Erfordert Vorwissen aus vorhergehender Reihe
Purple Clouds - HoneymoonEinmal mehr in der aktuellen Buchwelt geht es in dieser „neuen“ Reihe um Figuren aus einer bereits erschienenen. Dadurch hat man das Gefühl, man müsste die Figuren schon kennen, tut es aber nicht. Man ...
Einmal mehr in der aktuellen Buchwelt geht es in dieser „neuen“ Reihe um Figuren aus einer bereits erschienenen. Dadurch hat man das Gefühl, man müsste die Figuren schon kennen, tut es aber nicht. Man erfährt viel über ihr Inneres, aber paradoxerweise nichts über ihre Oberfläche. Was ist das für ein Hotel, in dem Emory arbeitet? Warum ist Ellis Debbies beste Freundin, obwohl sie kaum in Erscheinung tritt? Warum wird nicht thematisiert, wie unmöglich sich Riley benimmt? Vor allem die Nebenfiguren bleiben dadurch blass. (Und ja, ich habe die besagte andere Reihe erst kürzlich gelesen und gemocht!)
Der Schreibstil hat mich leider nicht abgeholt, einige Vergleiche und Bilder sind inhaltlich nicht schlüssig oder gar falsch (Stichwort „Dirigentin“).
Das Buch enthält unnötig viele Anglizismen (Was zur Hölle bedeutet „messy“ in Bezug auf eine Beziehung?!).
Was mich fast am meisten gestört hat: Das Buch liest sich wie der Knigge des 21. Jahrhunderts.
Stelle dich nicht nur mit deinem Namen, sondern auch mit deinen Pronomen vor, um zu suggerieren, dass du akzeptierst, wenn dein Gegenüber nicht die Pronomen verwendet, die du automatisch für es wählen würdest.
Trink deinen Kaffee nur mit Hafermilch, irgendwann schmeckt es auch dir besser als mit Kuhmilch.
Bring immer vegane Cupcakes mit (und am besten auch glutenfrei).
Schau bitte nicht "Blind Side" weil es da um White Savior geht und man nicht unterstützen sollte, dass es in Filmen „dauernd“ darum geht, wie weiße Menschen nicht-weiße Menschen retten.
Erwähne möglichst häufig, dass Jungs selbstverständlich Nagellack tragen können. (Find ich sogar cool, wird nur uncool, wenn ständig darauf herumgeritten wird.)
Wenn du ein Mann bist und du erklärst einer Freundin etwas, entschuldige dich anschließend für eventuelles Mansplaining.
Stichwort Halloweenkostüm: Verkleide dich nicht als Hip Hopper, denn das ist genauso abwertend, wie wenn du dich als Angehörige einer bestimmten Ethnie verkleidest. (Frage: Hab’s nicht vor, aber wäre es denn okay, wenn ich mich als ein bestimmter Hip Hopper verkleide?)
Lange Rede, kurzer Sinn: All das ist wichtig und richtig. Aber beim Lesen ständig das Gefühl haben, belehrt zu werden, dass selbst die alltäglichsten Dinge nicht „richtig“ sind, fühlt sich extrem abwertend an. Der Film „Blind Side“ gefällt dir? Puh, moralisch fragwürdig. Hafercappucino schmeckt für dich wie Müsli im Kaffee? Stell dich nicht so an. Du nennst nicht jedem deine Pronomen? Da steckt aber jemand im letzten Jahrhundert fest.
Wäre die Zahl der Botschaften und Belehrungen in diesem Buch um die Hälfte reduziert und weniger militant vorgetragen worden, würden sie zum Nachdenken anregen. Weniger ist mehr hätte hier gelten sollen. Aber so bin ich einfach nur erschöpft.
Ironischerweise stehen die Hauptfiguren, besonders Debbie, im krassen Widerspruch zum moralischen Perfektionismus, den sie ständig predigen.
Sie liest die Nachrichten einer Kollegin, als die gerade auf dem Klo ist. Nur weil der Name ihres Mannes auf dem Display aufgetaucht ist?
Sie ist sauer, weil er hinter ihrem Rücken mit seiner Ex-Freundin schreibt. Ganz abgesehen davon, dass sie den Chat gelesen und mit ein bisschen gesunden Menschenverstand auch richtig hätte interpretieren können, ist das grundsätzlich nicht schlimm. Mir schien es so, als wäre hier irgendein künstliches Konfliktpotential gesucht worden.
Und zu guter Letzt, ein kurzes Feedback zur Namensgebung: Den Spitznamen "Deb" finde ich im Deutschen eher ungünstig gewählt...
Danke an netgalley.de für das Rezensionsexemplar!