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Veröffentlicht am 12.02.2020

Zeitzeugenbericht der etwas anderen Art

Wir sind dann wohl die Angehörigen
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Ein Zeitzeugenbericht der etwas anderen Art: Johannes Scheerer erzählt rückblickend, wie er 1996 als 13-Jähriger die 33-tägige Entführung seines Vaters Jan Philipp Reemtsma erlebt hat (Reemtsma-Entführung). ...

Ein Zeitzeugenbericht der etwas anderen Art: Johannes Scheerer erzählt rückblickend, wie er 1996 als 13-Jähriger die 33-tägige Entführung seines Vaters Jan Philipp Reemtsma erlebt hat (Reemtsma-Entführung). Die Erzählperspektive ist gut gewählt und authentisch wiedergegeben. Vom ersten Schock über die Schritte ins das neue, temporäre Leben ohne Vater (dafür mit Polizei, Ermittlern und Entführern) bis hin zur großen Verzweiflung - Scheerer lässt den Emotionen freien Lauf, ohne dass sein Bericht ins Kitschige abdriftet.

Man kann sie nachvollziehen, die Hoffnungslosig- und Hilflosigkeit des 13-Jährigen, dessen gesamtes Leben von jetzt auf gleich auf nur ein Thema (Entführung!) einzoomt und kaum Platz für darüber hinaus gehende Randbetrachtungen lässt. Er ist quasi mittendrin im Geschehen, aber irgendwie nicht, denn vieles, vor dem er als 13-Jähriger in dem Moment geschützt werden sollte, erfuhr er erst später. So ist es vor allem die Hilfslosigkeit, die die Gedanken des 13-Jährigen bestimmt. Neben Fragen wie: "Was kann ich tun, wie kann ich von Nutzen sein?" ist es dabei vor allem die reale Befürchtung, den Vater nie wieder zu sehen, die der 13-Jährige schon früh akzeptiert, um auf das Schlimmste vorbereitet zu sein. Briefe des Vaters aus der Gefangenschaft, in denen er liebevoll mit Frau und Sohn kommuniziert, erzeugen so einen mentalen Spagat zwischen dem schon fast als real empfundenen Verlust und der hierfür unerwünschten Hoffnung. Diese Gedanken, diese vorauseilende Akzeptanz des "bösen Endes" fand ich ziemlich düster, teils fast erschreckend.

33 Tage lang dauert die Qual. 33 Tage, in denen die Polizei sich diverse ermittlungstaktische Pannen erlaubt, in denen die Kommunikation mit den Entführern immer wieder scheitert, in denen Johannes die Außenwelt kaum wahrnimmt (und wenn doch, immer mit etwas schlechtem Gewissen) und in denen so manche an ihre Grenzen stoßen.

Die (von ein paar Gesangseinlagen abgesehen) überwiegend besonnene, ruhige Lesung vom Autor passt gut zur "Stimmung" des Buchs. Für mich persönlich hätte es an einigen wenigen Stellen noch etwas straffer sein dürfen. Grundsätzlich hat es sich aber gut lesen bzw. hören lassen und ist als außergewöhnlicher Blickwinkel auf eine solche Entführungssituation empfehlenswert.

Veröffentlicht am 12.02.2020

Eine Geschichte über die Geschichte eines Buches..

Alles, was wir sind
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Was ist dieses Buch? Die Antwort darauf fällt mir nicht leicht. Drin steckt ein ordentlicher Schlag gut recherchierter Zeitgeschichte von der Nuance "Kalter Krieg in den 1950ern"; ein bisschen Spionagetätigkeit; ...

Was ist dieses Buch? Die Antwort darauf fällt mir nicht leicht. Drin steckt ein ordentlicher Schlag gut recherchierter Zeitgeschichte von der Nuance "Kalter Krieg in den 1950ern"; ein bisschen Spionagetätigkeit; menschliches Drama sowie die Liebesgeschichte von zwei Paaren, die unterschiedlicher nicht sein könnten und durch ihre jeweilige "Unmöglichkeit" doch eine unglückliche Gemeinsamkeit haben.

In erster Linie ist es aber ein Buch über ein anderes Buch. Ein Buch über Doktor Schiwago, dessen eigener Inhalt aber nur eine Nebenrolle spielt. Soll heißen, man muss es nicht zwingend gelesen haben (der Appetit darauf kommt sowieso von alleine) aber ein paar grobe Grundzüge der Geschichte zu kennen hilft. Letzlich steht aber vor allem sowieso eher das Buch an sich im Fokus, die Macht des geschriebenen Worts.

Es sind die 50er, es ist der Kalte Krieg und Frauen hier wie da haben sowieso schlechte Karten. In der UdSSR ist es Olga, die nicht ganz so heimliche Geliebte und Muse des großen russischen Literaten Boris Pasternak (quasi seine persönliche Lara). Pasternak ist gerade dabei, sein Lebenswerk zu vollenden, jenen Roman, der zur politischen Waffe werden wird. Dabei will Pasternak eigentlich nur die Geschichte von Juri und Lara erzählen, von jenen Irrungen und Wirrungen vor, während und nach der Oktoberrevolution. Doch weil das, was Pasternak über die Oktoberrevolution zu schreiben hat, als antisowjetisch gilt, wird der ehemalige Stalin-Protege nach dessen Tod zum Schreiberling unter Beobachtung. Mit fatalen Folgen für seine Geliebte Olga, die in den Gulag geschickt wird. Und Doktor Schiwago? Darf nicht veröffentlicht werden.

