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Veröffentlicht am 07.09.2020

Großartig!

Kalmann
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Kalmann ist der selbst ernannte Sheriff von Raufarhöfn, einem kleinen, heruntergekommenen Ort in Island. Die Fischerei ist im Niedergang, junge Leute ziehen weg, der Ort hat keine Perspektive.
Nur Kalmann ...

Kalmann ist der selbst ernannte Sheriff von Raufarhöfn, einem kleinen, heruntergekommenen Ort in Island. Die Fischerei ist im Niedergang, junge Leute ziehen weg, der Ort hat keine Perspektive.
Nur Kalmann fängt weiterhin seinen Hai, den er zur isländischen Spezialität "Gammelhai" verarbeitet. Das hat er von seinem Großvater gelernt, der nun in einem Altenheim in der Stadt lebt und die Welt nicht mehr versteht. Mit der Welt hat auch Kalmann seine Probleme, manchmal versteht er etwas nicht und rechnen kann er auch nicht, aber er kommt auch so ganz gut durchs Leben. Doch eines Tages bringt ein großer Blutfleck im Schnee Kalmanns Leben aus dem Gleichgewicht...
Das Buch ist kein richtiger Krimi, alles wird aus der Sicht von Kalmann erzählt. Die Sprache ist ganz besonders, manchmal naiv, manchmal philosophisch, das hat mir sehr gut gefallen. Man lernt viel über das Leben in Island, aber auch über Kalmanns Weltsicht. Das Buch erzeugt einen Sog, dem ich ich nicht entziehen konnte. Es ist einerseits faszinierend, andererseits aber auch spannend und der Schluss ist sehr überraschend, aber da wird nicht mehr verraten.
Ein ganz außergewöhnlich gutes Buch, auf das man sich einlassen muss, und für mich eine der großen positiven Überraschungen dieses Lesejahres!

  • Cover
  • Erzählstil
  • Handlung
  • Charaktere
Veröffentlicht am 10.03.2020

Unbekannte Geschichte

Die Schule am Meer
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Sandra Lüpkes kannte ich bisher nur als Krimiautorin und Sängerin, wir haben sie mal bei einer Lesung erlebt und sie war sehr sympathisch.
Nun hat sie einen Roman über ihre Heimat, die Insel Juist, geschrieben. ...

Sandra Lüpkes kannte ich bisher nur als Krimiautorin und Sängerin, wir haben sie mal bei einer Lesung erlebt und sie war sehr sympathisch.
Nun hat sie einen Roman über ihre Heimat, die Insel Juist, geschrieben. Darin arbeitet sie die eher unbekannte Geschichte der "Schule am Meer" auf, eine Reformschule, die 1925 auf der Insel gegründet wurde und nur bis 1933 bestand.
Hauptpersonen in diesem teilweise fiktiven, teilweise auf Tatsachen und realen Menschen beruhenden Werk sind die jüdische Lehrerin Anni Reiner und ihre Familie, "Moskito", der als Sohn eines Zinnminenbesitzers aus Bolivien an die Schule kommt, Marje, die Tochter einer Spülfrau und der Nazi Gustav Wenniger.
Während die Schule die Kinder zu selbständigem Denken und Kreativität erziehen will, wird ihr Treiben von vielen Dorfbewohnern misstrauisch verfolgt, wilde Gerüchte machen die Runde. Besonders schwierig wird es, als die Nazis die Macht übernehmen wollen und Juist "judenfrei" werden soll. Anni muss mit ihren Kindern die Insel verlassen.
Sandra Lüpkes hat für dieses Buch sehr gründlich recherchiert, so konnte sie auch Unterlagen einsehen, die die jüngste Reiner-Tochter Karin aufbewahrt hatte. Sehr intensiv, aber auch sachlich schildert sie die Freuden und Leiden in der Schule, den harten Winter auf der Insel, fröhliche Feste und schwere Stunden.
Das Buch ist sehr gut lesbar geschrieben, man liest es mit viel Empathie. Es zeigt, wie der Faschismus zuerst mit kleinen Begebenheiten, dann aber immer stärker in das Leben der Menschen auf der Insel eingreift. Mitläufer sind ebenso dabei wie überzeugte Nationalsozialisten, auch in der Schule. Aber alle Hoffnungen auf ein Weiterbestehen der Schule zerschlagen sich.
Besonders gelungen finde ich auch den Schutzumschlag. Er versetzt sofort in eine längst vergangene Welt, da zum Glück und durch einen Zufall viele Fotos von der Schule noch vorhanden sind.
Ein Buch, das man gern liest!

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Veröffentlicht am 05.01.2020

Grausam und genial

1794
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Nachdem ich im vergangenen Jahr 1793 gelesen hatte und mich das Buch sehr faszinierte, bekam ich auch 1794 zum Vorablesen und es ist fast noch besser.
Mickel Cardell ist nach den Ermittlungen des letzten ...

