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Veröffentlicht am 23.04.2026

Den (fast) Ausgestorbenen eine Stimme verleihen

Wir dachten, wir könnten fliegen
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Sowohl als Vertonung als auch schriftlich eine vielfältige Anthologie - von Schreib- und Erzählstilen her genauso wie von den Tier und Pflanzenarten. Literatur als Nach- und Weckruf - für die bereits ausgestorbenen ...

Sowohl als Vertonung als auch schriftlich eine vielfältige Anthologie - von Schreib- und Erzählstilen her genauso wie von den Tier und Pflanzenarten. Literatur als Nach- und Weckruf - für die bereits ausgestorbenen Arten und dafür, es nicht endlos mehr werden zu lassen!



Während der Leipziger Buchmesse war ich bei einer wunderbaren Lesung im Godwanaland - nach abendlicher Erkundung des Gewächshauses und stärkendem Tee und Kuchen, präsentierten Verleger Matthias Jügler und die drei Autorinen Katerina Poladjan, Katrin Schumacher und Charlotte Gneuß das Buch Wir dachten, wir könnten fliegen - eine Kurzgeschichtensammlung über und zu ausgestorbenen Tier- und Pflanzenarten. Was für eine schöne Idee! Wobei schön natürlich relativ ist - dass bis zu einer Million Arten in den nächsten Jahrzehnten auszusterben drohen, dass bereits 60% weniger Wirbeltiere existieren als noch 1970 und dass einfach jeden Tag 150-200 Tier- und Pflanzenarten aussterben, ist erschreckend. Einige wenige Spezies also literarisch wiederzuerwecken, ist ein rührendes, aber auch aufwühlendes Anliegen.

Nach ein paar von Katrin Schumacher moderierten einleitenden Worten dazu, wie Matthias Jügler zu der Idee und den Texten kam (und was Hobbyangeln und Aale damit zu tun haben), lasen Katerina Poladjan und Charlotte Gneuß ihre Geschichten (ausschnittsweise) vor und erzählten, wie sie zu ihren Tieren gekommen waren. Poladjans Geschichte war, genau wie von ihr selbst angekündigt, etwas trashig und vor allem skurril; während des Vorlesens tat ich mich lange schwer mit den Geschehnissen - das Ende versöhnte mich dann jedoch und lässt mich ihre Stellersche Seekuh in guter Erinnerung behalten. Die Mituhokkohuhn-Geschichte von Charlotte Gneuß bezauberte mich von Anfang an durch Erzählperspektive und Vertonung der Autorin; so unschuldig und gerade durch diese Betrachtung durch Kinderaugen berührend und oftmals auch lustig.

Als ich dann zu Hause in die ARD Tonwelt eintauchte und mit Einzug des Buches auch lesend zwischen den Buchdeckeln abtauchte, musste ich jedoch (leider) erneut feststellen, dass Kurzgeschichten nicht mein Genre/Format sind - ich tue mich schwer damit, Charaktere nicht über längeren Zeitraum erklärt und vorgestellt, sondern einfach vorgesetzt zu bekommen und nach kürzester Zeit wieder verlassen zu müssen. Selbst, wenn mir die Geschichte vom Schreibstil gefiel, stellt sich ein "und jetzt?" oder "na und?" Gefühl bei mir ein. Und auch wenn Matthias Jügler absichtlich Autorinnen und nicht Menschen aus Zoo- und Biologie um Geschichten gebeten hat, hätte ich mir doch gewünscht, mehr über die jeweiligen Arten zu erfahren; ein kleiner Steckbrief, ein kurzer Nachtrag oder eben mehr eingestreute Informationen in die Texte selbst.

Die schiere Vielfalt der Geschichten; wie unterschiedlich die Autor
innen an ihre (ausgestorbenen) Arten herangetreten sind, beeindruckte mich - mal erzählender Sachtext, mal aus Perspektive des Tieres selbst und mal über die Bedeutung, die ein Tier oder eine Pflanze für bestimmte Menschen hatte. Müsste ich eine Lieblingsgeschichte benennen, wäre es wohl Das Tonikum von Melanie Raabe; wegen des Plottwists und der dadurch möglichen runden Auflösung. Aber auch die Geschichten von Elena Fischer, Jackie Thomae, T.C. Boyle, Katrin Schumacher, Alex Capus und Iida Turpeinen gefielen mir - nicht, dass mir die anderen elf missfielen; sie waren für mich jedoch weniger rund und schlüssig.

Insbesondere die Geschichte von Kim de l´Horizon lohnt sich übrigens in der Hörfassung; großartige Vertonung mit Vogelgeräuschen. Ansonsten lese ich halt schneller, als die Sprecher*innen die Geschichten vortragen können; wer jedoch Hörbücher grundsätzlich mag, findet an den kostenlos verfügbaren Tonspuren bestimmt Freude.

