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Veröffentlicht am 19.11.2019

Zauberhafte Poesie

Das Leben und andere Zaubertricks - Depression and Other Magic Tricks
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In "Das Leben und andere Zaubertricks - Depression and Other Magic Tricks" werden Gedichte und Texte der kanadischen Autorin präsentiert, die die unterschiedlichsten Gefühlszustände um Liebe, Einsamkeit, ...

In "Das Leben und andere Zaubertricks - Depression and Other Magic Tricks" werden Gedichte und Texte der kanadischen Autorin präsentiert, die die unterschiedlichsten Gefühlszustände um Liebe, Einsamkeit, dem Wunsch sich Mitzuteilen und dem Unvermögen dazu, Nähe und Isoliertsein ausloten, Gefühlszustände, die auch nicht-depressiven Menschen geläufig sind.
Den Originaltexten ist jeweils die deutsche Übersetzung so gegenübergestellt, dass man beim Lesen leicht den Blick von einer Version zur anderen schweifen lassen kann, ohne den Lesefluss zu unterbrechen.
Wer den Youtube-Clip von Sabrina Benaims "Explaining my depression to my mother" noch nicht kennt, dem sei hier ans Herz gelegt, dies nachzuholen. Ihre emotionale und sprachgewandte Vortragsweise hatte mich tief beeindruckt und hat auch hier bewirkt, dass ich immer wieder auf dieses Gedicht zurückgekommen bin. Doch auch die "Zaubertricks 001 - 004" fand ich schlicht zauberhaft. In die längeren, zusammenhängenden Texte muss man sich einlesen, aber das Gemeinsame aller Texte ist die wunderbare oft bilderhafte Sprache.
In zwei Texten wendet sich Sabrina Benaim an Beyoncé, betitelt "Liebe Beyoncé" I und II, an eine, die sich mit Depression auskennt. Das ist nicht der einzige Bezug zur Musikwelt: Im größtenteils geschwärzten Text "Better together Jack Johnson, erased" bleiben einzig zwei Sätze der Lyrics des Singer-Songwriters Jack Johnson übrig, im Text "House of Cards a radiohed erasure" bleiben vom Songtext der britischen Band nur einzelne Satzfetzen stehen, und im Text "Since I met you baby Black Joe Lewis & the Honeybears erasure" ist der Songtext der Bluesband bis auf einzelne aus dem Kontext gerissene Wörter ausradiert.
Es gibt noch ein Gedicht, das mir ganz besonders gefallen hat: "Gedicht von dem Moment, nachdem du fortgegangen bist für Chimwemwe". Die Nähe, die darin zum Ausdruck kommt, tut gut.
Eine Bemerkung noch zu der grandiosen Übersetzung (von Jochen Winter): Obwohl der Übersetzer ganz nah am Originaltext bleibt, schafft er es, sowohl den Rythmus als auch die Stimmung von Sabrina Benaims Texten wiederzugeben.

Insgesamt großartig und unbedingt eine Leseempfehlung.

Veröffentlicht am 13.10.2019

Authentisch, sachlich, nicht ohne Witz

Mein Leben nach dem Tod
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In "Mein Leben nach dem Tod: Wie alles begann" beschreibt der Kriminalbiologe Mark Benecke zusammen mit Co-Autor Andreas Hock in Episoden einzelne Stationen seines Lebens: thematisiert werden die behütete ...

In "Mein Leben nach dem Tod: Wie alles begann" beschreibt der Kriminalbiologe Mark Benecke zusammen mit Co-Autor Andreas Hock in Episoden einzelne Stationen seines Lebens: thematisiert werden die behütete Kindheit im Rheinland, die Wahl seiner Studienfächer, seine Zeit in New York bis hin zu der Entwicklung seiner Tattoos und seinem politischen Engagement. Neben seinem Werdegang erfährt der Leser viel über seine Sicht der Dinge, seine Einstellung zu seiner Arbeit und seiner eigenen Person.
Dass es schon einige Bücher von Mark Benecke gibt, war mir bisher gar nicht bekannt. Dies ist jedoch die erste Autobiografie, und daher handelt sie auch nicht von seiner Arbeit bzw seiner Forschung sondern seine Person und sein Werdegang steht im Mittelpunkt.
Bisher kannte ich Mark Benecke vor allem aus den kurzen Einspielern in der TV-Serie "Medical Detectives", bei denen er vor allem durch die lebhafte aber sachliche Art auffällt, in der er Zusammenhänge detailliert aber in einfacher Sprache dem Zuschauer verständlich macht.
Die Autobiografie liest sich genauso, man meint fast, Mark Beneckes Stimme beim Lesen zu hören. So gern, wie man ihm zuhört, liest man auch die einzelnen Passagen in "Mein Leben nach dem Tod". Er erweist sich als ausgesprochen sympathischer Wissenschaftler, der zielstrebig in seinem Wissendrang, völlig uneitel und mit großem Respekt vor dem Leben handelt und sich dabei der Eigenheiten seiner Person durchaus bewusst ist, sich selbst aber nicht zu ernst nimmt.
Beachtlich ist, dass er, obwohl schon als Kind speziell, dennoch während seiner Schulzeit nicht zum Außenseiter wurde. Dagegen musste ich herzlich darüber lachen, dass er sich als Student ausgerechnet des Themas "Das Liebesleben der Weinbergschnecken" angenommen hat.
Dass Mark Benecke sich durch den Film "Bladerunner" bzw. die Romane von Philip K. Dick inspiriert fühlte, kann ich gut nachvollziehen.
Er bezeichnet sich selbst als "emotionsverschoben" und zitiert Asperger, der meint, dass ein "Schuss Autismus" nötig sei, um so detailverliebt arbeiten zu können. Diese Einschätzung der eigenen Person finde ich bemerkenswert.

