wirft Zoe Dubno einen schonungslosen Blick auf die New Yorker Kunst- und Kulturszene.

Die Ich-Erzählerin kehrt nach fünf Jahren zurück nach New York, nachdem ihre Freundin Rebecca ...

Mit „Nur das Allerbeste“ wirft Zoe Dubno einen schonungslosen Blick auf die New Yorker Kunst- und Kulturszene.

Die Ich-Erzählerin kehrt nach fünf Jahren zurück nach New York, nachdem ihre Freundin Rebecca verstorben ist. Wieder landet sie in der Bowery Street bei Eugene und Nicole, reichen Mäzenen, in deren Loft sich regelmäßig die junge New Yorker Kunst- und Kulturszene trifft. Der Roman lebt dabei weniger von Handlung. Es sind vielmehr die Gedanken, Erinnerungen und scharfen Beobachtungen der Erzählerin.

Gelungen fand ich, wie Dubno diese Welt beschreibt, nämlich als pseudointellektuell, arrogant, oberflächlich und völlig losgelöst vom normalen Leben. Man spürt regelrecht die Verachtung, die diese Figuren allem entgegenbringen, was nicht zu ihrem elitär wirkenden Mikrokosmos gehört. Gleichzeitig hatte ich aber auch das Gefühl, dass die Ich-Erzählerin selbst nicht frei davon ist. Auch sie hält sich stellenweise für belesener oder reflektierter als die anderen. Vielleicht zu Recht, vielleicht aber auch nicht.

Ein Highlight war für mich der Auftritt von „Dr. Beethoven“, der den selbstgefälligen Schriftsteller Alexander verbal auseinandernimmt und erklärt, was Literatur für ihn wirklich bedeutet. Erst dort scheint die Erzählerin überhaupt zu begreifen, mit was für pseudointellektuellen Menschen sie sich umgibt. Auch das Finale mit der jungen Schauspielerin sitzt: Ihre Abrechnung mit der New Yorker Kunst- und Kulturszene bringt die Leere, den schönen Schein und die permanente Selbstinszenierung noch einmal perfekt auf den Punkt.

Es war interessant, einen Einblick in diese völlig andere Welt zu bekommen, aber ich war am Ende auch froh, die Tür wieder hinter mir schließen zu können. Die Inhaltslosigkeit, die toxischen Abhängigkeiten und die Oberflächlichkeit waren auf Dauer eher anstrengend als fesselnd. Vor allem, weil es scheinbar nie wirklich um Kunst oder Kultur geht, sondern fast ausschließlich um die eigene Selbstinszenierung.

Für alle, die gern einen Blick in die New Yorker Kunst- und Kulturszene werfen wollen, ist dieses Buch genau das Richtige.

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Veröffentlicht am 20.05.2026

Kommt wie ein Tsunami daher: erst leise und dann mit einer Wucht

Unter Wasser
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„Unter Wasser“ von Tara Menon kommt wie ein Tsunami daher, zuerst leise, fast unauffällig, bevor die Geschichte mit gewaltiger emotionaler Wucht über einen hereinbricht.

Im Fokus steht die Ich-Erzählerin ...

„Unter Wasser“ von Tara Menon kommt wie ein Tsunami daher, zuerst leise, fast unauffällig, bevor die Geschichte mit gewaltiger emotionaler Wucht über einen hereinbricht.

Im Fokus steht die Ich-Erzählerin Marissa, die auf ihre Kindheit und Jugend in Thailand zurückblickt. Besonders prägend war ihre enge Freundschaft zu Arielle, bis diese 2004 beim verheerenden Tsunami in Phuket ums Leben kam. Von dort an ist nichts mehr, wie es war. Nach dem Unglück zieht Marissa nach New York, doch auch dort gelingt es ihr nicht, der Trauer zu entkommen. Überall wird sie an Arielle erinnert und der Verlust bleibt allgegenwärtig. Sie vermisst sie schmerzhaft.

Sehr eindrücklich ist, wie stark das Motiv des „Unter-Wasser-Seins“ durch die gesamte Erzählung getragen wird. Marissa fühlt sich seit Arielles Tod, als würde sie unter einer schweren, undurchdringlichen Wasseroberfläche leben: gedämpft, isoliert, nicht ganz Teil der Welt um sie herum.

