Profilbild von sursulapitschi

sursulapitschi

Lesejury Star
online

sursulapitschi ist Mitglied der Lesejury

Melde dich in der Lesejury an, um dich mit sursulapitschi über deine Lieblingsbücher auszutauschen.

Anmelden

Meinungen aus der Lesejury

Veröffentlicht am 06.03.2025

Nicht das beste Buch des Autors

Skin City
0

Ich bin grundsätzlich Fan von Johannes Groschupfs Krimis, weil er so wunderbar atmosphärisch schreibt. Man bekommt viel mehr als einen Krimi erzählt, man kann auch in finsterste Ecken Berlins abtauchen ...

Ich bin grundsätzlich Fan von Johannes Groschupfs Krimis, weil er so wunderbar atmosphärisch schreibt. Man bekommt viel mehr als einen Krimi erzählt, man kann auch in finsterste Ecken Berlins abtauchen und erlebt hautnah, wie es da so ist. Hier hat mir dieses Erlebnis gefehlt. Es ist noch immer ein gut erzählter Krimi, aber ich war nicht so nah dran.

Die Polizistin Romina Winter kannte ich schon aus dem Vorgängerbuch. Sie ist Roma, tough unangepasst und jetzt ist tatsächlich ihre eigene Familie in finstere Dinge verwickelt. Rominas Schwester wurde schlimm verprügelt, warum?
Daneben bekommt man es noch mit der Kunstwelt zu tun. Ein Hochstapler ist unterwegs, der als Kunstberater windige Geschäfte abwickelt. Und eine georgische Einbrecherbande räumt systematisch im Villenviertel Berlins auf.

Das alles wird plastisch und einfühlsam beschrieben und hängt irgendwie zusammen. Vielleicht war das aber ein bisschen viel auf einmal. So manche Wendung der Geschichte kam mir schon sehr zufällig vor. Sogar Romina unterläuft spontan eine seltsame Wandlung. Man hat sie als originelle Frau kennengelernt haben, die mit beiden Beinen im Leben steht, plötzlich ist sie liebeskrank. Der Tod ihres Vaters dagegen bewegt sie nicht besonders, der muss untersucht werden, aber für Trauer scheint sie keine Zeit zu haben.

Das neue Buch von Johannes Groschupf ist unterhaltsam und lesenswert, in gewisser Weise sogar überraschend, aber seine anderen Bücher haben mir deutlich besser gefallen.

  • Einzelne Kategorien
  • Cover
  • Erzählstil
  • Handlung
  • Charaktere
Veröffentlicht am 03.03.2025

Klein, fein, unterhaltsam, informativ und sehr besonders

Die Hochzeit des Figaro
0

Dies war mein zweites Buch aus der Reihe Opera re:told und ich bin wieder sehr begeistert. Man bekommt hier eine Art musikalischen Booksnack, eine ausführliche Inhaltsangabe mit Musikuntermalung, die großen ...

Dies war mein zweites Buch aus der Reihe Opera re:told und ich bin wieder sehr begeistert. Man bekommt hier eine Art musikalischen Booksnack, eine ausführliche Inhaltsangabe mit Musikuntermalung, die großen Spaß macht.

Diesmal stellt Frederic Böhle „Figaros Hochzeit“ vor. Als Mozart 1785 diese Oper schrieb war sie ein Skandal. Und tatsächlich ist die Handlung auch aus heutiger Sicht nicht jugendfrei. Da pocht so ein Graf auf sein Recht primae noctis, obwohl das offiziell längst abgeschafft wurde. Der Diener Figaro und das Dienstmädchen Susanna wollen heiraten, aber der Graf Almaviva hat auch ein Auge auf Susanna geworfen. Seiner Frau Rosina, die er doch im „Barbier von Sevilla“ gerade erst geheiratet hatte, gefällt das gar nicht. Rosina, Figaro, Susanna und der Page Cherubino inszenieren ein Verwirrspiel mit Verkleidungen, um dem lüsternen Grafen eine Lektion zu erteilen.

Das ist natürlich albern, aber vor 200 Jahren war die Commedia dell’arte populär, die mit speziellen Figuren, viel Klamauk und durchsichtigen Intrigen gearbeitet hat und in dieser Tradition muss man dieses Stück sehen, erklärt uns Frederic Böhle sehr anschaulich im Plauderton. Er führt uns durch das ganze Stück, die Arien werden nicht gesungen, nur instrumental angedeutet, wodurch man in der kurzen Zeit auch einen sehr schönen musikalischen Eindruck der Oper bekommt.

