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Veröffentlicht am 05.10.2017

teuflisch gut!

Als der Teufel aus dem Badezimmer kam
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Sophie macht das, was so viele gerne tun würden: etwas mit Medien. Doch ihre Aufträge bei der Zeitung sind zu wenig, die Kosten für das Leben doch stetig. Was also tun, wenn es noch zehn Tage bis zum Monatsende ...

Sophie macht das, was so viele gerne tun würden: etwas mit Medien. Doch ihre Aufträge bei der Zeitung sind zu wenig, die Kosten für das Leben doch stetig. Was also tun, wenn es noch zehn Tage bis zum Monatsende sind und man nur noch 40 Euro hat? Ausharren und ein Buch drüber schreiben.

Wortgewaltig, witzig und vor allem ehrlich erzählt Sophie Divry in „Als der Teufel aus dem Badezimmer kam“ über den Wahnsinn, den man durchlebt, wenn man das Geld bis zum Monatsende [oder länger] zusammen halten muss, jeden Cent umdreht und sich in der Zwickmühle der Sozialhilfe befindet. Denn Sophie will sich eigentlich nicht mit der Situation abfinden, denn sie selbst hat sich immer als eigenständige Künstlerin gesehen, die von ihrem Handwerk, in dem Falle das schreiben, leben kann. Doch die Nachzahlungen müssen überwiesen werden und schon steht sie mit weniger als nichts da. Auf einmal gibt es kein Kaffee beim Spaziergang, keine Schokolade und keine Zeitungen mehr. Stattdessen besucht sie Freunde, versucht sich unauffällig zum Essen einzuladen und ernährt sich zuhause von Brot und Nudeln.

Der Witz und Charme des Buches bestehen hauptsächlich aus Sophies inneren Monologen und ihrer Kreativität mit der schweren Situation umzugehen. Das verpackt in eine stilsichere Sprache, das macht jedem Spaß, nicht nur, wenn der eigene Berufsweg der einer Germanistin ist und man an vielen Stellen nur noch müde lächeln und nicken kann. Divry spielt mit einer Leichtigkeit mit der Sprache, schafft neue Wörter, durchbricht die Regeln jedes Standardromans und gewinnt Seite für Seite Sympathien dazu.
Auch die Aufmachung des Buches, verschobene Textelemente, in sich zusammenfallende Buchstaben – es ist wunderbar gemacht und unterstützt den Roman in seiner eigenen Art. Dabei ist „Als der Teufel aus dem Badezimmer kam“ sicherlich kein einfacher Roman, nicht für jedermann gedacht, aber für Liebhaber von Sprache, Witz und der französischen Leichtigkeit – lest es!

Veröffentlicht am 05.10.2017

Eiskalte Rache

SOG
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Wie soll man richtig handeln, wenn man in einer Zeitkapsel Morddrohungen findet? Die Briefe, Wünsche und Prophezeiungen sind immerhin schon zehn Jahre alt als sie bei Kommissar Huldar auf dem Tisch landen. ...

Wie soll man richtig handeln, wenn man in einer Zeitkapsel Morddrohungen findet? Die Briefe, Wünsche und Prophezeiungen sind immerhin schon zehn Jahre alt als sie bei Kommissar Huldar auf dem Tisch landen. Ignorieren? Ermitteln? Es war doch nur eine Schulaufgabe, in denen Kinder sagen sollten, wie sie sich die Welt in 10 Jahren vorstellen. Doch trotzdem ist die Liste mit Initialen der potentiellen Opfer besorgniserregend und als dann noch in kurzen Abständen zwei schwer entstellte Leichen auftauchen, kann die Polizei nicht anders als alles miteinander zu verknüpfen.
Gekonnt wie eh und je wirft uns Yrsa Sigurdardóttir in die Geschichte von SOG, dem zweiten Teil ihrer neuen Reihe um den Ermittler Huldar und die Kinderpsychologin Freya. Beide noch beruflich angeschlagen dank ihrer abstrusen und nicht ganz konformen Ermittlung des ersten Bandes, stehen nun vor einem neuen Fall, der zu Beginn nicht chaotischer sein könnte. Doch trotzdem ermitteln die Beiden über alle Hürden hinweg, fügen lose Enden zusammen und nicht nur einen Teil ihres Rufs, sondern auch ihrer Beziehung wieder auf. Zwischenmenschlich kriegen wir auch mehr geboten. Huldar nimmt – in gewohnter Manier – jedes Fettnäpfchen mit, Freya hingegen versteht weiterhin viel falsch.
Gewohnt dunkel, kühl und düster – ein typischer Islandkrimi, wie wir ihn spezial von Yrsa Sigurdardóttir gewohnt sind. Ihr Schreibstil ist weiterhin fantastisch, schön rau und schnörkellos. SOG fesselt ab der ersten Seite und lenkt auch gekonnte Krimileser auf deutlich falsche Spuren, so dass das Ende noch sehr lange unerkannt bleibt.
Wer nun – wie ich - Dóra Gudmundsdóttir vermisst, der hat spätestens mit dem zweiten Band Huldar und Freyja als neue Weggefährten gefunden, die zwar unserer Rechtsanwältin nicht das Wasser reichen können, aber auf ihre eigene liebenswerte Weise die Geschichten tragen. Die Reihe hat um die beiden hat sich auch gut weiterentwickelt. DNA war ein solider, angenehmer Krimi, SOG hingegen ist an Spannung und Handlung wesentlich umfangreicher und ausgereifter, so dass die Hoffnung und Erwartung auf den dritten Band direkt steigt.

