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Veröffentlicht am 05.03.2021

Schockierende und spannende Dystopie über ein patriarchalisches Herrschaftssystem, in dem ein gefährlicher Aberglaube herrscht, und eine starke Heldin, die dagegen aufbegehrt

The Grace Year
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Als Tierney James 16 Jahre alt ist, beginnt ihr Gnadenjahr. Wie alle Mädchen in ihrem Alter wird sie von Wächtern in ein Camp außerhalb der Stadt gebracht, wo sie ihre Magie verlieren sollen. Diese Magie ...

Als Tierney James 16 Jahre alt ist, beginnt ihr Gnadenjahr. Wie alle Mädchen in ihrem Alter wird sie von Wächtern in ein Camp außerhalb der Stadt gebracht, wo sie ihre Magie verlieren sollen. Diese Magie der geschlechtsreifen Frauen sei dafür verantwortlich, Männer in Versuchung zu führen und in den Wahnsinn zu treiben. Nach dem Gnadenjahr werden die Mädchen, die vorab von einem Freier einen Schleier erhalten haben, verheiratet, während die anderen als Mägde in Haushalten, auf den Feldern oder schlimmstenfalls verstoßen in den Außenbezirken arbeiten müssen. Aber nicht alle werden das inzwischen 47. Gnadenjahr überleben. In der Wildnis sind die Mädchen auf sich alleingestellt und es sind nicht nur die Wilderer, die nach ihren Körpern lechzen, um von ihren magischen Fähigkeiten profitieren zu können, sondern die Mädchen selbst, die sich das Leben - frei von den Regeln von Garner County - zur Hölle machen.

Die Idee hinter der Geschichte erinnert an "Der Report der Magd" von Margaret Atwood, ist allerdings eher auf jugendliche Leser*innen ausgerichtet, aber ähnlich schonungslos und brutal geschildert.
Der Roman wird aus der Sicht der 16-jährigen Tierney erzählt, die die mittlere von insgesamt fünf Töchtern eines Arztes ist. Sie hinterfragt das System in Garner County, das Frauen als Hexen verteufelt, massiv in ihren Rechten einschränkt und mit willkürlichen Bestrafungen an Leib und Leben bedroht. Sie versteht nicht, dass die Frauen, die den Männern in ihrer Anzahl weit überlegen sind, nicht aufbegehren und das System zu ihrem eigenen Schutz stürzen. Ihr Traum ist es nicht, Ehefrau zu werden und sich einem Mann unterzuordnen. Im Gegensatz zu allen anderen Mädchen zieht Tierney die Feldarbeit vor, aber es ist nicht ihre Entscheidung.

Das System, das in dem dystopischen Garner County herrscht, ist erschreckend genug, aber das Gnadenjahr übertrifft alle Vorstellungen der Mädchen, die bisher nur ahnen konnten, warum nie alle wieder aus dem Camp zurückgekehrt sind. Neid, Argwohn, Eifersucht und Hass herrschen unter den Mädchen und die Situation im Camp führt bald zur Eskalation. Die Mädchen sind indoktriniert und glauben daran, dass sie magische Fähigkeiten haben, die sie in diesem Jahr tunlichst verlieren müssen, um befreit und gerettet zu werden. Wie sie versuchen, diese Magie herauszukitzeln und was die einzelnen schier kopflos dafür tun müssen, ist gnadenlos.

Tierney ist eine intelligente, freiheitsliebende und sympathische Rebellin, die von ihrem Vater viel gelernt hat, was ihr das Überleben in der Wildnis erleichtert. Dennoch ist es verwunderlich, was sie alles körperlich und auch psychisch aushalten kann, ohne sich selbst und die anderen Mädchen aufzugeben.
Der Roman ist so bildhaft und lebendig dargestellt, dass man unweigerlich mit Tierney, aber auch den anderen Gnadenjahrmädchen, mitleidet. Auch die Vorstellung eines Garner County, in der eine Minderheit von Männern eine Mehrheit von Frauen kleinhält und unterdrückt, ist nicht abwegig, sondern durchaus vorstellbar. Gespannt verfolgt man Tierney Überlebenskampf im Gnadenjahr, wobei eine Wendung auch noch für einen Hauch Romantik sorgt und Hoffnung schenkt, dass es selbst für Menschen aus Garner County noch die Chance auf eine freie Liebe geben kann.
"The Grace Year" ist eine schockierende und spannende Dystopie über ein patriarchalisches Herrschaftssystem, in dem ein gefährlicher Aberglaube herrscht, und einer starken Hauptfigur, die für Mut, Verstand, Rebellion, Freundschaft und Liebe steht. Das Ende, das Raum für eigene Interpretationen zulässt, ist passend gewählt für einen Ort, in dem man niemandem trauen kann, in dem es aber trotz allem zarte Bande gibt, die die Möglichkeit bieten, zu wachsen und früher oder später eine Veränderung herbeizuführen.

