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Meinungen aus der Lesejury

Veröffentlicht am 13.07.2019

Wunsch nach Familie

Die Dinge, die wir aus Liebe tun
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Die Ehe von Angie und Conlan scheitert an ihrer ungewollten Kinderlosigkeit und den zahlreichen Versuchen, doch noch zum Wunschkind zu kommen. Angie kehrt zu Mutter und Schwestern zurück, um das Familienrestaurant ...

Die Ehe von Angie und Conlan scheitert an ihrer ungewollten Kinderlosigkeit und den zahlreichen Versuchen, doch noch zum Wunschkind zu kommen. Angie kehrt zu Mutter und Schwestern zurück, um das Familienrestaurant wieder flott zu kriegen. Dort trifft sie auf die17jährige Lauren, die als „Fehltritt“ nie Mutterliebe erfahren hat. Zwischen beiden entwickelt sich eine tiefe Bindung. Als Lauren, schwanger von ihrem langjährigen Freund und eigentlich um ein Stipendium an einem angesehenen College kämpfend, das gleiche Schicksal zu drohen scheint wie ihrer eigenen Mutter, wird ihre Beziehung auf eine Belastungsprobe gestellt – bei Angie erweckt die Schwangerschaft Neid und Hoffnung auf ein zu adoptierendes Baby, Lauren will Angie als Ersatzmutter nicht missen.
Es ist ein sehr gefühlvoll geschriebener Roman, der sich fundiert mit den Folgen einer ungewollten Kinderlosigkeit in der Ehe auseinandersetzt und damit, wie sie sich kompensieren lässt. Angies Traurigkeit ist gut nachvollziehbar. Umso drastischer wirkt es, wenn andere Frauen in ihrer Umgebung ruckzuck schwanger werden, insbesondere ihre junge Freundin Lauren, zu deren Lebenssituation ein Baby überhaupt nicht passt. Die Entwicklung ist natürlich voraussehbar. Einige Romanfiguren machen einen blassen oder überzeichneten Eindruck, wie etwa der werdende Vater von Laurens Baby, der nach Art eines unreifen Milchbubis dargestellt wird oder Angies Mutter und Schwestern, die vor übertriebener Hilfsbereitschaft und Gutmütigkeit strotzen. Alles in allem unterhält und liest sich der Roman aber sehr gut.

Veröffentlicht am 04.07.2019

Eine kubanisch-amerikanische Familiengeschichte

Nächstes Jahr in Havanna
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Diesen Roman zu lesen, macht schon fast die Lektüre eines Sachbuchs zur Geschichte Kubas entbehrlich. So informativ und lebendig könnte ein Geschichtsbuch gar nicht sein über ein Land, das mir bislang ...

Diesen Roman zu lesen, macht schon fast die Lektüre eines Sachbuchs zur Geschichte Kubas entbehrlich. So informativ und lebendig könnte ein Geschichtsbuch gar nicht sein über ein Land, das mir bislang nur fragmentarisch bekannt ist (Schlagworte: Fidel Kastro, Zigarillos, Oldtimer, Urlaubsort für Karibikreisende). Der geschichtliche Werdegang Kubas seit Ende der 1950er Jahr mit kleinen Rückblicken auch auf die Zeit davor bis in die Gegenwart ist eingebettet in eine Familiengeschichte. Die kubanische Familie Perez, reiche Zuckerplantagenbesitzer, geht nach der Revolution Fidel Kastros ins Exil nach Florida. Ihre Tochter Elisa hatte zuvor eine innige Liebesbeziehung zu einem Revolutionär. Nach Elisas Tod einige Jahrzehnte später begibt sich deren Enkelin Marisol nach Kuba, um dort die Asche ihrer Großmutter zu verstreuen. Sie verliebt sich in einen jungen Kubaner, einem Gegner des herrschenden Regimes, und kommt einem Familiengeheimnis auf die Spur. Diese Familiengeschichte hat mir nicht so gut gefallen. Sie wirkt etwas konstruiert und vorhersehbar. Es ist zu weit hergeholt, wenn sich zwei Frauen aus dem Stand heraus unsterblich in Männer verlieben, die für sie sofort zur Liebe ihres Lebens werden, obwohl sie angesichts der Umstände gar keine Chance haben. Noch dazu geschieht alles binnen kürzester Zeit. Nun gut, Ähnliches ist ja oft in Liebesromanen zu finden und unterhält ja auch recht gut.
Ein insgesamt gut unterhaltendes und informatives Buch.

Veröffentlicht am 29.06.2019

Über Identität und Rassismus

Americanah
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Die Geschichte ist ab Mitte der 1990er Jahre in Nigeria, England und den USA angesiedelt. Unter der Militärdiktatur sehen die jungen Nigerianer einer wenig aussichtsreichen Zukunft entgegen. Die Protagonistin ...

