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Veröffentlicht am 08.11.2020

Wie Rom im Jahr 1870 zur Hauptstadt Italiens wird...

Es war einmal in Italien
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Luca di Fulvio hat mit seinem Roman „Es war einst in Italien“ mal wieder eine Geschichte geschrieben, die mich sehr beeindruckt hat – und er hat uns ganz nebenbei in eine Zeit mitgenommen, als Rom noch ...

Luca di Fulvio hat mit seinem Roman „Es war einst in Italien“ mal wieder eine Geschichte geschrieben, die mich sehr beeindruckt hat – und er hat uns ganz nebenbei in eine Zeit mitgenommen, als Rom noch nicht die Hauptstadt des vereinten Italiens war.
Der Roman beginnt in zwei Handlungssträngen: zum einen ist Marta, ein Mädchen, das in einem Zirkus aufwächst und ihr väterlicher Freund Melo (und als Nebenfigur die mir sehr sympathische Armandina, die Marta die Mutter ersetzt), zum anderen die Contessa Nela (von deren Vergangenheit wir einiges erfahren) und Pietro, ihr Adoptivsohn. Wir begleiten diese Menschen einige Monate im Jahr 1870, hören den Kampfruf „Es lebe Italien! Freiheit für Rom!“, der Marta in seinen Bann zieht. Alle Personen bewegen sich auf Rom zu und wir wissen bereits aus dem Klappentext, dass sich dort ihre Wege kreuzen werden. Dort werden sie – jede /jeder auf seine eigene Weise – für die Befreiung von Rom kämpfen: Marta mit einer Waffe, Pietro mit seinen Fotos. Wir erleben, wie Marta und Pietro „erwachsen“ werden, aber auch die Hilfestellungen ihrer „elterlichen“ Bezugspersonen.
Der Autor hat seinen Protagonisten sehr viel Leben „eingehaucht“, sie wirken lebendig und auch authentisch in ihrem Handeln, wir sind nicht immer mit ihren Taten einverstanden, können sie aber meistens nachvollziehen. Die Beschreibungen lassen uns Teil der Handlung werden, die Personen sind nicht nur in „schwarz“ oder „weiß“ dargestellt, sondern wir erleben auch ihre „grauen“ Seiten mit. Es war damals eine gefährliche Zeit und ich habe mich einige Male wirklich um ihr Leben gesorgt...
Aber zwei Wermutströpfchen gibt es bei meiner Begeisterung für das Buch: an einigen Stellen fand ich es sehr grausam und: die brutalen Szenen wiederholten sich und ähnelten sich sehr, hier wäre m.E. vielleicht „weniger mehr“ gewesen... Und der Schluss hat mich leider auch nicht ganz überzeugt: ja, auch ich liebe Happy Endings – aber hier war es mir etwas zu viel an „Friede, Freude, Eierkuchen“... Ja, ich gebe zu: es ist ein „Jammern auf hohem Niveau“, aber im Rückblick hat es meinen Lesegenuss doch leider etwas gestört.
Aber abgesehen von diesen kleinen Meckereien hat mir Luca di Fulvio einen Teil der Geschichte Italiens näher gebracht, die ich überhaupt noch nicht kannte, ich mag ja historische Romane, bei denen ich etwas „lernen“ kann – und ich hatte bisher ganz einfach gedacht, Rom sei „schon immer“ die Hauptstadt Italiens gewesen! Im Anhang geht der Autor – leider etwas kurz – auch die geschilderte geschichtliche Episode ein und erklärt einige Zusammenhänge.
Trotz meiner Kritik: es ist ein Buch, um darin zu versinken, abzutauchen in eine ganz andere Welt, mit den Figuren mitzufiebern, zu bangen und zu hoffen – insofern kann, muss und will ich hier eine Leseempfehlung aussprechen!

  • Cover
  • Erzählstil
  • Handlung
  • Charaktere
  • Atmosphäre
Veröffentlicht am 31.10.2020

Martha steht ihre Frau, in Hamburg Anfang des 20. Jahrhunderts...