In den USA will das CIA den Roman in seine Finger kriegen. Die Geheimdienstler sehen in dem verbotenen Epos eine literarische Waffe, die die Menschen in der UdSSR wachrütteln soll. Nur: Dazu muss das Buch erscheinen - und wie es dazu kommt, erzählen bei der CIA angestellte Frauen aus verschiedenen Blickwinkeln.

Die Kapitel wechseln flott hin und her: sowohl Schauplatz, Handlungsjahr als auch Erzählstimme. Die Geschichte fand ich interessant: Da war zum einen der zeitgeschichtlicher Aspekt, der die 50er Jahre ziemlich lebendig rübergebracht hat. Hier haben mir vor allem die Kapitel der "Stenotypistinnen" gut gefallen - als eine Art "griechischer Chor" berichten diese Frauen in der ersten Person Plural von ihrem Leben, ihrer Arbeit, ihrem Dasein als "stille Tippse" in dieser Männerwelt, die viel mehr wissen und mitbekommen, als ihre Kollegen für möglich halten.

Zum anderen fand ich den Fokus auf Literatur bzw. den Literaturbetrieb spannend. Wie Boris Pasternak das Werden, das Entstehen seiner Geschichte beschreibt, was ihm das Buch bedeutet, was er dafür alles als zweitrangig einordnet. Wie das Buch seinen Weg um die Welt antritt. Wie Schriftstellerverbände, Verleger, Agenten und letztlich das Nobelpreiskommitee Politik machen. Wie Doktor Schiwago so viel mehr war, so viel mehr ist, als die Liebesgeschichte zwischen Juri und Lara.

Vermutlich kein Roman, der mir auf ewig in Erinnerung bleiben wird, dazu blieben mir die Charaktere - vielleicht bis auf die eindringliche Olga und den "erfrischenden" Chor - etwas zu blass. Aber: Das Thema war spannend und interessant erzählt. Ich hab's gern gelesen.

Veröffentlicht am 12.02.2020

Lesenswerte Sammlung

Die Dinge beim Namen nennen
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Wieder eine sehr engagierte Sammlung von Rebecca Solnit. Im vorliegenden Band sind Essays zur Schnittmenge von "Politik" und "Sprache" zusammengefasst. Der Fokus liegt klar auf dem Thema US-Politik (und ...

Wieder eine sehr engagierte Sammlung von Rebecca Solnit. Im vorliegenden Band sind Essays zur Schnittmenge von "Politik" und "Sprache" zusammengefasst. Der Fokus liegt klar auf dem Thema US-Politik (und hier vor allem das im Mittelpunkt stehende Personal), aber auch "globalere Themen" wie Klimawandel, Medienethik und -integrität, Rassismus und Feminismus werden behandelt (auch vor allem mit US-Fokus).

Ich mag Solnits Schreibe. Zum einen ist die Themenauswahl immer gut durchdacht, und auch wenn die Themen scheinbar groß und für sich raumfüllend sein mögen, gibt es fast überall kleine Vernetzungen, und Solnit macht sie sichtbar. Dazu argumentiert sie clever und bastelt, sehr intellektuell-kreativ, dabei sehr inspirierende Gedankenketten zusammen.

Was mir an diesem Buch besonders gefallen hat, abgesehen vom Oberthema an sich: Die Essays behandeln nicht nur inhaltlich linguistische Überlegungen anhand politischer Beispiele, sie spielen auch selbst mit Sprache. Z.B. in "Dem Kirchenchor" predigen vergleicht Solnit diese Auffassung, die im amerikanischen mit "preaching to the choir" verbalisiert wird, mit dem Buhlen um neue/alte Wählerstimmen. Müssen die schon gewonnenen Fans überhaupt noch unterhalten werden und wenn ja, warum? In "Break the Story", ursprünglich eine Abschlussrede an ihrer Alma Mater, beleuchtet sie auch diesen Ausspruch von allen Seiten - denn auch Geschichten können "zerbrechen". Es gibt noch zahlreiche andere Beispiele, bei denen ich begeisternd nickend zugestimmt habe.

Inhaltlich ist die Zusammenstellung vor allem im zweiten Teil etwas willkürlich(er), übergreifend passen die Texte aber durchgängig zum Oberthema und ich habe für mich noch einen kleinen Gefühlsbogen ausgemacht: Vor allem der erste Teil des Buches ist sehr angriffslustig. Im Mittelteil wird es etwas nachdenklich stimmender. Der letzte Text ist versöhnlich-aufbauend.

Habe ich sehr gern gelesen und freue mich schon auf Weiteres von Rebecca Solnit.