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Veröffentlicht am 03.03.2021

Unterhaltsamer als Band 1, aber wieder mit zwei unzusammenhängenden Handlungssträngen und überfrachtet mit zu vielen Themen

Die Maske der Schuld
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In Wien wird ein toter Mann aus der Donau geborgen. Bei der schon Tage alten Wasserleiche handelt es sich um den ehemaligen Polizeibeamten Jan Dorn, der an Multiple Sklerose erkrankt ist. Jan war ein Hacker ...

In Wien wird ein toter Mann aus der Donau geborgen. Bei der schon Tage alten Wasserleiche handelt es sich um den ehemaligen Polizeibeamten Jan Dorn, der an Multiple Sklerose erkrankt ist. Jan war ein Hacker und Einzelgänger und war deshalb bislang nicht vermisst gemeldet worden. Aufgrund der Verletzungen kann ein Selbstmord ausgeschlossen werden. Jan wurde erstickt. Abteilungsinspektor Richard Schwarz und Chefinspektor Paul Marek stoßen bei ihren Ermittlungen auf eine Selbsthilfegruppe, die Jan besuchte. Dort wurden die Patienten offenbar mit illegalen Medikamenten versorgt, die eine Linderung oder gar Heilung ihrer Krankheit versprachen.
Parallel dazu wird Richard immer wieder von der Polizeipsychologin Theres Lend kontaktiert, die sich aufgrund ihrer Augen-Erkrankung an einen Wunderheiler gewandt hat. Sie vermisst einen weiteren seiner Patienten und sorgt sich über seltsame Symptome, die sie bei sich feststellt.

"Die Maske der Schuld" ist der zweite Band der Reihe um den schwer gezeichneten LKA-Beamten Richard Schwarz. Wie schon im ersten Teil besteht der Roman aus mehreren Handlungssträngen, die nicht unmittelbar in einem Zusammenhang stehen. Neben den Ermittlungen in dem Mord an Jan Dorn, beschäftigt Richard weiterhin seine Vergangenheit um seine vor 28 Jahren vor seinen Augen ermordeten Mutter. Parallel dazu werden die Tage in einer Rehaklinik aus der Perspektive einer an MS erkrankten Frau erzählt.

Wie schon Band 1 würde ich auch diesen zweiten Band, der sich fast nahtlos an den Auftaktroman anschließt, nicht als Thriller, sondern als Krimi bezeichnen. Durch die vielen parallelen Handlungsstränge und die Sorgen von Richard - einerseits sein Trauma aus der Kindheit, andererseits die Sorge um den Zirkus seiner Schwester Sarah aus München sowie seine sehnsüchtige Liebe zu der Pathologin Dr. Emily McSand - gerät der Fall um den ermordeten Jan Dorn fast ein wenig in den Hintergrund. Die zögerlichen Ermittlungen und oftmals unprofessionell wirkende Vorgehensweise der LKA-Beamten verhindern lange einen Aufbau von Spannung. Zudem verrät der Klappentext zu viel. Bei wem es sich um den Toten handelt und dass sein Tod mit Medikamentenversuchen in Zusammenhang steht, ergibt erst nach der Hälfte des Romans. Umso dilettantischer wirkt das Auftreten von Richard und Paul bei der Tatortbegehung und ihren falschen Schlussfolgerungen, die sogar dazu führen, dass Eltern fälschlicherweise eine Todesnachricht hinsichtlich ihres Sohnes überbracht wird.
Weiterhin lenkt Richards Vergangenheit und sein Hadern mit seinem äußeren Erscheinungsbild revolvierend - in seinen Gedanken und Rückblenden an die Monate nach der Ermordung seiner Mutter - von den aktuellen Ermittlungen ab. Dass der Mord als "Cold Case" auf Drängen von Richard neu aufgerollt wird, ohne dass es neue Beweise gibt, erscheint wenig realistisch, auch wenn es willkürlich mit "Vitamin B" erklärt wird.

