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Veröffentlicht am 09.06.2024

Ein fesselnder Roman mit dreidimensionalen Figuren

Bis aufs Blut
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Inhalt: Billy Lowe lebt in einem Trailerpark in einer abgeschiedenen Stadt in den Ozarks. Seine Mutter ist alkoholabhängig, sein Stiefvater gewalttätig. Billys einziger Ausgleich ist das Footballspielen ...

Inhalt: Billy Lowe lebt in einem Trailerpark in einer abgeschiedenen Stadt in den Ozarks. Seine Mutter ist alkoholabhängig, sein Stiefvater gewalttätig. Billys einziger Ausgleich ist das Footballspielen – worin er auch sehr gut ist. Allerdings ist er unberechenbar und entlädt seine angestaute Wut gleichermaßen auf Gegner wie Mitspieler. Für das Team ist Billy daher eigentlich kaum tragbar – hätte die Schule durch ihn nicht das erste Mal seit Jahren die Chance, die Play-offs zu gewinnen. Der junge Coach Trent Powers, dessen Vergangenheit ebenfalls nicht glatt verlief, will sich Billy annehmen – doch dann wird Billys Stiefvater tot aufgefunden…

Persönliche Meinung: „Bis aufs Blut“ ist ein Thriller mit Coming of Age-Elementen von Eli Cranor. Erzählt wird der Roman aus zwei Hauptperspektiven: Billy, der aus Ich-Perspektive erzählt, und die personale Erzählweise Trent Powers'. Eine Besonderheit des Romans ist die sprachliche Varietät, die sich besonders in Billys Kapiteln zeigt: Billy redet roh, abgehakt und dialektgefärbt, wodurch er sich von den anderen Figuren abhebt (wie sich dies im Original ausgestaltet, kann ich nicht beurteilen; die Übersetzung ist allerdings insofern gut gelungen, als dass sie die sprachliche Varietät greifbar hervorhebt). Roh ist auch die Handlung von „Bis aufs Blut“: Der Handlungsort „Trailerpark“ ist trostlos, seine Bewohner hoffnungslos, mit einem Hang zum Alkohol und zur Gewalt. In dieser Lebenswelt versucht sich Billy – wortwörtlich – durchzuschlagen, wobei der weitere Verlauf der Handlung zeigt, dass Schwarz-weiß-Einordnungen hier fehl am Platze sind. Generell ist eine große Stärke des Romans, dass die Figuren nicht einfach nur „gut“ oder „böse“ sind, sondern immer Schattierungen aufweisen, wodurch sie lebensnaher wirken. Stellenweise hat man während der Lektüre daher den Eindruck, ein Sittengemälde der amerikanischen Unter- und Mittelschicht zu lesen (was mir sehr gefallen hat). Dazu gesellen sich Coming of Age-Elemente. Denn: Billy erhält durch eine Figur, deren Identität ich hier nicht spoilern möchte, die Gelegenheit, sich zu ändern. Trotz allem ist der Roman aber vordergründig ein Thriller: So ist die Atmosphäre des Romans permanent bedrohlich (nicht nur für Billy). Zudem wird dadurch Spannung erzeugt, dass bis zuletzt offen ist, wer Billys Stiefvater ermordet hat (hierfür gibt es drei potentielle Täter, die alle aus unterschiedlichen Gründen Erinnerungslücken besitzen). Insgesamt ist „Bis aufs Blut“ ein Roman, der sich wie ein Rausch liest – mit einem Protagonisten, der wie eine Naturgewalt auftritt.

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Veröffentlicht am 04.04.2024

Schräge Kurzgeschichten mit einer Portion Gesellschaftskritik

Minihorror
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„Minihorror“ ist ein Kurzgeschichtenband von Barbi Marković, in dem der „Horror“ des Alltags behandelt wird. Hauptfiguren der Geschichten sind Mini und ihr Partner Miki, die gemeinsam das Leben des Mittelstandes ...

„Minihorror“ ist ein Kurzgeschichtenband von Barbi Marković, in dem der „Horror“ des Alltags behandelt wird. Hauptfiguren der Geschichten sind Mini und ihr Partner Miki, die gemeinsam das Leben des Mittelstandes meistern: So begleitet man die beiden während der Lektüre u. a. auf Familienbesuche, die nicht ganz konfliktfrei verlaufen, auf Urlaubsreisen, die einen ganz spezifischen Druck ausüben, bei alltäglichen Routinen mit ihren eigenen Schrecken, beim Durchdenken von Zukunftssorgen oder beim Erleben des Arbeitsstresses. Die Geschichten, die z. T. einige wenige Seiten umfassen, sind episodenhaft und folgen keiner strikten Chronologie, sodass man sie nicht unbedingt in der abgedruckten Reihenfolge lesen muss. Geeint werden alle Geschichten durch ihre Skurrilität: Sie sind – mal mehr, mal weniger – abgedreht und neigen ins Phantastische. So kann es auch mal sein, dass Mini und Miki in ihrem Alltagshorror auf Monster treffen; vielleicht sterben sie auch das ein oder andere Mal, um im Alltagstrott des nächsten Tages wieder aufzuerstehen. Erzählt werden diese Geschichten lakonisch-distanziert, zugleich allerdings mit einem Augenzwinkern. Trotz aller Schrägheit sind die Situationen, die in den Geschichten beschrieben werden, von der Wirklichkeit inspiriert und daher in irgendeiner Form nachvollziehbar, sodass sich außerdem in „Minihorror“ eine gehörige Portion Gesellschaftskritik findet. Insgesamt ist „Minihorror“ ein flüssig zu lesender Band mit schrägen Kurzgeschichten, die humorvoll den Schrecken des Alltags einfangen.

