Ein „Female Rage & Revenge“-Fest!
Das Pen!smuseum - Mit Texten von Jovana Reisinger, Sophia Süßmilch und Illustrationen von Andrea Z. ScharfIch war bei Ankündigung der Buchveröffentlichung sehr enttäuscht von den beiden Autorinnen, weil sie ursprünglich eine transfeindliche Person mit einem Textbeitrag integrieren wollten. Noch immer habe ...
Ich war bei Ankündigung der Buchveröffentlichung sehr enttäuscht von den beiden Autorinnen, weil sie ursprünglich eine transfeindliche Person mit einem Textbeitrag integrieren wollten. Noch immer habe ich meine Schwierigkeiten mit der Begründung, die Position dieser Autorin sei nicht bekannt gewesen. Aber nichtsdestotrotz wurde ihr Beitrag ab Auflage 1 herausgestrichen und das finde ich die einzig richtige Konsequenz.
Froh bin ich über die Entscheidung auch aus dem egoistischen Grund, dass dieser Roman einfach so dermaßen eine Tour de Force ist, dass ich gnadenlos gut unterhalten wurde. Das Autorinnenduo ist ein absolutes Geschenk für mich, beide kenne und schätze ich schon von ihren eigenen Werken. Und zwar ganz genau für das, was dieses Buch mir auch wieder geschenkt hat: weibliche Wut, ein bisschen Rache und ganz viel Frauensolidarität (die Figuren sind allesamt Frauen, andere Geschlechter außer cis Männer werden in aktivistische Taten aber natürlich ebenso integriert).
Ich finde es bemerkenswert, wie gut die beiden Autorinnen hier wirklich zusammen geschrieben haben, ohne dass zwischen den sehr kurzen Kapiteln ein Cut im Ton wahrnehmbar wäre. Unterstützt wird das sicherlich durch die kluge Entscheidung, personell zwar innerhalb einer abgegrenzten Personengruppe zu arbeiten, die Handlung aber nicht streng stringent zu schreiben. Die Kapitel sind enorm kurz, entsprechend snackt sich das gesamte Buch wirklich easy weg. Einzig die beiden Gastbeiträge empfand ich sprachlich als wahrnehmbar abweichend und müsste ich etwas kritisieren, dann wäre es das.
Dass der Lesesog so extrem ist, begrenzt aber nicht die Ernsthaftigkeit des Inhalts. Thematisch wird die schiere Masse an Diskriminierung und Gewalt angegangen, die zur Lebensrealität von weiblich gelesenen Personen gehört: restriktive 6ualität und allgemein reglementierte Verhaltensweisen, 6ualisierte sowie häusliche Gewalt oder die kräftezehrende Lebensrealität einer Dreifach-Mutter in Kontrast zum Dreifach-Vater.
Was mich besonders freut und was ich von beiden Autorinnen schon gewohnt bin: Der gesamte Text basiert auf viel, extrem viel, weiblicher Solidarität. Nicht nur bei gemeinsamen Taten, auch weniger extrem etwa beim gemeinsamen, ungehinderten Essen ohne Besteck, beim Raumnehmen mit ihren Körper oder in klarer Kommunikation mit Männern, die „Komplimente“ über die Abwertung anderer Frauen verteilen. Freundinnen, die die frischgebackene Mutter in ihrer 6positivität bestärken. Alte wie junge Frauen, die solidarische Banden bilden und vielleicht das ein oder andere Ding drehen. Banden, um Frauen aus Polen bei Abtreibungen zu helfen … die Liste geht endlos weiter.
So gelingt es auch, dass die Schwere mancher Kapitel wohltuend aufgefangen wird. Alle Kapitel haben einen humorvollen Grundton, der sich aber auch unterscheidet und mal mehr mal weniger deutlich hervortritt. Manche funktionieren über die Umkehrung der aktuellen Verhältnisse, die sicherlich nicht tatsächlich gefordert wird, wohl aber die Ungerechtigkeit und Überheblichkeit dieser männerdominierten Welt offenlegt. Ob Victim Blaming nach Übergriffen oder das ständige Unterbrechen eines Mannes in Gesprächen - ich mag dieses Stilmittel literarisch sehr.
Viele andere Stellen haben mich eifrig zum Nicken gebracht. Zum Beispiel wenn cis Männer ihre hegemoniale Männlichkeit reflektieren und dafür am liebsten mit tosendem Applaus belohnt werden wollen. Oder bei dem Anspruch, 6arbeitende aus ihrer „Lage“ „befreien“ zu müssen. Ich war auch beklemmt, etwa bei einem Text, der immer wieder den Fall Gisèle Pelicots erwähnt.
Großartig - anders kann ich das Buch nicht bewerten und ich lege es allen ans Herz, die manchmal oder oft wütend sind über patriarchale Strukturen. Für mich funktioniert dieses Subgenre dahingehend nämlich hervorragend.
PS: Die Buchgestaltung toppt alles! Tolle Illustrationen innen wie außen und allen Ernstes auch noch ein Daumenkino auf den Seiten?!