Weitaus irritierender sind die vielen unlogischen Einzelheiten, die beim Lesen negativ aufstoßen: ein Abteilungsinspektor, der kein Englisch spricht? Ein Mini-Reihenhaus in Wien, das über einen Treppenlift verfügt? Ein durch einen Gehbehinderten in der Mikrowelle zerstörte Festplatten, die in einem Papierkorb im Schlafzimmer aufgefunden werden?

Auch wenn der zweite Band etwas unterhaltsamer ist, als der Vorgänger, waren mir auch dieses Mal die Ermittlungen zu unprofessionell. Zudem wirkte der Roman mit den vielen zu bewältigenden Themen Multiple Sklerose und weitere Erkrankungen, Medikamentenversuche, Hacking, militante Tierschützer, Suche nach den eigenen Wurzeln und persönliche Traumata wieder völlig überladen. Das Ende ist wie in Band 1 etwas offen und zeigt, dass die Bedrohung gegen Theres Lend noch weiter besteht. Allem Anschein nach muss es noch einen dritten Teil der Richard-Schwarz-Reihe geben.

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Veröffentlicht am 01.03.2021

Drei Ethnologen und ihrer unterschiedliche Herangehensweise bei der Erforschung fremder Kulturen. Die euphorisch angekündigte Dreiecksbeziehung ist jedoch enttäuschend belanglos

Euphoria
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Die bekannte amerikanische Ethnologin Nell Stone befindet sich mit ihrem erst frisch verheirateten Ehemann Fen auf Forschungsreise in Neuguinea. Dort treffen sie 1932 auf den Briten Andrew Bankson, der ...

Die bekannte amerikanische Ethnologin Nell Stone befindet sich mit ihrem erst frisch verheirateten Ehemann Fen auf Forschungsreise in Neuguinea. Dort treffen sie 1932 auf den Briten Andrew Bankson, der selbst Ethnologe ist und sich freut, Gleichgesinnten zu begegnen. Er schlägt den beiden vor, ihren Aufenthalt in Neuguinea zu verlängern, denn es gäbe noch genügend Stämme zu erforschen.
Alle drei haben ganz unterschiedliche Ansätze bei der Untersuchung der Kultur der verschiedenen Stämme. Während Bankson eher zurückhaltend gegenüber den Völkern auftritt und sie beobachtet, hat sich Nell sogar die Sprache der Stämme des Sepik angeeignet und befragt die Einheimischen unmittelbar. Ihr Mann tritt ganz selbstverständlich mit den Stammesangehörigen in Kontakt und lebt ihre Sitten und Bräuche. Nell ärgert sich über Fen, wenn dieser ihren wissenschaftlichen Ansatz untergräbt und sich willkürlich Themen widmet, die ihn gerade interessieren, statt akribisch den Studien nachzugehen. Fen sieht sich dagegen im Schatten von Nells Erfolgen und möchte unabhängig von ihr Ruhm erlangen. Bankson ist beeindruckt von Nells Arbeit und verliebt sich in die junge Ethnologin.

Die fiktive Geschichte ist angelehnt an das Leben der US-amerikanischen Ethnologin Margaret Mead (1901-1978), die für ihre Studien über die Sexualität bei südpazifischen Kulturen berühmt wurde. Durch die Schilderungen erhält man einen Einblick in die Arbeit und den oftmals kräftezehrenden Alltag eines Ethnologen in den 1930er-Jahren fernab der Heimat und vereinzelte Einsichten in die Riten und Zeremonien der einheimischen Völker.
Das Buch bleibt dabei fragmentär und oberflächlich. Ich hatte mir einen tieferen Einblick in die Lebenswelt der unterschiedlichen Stämme in Neuguinea und mehr Naturbeschreibungen zu diesem exotische Land erhofft. Die herrschenden Strukturen und deren Kultur bleibt vage. Selbst der Kern von Nells Forschung - die Geschlechterrollen in den Stämmen - wird nicht wirklich fassbar.
Im Fokus der Erzählung liegen vielmehr die Sorgen und Probleme der Hauptfiguren, Nells Kinderlosigkeit und die trotz ihrer Erfolge andauernden Befürchtung, als weibliche Wissenschaftlerin nicht ernst genommen zu werden, Fens skrupelloses und egoistisches Verhalten beim Lechzen nach Ansehen sowie Banksons Einsamkeit, der Wunsch nach Anerkennung und die unterdrückte Sehnsucht nach Nell.
Am Ende wird die Geschichte lebhafter, handelt von Neid und Profilierung und der Divergenz aus dem rücksichtlosen Benehmen Fens und dem respektvollen Umgang von Nell und Bankson mit den Naturvölkern, die die Menschen nicht nur als reine Forschungsobjekte betrachteten.
Enttäuscht war ich allerdings von der angekündigten Dreiecksbeziehung der drei Ethnologen, die ich mir spannungsgeladener und leidenschaftlicher - euphorischer - erwartet hatte. Die "erotische Anziehung" blieb eher eine Momentaufnahme und fast schon enttäuschend belanglos.

