Spannung mit erschreckender Thematik
Das rote KanuBuck lebt nach der Trennung von seiner Frau wieder im Haus seines verstorbenen Vaters, in dem er eine Tischlerei betreibt. Während der Arbeit an einem Boot steht plötzlich die fünfzehnjährige Lucy in seiner ...
Buck lebt nach der Trennung von seiner Frau wieder im Haus seines verstorbenen Vaters, in dem er eine Tischlerei betreibt. Während der Arbeit an einem Boot steht plötzlich die fünfzehnjährige Lucy in seiner Werkstatt und Buck merkt direkt, dass das junge Mädchen, das so bemüht ist cool zu wirken, große Angst hat und dringend Hilfe braucht. Eigentlich hat Buck für solche Dinge grad gar keinen Nerv, ist er doch selber kurz davor seiner Existenz ein Ende zu setzen.
Der Kriminalroman beginnt recht verhalten, erstmal fast im Stil einer Charakterstudie. Der Leser lernt die verschiedenen Figuren kennen, taucht ein in ihre aktuelle Lebenssituation, erfährt mehr über ihren Gemütszustand und die Dinge, die zu diesem geführt haben. Allerdings bleibt der Autor hier oft bewusst vage. Man bekommt natürlich mit, dass die Trennung Buck schwer getroffen hat, das sie nicht von ihm ausging, sondern von Naomi, seiner Frau. Man erfährt aber nur andeutungsweise, was der Grund für die Trennung gewesen ist, nur eben so viel, dass klar wird was für ein Mensch Buck ist, das er nicht aus seiner Haut kann und dass das, was im Verlauf der Geschichte folgt, wohl so, oder so ähnlich schon öfter passiert ist. Etwas, dass Naomi Bucks "Retterkomplex" nennt. Und da ist Lucy, die mit ihrem unter ptBs leidenden Vater in einem Trailerpark lebt und nun Opfer eines sexuellen Übergriffs wird, ausgerechnet durch Polizeikollegen ihres Vaters.
Das Buch greift mehrere brisante Thematiken auf. Die Hauptfiguren Buck und Lucy sind Angehörige der nativ Amerikans, es ist statistisch belegt, dass gerade Frauen dieser Bevölkerungsgruppe überdurchschnittlich oft Opfer von Gewalt, auch sexueller Gewalt werden und das diese Vergehen oft nicht, oder nur unzureichend durch die Behörden untersucht werden. Noch all zu oft wird das Verschwinden einer jungen Frau hier als Weglaufen ausgelegt, der Fall nicht weiter verfolgt, oder, die oft weißen, Täter werden durch Freunde gedeckt und entgehen der Strafverfolgung. Zudem ist das Thema des sexuellen Missbrauchs von Minderjährigen durch ihnen nahestehende Personen ein hochaktuelles, egal welcher ethnischen Gruppe sie angehören. Hier wird dies noch mit organisierter Kriminalität verwoben, häuslicher Gewalt, Traumata nach einem Militäreinsatz, Rassismus und Homophobie.
Zugegebenermaßen ist das vielleicht ein bisschen viel von allem innerhalb dieser recht kleinen Personenkreises und zugegebenermaßen bedient sich der Autor hier auch an mehr als einem Klischee. Der Vater, mit PTBS aus Afghanistan zurückgekommen, trinkt und schlägt seine Frau, seine Kumpels vom Militär, die als Polizisten gern mal ihre Stellung missbrauchen. Lucys Freunde aus der Schule, Booker, der coole, afroamerikanische Sportlertyp, dem allein durch seine Herkunft und durch seine Karriere als Schulschwänzer schon das Wort jugendlicher Straftäter auf die Stirn tätowiert ist und Ryan, der superintelligente, schüchterne Asiate, der sich hinter der Maske des Authisten versteckt, weil es so leichter ist den Anfeindungen zu entgehen, die seine Herkunft und seine ärmlichen Verhältnisse unweigerlich im Schulalltag der amerikanischen Kleinstadt nachsichziehen.
Ich nehme dem Autor das, mit ein paar kleinen Abstrichen, durchaus ab. Diese Gruppe "Looser", die sich zusammengefunden hat und die Geheimnisse teilt, die man keinem erzählen kann und die im Notfall für einen da ist wenn man Hilfe braucht. Der Stoff aus dem schon viele gute Geschichten geworden sind und eine gute Geschichte ist das hier durchaus. Auch wenn ich wenig über Bucks Hintergründe, seine Vergangenheit erfahre ist er für mich die typische "Lone Ranger" Figur, der einsame Held, der schon jede Menge Dreck gefressen hat, der schon mehr als einen Schicksalsschlag erlebt und überlebt hat, der eben nicht tatenlos danebenstehen kann, wenn jemand seine Hilfe braucht. Tatsächlich habe ich beim Lesen an Filme wie "Gran Torino" denken müssen (wobei ich hier die Figur von Buck nicht mit Clint Eastwood vergleichen möchte), oder auch Thriller wie "Jack Reacher", oder auch "The Mother". Alles Szenarien, in denen die Hauptfigur eher unfreiwillig in Ereignisse hineingezogen wird, sich dem aber aus Liebe und Ehrgefühl eben nicht entziehen kann. Klar, Klischee in Reinkultur, aber eben auch der Stoff für Spannung und actiongeladene Unterhaltung und auf diese Action steuert man im zweiten Teil des Kriminalromans unausweichlich zu.
Mir hat das Buch sehr gut gefallen, die Thematik ist hochaktuell und lässt den Leser nicht kalt. Die Figuren sind gut gezeichnet, auch wenn ihre Vergangenheit meist im Dunkeln bleibt und der Autor es hier dem Leser überlässt sich, anhand von Hinweisen, seine eigenen Gedanken zu machen. Lucy ist eine sehr starke Figur, gerade auch in ihrer Widersprüchlickeit. Die schwierige Beziehung zu ihrem Vater ist gut herausgearbeitet, man spürt beim Lesen die Anspannung unter der sie steht, wie sie in der Enge des Trailers jedes Wort ihres Vaters, jede seiner Bewegungen, jedes Verziehen des Mundwinkels in sekundenschnelle auf Anzeichen der Verärgerung analysiert, immer kurz davor, dass die Stimmung kippt. Ich kann mir diese Situationen unheimlich gut verfilmt vorstellen, wenn die Schauspieler nur mit ihrem Gesichtsausdruck und ihrer Gestik diese Stimmung erzeugen müssen. Generell glaube ich, dass der Stoff des Buches gut verfilmbar wäre, einfach weil die Actionszenen zum Ende hin richtig gut am Bildschirm rüberkommen würden.