Dieses Buch wurde nominiert für den Deutschen Hörbuchpreis 2025 in der Kategorie "Das besondere Hörbuch" und genau das ist es auch, klein, fein, unterhaltsam, informativ und sehr besonders. Es dauert 1 Stunde und 39 Minuten.

  • Einzelne Kategorien
  • Cover
  • Erzählstil
  • Handlung
  • Charaktere
Veröffentlicht am 26.02.2025

Toller Stil, toller Sprecher, wenig originelle Handlung

Klapper
0

Den Erzählstil dieses Buches mochte ich sehr. Es klingt frisch, originell, auf ganz eigene Art poetisch, schon irgendwie nach Jugendsprache, aber Jugendsprache mit einem Lyrikfilter, ein klein bisschen ...

Den Erzählstil dieses Buches mochte ich sehr. Es klingt frisch, originell, auf ganz eigene Art poetisch, schon irgendwie nach Jugendsprache, aber Jugendsprache mit einem Lyrikfilter, ein klein bisschen viel Wetterbericht, aber das schafft Ambiente. Das Lesen macht großen Spaß.

Die Handlung ist sparsam, es geht deutlich mehr um Befindlichkeiten. Thomas ist 15, ein Nerd, der sich in Computerspielen auskennt, im Leben weniger. Er wird Klapper genannt, weil er so dünn ist, dass seine Gelenke klappern. Und dann kommt Bär in seine Klasse, die Bär heißt, weil sie sich Bär nennt. Was passiert ist wenig überraschend, bis auf eins. Eine Überraschung gibt es schon. Ansonsten haben wir hier Teenager mit dem ganzen Teenagerprogramm von Hemmungen über Drogenkonsum zu Peinlichkeiten, Verliebtheiten oder nicht, langweiligen Lehrern und nervigen Eltern. Dabei wird das Innenleben der Teenager sehr einfühlsam und plastisch geschildert, Verklemmtsein und Selbstzweifel zum Miterleben, nur wer will das denn miterleben? Ich bin froh, dass ich das hinter mir habe. Kurze Schwenks in das Leben des erwachsenen Klappers bringen nicht viel mehr Erkenntnis, außer dass eine verstörende Kindheit verstörte Erwachsene hervorbringt.

Die Erwachsenen im Geschehen sind durch die Bank unglaubwürdig. Erst sind sie durchgedreht und lästig, später dann doch elterlich liebevoll, warum weiß man nicht. Vielleicht ist das auch Kindersicht, die sich gewandelt hat, wahrscheinlich ist es schlicht egal, weil sie nur ein schlecht durchdachter Rahmen sind. Richtig daneben fand ich den Lehrer, der den durch und durch introvertierten Klapper nötigt, auf einer Beerdigung ein paar nette Worte zu sagen, niemand auf der Welt kann so unsensibel sein, selbst wenn Klapper natürlich daran wächst, eine unmögliche Aufgabe gemeistert zu haben.

Pascal Houdus liest das Hörbuch und macht das großartig, verkörpert die unterschiedlichsten Figuren authentisch, sogar Bärs schwer verstrahlten Vater. Es dauert 5 Stunden und 47 Minuten und ist durchaus ein Erlebnis durch den tollen Stil und den tollen Sprecher. Der Inhalt hat mich nicht so überzeugt, aber ich bin sehr gespannt auf weitere Bücher des Autors, der hier ein vielversprechendes Debüt abgeliefert hat.

  • Einzelne Kategorien
  • Cover
  • Erzählstil
  • Handlung
  • Charaktere
Veröffentlicht am 23.02.2025

Skurriler Grusel im Funkloch

Frühstück mit den Borgias
0

„Eine Schauergeschichte“ haben verschiedene Rezensionen behauptet. Wenn man anfängt, dieses Buch zu lesen, denkt man: Es ist der Horror, aber schaurig?

Ariel ist in einem abgehalfterten Hotel in der Nähe ...

„Eine Schauergeschichte“ haben verschiedene Rezensionen behauptet. Wenn man anfängt, dieses Buch zu lesen, denkt man: Es ist der Horror, aber schaurig?