Veröffentlicht am 12.02.2020

Streckenweise langweilig

Unorthodox
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Ein an sich sehr bewegendes Schicksal über eine Frau in/aus einer Kultur, von der mir nur wenig bekannt ist. Leider fand ich das Buch streckenweise langweilig und teilweise fast schon... unsympathisch, ...

Ein an sich sehr bewegendes Schicksal über eine Frau in/aus einer Kultur, von der mir nur wenig bekannt ist. Leider fand ich das Buch streckenweise langweilig und teilweise fast schon... unsympathisch, was allerdings auch am gewählten Format (Audiobuch) gelegen haben mag.

Deborah Feldman erzählt ihre Geschichte vom Aufwachsen und geprägt werden in einer ultraorthodoxen jüdischen Gemeinde, der Satmarer in Williamsburg (New York). Das Mädchen wächst in einer streng konservativen Gemeinde auf. Die Satmarer führen ein stark abgeschiedenes Leben, unter anderem weil sie den Holocaust als Strafe für die Assimilation vieler Juden ansehen. Das führt dazu, dass vor allem Mädchen und Frauen strengen Reglements unterworfen sind, die denen in anderen streng konservativen Strömungen und Religionen ähneln. Das ist zweifelsohne meist unfair, teils schockierend zu erfahren.

Den Prozess, wie ein Mädchen, das unter dieser Art der Weltanschauung aufwächst, zu einer freiheitsliebenden, emanzipierten Frau wird, die dieser Welt schließlich den Rücken kehrt, wollte ich gerne erkunden. Leider wurde dieser nicht so mitreißend geschildert wie erhofft. Denn die Deborah aus dem Buch hat mir von Anfang an das Gefühl gebeben, dass sie weiß, dass sie etwas besonderes ist, dass sie irgendwie zu etwas anderem bestimmt ist. Und dies zog sich für mich durch das ganze Werk: Dieses immer leicht überhebliche, stets neunmalkluge Besserwisser- und -fühlerei und die vorausschauende Weisheit des Zukünftigen. Die Lesestimme von Anita Hopt hat diesen Effekt für mich leider zusätzlich verstärkt - ich konnte es quasi nicht mehr nicht hören.

Und ich fand das schade, weil überflüssig und unerwartet. Ich hatte im Vorfeld und auch beim Lesen einige Interviews mit Deborah Feldman gesehen, und sie wirkte auf mich sympathisch und nahbar. In ihrem Memoir kommt das leider weniger vorteilhaft rüber. Und es hätte das doch auch gar nicht gebraucht: Das Schicksal der kleinen Deborah ist schlimm genug, ich hätte intensiveren Anteil daran gehabt, wenn sie mich nicht immer mal wieder an ihre Überlegenheit erinnert hätte.

Hinzu kommt, dass ich das Buch über weite Strecken auch ziemlich langweilig fand. Ziemlich lange ist ziemlich wenig passiert. Dazu beigetragen hat zum Teil auch, dass viele Rituale, Regeln und Gebräuche der Satmarer Chassiden wenig oder gar nicht erklärt wurden. Hier hätte ich mir mehr Hintergrund und Einblicke gewünscht, die an der ein oder anderen Stelle sicher zu etwas vielschichtigerem Verständnis beigetragen hätte.

Letztlich kam mir der eigentliche Ausstieg auch ein wenig zu kurz. Da sind viele Fragen offen geblieben, die Frau Feldman vermutlich in ihrem zweiten Memoir Überbitten beantwortet. Das vorliegende Buch war ["nur"] ihr "Ticket nach draußen", und das merkt man dem Werk an einigen Stellen leider auch an. Nichtsdestotrotz bleibt es eine interessante Leseerfahrung mit einer schönen versöhnenden Botschaft. War unterm Strich also durchaus "okay".

Veröffentlicht am 12.02.2020

Unterhaltsamer Klassiker

Kleider machen Leute
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Ein kurzer, unterhaltsamer Klassiker von einem wenig tapferen Schneiderlein, das eigentlich gar nicht aufschneiden will, genau das aber - größtenteils unfreiwillig - in großem Stil tut. Eine Art romantische ...

Ein kurzer, unterhaltsamer Klassiker von einem wenig tapferen Schneiderlein, das eigentlich gar nicht aufschneiden will, genau das aber - größtenteils unfreiwillig - in großem Stil tut. Eine Art romantische Verwechslungskomödie, gleichzeitig ein Klassiker, der nicht altert und dessen Themen auch heute noch aktuell sind: Welche Rolle spielen Äußerlichkeiten bei der Beurteilung einer Person? Wie sehr lässt man sich vom "schönen Schein" in die Irre führen? Und: Wo hört das Verschweigen auf und fängt die Lüge an?

Keller schreibt flott daher, lässt hier und da eine Spitze oder ein Bonmot fallen. Gut haben mir vor allem die kleinen Szenen gefallen, die der Schneider quasi als Verzweiflungstat oder Übersprungshandlung vollführt (erstmal nur schüchtern im Essen rumpicken) und die die Umstehenden ihm als besonders "herrschaftliche" Verhaltensweise auslegen ("Oha, ein sehr ausgewählter Esser!"). Kurzum: Ich habe mich gut unterhalten gefühlt.