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Meinungen aus der Lesejury

Veröffentlicht am 29.08.2024

Ein anspruchsvoll-ambivalenter Beziehungsroman mit historisch interessantem Setting

Samtene Scheidung
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[TW: Alkoholismus, Fehlgeburt, Unfalltod]

In „Samtene Scheidung“ bin ich erstmalig mit der Slowakei und ihrer Geschichte besonders nach dem Ende der Tschechoslowakei in Berührung gekommen. Das vermittelte ...

[TW: Alkoholismus, Fehlgeburt, Unfalltod]

In „Samtene Scheidung“ bin ich erstmalig mit der Slowakei und ihrer Geschichte besonders nach dem Ende der Tschechoslowakei in Berührung gekommen. Das vermittelte Wissen über die Erfahrungen und gefühlten Ambivalenzen der Slowak:innen besonders mit Blick auf Tschechien fand ich hervorragend und organisch in die Handlung eingearbeitet.

Der Titel bezieht sich jedoch nicht nur auf die Trennung der beiden Länder, sondern auch auf die Beziehungen der Protagonistin Katarína, deren Ehemann sie (vorübergehend?) verlassen hat und die deshalb für das Weihnachtsfest alleine von Prag zu den Eltern nach Bratislava fährt. Sie reflektiert dort unter anderem über ihre frühe Heirat, Erlebnisse mit ihren Eltern und die veränderte Beziehung zu ihrer Schwester Dora.
In kurzen Sequenzen begleiten wir zudem Katarínas Kindheitsfreundin Viera, die eine Beziehung mit ihrer Dozentin Barbara eingeht und innerhalb dieser mit eigenen Problemen konfrontiert ist.

Ich mag die Bücher des Nonsolo-Verlags vor allem für ihre ganz besonderen und anspruchsvollen Beziehungsgeschichten. Solche finden wir auch in diesem Roman - Jana Karšaiová hat ein Händchen für Ambivalenz sowie das Zerbrechen und Neuzusammenfügen von Beziehungen jeglicher Art. Aufgrund der sehr fragmentarischen Erzählweise sowie der nicht klar abgegrenzten Zeitsprünge und Perspektivwechsel war ich für ein echtes Einfühlen aber leider etwas zu oft im Lesefluss irritiert. Das machte die Geschichte an einigen Stellen langatmig, an denen es nicht hätte sein müssen.

Die vermittelten Gefühle der Slowak:innen sowie die Abwertung derer durch Tschech:innen fand ich wiederum hervorragend dargestellt und hatte direkt den Impuls, mich mit der Geschichte der Tschechoslowakei zu beschäftigen.

Insgesamt habe ich die Geschichte in ihrer Vielschichtigkeit gerne gelesen und besonders das Ende fand ich auf Protagonistinnenebene stark, ich hätte mir aber ein wenig mehr Stringenz gewünscht. „Für uns gibt es keinen Namen“ hat mir aus dem Verlagsprogramm ein wenig besser gefallen, daher vergebe ich hier 3,5 Sterne.

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  • Charaktere
Veröffentlicht am 26.08.2024

Leicht lesbar, unterhaltsam und emotional vielschichtig

Mein Herbst voller Küsse, Chaos und Graffiti
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Ich kenne den ersten Teil der Reihe nicht, das war bei der Lektüre aber gar kein Hindernis. Die Autorin hat es sehr gut geschafft, wichtige Referenzen aus dem Vorgängerroman harmonisch in die Handlung ...

Ich kenne den ersten Teil der Reihe nicht, das war bei der Lektüre aber gar kein Hindernis. Die Autorin hat es sehr gut geschafft, wichtige Referenzen aus dem Vorgängerroman harmonisch in die Handlung einzuschreiben, sodass die Teile problemlos getrennt voneinander gelesen werden können.

Mit Charly begleiten wir eine sympathische Protagonistin, die emotional vielschichtig und damit greifbar geschrieben ist - auch für eine erwachsene Leser:innenschaft. Sowieso ist das gesamte Buch sprachlich sehr zugänglich und humorvoll gehalten, weshalb ich mich gut unterhalten gefühlt habe und beim Lesen meinen Kopf ausschalten konnte.

Noah ist ein liebevoller, respektvoller Junge und ich wünsche mir mehr solche Vorbilder von (jungen) Männern in Büchern. Allgemein sind die Freund:innenschaften im Buch ein sehr positives Element und auch die Eltern empfand ich als wholesome.

Manche Dinge haben mich im letzten Drittel des Buches dann aber doch gestört. Die Streits und Missverständnisse gingen mir allmählich etwas auf die Nerven und auch, dass sie dann so urplötzlich aus der Welt geschafft werden konnten, war für mich nicht ganz rund. Außerdem hätte ich persönlich auf ein paar Klischees (die dümmliche Fashionista etwa oder dass die Mädchen sich besonders schön machen müssen vor einem Date) verzichten können.

