Mascha Kaléko: In Gedichten spazieren gehen und in der Vergangenheit
Ich liebe Mascha Kaléko und ihre Gedichte, daher habe ich mich sehr auf die Veröffentlichung von „Wenn ich eine Wolke wäre: Mascha Kaléko und die Reise ihres Lebens“ von Volker Weidermann gefreut. Vielen ...
Ich liebe Mascha Kaléko und ihre Gedichte, daher habe ich mich sehr auf die Veröffentlichung von „Wenn ich eine Wolke wäre: Mascha Kaléko und die Reise ihres Lebens“ von Volker Weidermann gefreut. Vielen Dank an den Verlag für die Bereitstellung dieses Rezensionsexemplars über NetGalley. Die hier geäußerte Meinung zum Buch ist meine eigene.
17 Jahre, nachdem Mascha Kaléko Nazi-Deutschland in letzter Minute verlassen hatte, kehrte sie 1956 zurück. Volker Weidermann widmet sich in seinem Buch ihrer Reise in die Vergangenheit, bei der sich die Dichterin die Frage stellte, ob es hier auch eine Zukunft für sich und ihre Familie gibt.
Sie fährt nach Berlin, in die Stadt, die ihre Heimat war, in der sie glücklich war und zur Dichterin wurde.
„Hier wird sie zur Dichterin, schon in der Schule schreibt sie unter dem Pult heimlich Gedichte. Studieren darf sie nicht, der Vater sagt, für Mädchen sei das nicht nötig, ‘Es hieß, wir sollten jetzt ins Leben treten./Ich aber leider trat nur ins Büro’, hat sie später gedichtet. Sie macht eine Bürolehre, ‘Im ersten Brief kommt ein Gähnen auf je ein Komma’, quatscht sich aber beharrlich in die literarische Welt Berlins hinein.“
Ein Jahr lang reist sie durch Deutschland, wobei sie fast täglich Briefe an ihren Mann nach New York schickt und ihm erzählt, von ihrem herzlichen Empfang in Deutschland, ihren Erfolgen und dem geliebten Berlin. Das Wiederfinden ihrer verloren geglaubten Schwester Lea macht sie glücklich und sie denk daran, doch weiterzumachen. Doch es gibt auch Rückschläge zu verkraften in der Literaturszene; und auch ansonsten gibt es Enttäuschungen auf ihrer Spurensuche des vergangenen Lebens.
„Vielleicht hatte sie auch einfach etwas zu sehr auf den Engel vertraut, der verlässlich neben ihr geht auf ihrer Reise in die Vergangenheit? Vielleicht hatten die letzten Wochen sie zu euphorisch gemacht? Hatte sie wirklich geglaubt, sie könnte einfach an ihr frühes Leben anknüpfen, an ihre Triumphe, ihre Liebe, ihren Ruhm, hineinspazieren in die Welt von gestern und sie mit Optimismus und sonnigem Gemüt und Bereitschaft zu verzeihen in die Welt von heute und morgen verwandeln? Wie hält man sich an Wunder, wenn sie ausbleiben? Wie weckt man Gott, wenn er wieder schläft? Was hast du erwartet, Mascha, als du an deiner alten Wohnungstür geklingelt hast? Ein fröhliches ‘Herein! Da sind Sie ja wieder. Wir haben so lange auf sie gewartet’? Jeder Mensch hat seine eigenen Erinnerungen. Wir können die anderen nicht in unsere hineinzwingen. Höchstens für kurze Augenblicke. Mit einem Gedicht zum Beispiel. Aber was, wenn niemand liest? Niemand zuhört? Oder man selbst gerade kein Gedicht zur Hand hat? Es ist jetzt ihre Wohnung, Mascha. Da hilft auch deine sekundenschnelle Verachtung nichts. ‘Piefkehaushalt’, ‘Dienstmädchentyp’, ‘portierhafte’ Möbel. Verachtung ist eine Waffe, wenn Dichtung und Liebe und Wunderglaube nicht mehr weiterhelfen. Sie dient aber nur zum Selbstschutz. Nicht zum Angriff. Sie öffnet keine Tür.“
Volker Weidermann hat ein sehr feinfühliges Buch über das Leben von Mascha Kaléko geschrieben, das mich als Fan dieser großartigen Frau von Anfang bis Ende begeistert hat. Sehr passend waren auch immer die Auszüge aus ihren Gedichten, um ihre Reise und Gefühle zu untermauern:
„Über die Todesanzeige setzte Mascha ein frühes Gedicht, eines, das im hellen Jahr 1956 das Licht der Welt erblickt hatte und das inzwischen das am häufigsten gedruckte Gedicht Mascha Kalékos ist. Damals, im April 1956, schrieb sie Chemjo voller Stolz, dass sie ‘diesem strengen literarischen Blatt’ (›Die Deutsche Rundschau‹) dieses Gedicht und ein zweites zum Abdruck zugesandt hatte, ‘und sie wurden postwendend akzeptiert’. Es heißt ‘Memento’. Und jetzt, siebzehn Jahre später, passte es so gut wie nie.
Vor meinem eignen Tod ist mir nicht bang,
Nur vor dem Tode derer, die mir nah sind.
Wie soll ich leben, wenn sie nicht mehr da sind?
Allein im Nebel tast ich todentlang
Und laß mich willig in das Dunkel treiben.
Das Gehen schmerzt nicht halb so wie das Bleiben.
Der weiß es wohl, dem gleiches widerfuhr;
– Und die es trugen, mögen mir vergeben.
Bedenkt: den eignen Tod, den stirbt man nur,
Doch mit dem Tod der andern muß man leben.“
„Es wird so bleiben. Mascha Kaléko wird sich von diesem Jahr, von dem Glück, das sie erlebte, von der Erfahrung der geträumten Welt, nicht mehr erholen. Das Jahr 1956 war ein Rausch gewesen, aus dem Nebel längst vergangener Zeiten war der Mensch wieder aufgetaucht, der sie einmal gewesen war. Es war ihr Leben vor ihr aufgetaucht, das sie hätte leben können, wenn die Deutschen sie nicht verfolgt und aus dem Land gejagt hätten. Wenn sie ein Leben gelebt hätte, wie es eigentlich für sie vorgesehen schien, als deutsche Dichterin ...“
Ein Buch für alle, die Mascha Kaléko lieben – oder diese großartige Frau mit ihren zeitlosen Gedichten gerne noch kennenlernen wollen. Eine ganz klare Empfehlung von mir mit 5⭐️