Besonders gelungen ist die bildhafte Sprache. Die Naturbeschreibungen sind intensiv und ausdrucksstark. Farben sind nie einfach nur „blau“, sondern erscheinen als Azur, Türkis oder in unzähligen Schattierungen dazwischen. Dadurch entsteht ein sehr lebendiges, fast sinnliches Naturerleben. Die Kinder in Thailand wachsen mit dieser intensiven Umwelt auf, mit Meerestieren, Korallen und dem Tauchen, etwa beim Beobachten von Mantarochen. Der Leser bekommt ein starkes Gefühl für die Schönheit und Kraft dieser Welt.

Auch die besondere Beziehung zwischen Mensch und Natur zieht sich als zentrales Thema durch den Roman. Selbst im späteren New York bleibt dieses bewusste Wahrnehmen erhalten, wie zum Beispiel im Central Park, wo selbst Mönchssittiche kleine Brücken zur Vergangenheit schlagen. Natur ist hier nicht Kulisse, sondern etwas Lebendiges, fast Prägendes für Identität und Erinnerung.

Beeindruckend ist zudem die Darstellung der Tsunamikatastrophe selbst: die unheimliche Stille vor dem Ereignis, das Verhalten der Tiere, die die Gefahr offenbar früher wahrnahmen und schließlich die erschütternden Szenen danach, etwa beim Bergen der Toten.

Ein klitzekleiner Kritikpunkt war für mich der langsame Erzählbeginn. Die Geschichte baut sich nur langsam auf und hat gerade am Anfang ein paar Längen.

Trotzdem überwiegt klar der positive Eindruck: Eine sprachlich starke und emotional bewegende Geschichte über Freundschaft, Verlust und die Kraft der Natur.

Klare Leseempfehlung.

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Veröffentlicht am 10.05.2026

Was macht Menschsein aus?

Ich, die ich Männer nicht kannte
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Wow! Der Roman hat mich komplett in seinen Bann gezogen und habe ihn innerhalb von 2 Tagen verschlungen. Jede Seite endet mit dem Gefühl von: Ich muss wissen, wie es weitergeht!

Die Ausgangssituation ...

Wow! Der Roman hat mich komplett in seinen Bann gezogen und habe ihn innerhalb von 2 Tagen verschlungen. Jede Seite endet mit dem Gefühl von: Ich muss wissen, wie es weitergeht!

Die Ausgangssituation ist beklemmend. 40 Frauen leben seit Jahren eingesperrt in einem unterirdischen Käfig. Sie werden von Männern bewacht ohne zu wissen warum. Als ihnen plötzlich die Flucht gelingt,beginnt jedoch keine Erlösung. Sie befinden sich nun in einer menschenleeren Welt, in der es keine Antworten gibt. Diese Freiheit fühlt sich oft wie ein anderer Käfig an und hat mich stark an „Die Wand“ von Marlen Haushofer erinnert.

Besonders faszinierend fand ich die Erzählerin. Sie ist die Jüngste der Frauen und kennt als Einzige kein anderes Leben als die Gefangenschaft. Dadurch betrachtet sie die Welt mit einer Neutralität. Sie hinterfragt alles: Gesellschaft, Beziehungen, Sprache, Hoffnung, Tod. Weil ihr menschliche Sozialisation fehlt, wirken ihre Beobachtungen schonungslos ehrlich, fast wie der Blick eines Wesens, das das Menschsein von außen betrachtet. In ihr steckt unglaublich viel Hoffnung. Das hat mich am meisten berührt. Trotz dieser trostlosen Welt verliert sie nie die Neugier, ihren Wissensdurst und ihren Mut. Sie will verstehen. Antworten finden. Dem Leben einen Sinn abringen. Gerade dadurch bewahrt sie sich etwas zutiefst Menschliches.

Gefallen hat mir auch, wie das Buch mit dem Tod umgeht. In einer Welt, in der scheinbar alles seinen Sinn verloren hat, bleibt jeder Mensch bedeutsam. Die Verstorbenen werden nicht einfach vergessen, sondern behalten ihre Würde und ihren Platz in den Erinnerungen der anderen.