Davon abgesehen aber ein wirklich schönes Jugendbuch zum Abschalten.

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Veröffentlicht am 22.08.2024

Ein zarter und poetischer Roman über ein Stück fast vergessener deutscher Geschichte

Die lichten Sommer
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Simone Kucher hat auf der Suche nach der eigenen Geschichte einen Roman über Vertreibung, intergenerationales Trauma sowie die Ambivalenz von Anpassung und Widerstand geschrieben.

In diesem Buch begleiten ...

Simone Kucher hat auf der Suche nach der eigenen Geschichte einen Roman über Vertreibung, intergenerationales Trauma sowie die Ambivalenz von Anpassung und Widerstand geschrieben.

In diesem Buch begleiten wir abwechselnd Liz, die in den 60/70ern in Süddeutschland groß wird, und ihre Mutter Nevenka auf verschiedenen Zeitebenen. Nevenka wuchs in der ehemaligen Tschechoslowakei auf und wurde nach dem zweiten Weltkrieg zusammen mit 3 Millionen weiteren Sudetendeutschen aus ihrer Heimat vertrieben.

Kucher schreibt poetisch und sanft über schlimmste Menschenrechtsverletzungen und über die Vielschichtigkeit des Themas. Besonders Nevenkas Perspektive als eine Jugendliche im letzten Kriegsjahr vermittelt ein Gefühl für die Bevölkerungsgruppe, die erst unter der gewaltvollen Besetzung durch das NS-Regime und wenige Jahre später unter der nicht weniger gewaltvollen Vertreibung (und teilweise Ermordung) zu leiden hatte. In dieser dunklen Zeit entwickelt sich eine zarte Freundinnenschaft zwischen Nevenka und Zena, die ein schreckliches Ende nimmt und Nevenka noch lange begleitet.

Liz wiederum kämpft gegen patriarchale Normen und die Diskriminierung als „Flüchtling“ an, obwohl sie ja in Deutschland geboren wurde. Sie trägt zusätzlich Scham und Trauma in sich, bei denen nicht immer klar ist, ob es die eigene Geschichte oder die der Mutter ist, die hier zugrundeliegt.

Die Sprache fand ich eher anspruchsvoll, auch wenn sich das Buch trotzdem erstaunlich flüssig lesen ließ. Den Perspektivenwechsel mochte ich zwar prinzipiell, ich hätte beide Figuren aber gern noch etwas tiefer kennengelernt. Einiges wird nur angedeutet, was bei allem Grauen manchmal jedoch schlicht notwendig ist. Auch, wenn die Handlung elegant gewisse Grundinformationen mitliefert, hatte ich das Bedürfnis, mich weiter mit diesem Teil der Nachkriegsgeschichte zu befassen. Das möchte ich zwar nicht ständig, fand es hier aber wirklich gut und ansprechend umgesetzt.

Der unabhängige Kjona-Verlag hat ein herausforderndes, aber lohnenswertes Buch publiziert, das ich allen empfehle, die sich gern mit historisch eher unbekannten Ereignissen befassen und eine anspruchsvoll-poetische Sprache mögen.

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Veröffentlicht am 18.08.2024

Besonders, bissig und überspitzt komisch in einem

Malibu Orange
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Ich bin richtig froh, dass ich meine Hoffnungen in "Malibu Orange" hochgehalten und deshalb nicht voreilig abgebrochen habe. Denn der Schreibstil ist ungewohnt, rasant und durchaus gewöhnungsbedürftig. ...

Ich bin richtig froh, dass ich meine Hoffnungen in "Malibu Orange" hochgehalten und deshalb nicht voreilig abgebrochen habe. Denn der Schreibstil ist ungewohnt, rasant und durchaus gewöhnungsbedürftig. Er entfaltet aber auch eine unglaubliche Sogwirkung zu einem so wichtigen wie schwierigen Thema.

