Wenn Eis Geschichten erzählt
Unterwegs zu den Gletschern der WeltManchmal liegt die größte Wucht nicht im lauten Knall, sondern in einem Stück Eis, das langsam verschwindet. Dieses Buch hat genau so eine Wirkung. Es drängt sich nicht brüllend auf den Schoß, sondern ...
Manchmal liegt die größte Wucht nicht im lauten Knall, sondern in einem Stück Eis, das langsam verschwindet. Dieses Buch hat genau so eine Wirkung. Es drängt sich nicht brüllend auf den Schoß, sondern setzt sich daneben, schaut dich an und sagt: Guck mal genauer hin, Freundchen.
Daniel Schwartz nimmt einen mit zu Gletschern auf der ganzen Welt und macht daraus viel mehr als nur einen Reisebericht mit kalten Füßen. Da geht es um Klima, Geschichte, Krieg, Erinnerung, um alte Expeditionen, verschwundene Spuren und um diese eigenartige Melancholie, wenn Natur plötzlich wie ein Archiv wirkt, das jemand heimlich anzündet.
Besonders stark fand ich, wie persönlich das Ganze wird. Der fast 90-jährige Vater auf seiner letzten Wanderung, der Birchgletscher kurz vor dem Absturz, Fundstücke im tauenden Eis. Das sind Momente, bei denen man kurz innehält und denkt: Uff. Das ist jetzt nicht nur schön beschrieben, das kratzt auch irgendwo innen an der Wand.
Klar, wer hier ein schnelles Abenteuerbuch mit Daueraction erwartet, wird vielleicht etwas ungeduldig auf dem Sofa herumrutschen. Das hier ist eher ein Buch zum langsamen Lesen, zum Nachdenken, zum Zwischendurch-aus-dem-Fenster-Starren. Aber genau darin liegt seine Kraft.
Unterwegs zu den Gletschern der Welt ist klug, bildstark, melancholisch und erstaunlich menschlich. Ein Buch über Eis, das am Ende ziemlich warm ums Herz wird. Und ja, danach schaut man auf schmelzende Gletscher definitiv nicht mehr wie auf irgendeine Nachricht aus der Wetter-App.