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Veröffentlicht am 19.05.2025

Pageturner voller Überraschungen

Der dunkle Sommer
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Vera Buck hat wieder einen Pageturner geschrieben. Ich habe dieses Buch in einem Rutsch gelesen, wer damit anfängt, kann es nicht mehr weglegen. Was finstere Geschichte!

Die Verbrechen, die hier passieren, ...

Vera Buck hat wieder einen Pageturner geschrieben. Ich habe dieses Buch in einem Rutsch gelesen, wer damit anfängt, kann es nicht mehr weglegen. Was finstere Geschichte!

Die Verbrechen, die hier passieren, sind so abwegig, dass ich nie auf die Idee gekommen wäre, dass es so etwas geben könnte. Aber, wie Vera Buck in ihrem Nachwort erklärt, beruht das Buch sogar auf einer wahren Geschichte. Es geht um ein Geisterdorf in Sardinien, ein verlassener Ort, in dem man ein heruntergekommenes Haus für einen Euro kaufen kann. Niemand lebt dort, als Tilda genau das tut. Für sie ist der Ort perfekt, sie möchte am besten gar keine Menschen treffen. Warum dieser Ort ein Geisterdorf ist, erfährt man nach und nach. In den 80er Jahren muss in Tildas Haus ein Massaker stattgefunden haben. Hat das das Dorf komplett ausgelöscht?

In Rückblenden erfährt man von Franca, die damals dort gelebt hat und nach und nach kristallisiert sich ein unglaubliche Geschichte heraus, über die ich hier noch nicht einmal Andeutungen machen möchte. Dieses Buch ist ein wahrer Überraschungspotpourri. Immer wieder werden vermeintliche Erkenntnisse durch neue Informationen kaltgestellt.

Dieses Buch ist ein Ausflug in eine der finstersten Ecken Italiens. Es erzählt eine ganz unglaubliche Familiengeschichte und von absurden Verbrechen, die fast schon zu Traditionen wurden. Es ist spannend, überraschend und tatsächlich auch noch aufschlussreich.

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Veröffentlicht am 14.05.2025

Vom Leben am Fabelstrand

Ósmann
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Bücher von Joachim B. Schmidt sind immer besonders. Dieses ist besonders besonders.

Es erzählt die Geschichte eines Fährmanns, den es wirklich gab. Jón Magnússon lebte um 1900 herum und transportierte ...

Bücher von Joachim B. Schmidt sind immer besonders. Dieses ist besonders besonders.

Es erzählt die Geschichte eines Fährmanns, den es wirklich gab. Jón Magnússon lebte um 1900 herum und transportierte die Menschen über den Ós, einen Fjord im Norden Islands, mit seiner Seilfähre. Er wurde der Ósmann genannt, war ein Unikum, ein Riese, der Geschichten erzählte, Gedichte schrieb und am Fabelstrand eine Hütte hatte, in der er Reisende versorgte oder mit seinen Freunden trank.

In Episoden quer durch die Zeit wird hier sein ganzes Leben erzählt und gleichzeitig ganz viel ursprüngliches Island ausgebreitet, wo es eisig werden kann, wo man Robben fängt, Lieder singt, naturnah mit uralten Geistern lebt. Ósmann ist immer freundlich zu jedermann, aber auch sehr empfindsam. Er erlebt Schicksalsschläge, die ihn oft einholen, wenn er allein ist. Eiskalter Wind und tiefe Melancholie sind allgegenwärtig.

Joachim B. Schmidt schreibt wunderbar, seine Sprache hat eine ganz eigene Poesie, knorrigen Humor, der liebevoll und treffend seine Figuren lebendig macht. Das Lesen macht großen Spaß und trifft direkt ins Herz. Am Ende bleibt kein Auge trocken.

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Veröffentlicht am 05.05.2025

Eher oberflächliche Gesellschaftsanalyse in schönem Erzählstil

Coast Road
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Für dieses Buch wurde Alan Murrin ausgezeichnet als »Newcomer of the Year« bei den Irish Book Awards 2024, das lässt aufmerken, genau wie all die begeisterten Rezensionen zu diesem Buch. Meins war es leider ...

Für dieses Buch wurde Alan Murrin ausgezeichnet als »Newcomer of the Year« bei den Irish Book Awards 2024, das lässt aufmerken, genau wie all die begeisterten Rezensionen zu diesem Buch. Meins war es leider nicht so.

Hier weiß man lange kaum worum es eigentlich geht. In einer irischen Kleinstadt in den 90ern leben verschiedene unglückliche Frauen, die man gründlich vorgestellt bekommt. Dolores Mullen ist schon wieder schwanger, dabei sieht sich ihr Mann lieber in der Nachbarschaft um. Izzy Keaveney möchte den Blumenladen zurückbekommen, dessen Pachtvertrag ihr Mann über ihren Kopf hinweg gekündigt hat. Und Colette Crowley ist der Skandal der Saison. Sie hatte ihre Familie für eine Affaire verlassen und ist zurückgekommen. Colette ist Schriftstellerin, Künstlerpack mit Allüren, das kennt man ja, die Gerüchteküche brodelt. Warum trifft sich eigentlich Izzy dauernd mit dem Pfarrer?

Man bekommt ein ausführliches Wer-mit-wem-und-warum erzählt, das grundsätzlich schön erzählt ist und den Mief der 90er mit irisch-katholischer Borniertheit plastisch demonstriert. Leider bleiben die Figuren dabei blass und schaffen es kaum, ihr Klischee zu verlassen. Von Izzy wird zum Beispiel öfter mal gesagt, sie wäre witzig. Sie macht allerdings im ganzen Buch keine einzige witzige Bemerkung. Man muss es als gegeben hinnehmen und erlebt es nicht mit.