Veröffentlicht am 04.09.2017

Wenn Götter fallen..

Die Abenteuer des Apollo 1: Das verborgene Orakel
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Wer den Namen Rick Riordan hört und griechische Mythologie mag, der wird direkt an die Jugendbuchreihen „Percy Jackson“ oder „Helden des Olymp“ denken. Seither weiß man, der Mann weiß was er tut: Er kann ...


Wer den Namen Rick Riordan hört und griechische Mythologie mag, der wird direkt an die Jugendbuchreihen „Percy Jackson“ oder „Helden des Olymp“ denken. Seither weiß man, der Mann weiß was er tut: Er kann schreiben, Jugendliche an das Thema alte Geschichte ranführen und dabei so witzig sein, dass man das Buch kaum zur Seite packen kann.
Nun geht es endlich weiter im Universum des modernen Olymps – denn Apollo fällt vom Himmel. Als der Gott der Künste, des Lichts und des Orakels die Gunst seines Vaters verliert, findet er sich schlagartig in menschlicher Form mitten in New York wieder. Ehe er es versieht, muss er auf einmal einer Halbgöttin dienen und kann nichts dagegen tun. Um wieder als Gott anerkannt zu werden, macht er sich auf sein erstes großes Abenteuer in menschlicher Gestalt und ohne große Überheblichkeiten.

Rick Riordan nimmt uns, in seiner neusten Reihe, zusammen mit dem Gott Apollo zurück in die Welt von Percy, Chiron, Leo und Rachel. Alle bekannten Gesichter sind wieder da und seien sie nur als kurze Wegbegleiter da. Ein bisschen ist es wie nach Hause kommen, gute alte Freunde sehen und mit ihnen gemeinsam eine Reise machen. Dass auf der Reise ein Gott seine Kraft verliert und auf einmal gegen Kolosse kämpfen und das Orakel retten muss, das konnte keiner ahnen. Mit der Kraft von Riordans literarischem Geschick sind wir auch direkt wieder in der Geschichte, obwohl einige Charaktere neu dazu kommen. Apollo als Protagonist ist wahnsinnig gut gelungen. Durch sein göttliches Wesen, das schon seit jeher mit zu viel Selbstbewusstsein gesegnet wurde, und seiner Verbannung in einen jugendlichen Teenager entsteht eine grandiose Mischung aus Witz, Zynismus und tragischer Komik. Das gepaart mit Rick Riordans Schreibstil ist eine unschlagbare Kombo, die einen das Buch verschlingen lässt. Auch Meg als neuer Sidekick bringt einen erfrischenden Wind in die Geschichte. Mit ihren Fähigkeiten und ihrer lang ungeklärten Zugehörigkeit ist sie mal so ganz anders als die schon bekannten Wegbestreiter.