Ariel ist in einem abgehalfterten Hotel in der Nähe von London gelandet, während Zeva in Amsterdam auf ihn wartet. Starker Nebel hat den Flugverkehr lahmgelegt und das Handynetz funktioniert auch nicht. Verzweifelt versucht er, sie zu erreichen und scheitert an vorsintflutlicher Technik in der Einöde. Er ist von der Welt abgeschnitten, er, der Informatik-Papst. Noch dazu tummeln sich seltsame Menschen im Hotel.

Es hat ein bisschen Rocky-Horror-Atmosphäre, gruselig skurriles Personal in einer merkwürdigen Parallelwelt, verwirrend absurde Begebenheiten. Man fragt sich, ist das jetzt lustig oder passiert gleich Grauenhaftes?

Der Schreibstil ist grandios und hilft einem über maximale Verwirrung hinweg. Auch wenn man keine Ahnung hat, was hier gespielt wird, macht das Lesen Spaß. Die Sprache schwankt zwischen erlesen, geschliffen und despektierlich, drastisch, was einerseits amüsant ist und andererseits auf originelle Weise bildhaft. Man spürt Ariels wachsende Verzweiflung, der trotz allem seinen Humor nicht verliert, Zevas Angst und Verwirrung und sieht diese absonderliche Gesellschaft im Hotel vor sich.

Am Ende erwartet einen dann eine ziemliche Überraschung, die das Geschehen in ein deutlich anderes Licht rückt. Ich habe ein wenig überlegen müssen, ob ich mich damit anfreunden kann, denke aber, ich kann. Eigentlich ist es sogar genial, wenn man sich darauf einlässt.
„Frühstück mit den Borgias“ ist ein außergewöhnliches Buch, das dem Leser einiges abverlangt, das aber auch Spaß macht, verwirrt und erstaunt. Es war mein erstes, aber ganz sicher nicht mein letztes Buch von DBC Pierre.

  • Einzelne Kategorien
  • Cover
  • Erzählstil
  • Handlung
  • Charaktere
Veröffentlicht am 23.02.2025

Unterwegs mit Etgar Keret

Die sieben guten Jahre
0

„In diesem Buch teilen Sie ein Eisenbahnabteil mit mir. Wenn Sie zur letzten Seite kommen, steige ich aus, und wir sehen uns vielleicht nie wieder. Aber ich hoffe, dass etwas von der siebenjährigen Reise, ...

„In diesem Buch teilen Sie ein Eisenbahnabteil mit mir. Wenn Sie zur letzten Seite kommen, steige ich aus, und wir sehen uns vielleicht nie wieder. Aber ich hoffe, dass etwas von der siebenjährigen Reise, die mit der Geburt meines Sohnes beginnt und mit dem Tod meines Vaters endet, auch sie berührt.“

Das schreibt Etgar Keret im Nachwort seines Buches und bringt es damit auf den Punkt. Man hat eine Reise mit ihm unternommen und ihn dabei ein kleines bisschen kennengelernt. Er erzählt Episoden aus seinem Leben als Autor, als Vater, als Ehemann und auch als Sohn polnischer Juden, die nach Israel ausgewandert sind. Manche sind brüllend komisch, andere skurril, einige einfach nur klug, aber es gibt auch tragische Momente und Trauriges zu erzählen. Selbst da verliert Etgar Keret seinen Humor nicht. Dieser Mann ist unglaublich witzig und wenn Humor nicht angesagt ist, packt er den Galgenhumor aus.
Daneben bekommt man noch einen losen Eindruck vom Leben in Tel Aviv, für das man wohl eine gehörige Portion Humor gut gebrauchen kann, wenn man sich beispielsweise auf der Autobahn befindet und der Fliegeralarm ertönt, wenn Terroranschläge zum Alltag gehören und man sich davon einfach nicht verrückt machen lässt.

„Die sieben guten Jahre“ ist ein kleines Buch, das es in sich hat. Ich habe das Gefühl, einen sehr besonderen Menschen kennengelernt zu haben, von dem ich sicher noch weitere Bücher lesen werde. Und ja, Herr Keret, ihr Buch ist wirklich unterhaltsam, aber es berührt auch sehr.

  • Einzelne Kategorien
  • Cover
  • Erzählstil
  • Handlung
  • Charaktere