Die Geschichte ist ab Mitte der 1990er Jahre in Nigeria, England und den USA angesiedelt. Unter der Militärdiktatur sehen die jungen Nigerianer einer wenig aussichtsreichen Zukunft entgegen. Die Protagonistin Ifemelu geht dank ihrer bereits dort lebenden Tante zum Studium in die USA und lässt ihre große Liebe Obinze zurück. Anfängliche Schwierigkeiten überwindet sie letztendlich mit Hilfe ihres neuen weißen, reichen Freundes, der ihr auch zu einer Greencard und einem guten Job verhilft. Außerdem schreibt sie einen Blog über Rasse und die Rassenhierarchie in den USA. Obinze hingegen ergeht es sehr viel schlechter. Er reist nach England, wo er illegal lebt und schließlich kurz vor Schließung einer Scheinehe abgeschoben wird. In Lagos gelangt er schließlich als Investor zu Wohlstand, was ihn aber unzufrieden zurücklässt. Als Ifemelu, von Heimweh getrieben, nach dreizehn Jahren nach Lagos zurückkehrt, treffen beide wieder zusammen.
Wie schon meiner Inhaltsangabe zu entnehmen ist, haben wir es auch mit einer Liebesgeschichte zu tun. Hauptthema aber ist „Rasse“, und für mein Dafürhalten wird es zu stark in den Vordergrund geschoben. Alles Tun und Denken von Ifemelu, ihr Agieren mit anderen wird bis zum Extenso unter rassistischem Aspekt beleuchtet. Über das Leben in Nigeria hätte ich gerne detaillierter gehört. Wie es letztendlich beschrieben wird, kommt die schwarze Frau nicht gut weg. Hilfreich bei der Lektüre ist das am Ende befindliche Glossar afrikanischer Begriffe, wenngleich noch viel mehr im Text verwendet werden.
Eine durchaus anspruchsvolle Erzählung, die mich persönlich aber nicht überzeugen konnte.

Veröffentlicht am 18.06.2019

Ein Leben gerät aus den Fugen

Das Jahr, das zwei Sekunden brauchte
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Die Geschichte spielt in England abwechselnd auf zwei Zeitebenen – 1972 und in der Gegenwart.
Die elfjährigen Jungen Byron und James aus der upper class sind Schulfreunde. James ist etwas exzentrisch. ...

Die Geschichte spielt in England abwechselnd auf zwei Zeitebenen – 1972 und in der Gegenwart.
Die elfjährigen Jungen Byron und James aus der upper class sind Schulfreunde. James ist etwas exzentrisch. Doch Byron schaut zu ihm auf und hält ihn für den klügsten Jungen. Als James Byron erzählt, in der Zeitung gelesen zu haben, dass der Zeit zwei Sekunden hinzugefügt werden sollen, beunruhigt das Byron zutiefst. Ein Ereignis, für das nach Byrons Ansicht gerade diese beiden Sekunden verantwortlich sind, lässt sein bis dahin so perfektes Leben völlig aus den Fugen geraten. Dabei ist das Ereignis selbst gar nicht so katastrophal, sondern nur Byrons Wahrnehmung von ihm sowie wie er und James mit einem akribisch ausgearbeiteten Plan und seine Mutter damit umgehen. Das ist die eigentliche Crux dieser tragischen und ergreifenden Geschichte.
Der Mittfünfziger Jim ist ein früherer langjähriger Patient einer psychiatrischen Anstalt. Er ist besessen von täglichen Ritualen, ohne deren Einhaltung er sich nicht sicher fühlt. Trotz seiner Unbeholfenheit schließt er allmählich Freundschaft mit seinen Kollegen in dem Café, in dem er arbeitet.
Beide Geschichten verbinden sich gekonnt am Ende zu einer Einheit. Die Romanfiguren werden so dargestellt, dass man einfach nur Sympathie mit ihnen und Verständnis für sie haben muss: die sich so unzulänglich fühlende Mutter; Byrons Bedürfnis, seine geliebte Mutter zu schützen; Jims Versuche, normal zu sein. Psychische Erkrankungen wie Depressionen und Zwangsneurosen werden mit Humor dargestellt. Auch atmosphärisch gibt es Besonderheiten, die auf die beinahe schon prosaisch wirkende Erzählweise zurückgehen – der vergangene Sommer und der gegenwärtige Winter sind fast spürbar.
Ein Buch, das zu lesen ich nur empfehlen kann.

Veröffentlicht am 12.06.2019

Aufarbeitung der deutschen Vergangenheit

Deutsches Haus
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Die als Drehbuchautorin bekannt gewordene Autorin stellt in ihrem ersten Roman den ersten Auschwitz-Prozess in Frankfurt im Jahre 1963/64 in den Mittelpunkt. Die Protagonistin Eva, geboren 1939, ist als ...

Die als Drehbuchautorin bekannt gewordene Autorin stellt in ihrem ersten Roman den ersten Auschwitz-Prozess in Frankfurt im Jahre 1963/64 in den Mittelpunkt. Die Protagonistin Eva, geboren 1939, ist als Dolmetscherin für die polnischen Zeugen, zumeist KZ-Überlebende, tätig. Sie wird erstmalig mit der furchtbaren deutschen Vergangenheit konfrontiert und – worunter sie zunehmend leidet – mit dem damals noch weit verbreiteten Verdrängen, Vergessen und angeblichem Nicht-gewusst-haben. Sie selbst fühlt sich schuldig. Aber für sie kommt es noch ärger, erkennt sie doch im Laufe des Prozesses, dass ihre eigene, doch so bürgerliche Familie in die Gräueltaten involviert war. Fast schon als zu viel erschient es mir, dass noch andere Romanfiguren große Schuld – in anderen Bereichen – auf sich geladen haben.
Das Buch mahnt gelungen an, dass wir unsere Geschichte während des Nationalsozialismus niemals vergessen dürfen. Es ist gut recherchiert und liest sich recht flüssig. Über kleine juristische Unkorrektheiten möge hinweggesehen werden (z.B. wird nicht der Eröffnungsbeschluss zu Beginn eines Strafprozesses verlesen, sondern die Anklageschrift, und werden Dolmetscher nicht von der Staatsanwaltschaft geladen, sondern von dem Gericht). Daneben erhalten wir einen schönen Einblick in den Zeitgeist der 1960er Jahre, insbesondere was die Rolle der Frau anbelangt.