Die Geschichte ist – wie auch nicht anders zu erwarten – spannend bis zur letzten Seite, zeitgleich auch jugendbuchgerecht. Das Tempo nimmt direkt Fahrt auf mit Apollos Verbannung und Ankunft bei den Menschen, danach wird es turbulent und ehe man sich versieht, ist man mitgerissen. Der einzige Wermutstropfen. Es ist eine Reihe, was nicht schlimm ist, weil ich mich über Apollos Abenteuer gerne weiter amüsieren möchte, aber es hat auch eins dieser typischen offenen Enden. Nicht so offen, dass tausend Fragen offen sind, aber so, dass man trotzdem ein wenig seufzen muss.

Nichtsdestotrotz ist „Die Abenteuer des Apollo: Das verborgene Orakel“ ein wahnsinnig gelungener Auftakt, der einfach nur Spaß macht. Apollos Sicht aus einem fremden Körper bringt frischen Wind in das Percy-Universum und wer schon ein bekennender Rick Riordan-Fan ist, der wird hier nach definitiv bleiben!

Veröffentlicht am 28.08.2017

Das Ferrante-Fieber ist wieder da!

Die Geschichte der getrennten Wege
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Nach "Meine geniale Freundin" und "Die Geschichte eines neuen Namens" haben sich die Namen der Freundinnen Lila und Elena in unseren Köpfen fest verankert. Wir alle haben Band für Band, Seite um Seite ...

Nach "Meine geniale Freundin" und "Die Geschichte eines neuen Namens" haben sich die Namen der Freundinnen Lila und Elena in unseren Köpfen fest verankert. Wir alle haben Band für Band, Seite um Seite der Geschichte einer Freundschaft gelauscht und uns von Elena Ferrante durch Neapel der 50er und 60er Jahre führen lassen. Wir haben die Schul- und Jugendjahre miterlebt und die ersten Rückschläge mitgefühlt und jetzt geht es endlich weiter. Die "Die Geschichte der getrennten Wege" beginnt mit einer Erinnerung mit der Ferrante uns alle wieder in den Sog holt und schnell anknüpfen lässt.

Schon zwischen den ersten beiden Werken konnte das Gefühl, dass Elena Ferrante keinerlei Probleme hatte, den Leser wieder in die Geschichte zu integrieren, dominieren. Das Gleiche gilt für "Die Geschichte der getrennten Wege". Selten wurde die Naht zwischen verschiedenen Bänden so gut geknüpft, dass ein Einstieg unkompliziert und schnell möglich war. Keine paar Sätze und wir sind schon wieder mitten drin. Wir verfolgen Elenas Wege durch das Erwachsensein. Ein abgeschlossenes Studium, ein veröffentlichtes Buch, "scheinbares" Glück in der Liebe, zwei Kinder. Lila sitzt zeitgleich in Neapel, das Glück keineswegs auf ihrer Seite. Gefangen zwischen Lernen, harter Arbeiten und der Suche nach dem Glück. Doch während die eine sich nach oben arbeitet, scheint die andere, die schon oben ist, mehr und mehr Zweifel an ihrer Situation zu haben und dabei gerät die Freundschaft der beiden wahrlich ins Taumeln.

Trotz viel Politik und teilweise langen Passagen über die Verstrickungen in Neapel, überrascht es keineswegs, dass auch der dritte Teil der neapolitanischen Saga vollkommen überzeugen konnte. Über das Können Ferrantes muss nicht mehr viel gesagt werden. Wer die beiden anderen Romane gelesen hat, der weiß: Die Frau kann schreiben und das auf einem wahrlich hochwertigem literarischen Niveau. Die Seiten fliegen einfach nur so vorbei, während man vollkommen mitfühlt. Jede Gefühlsregung, jedes Wort wird durch Ferrante gewaltig, beladen und bedeutend. Das Buch ist wahnsinnig gut geschrieben verliert aber zeitgleich nicht eine Sekunde die Balance zwischen spannend, interessant und niveauvoll.

