Cover-Bild Streulicht
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11,99
inkl. MwSt
  • Verlag: Suhrkamp
  • Themenbereich: Belletristik - Belletristik: zeitgenössisch
  • Genre: Romane & Erzählungen / Sonstige Romane & Erzählungen
  • Ersterscheinung: 17.08.2020
  • ISBN: 9783518753491
Deniz Ohde

Streulicht

Roman | Frankfurt liest ein Buch 2023

Wahrhaftig und einfühlsam erkundet Deniz Ohde in ihrem gefeierten Debütroman die feinen Unterschiede in unserer Gesellschaft. Sie spürt den Sollbruchstellen im Leben ihrer Erzählerin nach, den Zuschreibungen und Erwartungen an sie als Arbeiterkind, der Kluft zwischen Bildungsversprechen und erfahrener Ungleichheit, der verinnerlichten Abwertung und dem Versuch, sich davon zu befreien.

Industrieschnee markiert die Grenzen des Orts, eine feine Säure liegt in der Luft, und hinter der Werksbrücke rauschen die Fertigungshallen, wo der Vater tagein, tagaus Aluminiumbleche beizt. Hier ist die Erzählerin aufgewachsen, hierher kommt sie zurück, als ihre Kindheitsfreunde heiraten. Und während sie die alten Wege geht, erinnert sie sich: an den Vater und den erblindeten Großvater, die kaum sprachen, die keine Veränderungen wollten und nichts wegwerfen konnten, bis der Hausrat aus allen Schränken quoll. An die Mutter, deren Freiheitsdrang in der Enge einer westdeutschen Arbeiterwohnung erstickte, ehe sie in einem kurzen Aufbegehren die Koffer packte und die Tochter beim trinkenden Vater ließ. An den frühen Schulabbruch und die Anstrengung, im zweiten Anlauf Versäumtes nachzuholen, an die Scham und die Angst – zuerst davor, nicht zu bestehen, dann davor, als Aufsteigerin auf ihren Platz zurückverwiesen zu werden.

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Meinungen aus der Lesejury

Veröffentlicht am 03.01.2021

Emotionales Buch ohne Kitsch

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Streulicht ist Emotional - aber nicht kitschig. Es regt zum Nachdenken an und zeigt auch viele Probleme unserer Gesellschaft auf. Irgendwie hatte ich bei dem Buch das Gefühl immer mitten am Ort des Geschehens ...

Streulicht ist Emotional - aber nicht kitschig. Es regt zum Nachdenken an und zeigt auch viele Probleme unserer Gesellschaft auf. Irgendwie hatte ich bei dem Buch das Gefühl immer mitten am Ort des Geschehens zu sein - war plötzlich in diesem düsteren, unbekannten Ort. Seite an Seite mit der namenlosen Protagonistin.
Auch wenn es kein Buch ist, bei dem man strahlt wie ein Honigkuchenpferd (vielleicht aber auch gerade deshalb), sondern eher eine dauerhaft bedrückte Stimmung herrscht, habe ich es wirklich sehr gerne gelesen. Klare Empfehlung!

Erschien auch auf Installation @KatzBuchund_Eule

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Veröffentlicht am 19.10.2020

Soziale Herkunft und Hemmnisse, die sich daraus ergeben.

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Freunde aus der Kindheit heiraten und deshalb kehrt die namenlose Ich-Erzählerin zu dem Ort zurück, an dem sie aufgewachsen ist. „Heimatort“ möchte ich ihn an dieser Stelle ganz bewusst nicht nennen, ...



Freunde aus der Kindheit heiraten und deshalb kehrt die namenlose Ich-Erzählerin zu dem Ort zurück, an dem sie aufgewachsen ist. „Heimatort“ möchte ich ihn an dieser Stelle ganz bewusst nicht nennen, weil sie sich dort nie wirklich heimisch, zugehörig und wohl gefühlt hat.
Es ist ein von Industrie geprägter Ort, in dem ihr Vater sein Leben lang als einfacher Fabrikarbeiter gearbeitet hat.

Der Besuch löst Erinnerungen an ihre Kindheit und Jugend, an ihre Familiengeschichte und an die Dynamik in ihrer Herkunftsfamilie aus.
Sie kommt nicht umhin, ausgiebig darüber zu reflektieren.
Ihr Bildungsweg spielt in diesen Gedanken und Überlegungen eine große Rolle.

Ihr Vater war ein gewaltbereiter, veränderungsresistenter und wortkarger Mann und ihre Mutter ging schließlich weg und ließ sie beim trinkenden Vater zurück.

Sie erinnert sich an Schamgefühle und Ängste und ihr wird klar, dass sie, um ihres Vaters Gewalttätigkeit nicht anzufachen und um familiäre Eskalationen zu vermeiden, ein ruhiges, stilles und unscheinbares Mädchen werden musste.

Diese Entwicklung war jedoch etwas, das ihr in der Schule zum Nachteil wurde, weil sie sich dort als aufgewecktes und offenes Mädchen zeigen sollte.
Zwischen diesen Anforderungen hin und her gerissen, wird es nur einen Ausweg geben: den eigenen Weg und die Individualität zu finden.