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Veröffentlicht am 27.02.2021

Krimi mit zwei voneinander losgelösten Handlungssträngen und Ermittlern, die ein dilettantisches Verhalten an den Tag legen - holprig und unauthentisch

Die Maske der Gewalt
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In Wien werden kurz hintereinander zwei Frauen brutal ermordet. Während die erste Frau mit mehreren Messerstichen getötet wurde, wurden der zweiten Leiche die Stiche post mortem zugefügt. Abteilungsinspektor ...

In Wien werden kurz hintereinander zwei Frauen brutal ermordet. Während die erste Frau mit mehreren Messerstichen getötet wurde, wurden der zweiten Leiche die Stiche post mortem zugefügt. Abteilungsinspektor Richard Schwarz ermittelt in beiden Mordfällen, hat jedoch mit seinen eigenen Dämonen zu kämpfen. Er musste als Kind mit ansehen, wie seine Mutter getötet wurde und ist seitdem selbst nicht nur mit inneren, sondern auch durch äußere Narben gezeichnet. Der Tod seiner Mutter ist der Grund, warum er Polizist wurde, verbunden mit dem Ehrgeiz, den Täter nach all den Jahren zu finden.
Parallel zu den Mordfällen in Wien wird seine Schwester Sarah in München entführt und Richard mit einer Lösegeldforderung erpresst. Als sich Richard in Sorge um seine Schwester nach München begeben möchte, wird er von der Gerichtspsychiaterin Theres Lend aufgehalten, die glaubt, den Mörder der beiden Frauen zu kennen.

"Die Maske der Gewalt" ist der erste Band der Dilogie um den schwer gezeichneten LKA-Ermittler Richard Schwarz.
Der Krimi - anders als die Reihe bezeichnet wird, handelt es sich meines Erachtens nicht um einen Thriller - besteht aus mehreren Handlungssträngen und wird aus verschiedenen Erzählperspektiven geschildert. Kern der Geschichte ist jedoch Richard Schwarz und zu Beginn die Mordserie in Wien, wobei wiederholend Richards trauriges Schicksal, seine geschundene Seele und seine körperlichen Narben erörtert werden. Einzelne Kapitel werden aus der Sicht von Theres Lend geschildert, wobei auch bei ihr ein mitleiderregendes Dilemma in den Vordergrund gerückt wird. Die Entführung nimmt ab knapp der Hälfte des Romans Richards ganz Aufmerksamkeit in Anspruch und macht es Richard noch schwerer, sich auf seine eigentliche Arbeit zu konzentrieren.

Für einen Thriller fehlte mir der Nervenkitzel, wohingegen mir das persönliche Schicksal von Richard viel zu sehr betont wurde. Statt eines taffen Kriminalbeamten hat man ein traumatisiertes Opfer vor sich, das der Polizeiarbeit nicht gewachsen scheint. Weiterhin fand ich die Art der Mordermittlung dilettantisch und unrealistisch. Wie viele Details Richard und sein Kollege, Chefinspektor Paul Marek, vor Zeugen ausplaudern, ist fernab der Realität. Kein Kriminalbeamter würde so offen und scheinbar belanglos über offene Ermittlungen sprechen. Auch dass Richard eine ihm völlig fremde Frau nach München mitnimmt, um diese während der Fahrt zeugenschaftlich zu befragen, fand ich abwegig.
Die Figur Richard Schwarz erscheint nicht uninteressant und auch die beiden Kriminalfälle entwickeln eine gewisse Grundspannung. Letztlich fehlte mir aber eine schlüssige Verbindung der beiden Erzählstränge und fand die Lösung des Falls von zu vielen glücklichen Zufällen geprägt. Nach dem wirklich mitreißenden Prolog - der einzige Teil des Buches, der an einen Thriller erinnerte - hatte ich andere Erwartungen an den Roman. Weniger Gejammer, ein stärkerer Fokus auf die Kriminalfälle und mehr Authentizität bei den Ermittlungen hätten dem Auftaktband der Reihe gutgetan.