Nachdem ich im vergangenen Jahr 1793 gelesen hatte und mich das Buch sehr faszinierte, bekam ich auch 1794 zum Vorablesen und es ist fast noch besser.
Mickel Cardell ist nach den Ermittlungen des letzten Jahres erschöpft, trinkt wieder zu viel und lässt sich gehen. Cecil Winge dagegen ist an der Tuberkulose gestorben und begraben. Als eine Mutter Hilfe bei Mickel sucht, weil ihre Tochter in der Hochzeitsnacht angeblich von ihrem Ehemann grausam getötet wurde, sie diese Version aber nicht glaubt, rappelt er sich mühsam wieder auf. Zur Hilfe kommt ihm Erik Winge, der jüngere Bruder von Cecil, der aber nicht ganz richtig im Kopf ist. Auch Anna Stina taucht wieder auf, sie ist hoch schwanger und man hat sie in der Meerkatze vor die Tür gesetzt.
Das Buch ist stellenweise brutal und grausam bis zur Schmerzgrenze, manchmal musste ich die Lektüre unterbrechen, weil ich es nicht mehr ertragen konnte. Trotzdem ist das Buch genial geschrieben, in einem leicht altertümlichen Ton, der aber nicht übertrieben ist. Niklas Natt och Dag hat es einfach drauf, man kann das Buch kaum aus der Hand legen und seine literarischen Qualitäten sind unumstritten. Beim Lesen entwickelt es eine ungeheure Wucht, der man sich nicht entziehen kann - und will!
Das Buch ist nicht nur einfach ein historischer Krimi, sondern ein Zeit- und Sittengemälde einer untergehenden Epoche. Während in Paris schon die Revolution in aller Grausamkeit wütet, steht hier der Kessel kurz vor der Explosion. Das lässt das Schlimmste im Menschen hervorkommen.
Unbedingt lesenswert!

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Veröffentlicht am 19.04.2021

Gespaltener Charakter

Die Toten vom Gare d’Austerlitz
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Am 14. Juni 1940 besetzen die deutsche Paris und in einem Bahnwaggon werden vier tote Polen gefunden, die mit Giftgas umgebracht wurden.
Inspektor Eddie Giral will den Mörder trotz der deutsche Besatzung ...

Am 14. Juni 1940 besetzen die deutsche Paris und in einem Bahnwaggon werden vier tote Polen gefunden, die mit Giftgas umgebracht wurden.
Inspektor Eddie Giral will den Mörder trotz der deutsche Besatzung finden und legt sich dabei auch mit den Besatzern an. Dann springt ein Mann mit seinem kleinen Sohn vom Balkon seiner Wohnung, auch er ist Pole und es gibt eine Verbindung zu den Toten am Bahnhof. Währenddessen spielen Deutsche, Amerikaner und Franzosen ein undurchschaubares Spiel um Macht und Einfluss und das macht Giral das Ermitteln nicht einfacher. Er gerät zwischen alle Fronten.
Das Buch ist nicht nur ein Krimi, sondern auch ein Einblick in die Zeitgeschichte und eine sehr persönliche Schilderung eines nicht einfachen Charakters. Giral wurde im 1. Weltkrieg an der Front verheizt und hat Traumata davongetragen, die bis 1940 nicht verheilt sind. Die schwierige Beziehung zu seinem Sohn leidet darunter, aber auch sein manchmal gewalttätiges Verhalten gegenüber anderen Menschen. Diese Seite des Buches finde ich meisterhaft und sehr berührend.
Allerdings war die Schilderung der politischen Gegebenheiten etwas verwirrend, Gestapo, Militärpolizei und viele andere Organisationen haben ihre Finger in der Angelegenheit und ich konnte deren Beziehungen nicht immer logisch nachvollziehen. Dafür baucht man mehr Hintergrundwissen, das ich nicht habe.
Insgesamt fand ich das Buch aber sehr lesenswert und weitgehend spannend, auch wenn der Kriminalfall oft hinter den Zeitschilderungen zurücktreten muss.

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Veröffentlicht am 23.02.2021

Interessante Familiengeschichte

Die vier Gezeiten
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Die vier Gezeiten, das sind die vier Töchter von Eduard und Adda Kießling, die ein großes Hotel auf der Nordseeinsel Juist besitzen. Zwei der Töchter sind munter wie die Flut, zwei eher ruhig wie die Ebbe. ...

Die vier Gezeiten, das sind die vier Töchter von Eduard und Adda Kießling, die ein großes Hotel auf der Nordseeinsel Juist besitzen. Zwei der Töchter sind munter wie die Flut, zwei eher ruhig wie die Ebbe.
Doch Wanda, die älteste Tochter, ist vor vielen Jahren im Meer ertrunken, das Geschehen konnte nie ganz aufgeklärt werden.
Als Eduard Kießling das Bundesverdienstkreuz bekommen soll, werden aufwändige Vorbereitungen getroffen. Doch plötzlich taucht Helen auf, eine junge Frau aus Neuseeland, die ihre Mutter sucht. Angeblich soll ein Foto beweisen, dass diese auf der Insel gelebt hat. Durch Helen werden bei Adda und ihrer senilen Mutter Johanne Erinnerungen geweckt, die das ganze komplizierte Familiengefüge zum Einsturz bringen könnten.
Das Buch ist sehr spannend geschrieben und die Fäden werden erst am Schluss entwirrt. Deshalb habe ich es gern und schnell gelesen.
Allerdings hätte ich mir eine Übersichtskarte über die Familienverhältnisse gewünscht, denn manchmal ist das Gefüge der Beziehungen sehr verwirrend und man muss sich sehr konzentrieren, um die Übersicht zu behalten.
Auch fand ich die Fülle von Themen, die in dem Buch angesprochen wurden, einfach zu viel. Die Nazis, die "Schule am Meer", die DDR-Vergangenheit, Enteignungen und Flucht, Umweltschutz und Politik, Probleme mit Adoptionen, uneheliche Kinder und heimliche Geliebte - viele Geheimnisse, über die nie gesprochen wurde und trotzdem im Hintergrund Einfluss auf die Familie ausüben. Da wäre weniger sicher mehr gewesen.
Trotz dieser kleinen Schwächen fand ich das Buch gut zu lesen, zumal es an der Nordsee spielt, die ich sehr liebe.

  • Handlung
  • Erzählstil
  • Charaktere
  • Cover
  • Story