Sie ist frühzeitig von der Schule abgegangen und hat ihre Abschlüsse erfolgreich auf dem zweiten Bildungsweg nachgeholt.

Jetzt, wieder auf den alten Pfaden unterwegs, fragt sie sich, warum ihr Weg so verlaufen ist und währenddessen erfahren wir, wie es dazu kam, dass sie weggegangen ist.

Der Roman beschäftigt sich v. a. mit sozialer Herkunft und ihrem Einfluss auf innere bzw. äußere Hemmnisse der individuellen Entwicklung. Themen wie Diskriminierung und Rassismus klingen deutlich an.

In der Auseinandersetzung mit ihrer Biographie wird ihr mit Wehmut klar, dass sie sich in diesem Ort nie wirklich zugehörig und in ihrem Ich-Sein angenommen, sondern fremd, ausgeschlossen und abgewertet gefühlt hat.

Am Ende der Geschichte steht nicht die Anklage derer, die der Erzählerin ihren Werdegang und ihre Entwicklung erschwert haben, sondern, so meine ich, das befriedigende, aber nicht triumphierende Gefühl, Antworten, Erkenntnis und Verständnis erlangt zu haben.

Der Roman wird nicht chronologisch und auch nicht kausal erzählt.
Nach ihrer Rückkehr erfahren wir durch Rückblenden und eher assoziativ von ihrer äußeren und inneren Realität.

Deniz Ohde wertet und erklärt nicht, sondern sie reflektiert und beschreibt detailliert.
Sie beschreibt glaubhaft und gleichermaßen einfühlsam wie eindringlich die Nöte eines Arbeiterkindes mit Migrationshintergrund, das trotz erschwerter Startbedingungen und Erfahrungen von Ungleichheit und Ablehnung den eigenen Lebensweg findet und eine akademische Laufbahn einschlägt.

Dass es dieser bewegende und kluge Roman auf die Longlist des Deutschen Buchpreises 2020 geschafft hat ist für mich nicht verwunderlich.

Klare Leseempfehlung!

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Veröffentlicht am 15.10.2020

Können Aussehen und Namen das Leben beeinflussen?

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„Streulicht“ gehörte zu den Nominierten zum Deutschen Buchpreis 2020. Es ist das Debüt von Deniz Ohde und erzählt von einer Kindheit und Jugend, die von Vorurteilen und Rassismus geprägt war. Der Vater ...

„Streulicht“ gehörte zu den Nominierten zum Deutschen Buchpreis 2020. Es ist das Debüt von Deniz Ohde und erzählt von einer Kindheit und Jugend, die von Vorurteilen und Rassismus geprägt war. Der Vater ist Fabrikarbeiter, die Mutter verlässt ihn für eine Weile. Zurück bleibt nicht nur er, nein, auch die Tochter. Dass er Alkoholiker ist, kommt erschwerend hinzu. Mit im Haushalt lebt auch der fast blinde Großvater. Wie viele Menschen der Generation können diese beiden nichts wegwerfen. Sie hängen nicht nur an Dingen, auch ihre Gedanken an die Vergangenheit überlagern jene aus der Gegenwart.

Die Hauptperson in dem Buch schreibt in der Ich-Form. Ihre Mutter kam vor vielen Jahren aus der Türkei und verliebte sich in den deutschen Arbeiter. Sie hatte nichts mit dem Islam zu tun auch ihre Tochter nicht. Jedoch wurde die immer wieder sowohl von Lehrern als auch von Mitschülern über ihr Aussehen und den „komischen“ Namen befragt. Ein Lehrer verwehrte ihr den Zugang zum Gymnasium, indem er ihre Arbeiten schlechter bewertete als sie tatsächlich waren.

Mit viel Überredungskunst von Außen und Gedanken nach dem Motto: „Euch zeige ich es“, besuchte sie schließlich eine Abendschule. Sie wollte das Abitur auf diese Weise nachmachen. Hier gab es nur „verkrachte Existenzen“ und sie fühlte sich angenommen. Dass sie ein glänzendes Zeugnis erhielt, das muss kaum erwähnt werden.

Das Buch gefiel mir gut. Es ist eins der gefälligsten Werke, die ich aus der Longlist zum Deutschen Buchpreis 2020 las. Die Autorin schreibt gefällig und nachvollziehbar. Die hier genannten Vorurteile gibt es tatsächlich und auf welche Weise schlechte Lehrer das Leben der ihnen Anvertrauten schwer machen können, das erlebten wir bei unserem Enkel. Wer einen Rucksack sein Eigen nennt, auf dem groß das Emblem der „Welt“ prangt, die ist also intelligent? (Ein Beispiel für die Beurteilung des Äußeren) Vier Sterne gebe ich und empfehle, das Buch zu lesen.