Das sich diese Autobiografie so gut lesen lässt, liegt nicht nur daran, dass sie den richtigen Ton trifft. Es ist die Person, um die es geht, die soviel zu erzählen hat, und deren Sicht der Welt zum Nachdenken anregt, besonders, was die Achtung vor dem Leben angeht.

Veröffentlicht am 11.09.2019

"Ich will euch eine Geschichte erzählen, keine von denen, die ihr kennt, eine ganz andere..."

Der Aufruhr um den Junker Ernst
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Jakob Wassermann (1873-1934) ist einer der unzähligen verbrannten Autoren. Er war ein deutsch-jüdischer Schriftsteller und zählte zu den produktivsten und populärsten Erzählern seiner Zeit.

Als Jakob ...

Jakob Wassermann (1873-1934) ist einer der unzähligen verbrannten Autoren. Er war ein deutsch-jüdischer Schriftsteller und zählte zu den produktivsten und populärsten Erzählern seiner Zeit.

Als Jakob Wassermann mit seinem Hauptwerk "Der Fall Maurizius" nicht so recht vorankam, legte er die Arbeit daran beiseite und begann mit der Novelle "Der Aufruhr um den Junker Ernst". Sie spielt im Fränkischen, seiner Heimat, in der dunklen Zeit der Inquisition und Hexenverbrennungen, und sie beschreibt, wie lähmend der Terror der Inquisitoren auf die damalige Gesellschaft wirkt und wie die Menschen aus allen Gesellschaftsschichten in Angst und Schrecken leben.
Die Geschichte des Junker Ernst nimmt ein gutes Ende, das lässt hoffen, auch über die vergangene Zeit hinaus.

Veröffentlicht am 09.09.2019

Jahre nach Beendigung des Kaltes Kriegs: Ein spannender Spionageroman

Dead Lions
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Ein Spionageroman Jahrzehnte nach dem Ende des Kalten Krieges, geht das?
Mike Herron zeigt, dass das sehr gut geht. Mit reichlich eigenwilligen Charakteren, deren Eigenheiten er detailliert beschreibt, ...

Ein Spionageroman Jahrzehnte nach dem Ende des Kalten Krieges, geht das?
Mike Herron zeigt, dass das sehr gut geht. Mit reichlich eigenwilligen Charakteren, deren Eigenheiten er detailliert beschreibt, einer guten Portion Humor, witzigen Dialogen und Geschehnissen, bei denen nichts so ist, wie es zunächst erscheint, führt er den Leser mitten hinein in einen rasanten, nicht ganz unblutigen Thriller.
Im Slough House arbeiten unter der Regie von Jackson Lamb, der als unangenehmer stinkender Fiesling eingeführt wird, lauter Agenten, die vom MI5 ausgemustert worden sind wegen unterschiedlicher Vergehen bzw Fehlverhalten im Dienst. Hier werden sie mit unsinnigen Verwaltungsaufgaben beschäftigt in der Hoffnung, dass sie von sich aus kündigen.
Als Jackson Lamb vom Tod eines ehemaligen Kollegen aus Zeiten des Kalten Kriegs erfährt, und als zeitgleich inoffiziell vom MI5 zwei seiner Mitarbeiter zum Personenschutz eines russischen Oligarchen angefordert werden, kommen die Dinge in Bewegung.
Sehr angetan war ich davon, dass eingangs eine fiktive Katze durch die Büroräume schleicht und dabei die einzelnen dort arbeitenden Personen vorstellt. Am Ende ist es übrigens eine auch fiktive Maus, die die Büros besucht. Gefallen haben mir auch die Charaktere der Slow Horses, die in Extremsituationen ungeahnte Fähigkeiten entwickeln und die Doppelbödigkeit der Dialoge. Die turbulente Handlung wird, so verwickelt sie auch sein mag, zu einem logischen Ende gebracht. Ich bin gespannt auf eine Fortsetzung der Serie um Jackson Lamb.

Veröffentlicht am 31.08.2019

Widerstand

Jeder stirbt für sich allein
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Spannender kann kein Thriller sein. Packend ist ist die Geschichte der Eheleute Quangel, die ihren persönlichen Widerstand leben. Ihr Schicksal und das der anderen Figuren zeigen, wie unterschiedlich Mensschen ...

Spannender kann kein Thriller sein. Packend ist ist die Geschichte der Eheleute Quangel, die ihren persönlichen Widerstand leben. Ihr Schicksal und das der anderen Figuren zeigen, wie unterschiedlich Mensschen auf Unterdrückung reagieren und in einem verbrecherischen Regime agieren, und das macht betroffen.
Nach dem Ende des Romans war ich einen Augenblick fassungslos, als ich umblätterte und mich die realen Personen, die Vorlage für Falladas Romanfiguren, von den Gestapophotos anblickten.