Trotzdem ist eine Bewertung keineswegs einfach zu begründen. Aus dem Zusammenhang ist "Die Geschichte der getrennten Wege" ein verdammt gutes Buch, doch ohne die anderen Romane und die, die noch kommen werden, ist es keineswegs so imposant. Reihen kennen wir zu genüge von Thrillern und Jugendbüchern. Doch über mehrere Bücher hinweg, literarisch so angesprochen zu werden, ist selten. Eine Begründung nur für dieses Buch ist daher schwer, wenn sie auch gleich so oder so fünf Sterne lauten wird. Doch nach Beendigung des Werks musste das Gelesene, Erlebte etwas sacken. Denn eigentlich war das Buch schon in der Nacht nach Erhalt des Buches durchgelesen, doch noch nicht verarbeitet. Eine kleine Beklemmung und ein betrübtes Gefühl schlich sich ein, das erst nach ein paar Tagen sich zu dem formte, was es ist: Sehnsucht. "Die Geschichte der getrennten Wege" war atemberaubend und deswegen ist die Sehnsucht jetzt schon groß. Man will dieses Besondere gar nicht so schnell abgeschlossen haben. Wieder ein Stückchen mehr Geschichte, in so kurzer Zeit und damit beginnt wieder der ungemütliche Teil: Warten auf den nächsten Band.

Veröffentlicht am 23.08.2017

Der Blick in dein anderes Leben

Der Brief
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"Was wäre wenn" - diese Frage haben wir uns sicherlich alle schon einmal gestellt. Was wäre, wenn ich damals das Studium abgebrochen hätte? Wenn ich woanders hingezogen wäre? Wenn ich mich für einen anderen ...

"Was wäre wenn" - diese Frage haben wir uns sicherlich alle schon einmal gestellt. Was wäre, wenn ich damals das Studium abgebrochen hätte? Wenn ich woanders hingezogen wäre? Wenn ich mich für einen anderen Partner entschieden hätte? Doch wir bekommen die Antworten nicht darauf.

Marie schon. Eines Tages erhält sie einen Brief ihrer alten Schulfreundin, die über ihren Alltag erzählt. Doch obwohl der Brief an sie adressiert ist, könnte ihr der Inhalt nicht fremder sein. Denn Christine erzählt von einer längst verstorbenen Freundin und angeblich würde Marie in Paris leben. Als sie Christine zur Rede stellt, will diese von dem Brief nichts wissen. Doch dabei bleibt es nicht. Es folgen Briefe, Anrufe, Bilder - Marie scheint ein alternatives Leben in Paris zu führen, das so ganz anders verlaufen ist als das, was sie jetzt lebt. Doch woher kommen diese Briefe?

Das versucht Marie in "Der Brief" von Carolin Hagebölling herauszufinden und reist an ihr unbekannte Orte, erlebt Déjà-vus und trifft auf Menschen, die ihr scheinbar bekannt vorkommen. Durch den kurzweiligen Schreibstil lässt sich Maries Reise durch eine gefühlte Paralellwelt, die voller "Waswärewenns" ist, schnell und flüssig lesen. Der Roman kommt knapper daher und umfasst gerade mal 219 recht groß geschriebene und sehr großzügig formatierte Seiten, die nur zwei Stunden Zeit beansprucht haben, um zwischen Paris und Hamburg umherzupendeln.

Der Einstieg ist schnell gegeben, die Geschichte startet sofort und auf knapp zweihundert Seiten ist leider auch kein Platz für zusätzliche Informationen. Hier liegt leider aber auch der größte Schwachpunkt des Buches. Weder Marie noch Christine noch deren Partner erhalten viele Details. Alles wirkt sehr oberflächlich, so als sei nur das Nötigste schnell zusammengeschrieben wurden. Marie, obwohl wir sie komplett begleiten, keine andere Sicht kennenlernen, wirkt mir am Ende des Buches kein Stück näher, kein bisschen sympathischer oder nachvollziehbarer. Entscheidungen oder Fragen sind viel zu oft viel zu schnell beantwortet. Briefe aus einer alternativen Zukunft? Kein Problem, aufkeimende Panik kommt zu keinem Zeit wirklich richtig rüber.

Dabei hat das Buch wirklich Potential. Marie wäre, mit ein paar Zusatzinformationen, eine formidable Protagonistin gewesen. Victor und Johanna hätten wunderbare Nebenschauplätze sein können. Doch bei keiner Person, bei keinem Ort kam Leidenschaft rüber. Das Ende hingegen hätte noch 50 Seiten mehr verkraften können. Carolin Hagebölling hätte hier etwas weiterspinnen können, die Geschichte dort noch mal aufgreifen. Doch da war das Ende viel zu offen, viel zu viele Fragen noch da. Daher war "Der Brief" leider eine kurzweilige, angenehme Unterhaltung, hinterlässt jedoch keinen bleibenden Eindruck.