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Meinungen aus der Lesejury

Veröffentlicht am 09.10.2024

Gut gealtert

Kaltblütig
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"Kaltblütig" habe ich als Jugendliche vor über 50 Jahren gelesen. Ich weiß noch, dass das Buch mich damals erschreckt und beeindruckt hat, allerdings war mir viel von der Handlung entfallen.

Nun liegt ...

"Kaltblütig" habe ich als Jugendliche vor über 50 Jahren gelesen. Ich weiß noch, dass das Buch mich damals erschreckt und beeindruckt hat, allerdings war mir viel von der Handlung entfallen.

Nun liegt das Buch in einer neuen Übersetzung vor und ich habe es noch einmal gelesen. Es ist wirklich gut gealtert! Noch immer fasziniert die akribische Recherche Capotes, der alles über die ermordete Familie Clutter und ihre beiden Mörder wissen will. Akribisch beschreibt er die letzten Stunden der Familienmitglieder, akribisch dokumentiert er die Vorgeschichte der beiden Mörder und akribisch erzählt er die Geschichte des Prozesses bis zum bitteren Ende und dem Tod der beiden Täter am Strang. Eine solche Erzählweise war damals aufregend und neu, denn wir waren mit den etwas betulichen Krimis von Agatha Christie oder Arthur Conan Doyle aufgewachsen. Hier dagegen stießen wir auf die grausame und unbeschönigte Realität. Da wird nichts ausgespart, auch nicht die Vergewaltigungsfantasien, die einen der Mörder umtreiben, oder die kaltblütige Gewalt, mit der sie die Morde begehen.

Capote ist auch im Nachhinein noch immer ein Meister seines Fachs und noch immer sehr lesenswert.

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Veröffentlicht am 05.10.2024

Ganz schön mutig!

Zwischen zwei Welten
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Norbert Nachtweih setzt sich in Istanbul in ein Taxi, fährt zur westdeutschen Botschaft und erklärt, dass er nicht in die DDR zurückkehren will. Als Fußballer war er zu einem Auslandsspiel in die Türkei ...

Norbert Nachtweih setzt sich in Istanbul in ein Taxi, fährt zur westdeutschen Botschaft und erklärt, dass er nicht in die DDR zurückkehren will. Als Fußballer war er zu einem Auslandsspiel in die Türkei gefahren, nun nutzt er die Gelegenheit zur Flucht, zusammen mit seinem besten Freund. Im Westen erwartet ihn eine große Fußballerkarriere, u.a. in Frankfurt, München und Cannes. Nur in der Nationalmannschaft darf er nicht mitspielen. Er genießt das Leben im Westen in vollen Zügen, ist seiner Frau nicht immer treu, fährt schicke Autos und wird wohlhabend. Seine ganze Familie bleibt in der DDR zurück und Norbert unterstützt sie, wo er nur kann. Erst nach der Öffnung der Mauer sehen sich alle wieder.

Das Buch ist sehr authentisch geschrieben, mit kurzen Sätzen und so, wie man sich ein Fußballerbuch vorstellt. Man kann nachvollziehen, warum Nachtweih die DDR hinter sich lässt und auch, warum er lange zögert seine Stasiakte zu lesen. Er hatte im Westen ein gutes Leben, wollte eigentlich nur Fußball spielen und sich keine politischen Gedanken machen.

Das Buch ist interessant zu lesen und besonders für Fußballfans lesenswert.

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Veröffentlicht am 02.10.2024

Auf den Spuren Capotes

Truboy
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Zum 100. Geburtstag von Truman Capote erschien dieses Buch von Anuschka Roshani, in dem sie sich auf Spurensuche nach dem verschollenen Romanmanuskript seines Gesellschaftsromans "Erhörte Gebete" begibt. ...

Zum 100. Geburtstag von Truman Capote erschien dieses Buch von Anuschka Roshani, in dem sie sich auf Spurensuche nach dem verschollenen Romanmanuskript seines Gesellschaftsromans "Erhörte Gebete" begibt. Von dem Buch erschienen einige Kapitel in einer Zeitschrift, eines davon erregte großes Aufsehen in der New Yorker Society und führte zum Bruch Capotes mit einigen reichen Familien wie den Vanderbilts. Es ist aber nie geklärt worden, ob er das Buch überhaupt vollendet hat.

Roshani trifft ehemalige Freunde Capotes, seine Ziehtochter und andere Menschen, diee ihm nahestanden. Dabei erweckt sie Capote, der schon mit 59 Jahren an Alkohol und Tabletten starb, wieder zum Leben. Man erfährt viel über seine schwierige Kindheit, seine ersten Schreibversuche, seine niemals versteckte Homosexualität, seine Freude am großen Auftritt und seine Treue zu seinen Freunden, die er niemals im Stich ließ. Trotz allem hatte ich den Eindruck, dass er für die New Yorker Haute Volée eher so etwas wie ein Hofnarr war, dessen Späßen sie gern beiwohnten, den sie aber nicht ganz für voll nahmen.