Wir sitzen beim Lesen in Anjas Kopf und begleiten ihren inneren Monolog, in dem sie sich kritisch der Gesellschaft und sich selbst, vor allem aber auch anderen gegenüber äußert. Die Protagonistin kehrt nach beruflichem Ausbrennen mit anschließender Kündigung in ihr österreichisches Kaff zurück und trifft dort endlich auch wieder auf ihre beste Freundin Magda. Von deren freiheitsliebender Art ist indes wenig übrig, denn sie hat nun einen Volker. 🙄

Volker ist einfach der Ausbund an patriarchaler, fragiler Männlichkeit und gleichzeitig der Inbegriff eines manipulativen Partners. Ihn nicht zu hassen dürfte beim Lesen unmöglich sein. Doch der Roman will nicht mit Eindeutigkeiten spielen, sondern Fragen nach Verantwortung aufwerfen. Denn Anja merkt schon früh, dass die Beziehung ein toxisches Muster zeigt und versucht auch, zu intervenieren. Doch jede Kritik ist gefolgt von einem weiteren Abwenden Magdas bis die quasi völlig isoliert nur noch in ihrer Beziehung existiert. Exakt an der Stelle muss ich mir als Leserin die Frage stellen: Was würde ich tun? Mich abwenden und die völlige Abhängigkeit meiner besten Freundin in Kauf nehmen oder mitspielen und meine Bedenken beiseiteschieben? Und ist es denn überhaupt so schlimm? (Spoiler: JA!)

Mit viel Überspitzung, Satire und einem wie gesagt absolut rasanten Werk zieht Ulrike Haidacher ihre Leser
innenschaft in ein unangenehmes Terrain. Es bietet sich meiner Meinung nach an, die gut 200 Seiten in einem Rutsch zu lesen, damit sie ihre Wirkung optimal entfalten können. Das Wienerisch brachte mich manchmal ins Stolpern, sorgt aber auch für eine erfrischende Authentizität. Anders als gedacht, aber wirklich gut!

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Veröffentlicht am 15.08.2024

RomCom mit innovativer Storyline, viel Tiefe und komplexen Charakteren

Wir treffen uns im nächsten Kapitel
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Zum Hörbuch: Ich fand die beiden Sprecher:innen grundsätzlich angenehm, habe aber, was Stimmvarianz angeht, auch schon bessere Hörbücher gehört. Andere Stimmen, besonders die von Kindern, kamen mir oft ...

Zum Hörbuch: Ich fand die beiden Sprecher:innen grundsätzlich angenehm, habe aber, was Stimmvarianz angeht, auch schon bessere Hörbücher gehört. Andere Stimmen, besonders die von Kindern, kamen mir oft ziemlich aufgesetzt vor. Ganz am Ende hat Anna-Lena Zühlke meinen eigenen Tränenfluss dank der großartigen Umsetzung einer Schlüsselszene aber ordentlich angeregt. 🥺
Mich hat leider auch ziemlich gestört, dass die beiden unterschiedlich schnell gesprochen haben. Da ich Hörbücher immer deutlich schneller höre, ist das stark aufgefallen. Die Übergänge zwischen den Kapiteln fand ich wiederum optimal lang. Alles in allem ein gutes Hörbuch.

Zum Buch selbst: Ich mochte die RomCom vor allem für ihr Anschneiden so wichtiger Themen, den sehr angenehmen Lesefluss und die tiefgehende Liebe zu Büchern.

Erin und James waren einmal befreundet bis ein Bruch durch die Beziehung geht. Viele Jahre später treffen sie sich wieder. Allerdings nicht direkt und anfangs auch unbewusst. Denn über einen Bücherschrank tauschen „Kritzelqueen“ und „Mystery Man“ Bücher aus und kommunizieren in diesen über Randnotizen. Allein diese Storyline, dieser anonyme Buddy-Read innerhalb des Buches quasi, macht die RomCom zu einer ganz besonderen. Die Autorin lässt ihre Liebe zu Büchern, hier vor allem Klassiker, in die Handlung einfließen. 💚

Doch es geht um viel mehr als nur die Second-Chance-Romance. Es geht um den Verlust eines Herzensmenschen, Vergebung, den Umgang mit psychischen Erkrankungen und vor allem um loyale Freund:innenschaften. Tatsächlich finde ich sogar, dass der Romance-Aspekt recht kurz gehalten wird und der Humor hätte für mein Empfinden noch präsenter sein können. So können aber die ernsteren Themen besser wirken.

Im Verlauf der Geschichte zeigt sich, dass Erin und James sich ziemlich ähnlich sind und sie beide mit vergleichbaren Dämonen kämpfen. Das macht sie zu vielschichtigen, ambivalenten Figuren, was ich sehr gern mag. Ihre Beziehung entwickelt sich organisch, glaubwürdig und ohne Pathos. Stattdessen liefert Tessa Bickers hier auch Einiges an Impulsen und hat mich am Ende von Herzen weinen lassen. 😭

Manche Elemente fand ich etwas unrealistisch, darunter auch das Ende. Aber wer damit kein Problem hat, bekommt hier einen flüssig lesbaren Roman mit vielen tollen Figuren und einem großen Herzpflaster zum Schluss.
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TW:
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Krebserkrankung, bipolare Störung, Depression, Mobbing, Tod, Suizid

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