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riraraffi

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Meinungen aus der Lesejury

Veröffentlicht am 02.10.2025

Sechs Stimmen, ein Gefühl: Girlhood

Girlhood
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Man unterschätzt leicht, wie viel einem Kurzgeschichten geben können. Besonders dann, wenn das Ende offen bleibt oder keine endgültige Lösung präsentiert wird und man dennoch miterleben darf, wie eine ...

Man unterschätzt leicht, wie viel einem Kurzgeschichten geben können. Besonders dann, wenn das Ende offen bleibt oder keine endgültige Lösung präsentiert wird und man dennoch miterleben darf, wie eine der starken Protagonistinnen sich entwickelt. Gerade weil wir hier sechs Kurzgeschichten haben, bündelt sich auf wenigen Seiten eine enorme Vielfalt und weibliche Kraft, die unglaublich inspirierend wirkt.

Ein wenig irritiert hat mich, dass Anna Dimitrova Dessi aus ihrem Roman Kanak Kids zur Hauptfigur ihrer Kurzgeschichte macht, dort hatte ich sie ganz anders wahrgenommen. Trotzdem habe ich alle sechs Geschichten sehr gerne gelesen.

Und wie passend ist es eigentlich, diese Sammlung Girlhood zu nennen? Keine Geschichte nimmt der anderen den Raum, genauso wie auch Frauen im echten Leben einander nicht verdrängen müssen. Im Gegenteil: Ein Nebeneinander ist so viel schöner als ein Alleinsein.

Außerdem hatte ich das Gefühl, dass die Geschichten nicht nur sorgfältig angeordnet, sondern auch thematisch leicht miteinander verknüpft sind. Was für die eine Figur ein Problem darstellt, kann für die nächste ein Wunsch sein und genau darin liegt ein besonderer Reiz dieser Sammlung.

Am Ende bleibt für mich vor allem das Gefühl, dass Girlhood nicht nur einzelne Geschichten erzählt, sondern ein kollektives Bild von weiblichem Aufwachsen, Kämpfen und Träumen zeichnet.

Veröffentlicht am 20.09.2025

Verstörend aktuell

Heimat
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Jana wird zum dritten Mal Mutter. Der Umzug aufs Land scheint die richtige Entscheidung: mehr Ruhe, mehr Natur, das Beste für die Kinder. Doch die Kluft zwischen ihr und ihrem Partner tut sich auf: Jana ...

Jana wird zum dritten Mal Mutter. Der Umzug aufs Land scheint die richtige Entscheidung: mehr Ruhe, mehr Natur, das Beste für die Kinder. Doch die Kluft zwischen ihr und ihrem Partner tut sich auf: Jana hat einfach gekündigt und ist jetzt “nur” Mutter, ihr Partner als Gymnasiallehrer mit noch weiterem Anfahrtsweg stürzt sich in seinen Beruf. Inmitten ihrer Selbstzweifel trifft sie auf Karo.
Ihr neues Leben und das Kennenlernen von Karo führen subtil die scheinbare Idylle und die Motoren ein, die die Rückkehr zur “traditionellen” Frauenrolle antreiben. Karolin wirkt klug, charismatisch, anziehend; und gerade das macht sie gefährlich. Sie inszeniert ein traditionelles Frauenbild, das Jana und andere Mütter unmerklich in seinen Bann zieht. Im „Leseclub“ diskutieren sie Bücher, die Kitas als Instrumente einer entfremdenden Ökonomie beschreiben. Nebenbei stehen sie auch mal an einem AfD-Stand oder sprechen sich gegen Asylheime aus. Karos Selbstinszenierung auf Instagram, die perfekte Mutter, die autark kocht, bäckt und mit ihrem Mann ein fast idyllisches Familienleben führt, verleiht ihrem Weltbild zusätzliche Strahlkraft.

