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Veröffentlicht am 13.02.2018

Zeldas wunderbarer Erzählstil zeigt die Roaring Twenties und ihre Frauenfiguren wirken absolut bildhaft und lebendig.

Himbeeren mit Sahne im Ritz
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Die Erzählungen führen in die Zeit der Roaring Twenties in New York und damit an den Broadway und in die glamouröse Welt der Tänzerinnen und Schauspielerinnen. Es ist die Rede von starken Frauen, allesamt ...

Die Erzählungen führen in die Zeit der Roaring Twenties in New York und damit an den Broadway und in die glamouröse Welt der Tänzerinnen und Schauspielerinnen. Es ist die Rede von starken Frauen, allesamt Persönlichkeiten, die sich als Frau behaupten und ihre Lebensziele vor Augen haben. Hier gibt es Frauen, die von der Südstaatenprovinz in die weite Welt ziehen wollen oder als eigenständige Frau auf Mann und Kind verzichten und auf den Bühnen dieser Welt Erfolge feiern.


Zelda Fitzgerald (1900-1948) war nicht nur die Lebensgefährtin des amerikanischen Erfolgsschriftstellers F. Scott Fitzgerald (sie heirateten im April 1920 in New York), sondern auch der Inbegriff der modernen Frau. Sie galt als eine der schönsten und lebenshungrigsten Frauen der verrückten 1920er Jahre.

Zelda lebt als Ehefrau von Schriftsteller F. Scott Fitzgerald zur Zeit der Roaring Twenties in New York.
Zeitgenossen beschrieben sie als unkonventionell, lebenshungrig und klug und so kommen auch die Frauen in ihren Bücher rüber. In Wahrheit war Zelda zwar tänzerisch und schriftstellerisch begabt und sehr kreativ, aber auch divenhaft, depressiv und schwierig. Sie war eine ausdrucksstarke Künstlerin mit ganz eigenem Stil. In ihren Erzählungen fängt sie das glitzernde Leben zwischen Partys, Liebe und Selbstverwirklichung ein und zeigt wie Frauen zu der Zeit ihren Weg suchten und gingen. Eigentlich wirken die Schicksale und
Lebenswege wie der Beginn der Emanzipation der Frau, denn alle Frauenfiguren suchen ihren Platz im Leben und das Ziel ihrer Wünsche.

Da ist zum Beispiel Gracie, ein einfaches Mädchen, die den Wunsch hat, aus ihrem Schattendasein hervorzutreten. Wie sie das schafft, hat sie ihrem Verehrer zu verdanken. Eine Geschichte, die belustigt und überrascht.
Oder aber "Das Südstaatenmädchen": eine schöne Geschichte, die das Flair und die Hitze der Gegend toll wiedergibt.

Es gelingt Zelda Fitzgerald mit wohlformulierten Sätzen, atmosphärische Stimmungen und genaue Beschreibungen fast bildhaft werden zu lassen. Hier ist ein beeindruckendes Beispiel:

Zitat Seite134:
"Dann unternahmen Miss Ella und... ihre nachmittägliche Spazierfahrt und überließen die süße, laue Brise des alten Gartens den duftenden Büschen, den Glühwürmchen und den Spinnen, die im Buchsbaum ihre Netze webten, den Grillen, die ihre Luftsaiten für das nächtliche Konzert stimmten, und drei verträumten Kindern, die jeden Nachmittag darauf warteten, dass die Kutsche verschwand und sie sich daranmachen konnten, die Gartenmauer an ihrer höchsten Stellen zu erklimmen."

Dennoch konnten mich nicht alle Erzählungen überzeugen.

Wer sich für diese Zeit interessiert und in schönen Geschichten vom Braodway-Leben schwelgen möchte, für den ist dieses Buch ein besonderes Leseerlebnis.

Veröffentlicht am 13.02.2018

Eine berührende, quirlige Coming of age Geschichte!

Brüder für immer
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Das Buch "Brüder für immer" spielt in den Jahren 1925 bis 1937 und handelt von der weltoffenen und exzentrischen Künstlerfamilie Bell.

Dieses Buch liest sich wunderbar, es ist aus der Sicht von Quentin ...

Das Buch "Brüder für immer" spielt in den Jahren 1925 bis 1937 und handelt von der weltoffenen und exzentrischen Künstlerfamilie Bell.

Dieses Buch liest sich wunderbar, es ist aus der Sicht von Quentin geschrieben. Seine Eltern leben getrennt, haben neue Partner und sind Künstler. Das Leben ist daher immer bunt und quirlig.