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Veröffentlicht am 19.04.2026

Was für inspirierende, beeindruckende Frauen!

Heldinnen der Meere
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Dürfte ich nur noch Bücher aus einem einzigen Verlag lesen, würde ich mich ohne Zögern für mare entscheiden - thematisch, gestalterisch wie inhaltlich überzeugen sie mich jedes Mal und auch dieses Buch ...

Dürfte ich nur noch Bücher aus einem einzigen Verlag lesen, würde ich mich ohne Zögern für mare entscheiden - thematisch, gestalterisch wie inhaltlich überzeugen sie mich jedes Mal und auch dieses Buch kann ich wärmstens empfehlen und schwärme auch meinen Offline-Menschen viel davon vor.



Schon als ich dieses Buch in der Vorschau sah, wusste ich: Das muss ich haben! Verbindet es doch meine beiden großen Themen - Meer und Feminismus/starke Frauen.

Und so war ich aufgeregt und vorfreudig, als ich das Buch endlich in den Händen hielt - und was für eine schöne Gestaltung! Gegliedert ist es in vier Abschnitte; am Strand, nah der Küste, auf hoher See und am Meeresgrund - in jedem dieser vier geographischen Unterteilungen finden sich vier Frauen, eine mythologische und drei reale. Allein die Vielfalt, die Kerstin Ehmer hier präsentiert, begeistert mich! Freibeuterin, Umweltschützerin, Künstlerin, Fischerin, Wissenschaftlerin... komplett unterschiedliche Lebensläufe und Persönlichkeiten, geeint in Liebe und Respekt zum und vor dem Meer.

Ich kann es auch gar nicht fassen, wie viele der Frauen mir vollkommen unbekannt waren; über Elisabeth Mann Borgese könnte ich seit meiner Bachelorarbeit ja jederzeit einen Impulsvortrag halten, aber warum habe ich noch nie von Jeanne de Clisson, Marie Tharp, Sylvia Earle, Thurídur Einarsdottir oder Gertrude Ederle gehört?! Wie gut, diese Bildungslücke nun geschlossen zu haben, denn was für inspirierende, starke Frauen!

Ehmer schreibt voller Respekt und Bewunderung, mit schönen Worten und ausgesprochen intelligent - (mir) jedoch passagenweise auch zu anspruchsvoll; musste ich einige Sätze doch mehrmals lesen. Nicht das zugänglichste Buch, dafür ein optisch wie inhaltlich ausgesprochen lohnenswertes!

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Veröffentlicht am 14.04.2026

Optisch & inhaltlich gelungen

Antike Mythen ohne Männer
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Ganz ohne Männer kommt dieses Buch natürlich nicht aus - eine erfrischende Konzentrierung auf die mythologischen Frauen jenseits der gängigen Bewertungen ist es aber allemal. Ausgesprochen lesenswert!



Ich ...

Ganz ohne Männer kommt dieses Buch natürlich nicht aus - eine erfrischende Konzentrierung auf die mythologischen Frauen jenseits der gängigen Bewertungen ist es aber allemal. Ausgesprochen lesenswert!



Ich liebe ja griechische Mythologie und vor allem die (feministischen) retellings, die in den letzten Jahren erschienen sind - als ich dieses Buch also in der Vorschau entdeckte, wusste ich: Das muss ich lesen! Ehrlich gesagt habe ich es dann aber vergessen und war umso begeisterter, als ich es nach Rückkehr von Bord in meinem Briefkasten fand.

Und diese Begeisterung hielt sich vom ersten Aufschlagen bis Beenden des Buches - allein die Gestaltung ist schwärmende Worte wert: Ein eckiges, ansprechendes Format, dickes, hochwertiges Papier, Lesebändchen und linoleumdruckartige Illustrationen auf fast allen Seiten sowie die konsequente Lila-Nutzung machen direkt Lust auf Lesen und Blättern.

Mir gefiel auch die Aufteilung in Hausfrau, Jungfrau, Kriegerin, femme fatale, Hexe, Wahnsinnige und Monster - bis zum Lesen war mir gar nicht bewusst gewesen, wie viele der griechischen Ungeheuer weiblich sind und obwohl ich schon viel zum Thema gelesen habe, konnte ich auch noch neue Figuren kennenlernen.

Insgesamt ist dieses haptisch wie optische gelungene Buch auch inhaltlich eine lohnenswerte Neubewertung beziehungsweise Kontextualisierung griechischer Mythen - ich fand es interessant, wie Mara Gold anhand der Legenden zeigt, was wir über die echten Frauen der damaligen Zeit wissen und sagen können und wie viel patriarchale Bewertung und Gewalt in Legendenerzählungen steckt. Und auch wenn der Stammbaum zu Anfang verworren ist, gefiel mir, wie er die weiblichen Verwandtschaften fokussiert - die geraten in den mir bekannten aus den Augen.