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Veröffentlicht am 04.09.2020

Lesenswert

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Streulicht ist der Debütroman der Schriftstellerin Deniz Ohde.
Sie beschreibt das ungleiches Bildungssystem
diskriminierenden Bemerkungen.

Die Icherzählerin wächst als Arbeiterkind auf.
Ihre Mutter ...


Streulicht ist der Debütroman der Schriftstellerin Deniz Ohde.
Sie beschreibt das ungleiches Bildungssystem
diskriminierenden Bemerkungen.

Die Icherzählerin wächst als Arbeiterkind auf.
Ihre Mutter ist Türkin, ihr Vater ist Trinker und auch sonst eigenartig.
Mit der Erzählerin werde ich leider nicht so richtig warm. Ich weiß nicht warum sie sich so duckt, allerdings hat sie es mit einigen Lehrern schwer. Aber so ist es ja wirklich immer wieder.
Die Autorin führt uns virtuos mitten in die Geschichte. Trotz aller Vorbehalte kann man sich teilweise mit der Protagonistin identifizieren.

Der Roman ist es wert, gelesen zu werden.


Veröffentlicht am 04.09.2020

Berührende und schmerzhafte Sozialanalyse

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In ihrem Debüt erzählt Deniz Ohde eine Geschichte, die mich sehr bewegt hat - obwohl sie eher ruhig begonnen hat. Und so brauchte es eine Weile, bis ich sie zunehmend bemerkte, die zahllosen kleinen fiesen ...

In ihrem Debüt erzählt Deniz Ohde eine Geschichte, die mich sehr bewegt hat - obwohl sie eher ruhig begonnen hat. Und so brauchte es eine Weile, bis ich sie zunehmend bemerkte, die zahllosen kleinen fiesen Piekser, die der Ich-Erzählerin pausenlos zugefügt werden - allein sind sie vielleicht etwas nervig, als Gesamtbild aber eine Dauerqual. Was die Erzählerin "verbrochen" hat? Nun, sie kommt quasi aus "dem falschen" Viertel. Ihre Familie weilt seit Generationen in der "gewöhnlichen" Arbeiterschicht, ohne große Ambitionen, diese jemals verlassen zu wollen. Als die Erzählerin sich anschickt, eine bislang nicht dagewesen höhere Bildung in Form von Abitur (und vielleicht mehr) anzustreben, ist sich der Vater sicher: "Das ist nichts für uns." Statt nach Höheren oder wenigstens anderem zu streben, hängt der Vater an liebsten an Vergangenem, was sich in einer extremen Sammelwut à la Messie widerspiegelt. Aufkommende Gedanken werden zudem im Alkohol ertränkt, der so ziemlich überall dazugehört.

Nicht genug, dass ihr Vater, festgefahren und resigniert, kaum als Vorbild taugt. Auch die Mutter scheint zu müde zum Aufbegehren. In der Hoffnung auf mehr wanderte sie als junge Frau aus der Türkei nach Deutschland aus - um eines Tages ausgelaugt aufzugeben, gegen die Unordnung und Alkoholsucht ihres Mannes anzukämpfen ("Immerhin schlägt er mich nicht", so redet sie es sich schön).

Doch nicht nur innerhalb, auch außerhalb der Familie wird die Erzählerin andauernd ausgebremst. Nicht nur, weil sie aus dem falschen Viertel kommt und sich viele der coolen Dinge, mit denen Jugendliche Zugehörigkeit demonstrieren, nicht leisten kann. Es ist auch der Migrationshintergrund der Mutter, der ihr rassistische Diskriminierung und Ausgrenzung entgegen bringt.

Deniz Ohde schildert diese doppelte Ausgrenzung an verschiedenen gesellschaftlichen Aspekten, im Vordergrund steht jedoch das Thema Bildung - und der Ausschluss daran aufgrund von System und Struktur. Wenn nicht mal die LehrerInnen an die K*******n glauben, die zu Hause doch bestimmt sowie viel helfen muss und kaum zum Lernen kommt - wer soll ihr dann noch Hoffnung geben?

Das Buch hat mich mit jeder Seite mehr berührt und geschmerzt - es ist einfach schlimm, andere Menschen dabei zu beobachten, wie sie aufgrund eigener, unbegründeter Vorurteile handeln - und viel versprechende, junge Talente so nur sehr kleine Chancen auf ein besseres Leben erhalten.

Ich für meinen Teil bin sehr froh, dass Deniz Ohde die Chance hatte, diese Geschichte zu erzählen, in der vermutlich viele eigene Erfahrungen eingeflossen sind. Aber selbst wenn nicht: Das ist ein sensibel und sehr realistisch erzähltes, genau beobachtetes Schicksal, dem hier eine literarische Stimme verliehen wird. Neben des Einzelschicksals stehen hier zudem das Bildungssystem und seine Grenzen (oder besser: Ausgrenzungen) im Mittelpunkt. Ein Buch, das das Potenzial hat, nicht nur die literarische, sondern auch die gesellschaftliche Debatte zu befeuern - daher eine verdiente Nominierung für die Longlist des deutschen Buchpreises 2020.