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Veröffentlicht am 09.03.2024

Ein stimmiger dritter Band

Der Konzern
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Inhalt: Der Skandal um die BWG-Bank zieht weiter Kreise: Die Bank scheint eine zentrale Rolle in einem vor Jahrzehnten ausgeklügelten Plan zu spielen, der die Altersversorgung von Millionen von Deutschen ...

Inhalt: Der Skandal um die BWG-Bank zieht weiter Kreise: Die Bank scheint eine zentrale Rolle in einem vor Jahrzehnten ausgeklügelten Plan zu spielen, der die Altersversorgung von Millionen von Deutschen betrifft. Nachdem Laura Jacobs die Bank bereits zwei Mal gerettet hat, wenden sich auch dieses Mal ihre Vorgesetzten an sie, die Bank wieder in ruhiges Fahrwasser zu lenken. Doch die Finanzwelt hat ganz eigene Fallstricke – was Laura bald (erneut) zu spüren bekommt…

Persönliche Meinung: „Der Konzern“ ist ein Finanzthriller von Veit Etzold. Es handelt sich – nach „Die Filiale“ und „Die Zentrale“ – um den dritten Band der Laura Jacobs-Reihe, die sich um die gleichnamige junge Bankerin dreht. Da die einzelnen Bände aufeinander aufbauen und einige Figuren bandübergreifend wichtig sind, ist es sinnvoll, die Reihe chronologisch zu lesen. Erzählt wird „Der Konzern“ – wie schon die Vorgänger – meist aus der personalen Perspektive Lauras, die sich von Band zu Band weiterentwickelt. Wie der Titel des Thrillers bereits ankündigt, ist der Antagonist des Romans eher das System, wobei es hier verstärkt ein Gesicht bekommt. Auch sollte man sich vor der Lektüre darauf einstellen, dass man erneut vergleichsweise tief in die Finanzwelt (inklusive Fachsprache und systemspezifische Prozesse) eintaucht. Dies erfolgt aber so anschaulich und informativ, dass die Lektüre nicht trocken ist. Kurze Kapitel und häufige Perspektivwechsel sorgen außerdem für ein rasantes Tempo, sodass man insgesamt durch die Seiten von „Der Konzern“ fliegt. Die Handlung ist spannend konstruiert und weist einige Twists auf, durch die man bereits aus den Vorgängerbänden Bekanntes aus einer anderen Perspektive sieht. Der Schreibstil von Veit Etzold ist angenehm und lässt sich flüssig lesen. Insgesamt ist „Der Konzern“ ein stimmiger und spannender dritter Teil der Reihe um Laura Jacobs.

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Veröffentlicht am 03.03.2024

Ein fesselnder Thriller, dessen Auflösung mich nicht vollends überzeugen konnte

Enigmas Schweigen
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Inhalt: Die Notrufzentrale der Polizei erhält einen verstörenden Anruf: Eine Frau, die gemeinsam mit ihrer Familie auf einem abgelegenen Bauernhof wohnt, berichtet von einem Mann, der – bei strömendem ...

Inhalt: Die Notrufzentrale der Polizei erhält einen verstörenden Anruf: Eine Frau, die gemeinsam mit ihrer Familie auf einem abgelegenen Bauernhof wohnt, berichtet von einem Mann, der – bei strömendem Regen – regungslos auf den starrt Hof. Als mit etwas Verspätung ein Streifenwagen an dem Bauernhof ankommt, findet der Polizeibeamte Unmengen Blut – aber keine Leiche(n). Die Ermittler sind ratlos, sodass sich die Leiterin der Polizeidienststelle dazu entscheidet, eine Kollegin hinzuzuziehen, die eigentlich den Ermittlerjob an den Nagel gehängt hat: Mila Vasquez.