Die Hafenschwester (2)
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„Die Hafenschwester – Als wir wieder Hoffnung hatten“ ist der 2. Band einer Trilogie von Melanie Metzenthin. Band 3 wird wohl im September 2021 erscheinen. Man kann diese Bände sicherlich auch einzeln ...

„Die Hafenschwester – Als wir wieder Hoffnung hatten“ ist der 2. Band einer Trilogie von Melanie Metzenthin. Band 3 wird wohl im September 2021 erscheinen. Man kann diese Bände sicherlich auch einzeln lesen, es gibt genügend Rückblenden. Mir hat es aber sehr gut gefallen, die verschiedenen Entwicklungsschritte der Protagonisten mitzuerleben.
Ich war sofort wieder in der Geschichte, eigentlich so, als ob man gute Bekannte wieder trifft, die man länger nicht gesehen hat...
Es beginnt 1913, Martha und Paul sind verheiratet und haben drei Kinder, Ihre Wohnung ist fortschrittlich mit Gasherd in der Küche und eigenem Badezimmer mit Badeofen und Spültoilette (Marthas Vater fragte, ob es nicht unhygienisch sei, die Toilette direkt in der Wohnung zu haben). Martha arbeitet noch immer ehrenamtlich als Hafenschwester, da Paul gut verdient. Das größte Ereignis dieses Jahres ist für die Familie ein Besuch in den USA bei Marthas Freundin Milli. Milli ist durch ihren Mann gut situiert und schenkt ihnen eine Reise mit dem damals größten Passagierschiff der Welt. Ich habe die „Neue Welt“ durch die Augen von Martha, Paul und den Kindern erlebt und konnte ihre Faszination nachvollziehen. Nach der Rückkehr folgt bald der 1. Weltkrieg, zu dem Paul auch eingezogen wird, obwohl er fast zu alt ist. Ich habe während dieser Zeit an den Nöten und Sorgen teilgenommen, den Hunger gespürt und war erschrocken über Pauls Verwundung. Das Buch endet Advent 1918 mit einer Feier bei Martha mit ihrer Familie und ihren Freunden, dort wird das „Wahlrecht für alle Deutschen“ (S. 481) gefeiert.
Durch Marthas chinesischer Schwägerin erfahren wir viel über die chinesische Kultur und über das Schicksal chinesischer Frauen in der damaligen Zeit.
Die Autorin hat mich sehr gekonnt in die damalige Zeit „gebeamt“, ich konnte mir alles sehr gut vorstellen. Gut, ich bin selbst Hamburgerin, dadurch war mir vieles bekannt, aber das Hamburg eine relativ große chinesische Gemeinde hatte und dass es in Hamburg einen riesigen HH (Helmut Haase) - Vergnügungspark gab, war auch mir vollkommen neu. Aber Melanie Metzenthin lässt uns -quasi nebenbei - tief in die damalige Zeit eintauchen. Durch das Buch werden wir angeregt über die Situation der Frauen damals (z.B. muss Paul Marthas Arbeitsvertrag unterschreiben!), Prostitution und weibliche Homosexualität nachzudenken. Und Martha und Paul sind politische Menschen, deshalb erfahren wir z.B. auch Hintergründe und Erklärungen zum Ausbruch des 1. Weltkrieges. Last but not least nehmen wir auch teil an den Neuerungen in der Medizin, hier besonders in der plastischen Chirurgie.
Fünf Jahre lang habe ich Familie Studt, ihre Angehörigen und Freunde in ihrem normalen Alltagsleben begleitet, mit allen Höhen und Tiefen, habe mit ihnen gelitten, gezittert, gebangt – aber mich ihnen auch gefreut und das eine oder andere Mal geschmunzelt!
Ich finde man merkt deutlich, dass Frau Metzenthin ihre Charaktere gernhat, sie gestaltet sie alle liebevoll und gibt ihnen eine Persönlichkeit, die ich als Leserin sofort nachempfinden kann. Und sie hat wirklich ausgezeichnet recherchiert, so dass „Geschichte“ (politisch oder medizinisch) verständlich wird, so dass auch ich den einen oder anderen „Aha“-Effekt hatte.
Ich kann hier wirklich eine ausgesprochene Leseempfehlung aussprechen und mir die Wartezeit bis zum Erscheinen des 3. Bandes mit anderen Büchern der Autorin „versüßen“!

