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Meinungen aus der Lesejury

Veröffentlicht am 19.03.2020

geniale Idee

Keiner hat gesagt, dass du ausziehen sollst
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Louise und Tom haben eine ernsthafte Ehekrise und beginnen gemeinsam eine Therapie um zu sehen, ob sie ihre Ehe noch retten können. Wir erleben das ganze ausschließlich in Dialogen, die die beiden in einem ...

Louise und Tom haben eine ernsthafte Ehekrise und beginnen gemeinsam eine Therapie um zu sehen, ob sie ihre Ehe noch retten können. Wir erleben das ganze ausschließlich in Dialogen, die die beiden in einem Pub führen, in dem sie sich direkt vor der jeweiligen Therapiestunde treffen. Diese Idee mit den 10 "Therapiestunden" im Pub ist genial.Wir sind in keiner einzigen Minute direkt in den eigentlichen Stunden bei der Therapeutin dabei sondern erfahren nur in den Gesprächen im Pub, was letzte Woche vorgefallen war bzw. was die beiden für die kommende Therapiestunde bearbeiten möchten.

Diese Dialoge fand ich witzig, sarkastisch und sehr aufschlussreich. Es ging oft pfeilschnell hin und her, ich musste mich konzentrieren, den Argumenten zu folgen. Und es war nicht immer leicht zu wissen, wer von den beiden grade spricht.

Ich muss (als Frau) zugeben, dass ich das Gesagte von Louise geschickter, klüger und aussagekräftiger erlebt habe. Während Tom eher schmollend und angreifend reagiert hat. Insgesamt hat mich dieses Buch sehr gut unterhalten.

  • Cover
  • Erzählstil
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  • Charaktere
Veröffentlicht am 10.03.2020

Lässt leider nach

Wenn der Winter vorbei ist
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Am Anfang hatte mich dieser ruhige, erinnernde Schreibstil gefangen. Der ältere Autor Thomas lässt seine Gedanken zurückschweifen in sein Leben. Sehr liebevoll erzählt er von seiner älteren Schwester Becky. ...

Am Anfang hatte mich dieser ruhige, erinnernde Schreibstil gefangen. Der ältere Autor Thomas lässt seine Gedanken zurückschweifen in sein Leben. Sehr liebevoll erzählt er von seiner älteren Schwester Becky. Allerdings ist Becky gar nicht seine leibliche Schwester, „sie kam aus dem Nichts“, wie ihre Mutter es immer benennt. Thomas verliert Becky sehr früh und vermisst sie das ganze restliche Leben lang. Auch ein Beispiel für ansprechenden Text begegnet mir auf Seite 123, da wird die Bedeutung des Titels "Wenn der Winter vorbei ist" aufgegriffen. Das waren so wehmütige, ruhige Gedanken, die ich gerne gelesen habe.

Zur Mitte hin konnten mich die einzelnen Episoden nicht mehr berühren. Es triftete leider immer mehr ab zu sonderbaren, fast absurden Geschehnissen, deren Sinn ich nicht verstehe. So wurden meine anfänglichen Erwartungen leider nicht erfüllt und das Lesen wurde für mich zähflüssig.

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Veröffentlicht am 10.03.2020

Eine Kostbarkeit

Dankbarkeiten
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Michka, die bisher selbständig und unabhängig gelebt hat, kommt langsam mit dem Alleineleben in ihrer Wohnung nicht mehr zurecht. Eine junge Frau, Marie, kümmert sich um sie und letztlich sucht sie ihr ...

Michka, die bisher selbständig und unabhängig gelebt hat, kommt langsam mit dem Alleineleben in ihrer Wohnung nicht mehr zurecht. Eine junge Frau, Marie, kümmert sich um sie und letztlich sucht sie ihr einen Platz im Seniorenheim. Marie ist keine Verwandte von Michka, den Hintergrund ihrer Beziehung lernen wir nach und nach kennen.

Die Geschichte wird sehr mitfühlend und behutsam erzählt. Wir Leser können gut nachempfinden, wie traurig und angsteinflößend die Veränderungen für Michka sind. Sie leidet, weil ihr immer mehr die Worte verloren gehen, sie müht sich, das zu formulieren, was sie aussagen will.

Aber es gibt auch zwei nette, junge Menschen in ihrem Leben. Neben Marie ist da Jérôme, ein Logopäde im Seniorenheim, dessen Besuche ihr sehr gut tun. Es ist schön zu lesen, wie warmherzig und liebevoll die beiden mit ihr umgehen. Sie schenken ihr Zuneigung und Aufmerksamkeit, leiden aber auch weil sie erleben, wie Michka mit dem schleichenden Verschwinden so vieler Fähigkeiten fertig werden muss. Man kann sich nur wünschen, dass man selbst im Alter so mitfühlende, warmherzige Menschen um sich hat.