Leider ist die Suche nach dem verschwundenen Manuskript erfolglos, aber man kommt Capote sehr nahe und erhält einen ganz neuen Zugang zu seinen Werken. Sie sind noch immer so frisch wie vor fünfzig oder sechzig Jahren und immer wieder lesenswert, auch weil sie ein Spiegel ihrer Zeit sind.

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Veröffentlicht am 02.10.2024

Anspruchsvoll

Das große Spiel
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Die Bücher von Richard Powers sind immer Höhepunkte im Lesejahr, er schreibt langsam und recherchiert viel, seine Bücher sind nicht einfach "wegzulesen". Besonders liegen ihm Ökologie und die Entwicklung ...

Die Bücher von Richard Powers sind immer Höhepunkte im Lesejahr, er schreibt langsam und recherchiert viel, seine Bücher sind nicht einfach "wegzulesen". Besonders liegen ihm Ökologie und die Entwicklung der elektronischen Medien am Herzen. Er gilt als einer der intelligentesten Menschen des Planeten und das merkt man bei seinem anspruchsvollen Stil, der aber trotzdem gut lesbar ist.
In diesem neuen Buch widmet er sich vor allem den Themen Ozeanologie und KI.
Die Hauptfiguren sind Evie, eine Ozeanologin, Ina, eine Künstlerin aus Ozeanien, Rafi, ein Büchernarr, und sein Freund Todd, der mit der "sozialen" Plattform Playground Milliarden verdient hat. Alle treffen auf der abgelegenen Insel Makatea im Pazifik zusammen.
Das Buch behandelt die großen Themen unserer Zeit eindringlich und anschaulich. Man taucht mit Evie in die Ozeane der Erde und lernt die geheimnisvollen Lebewesen der Tiefsee kennen, die noch längst nicht erforscht sind. Man entwickelt mit Todd ein immer größer werdendes Netzwerk, in dem die KI irgendwann die Herrschaft an sich reißt. Man schafft mit Ina Kunstwerke aus Plastikmüll und folgt Rafi durch die Welt der alten Bücher.
Das Buch ist keine leichte Feierabendlektüre, liefert aber viel Stoff zum Nachdenken und beschäftigt mich noch lange.
Für mich wieder ein ganz großer Wurf von Richard Powers!

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Veröffentlicht am 25.09.2024

Intensiv

Sing, wilder Vogel, sing
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Honora hatte es von Anfang an nicht leicht. Ihre Mutter starb bei der Geburt, der Vater hatte kein Interesse an dem Mädchen und verheiratet sie bei erster Gelegenheit an William, der sie auf seine Art ...

Honora hatte es von Anfang an nicht leicht. Ihre Mutter starb bei der Geburt, der Vater hatte kein Interesse an dem Mädchen und verheiratet sie bei erster Gelegenheit an William, der sie auf seine Art liebt. Honora bleibt eine Außenseiterin, sie ist klug, aber einsam.
Als Mitte des 19. Jahrhunderts die große Hungernot über Irland hereinbricht, gerät auch diese Familie in Not. Gemeinsam mit den anderen Dorfbewohnern ziehen sie zum englischen Grundherren, der ihnen aber Nahrung und sogar Wasser verweigert, die Herren dinieren gerade... So müssen die gepeinigten Menschen den Rückweg antreten und viele Bewohner sterben unterwegs. Honora überlebt als eine der Wenigen und geht nach Amerika, wo sie aber auch lange nach dem Glück suchen muss.
Ich habe schon einige Bücher über Irland und die große Hungernot gelesen, z.B. "Trinity" von Leon Uris. Die Grausamkeit der englischen Landlords muss unbeschreiblich gewesen sein und auch die Kirche mischte fleißig mit, die Menschen ruhig zu halten und sie auf das Paradies im Jenseits zu vertrösten.
Allerdings hatte ich noch nie von dem Geschehen in Doolough gehört und auch die Verbindung Irlands zu den amerikanischen Ureinwohnern war mir nicht bekannt.
Honora ist eine sehr starke Persönlichkeit, die sich manchmal anzupassen versucht, aber ihre Seele nicht verkauft. Sie braucht ein großes Maß an Freiheit und ist eine sehr mutige Frau.
Der Stil des Buches ist klar und eindringlich. Man kommt Honora sehr nahe. Mich hat das Buch sehr beeindruckt und ich habe viel gelernt.

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