Persönliche Meinung: „Enigmas Schweigen“ ist ein Thriller von Donato Carrisi. Es handelt sich um den vierten Band der Reihe um die Ermittlerin Mila Vasquez. Der Thriller ist allerdings so konzipiert, dass man ihn auch ohne Kenntnis der Vorgänger lesen kann. Erzählt wird der Thriller aus der personalen Perspektive von Mila (Mila ist gefühlsblind, was eigentlich ein spannendes und individuelles Merkmal für eine Ermittlerfigur ist; in „Enigmas Schweigen“ hat man allerdings teilweise den Eindruck, dass die Gefühlsblindheit nicht konsequent umgesetzt worden ist). Zur Handlung selbst möchte ich, zwecks Spoilergefahr, gar nicht zu viel vorwegnehmen. Nur: Im Fokus der Handlung steht ein Computerspiel, das Auswirkungen auf die Realität hat. „Enigmas Schweigen“ hat dadurch Vibes von „Erebos“ – allerdings ist der Thriller insgesamt vertrackter, blutiger und erwachsener als der Jugendroman. Die Spannungskurve von „Enigmas Schweigen“ ist wirklich hoch: Eine nicht erwartbare Aufdeckung jagt die nächste, sodass eine verschachtelte, doppelbödige Handlung entsteht und Fiktion und Wirklichkeit innerhalb des Thrillers verschwimmen. Einziger Wermutstropfen an dieser ansonsten unglaublich spannenden und fesselnden Handlung: das Ende. Hier werden auf knapp 10 Seiten einige Enthüllungen zusammengedrängt, die – aufgrund fehlender Erklärungen – die Lesenden eher weiter ver- als die Handlung entwirren. (Ich habe das Ende mehrfach gelesen, sehe darin aber trotzdem keine stimmige und logische Aufklärung des Geschehenen). Der Schreibstil von Donato Carrisi ist fesselnd, anschaulich und lässt sich sehr flüssig lesen. Insgesamt ist „Enigmas Schweigen“ ein komplexer, hochspannender Thriller, dessen Ende mich allerdings nicht vollends überzeugen konnte.

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Veröffentlicht am 29.02.2024

Ein spannender Whodunnit-Thriller

Waiseninsel
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Inhalt: Nach einem unschönen Zwischenfall wird die Kriminalkommissarin Jessica Niemi suspendiert. Bis die Wogen geglättet sind, zieht sich Jessica auf einen Gasthof, einsam auf einer kleinen Åland-Insel ...

Inhalt: Nach einem unschönen Zwischenfall wird die Kriminalkommissarin Jessica Niemi suspendiert. Bis die Wogen geglättet sind, zieht sich Jessica auf einen Gasthof, einsam auf einer kleinen Åland-Insel gelegen, zurück. Dort wird sie Zeugin einer langjährigen Tradition. Eine kleine Gruppe älterer Menschen besucht alljährlich die Insel, um an die gemeinsame Vergangenheit zu erinnern: Als Kinder mussten sie während des Krieges aus Finnland fliehen und lebten in einem Waisenhaus auf der Insel. Doch das Treffen endet tragisch: Eine Frau aus der Gruppe wird ermordet – und die Täterin scheint eine lokale Legende zu sein: „das Mädchen im blauen Mantel“, das schon mehrere Opfer gefordert haben soll…

Persönliche Meinung: „Waiseninsel“ ist ein Thriller von Max Seeck. Es handelt sich um den vierten Band der Jessica-Niemi-Reihe. Allerdings kann man „Waiseninsel“ auch ohne Kenntnis der Vorgänger lesen, da die Handlung weitgehend in sich geschlossen ist. Erzählt wird der Thriller aus mehreren personalen Perspektiven, wobei Jessicas Perspektive den Fixpunkt bildet (die anderen Perspektiven sollen an dieser Stelle nicht gespoilert werden). Die Handlung folgt der Struktur eines klassischen Whodunnit-Krimis: Eine Person wird auf einer abgeschotteten Insel ermordet, die Zahl der potentiellen Täter*innen ist begrenzt; die Frage nach dem „Wer?“ wird von Jessica untersucht, die (unfreiwillig) in die Rolle der Ermittlerfigur rutscht. Die Handlung beginnt eher behutsam, steigert sich dann aber – auch spannungstechnisch – stetig. Für Spannung sorgen dabei mehrere Aspekte: Einerseits sind viele der auf der Insel gastierenden Figuren nicht das, was sie zu sein scheinen, andererseits bringt das rätselhafte „Mädchen im blauen Mantel“ eine gehörige Portion Mystery in den Thriller. Zudem finden sich mehrmals durchdachte falsche Fährten, die einen beim Lesen in die Irre führen. Auch das Ende des Thrillers hat mir gefallen, da hier schön mit den Theorien der Lesenden gespielt wird: Man denkt, man hat des Rätsels Lösung gefunden, doch letztlich ist einiges anders, als man denkt. Der Schreibstil von Max Seeck hat einen lakonischen Ton, lässt sich insgesamt aber sehr flüssig lesen. Zusätzlich sorgen eher kurze Kapitel für eine flotte Handlung. Insgesamt ist „Waiseninsel“ ein spannender Thriller mit einem sehr überraschenden Ende.

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