Ich habe an einigen Stellen weinen müssen, aber Gott-sei-Dank auch manchmal schmunzeln. Zurück bleibt das Gefühl, ein richtig gutes Buch gelesen zu haben. Für mich ist die Autorin Delphine de Vigan eine Entdeckung.

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Veröffentlicht am 24.02.2020

Unfreiwillig in Venedig

Der freie Hund
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Commissario Antonio Morello hat sich auf Sizilien durch Ermittlungen und Verhaftungen die Mafia zum Feind gemacht. Er steht auf deren Todesliste und sein Chef will ihn durch eine Versetzung nach Venedig ...

Commissario Antonio Morello hat sich auf Sizilien durch Ermittlungen und Verhaftungen die Mafia zum Feind gemacht. Er steht auf deren Todesliste und sein Chef will ihn durch eine Versetzung nach Venedig in Sicherheit bringen. Morello ist fassungslos über diese Versetzung, denn er liebt Sizilien und seine Arbeit dort. Nur widerwillig macht er sich am ersten Tag auf seinen Weg zum Arbeitsplatz. Bei jedem Blick und jedem Eindruck, der beschrieben wird merkt man dass ihn alles an Venedig nervt. Das Enge und Morbide, die stinkenden Kanäle, die Menschenmassen und die monströsen Kreuzfahrtschiffe, die sich durch die Lagune schieben.

Im Kommissariat ist man wenig begeistert, einen Süditaliener als neuen Chef akzeptieren zu müssen. Schon am nächsten Tag gibt es einen Mordfall und Morello macht sich mit seinem Team, das ihm noch so wenig vertraut ist, an die Ermittlungen. Es gab einen Aspekt, der mich ziemlich genervt hat: Nämlich solche Vorgesetzte, die es den Ermittlern unnötig schwer machen oder gar von guter Polizeiarbeit abhalten, die die Fälle immer schnell gelöst haben wollen und nur auf die Außenwirkung bei Pressekonferenzen oder in der Zeitung bzw. TV ausgerichtet sind. Gerade bei einem Venedigkrimi hätte ich wg. der Ähnlichkeit zu der wirklich bekannten Brunettireihe den Questore so nicht besetzt. Ich lese viele Krimis und wundere mich, dass es Autoren nicht merken, dass dieser Typus viel zu oft hergenommen wird.

Die Einführung eines Sizilianers als Commissario in Venedig ist gut gelungen. Die beiden Autoren haben sich Zeit für die Ausarbeitung der Charaktere genommen. Dies finde ich sehr wichtig für die Weiterentwicklung einer guten Krimiserie. Morello hat ein Team das weiterhin Reibereien aber auch gute Ermittlungsarbeit verspricht und wird mit ihnen weitere Verbrechen in der Lagunenstadt aufklären können.

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Veröffentlicht am 05.02.2020

Eine schwere Aufgabe

Meine Mutter, das Alter und ich
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Frau Jungwirth erzählt in vielen Episoden von ihren Bemühungen, sich um ihre 85-jährige Mutter zu kümmern, die an einer Autoimmunerkrankung leidet und nach und nach ihre Unabhängigkeit verliert.

Aber ...

Frau Jungwirth erzählt in vielen Episoden von ihren Bemühungen, sich um ihre 85-jährige Mutter zu kümmern, die an einer Autoimmunerkrankung leidet und nach und nach ihre Unabhängigkeit verliert.

Aber die Mutter macht es ihr mit ihren hohen Ansprüchen und ihrer Egozentrik wirklich schwer. Sie ist jammernd und manipulierend und nimmt keinerlei Rücksicht darauf, was sie alles von ihrer Tochter fordert. Auch der Sohn und die Enkelkinder übernehmen (kleinere) Anteile der Betreuung. Diese nimmt die Mutter an, doch später beschwert sie sich bitterlich bei der Tochter, wie wenig Aufmerksamkeit ihr zugute kommt. So kann selbst der Leser nicht wirklich Verständnis oder Sympathie für die Mutter aufbringen.

Ich ertappte mich dabei, dass ich der Autorin beim Lesen gerne Vorschläge machen wollte, wie sie reagieren oder dass sie mehr ihre eigenen Bedürfnisse berücksichtigen sollte. Aber eben diese Ratschläge nützen in dieser Situation überhaupt nichts, es gibt wohl keinerlei Tipps oder Anleitungen, wie man es leichter bewältigen könnte. Die meisten der Leser werden zu dieser Lektüre gegriffen haben, weil sie eine solche Situation kennen oder sich gerade darin befinden. Es wird klar, dass es viele solcher Fälle gibt und doch ist jeder einzelne anders.

Durch die kurzen Kapitel liest sich das Buch sehr flüssig. Es wird gut vermittelt, wie sehr die Tochter mit dieser Aufgabe hadert. Die eigene Überforderung, neben der Familie und einem kranken Hund auch die Verantwortung für die Mutter zu haben und zum anderen die Traurigkeit beim Anblick der Mutter, die man viel lieber eigenständig und unabhängig erleben würde.

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