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Veröffentlicht am 26.02.2021

Bewegende Familiengeschichte mit vier schicksalhaften Generationen von Frauen im Mikrokosmos der Nordseeinsel Juist

Die vier Gezeiten
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Im Jahr 2008 soll das Familienoberhaupt der auf der Insel Juist alteingesessenen Familie Kießling, Eduard, das Bundesverdienstkreuz erhalten. Während der Vorbereitungen zu seiner Rede erhält die Familie ...

Im Jahr 2008 soll das Familienoberhaupt der auf der Insel Juist alteingesessenen Familie Kießling, Eduard, das Bundesverdienstkreuz erhalten. Während der Vorbereitungen zu seiner Rede erhält die Familie unerwartet Besuch von Helen aus Neuseeland, die Eduards Frau Adda unheimlich ähnlich sieht. Sie behauptet, adoptiert zu sein und aus Deutschland abzustammen und hat ein Foto aus den 1960er-Jahren bei sich, das Adda mit ihren Töchtern zeigt, was ihre Verbindung zur Familie eindeutig belegt. Die Kießlings schweigen zunächst und machen es Helen schwer, herauszufinden, wer ihre Eltern sind.
Adda blickt daraufhin auf ihr Leben zurück - auf ihre Kindheit, in der sie sich so sehr nach der Liebe ihrer Mutter Johanne gesehnt hat, auf ihre unglückliche Liebe und die abrupte Hochzeit mit Eduard, der Weihnachten 1956 in ihrem Hotel de Tiden eincheckte und blieb. Dabei kann sie ihrer Mutter endlich ein Familiengeheimnis entlocken, das ihre Distanziertheit zu Adda erklärt und deckt weitere Parallelen in ihren Leben auf, durch die ihnen ihr Glück verwehrt wurde.

"Die vier Gezeiten" erzählt eine Familiengeschichte, die 1934 beginnt und, ausgelöst durch den Besuch einer Fremden im Juni 2008, in verschiedenen Rückblenden auf die 1950er und 1960er-Jahre geschildert wird. Der Fokus wird dabei im Wesentlichen auf die mittlere Generation der Adda und ihre Beziehung zu ihrer früh verwitweten Mutter Johanne, die das familieneigene Hotel de Tiden aufbaute, und zu ihren vier Töchtern Wanda, Frauke, Thede und Marijke gerichtet.
Dabei steht zwar die Frage im Raum, ob und wer der vier Töchter die Mutter der 1982 geborenen Helen sein könnte, tatsächlich rückt jedoch die Geschichte der Familie Kießling mit ganz anderen, zumeist traurigen Details, in den Vordergrund und die Sprachlosigkeit, die unter den Generationen herrscht.
Dabei ist der Roman empathisch geschildert und liefert durch die Schicksalsschläge, die vor allem Johanne und Adda verarbeiten mussten, allmählich Erklärungen, warum die Frauen sich derart reserviert verhalten und mit welchen Entscheidungen aus der Vergangenheit sie hadern.
Auch wenn das plötzliche Erscheinen der Helen als Auslöser für die Aufarbeitung der Familiengeschichte etwas konstruiert wirkt, konnten mich die schicksalshaften Lebensgeschichten von Johanne und Adda, ihre unglücklichen Lieben und der Verzicht auf das eigene Glück für den Ruf der Familie, fesseln.
Beeindruckend ist auch das Tagebuch der ältesten Tochter Wanda, das sie als Teenager in den 1970er-Jahren geschrieben hat und in welchem sie ganz offen und ehrlich einen kritischen Blick auf ihren Vater Eduard, den "Provinzfürst", wirft, den sie durch ihre ungestüme Art so leidenschaftlich provozieren konnte. Sie träumte von Größerem und wollte sich weder gedanklich noch räumlich einschränken lassen, Grenzen, denen sich ihrer Mutter dagegen aussetzte. Das beklemmende Gefühl des Insellebens, wo jeder jeden kennt und nichts im Verborgenen bleiben kann, wo Abweichler von gesellschaftlichen Normen radikal ausgegrenzt werden und wo Ebbe und Flut so eng miteinander verbunden sind wie Liebe und Tod, ist durch die starken und lebendigen Charaktere, wunderbar nachvollziehbar geschildert.
Neben der fiktiven Geschichte der Kießlings werden auch die ganz realen Probleme der Nordseeinsel wie Umwelt- und Tierschutz, Klimawandel und bezahlbarer Wohnraum thematisiert und mit viel Geschick in den Roman eingebunden.

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