Quentins bester Freund ist sein Bruder Julian. Mit ihrer Schwester Angelica lebten sie in einem speziellen Künstlerhaushalt im Charleston Haus und verbrachten dort eine schöne Kindheit. Ihre Familie war anders, denn ihre Mutter Vanessa, eine Malerin, lebte mit ihrem Maler-Freund Duncan Grant zusammen. Ihr Vater kam regelmäßig mit wechselnden Freundinnen in Sussex zu Besuch. Es zeigt die legendäre Bloomsbury Group, zu der die Bells zählten.

Quentin ist der Ich-Erzähler der Coming of Age-Geschichte, die fiktiv ist, sich aber auf wahre Begebenheiten stützt. Er beschreibt seine Kindheit und seine Beziehung zu seinem größeren Bruder und das Familienleben in dieser Wohngemeinschaft von Künstlern. Man erfährt, dass sich Quentins Eltern und auch Duncan der Bloomsbury Group anschlossen. In diesem Haushalt lebte der freie Geist von Künstlern, denen bürgerliche Gedanken fremd waren. Die Brüder sind recht unterschiedlich, während Quentin eher ein ängstliches Kind ist, hat Julian schon früh eine eigene Meinung. Die enge Freundschaft der Brüder endet als Julian für sich ein eigenes Zimmer fordert und sich für Politik interessiert. Später wird er ideologisch vom Kommunismus angezogen und zieht in den spanischen Bürgerkrieg.
Im Falle seines Todes soll Quentin ein Buch über Julian schreiben. Das vorliegende Buch zeigt die Entwicklung der Brüder und ist für Kinder ab 12 Jahren ausgelobt. Mit dieser Altersangabe habe ich mich erst schwer getan, denn dieses Buch ist nur mit dem politischen Hintergrund zu verstehen. Aber Quentins Schilderungen machen sicher jedem jungen Menschen bewusst, wie Krieg und Familienleben Menschen beeinflussen können. Und darum geht es hier.

"Alice ist schuld daran, dass ich beschlossen habe, Schriftsteller zu werden", ... Zitat Seite 220

Das Buch "Alice im Wunderland" meint Julian damit und beim Schreiben seiner Familienzeitungen zeigt er schon früh Interesse für die Schriftstellerei. Seine Tante Virginia Woolf fördert ihn mit guten Ratschlägen.

"Lies alles, was du in die Finger kriegst. Ein Schriftsteller muss lesen und andere Schriftsteller studieren. " Seite 129


Besonders die Kindheit wird hier wunderschön geschildert. Die Brüder dürfen ein eigenes Schwein halten, das jährlich durch ein neues Ferkel ersetzt wird. Sie haben ein Baumhaus, stromern durch die Gegend und leben in einer Kommune, die für andere Künstler die Türen offen hält. Den seltsamen Lebenstil und besonders die Beziehungen der Männer und Frauen des Künstlerhaushaltes sind für die Dorfbewohner nicht nachvollziehbar. Daher fehlt den Kindern der Bells der Kontakt mit Dorfkindern und sie erleben dafür Künstler und beschäftigen sich früh mit Malerei, Literatur und Musik und lernen die Kunstszene von klein auf kennen. Die familiäre Idylle platzt schliesslich als Julian ein Familiengeheimnis aufdeckt.

Politische Themen sind in dieser Familie kein Tabu, sie werden mit den Kindern besprochen, gerade das macht dieses Buch für Heranwachsende so lehrreich. So werden die Themen amerikanischer Börsencrash, Faschismus in Deutschland und Italien, Kommunismus und Anarchismus verständlich erklärt. Doch dann gibt es ein einschneidendes Erlebnis, als Julian für seine kommunistischen Ideale in den spanischen Bürgerkrieg zieht. Seine Familie steht dem ablehnend gegenüber, ihre pazifistische Grundhaltung hat sich nicht auf Julian ausgewirkt.

Dieses Buch ist durch die Kindersicht durchaus für Kinder geeignet, aber auch für Erwachsene interessant. Neben dem Erwachsen-werden von Quentin beherrscht das Leben der 30 er Jahre die Handlung, man erlebt die Bloomsbury Group und gleichzeitig werden politische Ideologien verständlich erklärt.

Veröffentlicht am 13.02.2018

Fantasievoll, witzig, schreibgewandt, skurril, unterhaltsam, wissenschaftlich, aber ab der Mitte mit einigen Längen!

Die Analphabetin, die rechnen konnte
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Jonasson beginnt seine Geschichte im Apartheidsystem Südafrikas. Wir begleiten die junge Nombeko, die dank einer Hochbegabung ein Rechengenie ist und dank ihrer harten Lehre im Slum eine Kämpferin wurde ...

