Wenn das Leben eine Wendung macht
„Die Inselfamilie“ ist der neu aufgelegte zweite Band von Jette Hansens Amrum-Reihe. Auch ohne Kenntnis des ersten Teils habe ich problemlos in den zweiten Teil hineingefunden. Wie der Titel schon verrät ...
„Die Inselfamilie“ ist der neu aufgelegte zweite Band von Jette Hansens Amrum-Reihe. Auch ohne Kenntnis des ersten Teils habe ich problemlos in den zweiten Teil hineingefunden. Wie der Titel schon verrät dreht sich in dem Roman (fast) alles um die Familie: Anne, die nach dem Unfalltod ihrer Eltern einen Neuanfang gewagt hat, lebt nun schon seit einigen Monaten bei ihrem Freund Ben auf Amrum. Das Verhältnis zu ihrer leiblichen Mutter Emma ist weiterhin schwierig. Doch als Emma großer Ärger droht, steht Anne ihr zur Seite. Auch die Beziehung mit Ben erlebt eine erste Probe, als Ex-Freundin Nadja Ben bittet sich eine Weile um seine, ihm bislang unbekannte Tochter Marie zu kümmern. Und als wäre das alles noch nicht genug sorgt Anne sich zusätzlich um die großmütterliche Freundin Edith, als ein tragisches Ereignis ihrem Leben eine unwiderrufliche Wendung verpasst.
Das Cover des Romans ist nicht sonderlich aussagekräftig gestaltet, fängt aber die Inselatmosphäre sehr naturnah ein und weckt die Sehnsucht nach Meer in mir. Der Schreibstil von Jette Hansen ist eingängig und lässt sich sehr flüssig lesen. Aufgrund der Erzählperspektive werden leider nur Annes Emotionen abgebildet und die sind nicht unbedingt ausufernd sondern mitunter recht rational. Von allen anderen Charakteren erfährt man nur die äußeren Umstände bzw. Annes Wahrnehmung der Reaktionen. Dies lässt die Charaktere zwar fast alle überaus sympathisch, aber recht eindimensional wirken. Insgesamt scheinen die Menschen in Annes Umfeld extrem sozial eingestellt zu sein, dabei aber oft ein wenig blauäugig zu agieren. Mir fehlen hier tatsächlich ein paar Ecken und Kanten, die zu mehr Tiefe beitragen könnten.
Die Handlung an sich verbindet fröhliche, tragische und hoffnungsvolle Momente miteinander, was mir eigentlich sehr zusagt. Dass hier nicht alles Friede, Freude, Eierkuchen ist, macht den Roman authentischer. Die Fülle der angerissenen Themen geht bei nur 249 Seiten allerdings ganz klar zu Lasten der Substanz. Hier wäre weniger doch mehr gewesen. Familie in den verschiedensten Konstellationen, verschiedene Krankheiten, Existenzgründung, Freundschaft, Kindererziehung, Liebe und natürlich Inselleben sind einfach zu viele Themen auf einmal. Während im Verlauf des Romans einige Wendungen ziemlich vorhersehbar sind, empfinde ich andererseits einige lose Enden, die nach der letzten Seite noch nicht verknüpft wurden, als ein wenig unbefriedigend. Dies steigert aber natürlich die Lust den Folgeband zu lesen, um den verbliebenen Fragen auf die Spur zu kommen.
Sehr gut gefallen hat mir die Art mit der Jette Hansen immer wieder sehr anschaulich die Inselatmosphäre in die Handlung eingeflochten hat. Ich habe mich am Strand und beim Drachen steigen lassen sehr entspannt und wohl gefühlt. Auch die Kapitel haben eine angenehme Länge.
Obwohl „Die Inselfamilie“ mich nicht vollkommen überzeugen konnte, ist es doch eine sehr angenehm zu lesende Lektüre, die ein willkommenes Inselfeeling für Zuhause (oder den Urlaub) liefert.