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Veröffentlicht am 11.04.2026

Wundervoller (Brief-)Roman

Die Liste der Lebenden
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Der Untergang der Austria 1858, die (Brief-)Freundschaft von Henriette Wulff und Hans Christian Andersen und all´ die Leben dazwischen - noch nie habe ich Briefe so atemlos gelesen; was für ein gelungen ...

Der Untergang der Austria 1858, die (Brief-)Freundschaft von Henriette Wulff und Hans Christian Andersen und all´ die Leben dazwischen - noch nie habe ich Briefe so atemlos gelesen; was für ein gelungen erzählter, aufwühlender und fragil schöner Roman!



Dieses Buch habe ich, glaube ich, in einer Vorschau gesehen - wahrgenommen und den Klappentext gelesen, habe ich dann erst auf der Leipziger Buchmesse. Und was für ein Volltreffer! Schiffsunglück und Hans Christian Andersen? Call me in.

Ich hatte beim Reinblättern auf der Messe gesehen, dass das Buch aus Briefen besteht - mir war jedoch nicht bewusst gewesen, dass die ganze Geschichte in Briefform erzählt wird. Und was für wunderschöne, berührende, aufwühlende Briefe voller Leidenschaft! Durch den Wechsel zwischen Jette und Hans Christian bleibt die Spannung auch bis zur letzten Seite aufrecht erhalten - wer überlebt diese Katastrophe, was geschah wirklich? Ich habe dieses Buch wie im Rausch durchgelesen, immer noch eine Seite, noch ein Brief; nicht umsonst ist es kapitellos als Gedankenstrom geschrieben.

Und wow, was für eine grandiose Wendung am Ende, das habe ich überhaupt nicht kommen gesehen und auch dieses Spiel mit mir als Leserin, wer von den beiden die Briefe gerade wirklich sachreibt; was Realität und was Fiktion ist... ich liebs!

Überhaupt, der Schreibstil! In den Briefen klingt so viel Emotion mit und alles ist so wunderschön formuliert, so lebendig und poetisch zugleich; wie der Ton zwischen jammernd und jauchzend, wehmütig und dankbar schwankt, zwischen Ereignisbericht und innerem Monolog, Reflektion über das (eigene) Leben... Wortgewaltig!

Erfreut hat mich auch, dass Stefan Kutzenberger eine historische Einordnung, ein Nachwort geschrieben hat - was für eine starke Frau Henriette Wulff doch war! Und überhaupt, die weiblichen Figuren des Buches glänzen und sind so wunderbar geschrieben.

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Veröffentlicht am 02.04.2026

Witzig! (und so ernst)

Die Känguru-Rebellion (Die Känguru-Werke 5)
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Wer das Känguru liebt und kennt, wird wieder viel (Hör-)Spaß haben - es gibt jedoch deutlich weniger skurrile Abenteuer und reine Situationskomik, dafür mehr Politik.



Wow, was habe ich mich über ein ...

Wer das Känguru liebt und kennt, wird wieder viel (Hör-)Spaß haben - es gibt jedoch deutlich weniger skurrile Abenteuer und reine Situationskomik, dafür mehr Politik.



Wow, was habe ich mich über ein neues Känguru-Hörbuch gefreut! Auf dem Weg zur Leipziger Buchmesse wurde dann auch direkt mit dem Hören begonnen

- und natürlich wieder viel gelacht. Wobei dieses fünfte (Hör-)Buch deutlich ernster ist. Viel mehr Politik, Monologe und Gespräche, weniger absurde kleine Abenteuer und Situationskomik. Ich glaube, dieses neue Hörbuch ist vor allem für eingefleischte Fans; die ersten sind niederschwelliger zugänglich.

Ich jedoch hatte große Freude mit und am Känguru und finde es gerade angesichts der Zustände wichtig und richtig, wie klar sich Marc-Uwe & friends hier positionieren und wie das Hörbuch und der politische Aktivismus jenseits dessen in Form der PRÜF-Demos, Fun Facts und des DIDs Hand in Hand gehen.

Ich habe das Hörbuch über ein gewonnenes BookBeat-Abo hören dürfen, werde mir das aber definitiv nochmal als Download kaufen müssen, um es erneut hören zu können. Diesmal sind die einzelnen Kapitel übrigens weniger austauschbar in der Reihenfolge; sie bauen stärker aufeinander auf und bestehen aus deutlich mehr ausführlichen politischen Analysen, als in früheren Episoden. Dafür gewohnt messerscharf beobachtet, intelligente Sprach- und Wortspiele und humorvoll überzeichnet; so es denn angesichts des Weltgeschehens überhaupt noch möglich ist.

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