Jonasson beginnt seine Geschichte im Apartheidsystem Südafrikas. Wir begleiten die junge Nombeko, die dank einer Hochbegabung ein Rechengenie ist und dank ihrer harten Lehre im Slum eine Kämpferin wurde und so ohne Zugang zu Bildung trotzdem Lesen und Schreiben lernte, außerdem noch Chinesisch und Atomphysik. Nach einem Unfall arbeitet sie als Putzfrau beim Chef der südafrikanischen Atombehörde und eignet sich das nötige Fachwissen an. Schliesslich kommt sie illegal nach Schweden, im Gepäck eine von den Behörden unbekannte Atombombe. Doch Nombeko weiß sich zu helfen.

Ihr Ehrgeiz und ihr Kämpfergeist ist weiterhin ungebrochen und so lernt sie Holger 2 kennen, ihre Liebe des Lebens und gemeinsam erleben sie einige Abenteuer, die sie bis auf höchstes politisches Parkett bringt.
Inhaltlich zeigt Jonasson hier einerseits die Kritik an der Apartheid und andererseits zeigt er die Problematik der Gefahr durch Atomwaffen und deren politische Machthaber.
Mit seinen vielen skurrilen Figuren weiß er gut zu unterhalten. Nombeko ist zwar Putzfrau, hat aber politische Einflussnahme und ist den Mächtigen der Weltpolitik überlegen. Es wird hier sehr deutlich, wie sehr menschliche Marionetten im politischen Getriebe wirken können.
Ich habe mich wirklich gut unterhalten gefühlt. Das Buch war zwar völlig abstrus, aber auch sehr witzig und durch die tolle Mischung aus
Absurditäten und Weltgeschichte wirkte es auf mich wie eine Humoreske.
Es ist zwar eine völlig irreale Geschichte, aber dennoch zeigen die Themenrealen und aktuellen Bezug und man erlebt die Kritik am Wettrüsten, an der Apartheid und politischen Machenschaften im Allgemeinen hier sehr deutlich.

Der Autor kann toll schreiben, ohne Frage! Wie er fast
beiläufig politische Themen und die kritische Sicht auf die Apartheidspolitik verbindet, ist sensationell. Dabei legt er mit viel Witz eine Geschichte hin, die seinesgleichen sucht.

Mit den skurrilen Figuren, den unglaublichen Ideen und den unerwarteten Wendungen hat mich der Roman wirklich mitgerissen. Ab der Mitte des Buches hatte er jedoch einige Längen. Vielleicht haben auch die unerhört vielen absurden Situationen bei mir auch zu einer Art Reizüberflutung geführt. Es waren zum Teil die politischen Themen, die sich um Mossad-Geheimdienst und Apartheid drehen und dann noch die allgegenwärtige Atombombe im Gepäck. Da geht einem als Leser fast die Puste aus. Doch man sollte weiter lesen, das Unrealistische ausblenden und dann bringt ein spannendes Ende das Buch wieder ins rechte Lot.


Dieses Buch hat mit seiner unglaublich absurden Handlung und der humorvollen Erzählweise eine fesselnde Wirkung auf mich gehabt. Dabei war für mich der Erzählstil Neuland und hat mich überrascht. Die kritischen Untertöne finde ich gelungen.
Von der Latrine zur Weltpolitik könnte der Lehrsatz des Romans heißen!

Veröffentlicht am 13.02.2018

Ein fesselnder Plot, eine engagierte Detektivin und ein tragischer Fall sorgen für beste Krimiunterhaltung!

Das vermisste Mädchen
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ACHTUNG: Rezension enthält Spoiler



Helena ist bei diesem Fall sehr engagiert, nicht nur das Schicksal der kleinen Tshala liegt ihr am Herzen, ihren ersten Fall möchte sie auch erfolgreich zu Ende ...

ACHTUNG: Rezension enthält Spoiler



Helena ist bei diesem Fall sehr engagiert, nicht nur das Schicksal der kleinen Tshala liegt ihr am Herzen, ihren ersten Fall möchte sie auch erfolgreich zu Ende bringen. Dabei muss sie ihre finanziellen Forderungen wohl sehr zurückschrauben, die afrikanische Flüchtlingsfamilie hat kein Geld.
Helenas Mann rät ihr von diesem Fall ab, doch damit stösst er bei ihr auf Granit. Sie stürzt sich in die Ermittlungen, macht Boxtraining und kommt selbst in Gefahr.
Diese Art von Ermittlerinnen machen Krimis so fesselnd und lassen den Leser das Buch in einem Rutsch durchlesen.