Die Kinder pubertieren und machen Kinderprobleme, die Männer sind ignorant, wie Männer eben sind, Colette weiß, dass Alkohol keine Lösung ist und trinkt trotzdem. Mich hat das alles eher gelangweilt.

Im letzten Teil eskalieren die Dinge dann, plötzlich und unerwartet. Es gibt eine schockierende Überraschung, die alle aufwachen lässt, sogar die Leser. Und Izzy verkündet salbungsvoll die Moral von der Geschicht: Achte, was du hast und halt den Mund, wenn dich etwas aufregt, dann lebst du glücklicher. Echt? Ist das das Geheimnis glücklicher Ehen?

Dieses Buch wirft einige Themen auf, geht aber längst nicht so tief wie es könnte. Der schöne Erzählstil macht es ein klein wenig besonders. Einen Preis würde es von mir nicht bekommen.

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Veröffentlicht am 30.04.2025

intensiv und berührend

Der Junge aus dem Meer
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An dieses Buch bin ich ohne große Erwartungen herangegangen. Es sieht nett aus, aber nicht spektakulär. Allerdings fesselt es sofort und entwickelt einen ganz besonderen Sog, ruhig und stetig.

Wir sind ...

An dieses Buch bin ich ohne große Erwartungen herangegangen. Es sieht nett aus, aber nicht spektakulär. Allerdings fesselt es sofort und entwickelt einen ganz besonderen Sog, ruhig und stetig.

Wir sind in einem irischen Fischerort, irgendwann in den 70ern, und da sind die Menschen speziell. Das erzählen sie uns auch aus ihrer ganz eigenen Sicht. Hier ist die Gemeinde selbst ein ganz eigentümlicher Erzähler, Beobachter, Kommentator. Man hat gehört, man hat gesehen, man munkelt und manches hat man noch nie erlebt, weil manches bei uns eben nicht üblich ist. Das ist so einfach wie originell, macht Spaß und charakterisiert diesen Menschenschlag wirklich treffend. Man ist sich einig, eigen zu sein, reserviert aber neugierig, eine Gemeinschaft von Eigenbrötlern.

Ganz besonders eigen ist Ambrose Bonner, der eines Tages ein Baby mit nach Hause bringt. Ein echtes Findelkind, das am Strand abgelegt wurde. Ambrose und seine Frau adoptieren den kleinen Jungen, der von da an einen Sonderstatus in der Gemeinschaft erhält. Er gehört dazu und ist doch eigentlich fremd. Sein Bruder Declan tut sich schwer damit, ihn als Bruder zu lieben. Ist Brandon nicht eher ein Rivale, ein Konkurrent um die Elternliebe?

Dieses Buch ist intensiv. Es erzählt von harten Leben irischer Fischer, die mit dem Meer verbunden sind, sowohl ihre Traditionen als auch ihre Vorurteile pflegen und sich plötzlich mit dem Fortschritt auseinandersetzen müssen. Das Thema wird einfühlsam mit der Geschichte der Familie Brandon verflochten, deren Leben man 20 Jahre lang begleiten kann. Es gibt Leidvolles und auch Tragisches, aber sie machen weiter und arrangieren sich. Das Ende lässt sogar hoffen, dass es auch andere Wege geben kann als die vorgezeichneten.

Ein wunderbares Buch.

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Veröffentlicht am 22.04.2025

Traurig schön

Beeren pflücken
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Dieses Buch ist traurig, aber auch irgendwie schön. Es geht um eine Mi'kmaq-Familie aus Nova Scotia, die als Wanderarbeiter leben. Das ist allein schon interessant, weil man von der indigenen Bevölkerung ...

Dieses Buch ist traurig, aber auch irgendwie schön. Es geht um eine Mi'kmaq-Familie aus Nova Scotia, die als Wanderarbeiter leben. Das ist allein schon interessant, weil man von der indigenen Bevölkerung Kanadas nicht oft etwas zu lesen bekommt.

Im Sommer 1962 waren sie in Maine beim Beerenpflücken, als plötzlich die kleine Ruthie fehlt. Ruthie war erst vier Jahre alt und verschwindet spurlos. Die örtlichen Behörden kümmert das Fehlen eines Mi'kmaq-Kindes nicht besonders, aber ihre Familie ist verzweifelt. Besonders ihr Bruder Joe fühlt sich verantwortlich. Hätte er nicht aufpassen müssen?

50 Jahre später ist Joe schwer krank und erzählt aus seinem Leben, das immer von seinen Schuldgefühlen überschattet war. Und parallel erfährt man von Norma, die streng behütet in Maine aufwächst. Die Fürsorge ihrer Mutter ist schon fast krankhaft.

Joes und Normas Geschichten wechseln sich ab und sind tatsächlich gleichermaßen interessant. Sie erzählen vom Leben in den 60ern, von Familienzusammenhalt und Trauer, auch von Rassismus, Existenzängsten und Obsessionen. Die Atmosphäre ist schwermütig und intensiv. Es bildet sich eine tragische Familiengeschichte mit Thrillerelementen heraus, die traurig ist, auch ein bisschen gruselig, dabei aber trotzdem Warmherzigkeit vermittelt.

Die Sprache ist sehr schön, einfühlsam und bildhaft. In dieses Buch kann man sich fallen lassen, taucht ab in eine originelle Art kuscheligen Grusel. Es hat ein paar Längen, aber Ich mag es sehr.

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