Spannende Military-SF/Dystopie
Die letzte Heldin von Emily Tesh würde ich als dystopische Space Opera x Military Science-Fiction bezeichnen, die konventionelle Tropes aufgreift, sie aber durch eine queerfeministische Linse betrachtet ...
Die letzte Heldin von Emily Tesh würde ich als dystopische Space Opera x Military Science-Fiction bezeichnen, die konventionelle Tropes aufgreift, sie aber durch eine queerfeministische Linse betrachtet - was ich (mit ein paar Abstrichen) gelungen fand.
Die Ausgangslage: Eine von Aliens zerstörte Erde, ein ewig währender Krieg, eine militaristische Splittergruppe, die Gentechnik in extremen Ausmaßen, und damit Eugenik, betreibt; so weit so handelsüblich in der SF. In einer solchen extremistischen Gruppierung wächst Kyr, unsere indoktrinierte, unfassbar unsympathische, rassistische, misogyne Protagonistin, auf. Sie ist die beste Kämpferin ihres Jahrgangs und hat nichts anderes im Kopf als eine militärische Karriere - und Rache an den Aliens, die die Erde zerstört haben. Doch zu ihrem Entsetzen wird sie nach ihrem Abschluss nicht dem Militär zugeteilt, sondern zur Kinderstation, in der Frauen alle zwei Jahre Nachwuchs „produzieren“ müssen. Gedemütigt flieht sie von ihrer Raumstation, um ihren verschollenen Bruder zu suchen… und stellt fest, dass alles, was über die Galaxis gelernt hat, eine Lüge war.
Das Positive: Unglaublich, wie schnell ich dieses Buch verschlungen habe. Wenn ihr etwas braucht, dass euch aus einer Leseflaute holt, greift zu. Man wird direkt ins Geschehen reingeschmissen, hat dann keine Zeit, irgendwo mal anzuhalten und dann hat man es auch schon fertiggelesen. Die Action war reines Popcorn-Kino, der Plot fast-paced, voller Twists und spannend. Trotzdem war man stets nah dran an der Protagonistin, ihren Gedanken und Gefühlen, die teilweise schwer auszuhalten waren; wer eine Sympathieträgerin als PoV und perfekt dargestellte Queerness in einem Buch braucht, der wird hier definitiv nicht glücklich.
Das Kritische: Analogien für Aliens als „Andere“, die eben von uns, den Menschen, ausgehend Rassismus erfahren, finde ich meist recht langweilig und zu simpel, als dass sie einen großen Effekt hätten. Vor allem, weil man sich als Leserin mit der einen Ausnahme der Bösen identifiziert. Es braucht Feingefühl, so ein „unlearning“-Prozess der Figuren darzustellen – meist ist das übertrieben einfach und losgelöst von tatsächlichen Konsequenzen für Täterinnen dargestellt, während den Opfern keine große Aufmerksamkeit bekommen.
Hier war das teilweise der Fall, so empfanden einige Reviewerinnen die „Otherness“ der Aliens als unangenehm; ich hätte mir mehr Bewusstsein für dieses Thema gewünscht. Die Innenwelt der Protagonistin fand ich jedoch interessant: Natürlich wird Kyr empathischer und lernt durch ihr Gegenüber (das Alien) dazu und trotzdem bleibt sie bis zum Schluss teilweise in ihren erlernten Vorurteilen gefangen. Insbesondere ihre internalisierte Misogynie und Heteronormativität zogen sich ganz deutlich durchs Buch. Das finde ich wertvoll – dass wir hier eben keine perfekte Heldin, keine klassische, perfekte Heldenreise und keine unkritische Military-Sci-Fi haben, sondern dass Prozesse des Verlernens immer schwierig, unperfekt und unabgeschlossen sind.
Die Themen wurden deutlich und direkt ausgeschrieben, was für den Einstieg ins Genre hilfreich ist. Insgesamt würde ich Die letzte Heldin eher als Jugendbuch mit härteren Themen einordnen (CNs beachten) und es Leserinnen empfehlen, die vorher YA SF/Dystopien gelesen haben und jetzt etwas ein bisschen „Härteres“ suchen.
Wenn euch folgende Bücher gefallen haben, dann könnte Die letzte Heldin was für euch sein (und andersherum):
Erde 0 von Micaiah Johnson - dystopischer, queerer Sci-Fi-Thriller, ebenfalls ultraspannend und fast-paced, ziemlich hart in seiner Gewalt
Die Scythe-Trilogie von Neal Shusterman - Ausloten von moralischen Fragen, Spannungsverhältnis Utopie-Dystopie
Abschließend möchte ich die Goodreads-Review von Shelley Parker-Chan zitieren, weil es für mich verdeutlicht, was für einen progressiven Weg moderne Science Fiction gehen kann: “[…] this book is for everyone who loved Ender’s Game, but Ender’s Game didn’t love them back.”