Jana nimmt sich vor, die politische Situation kritisch zu durchdringen. Doch am Ende landet sie doch wieder auf Instagram, versinkt in Karos Posts und verliert die Distanz. Diese Verschiebung der Wahrnehmung von Realität hin zu kuratierten Online-Inszenierungen ist beklemmend aktuell und im Roman äußerst eindrücklich beschrieben.

Die Faszination für die sogenannte „Tradwife“ wird hier vielschichtig, subtil und erschreckend nachvollziehbar aufgedeckt. Auch als Leser*in kann man sich ihr kaum entziehen: Man schaut hin, aber auch weg. Das Ende ist überraschend, irritierend, aber gerade deshalb nachhaltig.

Ich bewundere Lühmann dafür, ihrer Leserschaft ein solches Ende zuzumuten und die Geschichte ohne übermäßige Wertung zu erzählen. Damit traut sie uns ein hohes Maß an hermeneutischer Kompetenz zu.

Veröffentlicht am 04.09.2025

Zwischen Hausarrest und Schwerelosigkeit

Und die Welt, sie fliegt hoch
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In „Und die Welt, sie fliegt hoch” ist Juris Welt auf sein Zimmer beschränkt: er verlässt es nie, aus eigenem Entschluss. Avas Bewegungsradius ist ebenso eng, doch aus ganz anderem Grund: Sie sitzt unfreiwillig ...

In „Und die Welt, sie fliegt hoch” ist Juris Welt auf sein Zimmer beschränkt: er verlässt es nie, aus eigenem Entschluss. Avas Bewegungsradius ist ebenso eng, doch aus ganz anderem Grund: Sie sitzt unfreiwillig im Hausarrest fest. Aus purer Langeweile greift sie zu einer alten Handynummer und beginnt Juri zu schreiben. So entwickelt sich ein Gespräch, in dem sich ihre Welten berühren und beide beginnen zu fliegen: Ava wie ein freier Vogel, Juri wie ein Astronaut, der dennoch auf seinen Anzug angewiesen ist. Ein treffenderes Bild hätte man kaum finden können, denn „fliegen“ und „Welt“ öffnen hier Räume für Leichtigkeit und Schwere, für Sorgen, Geheimnisse und den Mut, sich aus dem Gewohnten zu lösen.

Ava ist so ziemlich die unzuverlässigste Erzählerin (oder hier wohl eher Texterin), sie hat gefühlt 15 Antworten darauf, warum sie Hausarrest hat, doch Juri glaubt erst an die Letzte.
An das Hin- und Herspringen beim Lesen der Textnachrichten musste ich mich kurz gewöhnen, doch gerade dadurch lenkt der Text die Aufmerksamkeit auf die fein abgestimmten Illustrationen.
Ein Buch, das zeigt, wie Worte und Bilder gemeinsam eine eigene Welt erschaffen können.

  • Einzelne Kategorien
  • Cover
  • Erzählstil
  • Handlung
  • Charaktere
Veröffentlicht am 22.08.2025

Über das Erwachsenwerden in schwierigen Familienverhältnissen

Wir kommen zurecht
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„Wir kommen zurecht“, könnte Philipp zu seinen Lehrkräften sagen, die seine phasenweise geistige Abwesenheit im Unterricht bemerken und nach seiner Situation zu Hause fragen. Oder zu seiner älteren Freundin, ...