Dieses Buch stellt viele existenzielle Fragen, dass es noch lange nachhallt: Was macht ein Leben lebenswert? Was macht uns zu Menschen? Wie gehen wir mit unserer Freiheit um? Vieles bleibt unbeantwortet. Der Schluss ist daher etwas ernüchternd und ich hätte mir natürlich mehr Antworten gewünscht, aber genau deshalb passt er so perfekt zu dieser dystopischen Geschichte. Wie im echten Leben bleiben manche Rätsel ungelöst.

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Veröffentlicht am 10.05.2026

Ein Jahreshighlight!

Die Riesinnen
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Schon jetzt ein absolutes Jahreshighlight!
„Die Riesinnen“ von Hannah Häffner habe ich letzten Monat gemeinsam mit meinem Buchclub gelesen und wir waren uns schnell einig, dass dieses Buch etwas ganz Besonderes ...

Schon jetzt ein absolutes Jahreshighlight!
„Die Riesinnen“ von Hannah Häffner habe ich letzten Monat gemeinsam mit meinem Buchclub gelesen und wir waren uns schnell einig, dass dieses Buch etwas ganz Besonderes ist.

Es ist ein warmes, wundervolles Werk, das mich vor allem sprachlich tief beeindruckt hat. Ganz hohe Erzählkunst! Immer wieder gab es Sätze, bei denen ich nur dachte: Wow – wie kann man so schreiben? Diese sprachliche Gewandtheit trägt die Geschichte und verleiht ihr eine besondere Tiefe.

Der Roman erzählt von drei Generationen von Frauen. Es sind Liese, Cora und Eva, die als „Riesinnen“ bezeichnet werden. Sie leben in einem Dorf im Schwarzwald, sind anders, fallen auf, und man redet über sie.

Liese ist in der Nachkriegszeit geboren und lebt in einer Welt, in der Frauen vor allem ihre Pflicht zu erfüllen haben. Selbstverwirklichung ist kein Thema. Ihre unglückliche Ehe mit Bernhard steht exemplarisch für diese Zeit. Dennoch beeindruckt sie mit einer unglaublichen inneren Stärke. Sie weiß, was sie will, und nimmt es sich, wenn sich die Gelegenheit bietet. Besonders berührend ist ihre Liebe zu ihrer Tochter Cora. In ihr zeigt sich: Weitermachen ist keine Option, sondern eine Notwendigkeit.

Cora wiederum schafft es, aus dem engen Dorf auszubrechen, die Welt zu sehen. Sie ist freiheitsliebend und entschlossen, ihren eigenen Weg zu gehen. Als sie schwanger wird und zurückkehrt, steht sie vor der Frage: Bleiben oder gehen? Besonders stark fand ich ihre Haltung gegenüber Ludwig, dem sie selbstbewusst entgegentritt und klar macht: Das ist nicht ihr Leben, sie hat ihr eigenes, und das hat sie sich verdient.

Mit Eva schließt sich der Kreis. Sie verbindet Vergangenheit und Gegenwart.

Auch Eva hat mich sehr beeindruckt, gerade weil sie Dinge hinterfragt und ein feines Gespür für die Bedeutung von Zeit und Erinnerung entwickelt. Eine Szene ist mir besonders im Kopf geblieben. Auf einer Party steht sie an der Bar und beobachtet die anderen. Alle sind da, weil sie genau dort sein wollen. Nur sie und ihr Freund David scheinen außen vor zu sein. Während David vorschlägt, einfach zu gehen, spürt Eva, dass es um mehr geht, nämlich um diese Jahre, die nicht wiederkommen, die etwas bedeuten müssen. Sie fragt sich, was eigentlich bleibt, wenn es keine Erinnerungen gibt, an denen man sich festhalten kann. Diese Reflexionen verleihen ihrer Figur eine besondere Tiefe und machen deutlich, wie stark das Thema Erinnerung und Bedeutung durch alle Generationen hindurch wirkt.

Besonders gelungen ist, wie jede Generation ihren eigenen Raum bekommt und doch alles miteinander verwoben bleibt. Es geht um Herkunft, um Entscheidungen und um das Weitermachen. Immer weiter, egal wie schwer es ist.

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