Gut lesbar, reizvolle Ausgangslage und interessante Figuren - aber zu wenig auserzählt
Ungebetene GästeWährend mir „Löwen wecken“, das ich erst kurz vor diesem Roman gelesen habe, noch zu lang war, schien mir „Ungebetene Gäste“ fast zu kurz zu sein. Obwohl ich die Länge grundsätzlich ausreichend fand, hat ...
Während mir „Löwen wecken“, das ich erst kurz vor diesem Roman gelesen habe, noch zu lang war, schien mir „Ungebetene Gäste“ fast zu kurz zu sein. Obwohl ich die Länge grundsätzlich ausreichend fand, hat die Autorin für mich zu viele Handlungsstränge nicht zu Ende geführt und thematisch vielleicht ein wenig zu viel gewollt.
Wie bei all ihren Büchern, spielt Ayelet Gundar-Goshen auch hier wieder mit der vermeintlichen Klarheit, was unser menschliches Urteilsvermögen angeht. Die Figurenzeichnung gefiel mir deutlich besser als in ihrem früheren Roman. Sie sind mir zwar wieder überwiegend unsympathisch und wiederholt fand ich ihre Handlungen einfach nur erschütternd, aber zumindest waren sie nicht so platt ekelhaft geschrieben. Besonders im Mittelteil, der mich zu Beginn allerdings auch erstmal verwirrte, bekommen wir ein deutlich vielschichtigeres Bild der Haupt- sowie einiger Nebenfiguren.
Gleichzeitig verschwinden andere Nebenfiguren aus dem ersten Teil völlig von der Bildfläche und werden im kurzen dritten Teil noch einmal aufgewärmt. Neue Figuren tauchen zwischendrin auf, während sich mir am Ende nicht immer ganz erschloss, warum sie wichtig waren. Auch das ein oder andere Klischee wird bedient, die Kommunikation zwischen den Figuren ist meist katastrophal.
Trotzdem hat mir gefallen, wie fein die Autorin mit unserer Sympathie und Empathie spielt - dafür hat sie schon wirklich ein ausgesprochenes Talent. Die Figuren sind zwischendrin so unangenehm, dass ich kaum weiterlesen wollte, und doch bringe ich einige Kapitel weiter Mitgefühl für sie auf. Auch das Thema Schuld/Schuldgefühle sowie der Rassismus weißer Israelis werden wieder behandelt. So einige Sätze waren für mich richtige Banger - etwa dazu, wie gut Persönlichkeitsrechte verschiedener Gruppen beim Veröffentlichen von Fotos geachtet werden.
Doch auch, wenn mir dieser Roman in Bezug auf Lesefluss und Figurenzeichnung gut gefallen hat, gehe ich ernüchtert aus dem Buch. Das Ende ist super offen, so viel bleibt auch einfach ungesagt oder wird kurz vor Schluss noch einmal angeschnitten. Ich habe außerdem meine Schwierigkeiten damit, wenn so gar keine Figur nahbar und mir sympathisch ist, auch wenn ich moralisch graue Figuren durchaus schätze.
Definitiv eine spannende Autorin mit einem guten Repertoire an Überraschungsmomenten im Kleinen. Doch ich muss auch hier wieder sagen, dass mir einiges zu konstruiert war, die moralische Ebene an einigen Stellen zu forciert. Ich habe mir vom Klappentext wieder so viel erhofft und bin nun nicht vollends zufrieden. Es ist dennoch alles andere als ein schlechtes Buch und Fans der Autorin kommen hier ganz sicher auf ihre Kosten. Bei 1-2 weiteren Werken bin auch ich neugierig, werde mir aber erstmal ein bisschen Abstand gönnen, da zwischen den Büchern schon eine gewisse Ähnlichkeit besteht.