Bettina Lausen hat hier eine aktionsreiche Figur geschaffen und den Plot in einen brisanten Kontext gestellt.
Ihr Schreibstil ist flüssig und führt durch wechselnde Perspektiven für Spannungsaufbau. Man ist schnell in der Handlung gefangen und erlebt mit der Detektivin ihren ersten Fall hautnah mit und hofft auf einen guten Ausgang der Geschichte. Die Verzweiflung und Angst der Familie um das verschwundene Kind sind spürbar. Schnell laufen die Ermittlungen in die rechtsradikale Szene, die es wohl auch im Sauerland gibt.
Das Verschwinden von Kindern geht mir immer sehr nah.
Der eigentliche Fall ist jedoch ein ganz anderer. Vordergründig geht es um das Verschwinden, dahinter verbirgt sich jedoch ein Schicksal, wie es vielen afrikanischen Mädchen droht, die entsetzliche Absicht der Genitalverstümmelung durch ihre engsten Angehörigen.

Dieser Krimi enthüllt eine tragische Tradition, die mich sehr entsetzt. Besonders wenn man bedenkt, dass jährlich laut World Health Organization in Deutschland circa 5000 Mädchen diesem Ritual ausgesetzt werden. Ein Verbrechen, das hierzulande strafbar ist, aber selten von den Betroffenen angezeigt wird. Sie müssten ihre eigenen Eltern belasten.
Mit der Aufnahme von fremden Kulturen kommen auch für uns fremde Tradtionen ins Land, die nicht nur abartig erscheinen, sondern auch mit allen Mitteln des Gesetzes bekämpft werden müssen.

Dieser Krimi hat mich tief bewegt und mit Helena ist genau die richtige Ermittlerheldin gefunden worden. Ein fesselndes Debüt mit einem brisanten Thema.

Veröffentlicht am 13.02.2018

Dieser Krimi ist actionreich und etwas slapstickhaft

Veilchens Blut
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Valerie soll sich eigentlich von den schweren Folgen ihres Schädel-Hirn-Traumas erholen, doch das erste Lebenszeichen ihrer Tochter verleitet sie zu einer Flucht aus der Klinik. Das ist wieder einmal typisch ...

Valerie soll sich eigentlich von den schweren Folgen ihres Schädel-Hirn-Traumas erholen, doch das erste Lebenszeichen ihrer Tochter verleitet sie zu einer Flucht aus der Klinik. Das ist wieder einmal typisch für sie. Doch die Wiedersehensfreude ist getrübt, denn ihrer Tochter, die wirklich mit allen Wassern gewaschen ist, ist die Mafia auf den Fersen. Kein Problem für Veilchen, nimmt sie einfach mit ihrer Tochter reißaus und wird daraufhin als mutmaßliche Entführerin von ihren eigenen Kollegen verfolgt.

Es sind wieder alte Bekannte ins Geschehen eingebaut, so sind Stolwerk und auch Sandro Weiler wieder mit dabei als treuer Freund und Helfer. Kollege Schmatz hält auch nach dem polizeilichen Verdacht zu Valerie und findet großen Gefallen an Luna.

Mir hat die Charakterisierung der Luna sehr gefallen. Sie spricht in rudimentärer Gossensprache, kifft und ist wirklich durchgeknallt, aber als engagierte Tierschützerin hat sie ein Herz für Tiere. Nicht so sehr für ihre leibliche Mutter. Doch das gilt abzuwarten, schliesslich haben sie sich seit der Adoption vor 24 jahren zum ersten Mal getroffen.

Die Handlung dieses Buches ist sehr rasant und es kommt zu vielen gefährlichen Situationen und Verfolgungsjagden, bei denen um Leben und Tod geht. Dennoch erscheint vor meinem inneren Auge eher ein heilloses Durcheinander, bei dem ich jedoch viel lachen konnte. Von dröger Ermittlung und stupider Tätersuche ist in dieser Krimihandlung nichts zu merken.

Man erlebt hautnah einen außergewöhnlichen Alpenkrimi nach Westernart mit.

Es geht dabei allerdings einfach zu spektakulär nach Art eines Comics zur Sache. Zeitweise sieht man vor dem Alpenpanorama sogar einen exotischen Tierzug vorbeiziehen, was natürlich Luna zu verdanken ist. Das Ganze wirkt zwar humorvoll und eindrucksvoll, aber es lenkt auch von dem eigentlichen Krimi ab.

Mir raucht der Kopf von der vielen Aktion. Es ist mir zu viel Hektik und Durcheinander und das mag zwar in Filmen toll wirken, aber hier ist es doch zuviel des Guten.

Joe Fischler hat in seinem dritten Band die Gesetze des Krimis neu geschrieben. Man sollte nicht auf das gleiche Schema der Vorgängerbände hoffen. Für diesen Überraschungseffekt gebe ich 4 Sterne.


Bei diesem Band sollte man viel Action und den Hang zu Slapstick mögen, dann findet man hier die richtige Lektüre. Ein wenig durchgeknallt, aber mal ganz anders als die üblichen Krimis.