„Wir kommen zurecht“, könnte Philipp zu seinen Lehrkräften sagen, die seine phasenweise geistige Abwesenheit im Unterricht bemerken und nach seiner Situation zu Hause fragen. Oder zu seiner älteren Freundin, wenn es um sein Verhältnis zur Stiefmutter geht. Oder zu dem Mann, der eines Tages an der Tür klingelt und vieles verändert. Oder auch zu seiner Mutter, die versucht, wieder einen Platz in seinem Leben zu finden.
„Manchmal dachte er, dass das sein ganzes Leben war: merken: ja, anmerken lassen: nein.“
Doch die, die Philipp wirklich kennen, würden ihm diesen Satz nicht abnehmen. Zum Beispiel Lorenz, sein bester Freund. Einfach macht Philipp es auch ihm nicht. Obwohl Philipp ein feines Gespür für seine Umgebung hat, bleibt er oft undurchdringlich. Vielleicht ist das seine Art, die psychische Erkrankung seiner Mutter zu verarbeiten, zu absorbieren, zu kompensieren. Selbst als Lesende war ich mir nicht immer sicher: Was geht wirklich in ihm vor? Und wenn er nicht gerade in Imaginationen und surreale Szenarien abdriftet (vielleicht auch befeuert durch den Konsum einer bestimmten Pflanze) bleibt vieles in ihm verschlossen.
Die gewählte Erzählperspektive passt hervorragend. Philipp aus der Ich-Perspektive sprechen zu lassen, hätte seiner Figur nicht entsprochen, zu direkt, zu offen. Trotzdem ist die Perspektive sehr wertschätzend ihm gegenüber, geht radikal (aber auch fair) mit den Erwachsenen in seinem Leben um.
Ein Erwachsener, der auch Philipp werden musste, wird er jetzt doch 18.

Ein besonderer Familienroman, der fordert, ohne zu überfordern, und der in seiner Vielschichtigkeit beeindruckt.

Veröffentlicht am 18.08.2025

Zwischen Liebe, Wut und zu vielen Seiten

43 Gründe, warum es aus ist
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Eine Kiste voller Erinnerungen, so etwas kennt wahrscheinlich jede*r, wenn man frisch verliebt ist. Alles erscheint plötzlich wichtig und kostbar. Normalerweise wirft man so eine Kiste irgendwann weg, ...

Eine Kiste voller Erinnerungen, so etwas kennt wahrscheinlich jede*r, wenn man frisch verliebt ist. Alles erscheint plötzlich wichtig und kostbar. Normalerweise wirft man so eine Kiste irgendwann weg, aber Min gibt sie tatsächlich zurück. Und nicht nur das: zu jedem der 43 Gegenstände schreibt sie eine lange Erklärung, warum ihre Beziehung mit Ed vorbei ist.
Von Anfang an ist klar: die Liebe zwischen Basketballstar und Schulschwarm Ed und der Film-Nerdin Min hält nicht. Trotzdem ist ihre Geschichte spannend und berührend. Für Min, aber irgendwie auch für Ed. Die Briefe wirken wie eine riesige, wütende „Ich liebe dich eigentlich noch“-Nachricht, die absolut nachvollziehbar ist, wenn man an den ersten Liebeskummer denkt.
Besonders schön sind die Illustrationen und die Verknüpfung der Gegenstände mit den gemeinsamen Erinnerungen. Oft interpretiert Min im Nachhinein die Dinge als Warnsignale, auch wenn am Ende ein sehr offensichtlicher Trennungsgrund auftaucht. Genau das macht es aber so realistisch: Im Rückblick fragt man sich ja immer, ob man die Anzeichen früher hätte sehen sollen. Heutzutage würde Min wahrscheinlich einfach eine viel zu lange WhatsApp-Nachricht in ihre Notizen tippen und die beste Freundin würde ihr dringend raten, sie nicht abzuschicken.
Min wirkt wie eine „alte Seele“: ungefähr 89-mal im Buch wird erwähnt, dass sie „anders“ ist. Dazu kommen viele Filmreferenzen, mit denen man klar­kommen muss. Man merkt auch, dass das Buch von 2011 ist, manche Ausdrücke oder Einstellungen würden 2025 so nicht mehr passen (zum Beispiel, dass Ed „schwul“ als Beleidigung benutzt. Heute könnte Min ihm wohl besser erklären, warum das nicht geht).
Das Buch zieht sich manchmal ein bisschen, und ob Ed wirklich alles lesen würde, ist fraglich. Aber man merkt: Min schreibt es vor allem für sich selbst, als eine Art Abschluss.
Eine kreative Idee, um enttäuschte Liebe zu erzählen. Manchmal etwas holprig, aber originell und mit vielen schönen Details.