  • Cover
  • Erzählstil
  • Handlung
  • Charaktere
Veröffentlicht am 28.10.2020

Ein Aushilfsweihnachtmann mischt auf...

Tage voller Weihnachtszauber
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Anja Marschall war mir bisher als Autorin von (sehr guten) historischen Krimis und als Übersetzerin von Mary Elizabeth Braddon bekannt. Nun hat sie sich an ein neues Genre gewagt: Das Buch „Tage voller ...

Anja Marschall war mir bisher als Autorin von (sehr guten) historischen Krimis und als Übersetzerin von Mary Elizabeth Braddon bekannt. Nun hat sie sich an ein neues Genre gewagt: Das Buch „Tage voller Weihnachtszauber“ hat eine wahrhaft „zauberhafte“ Weihnachtsmärchen-Krimi Handlung!
Eigentlich möchte ich über den Inhalt möglichst wenig erzählen: Lena wurde vor fünf Jahren als frischgeborener Säugling vor dem Kinderheim St. Emmaus „abgelegt“. Trotz Bemühungen hat man weder den Namen ihrer Eltern noch ihr richtiges Geburtsdatum herausbekommen. Lena hat deshalb nur einen Wunsch an den Weihnachtsmann: sie möchte zu ihrer leiblichen Mutter! Doch dieses Jahr muss die Heimleiterin, Henriette Jonas, einen Ersatz-Weihnachtsmann engagieren – schon allein die Suche gestaltet sich schwierig, aber letztendlich wird sie fündig… Nur dumm: eigentlich will Manni, ein Altrocker, der mit seiner Ratte Beethoven auf einem Schrottplatz lebt, kein Weihnachtsmann sein, sein Ziel ist ein vollkommen anderes… Im weiteren Verlauf lernen wir weitere liebenswerte und – na ja – auch einige nicht so liebenswerte Menschen kennen… Und wir machen die Bekanntschaft mit Renate…
Mich hat die Geschichte regelrecht gefesselt – nachdem ich anfangs etwas schwer reingekommen bin. Nein, es lag nicht an der Geschichte, sondern: wer liest im Oktober schon eine Weihnachtsgeschichte? Aber nachdem ich meine persönlichen Prinzipien (keine Weihnachtssüßigkeiten vor Ende November!) gebrochen hatte, ausgerüstet mit einer Packung Spekulatius, konnte ich das Buch kaum noch aus der Hand legen…
Der Schreibstil ist flott, locker-flockig-leicht (aber das ist bei der Autorin keine große Überraschung), die verschiedenen Charaktere sorgsam ausgearbeitet, das Kopfkino springt schnell an, sogar ein Schneegestöber konnte ich mir bildhaft vorstellen.
Es ist eine nachdenkliche, magische (eben „zauberhaft“), amüsante (an vielen Stellen habe ich geschmunzelt und gelächelt), rührende (feuchte Augen inkl.) – aber an keiner Stelle kitschige Geschichte! Spannende und aufregende Momente (da kann Frau Marschall nicht verleugnen, dass sie aus der „Krimi-Ecke“ kommt) gibt es natürlich auch! Klar, man ahnt schnell, wie es ausgehen könnte, aber das mindert nicht den Charme des Buches!
Ich hätte die Personen gern weiter begleitet, ich würde wissen wollen, was weiter mit ihnen geschieht – vielleicht schreibt Frau Marschall eine Fortsetzungs-Weihnachtsgeschichte? Ich war jedenfalls richtig traurig, als ich das Buch beendet hatte – es war für mich wie ein kleiner, schöner Kurzurlaub vom grauen (Corona dominierten) Alltag!
Aus diesem Grund gibt es von mir eine ausdrückliche Leseempfehlung für dieses „verzaubernde“ Buch!

  • Cover
  • Erzählstil
  • Handlung
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Veröffentlicht am 18.10.2020

Was wäre, wenn (es tatsächlich passiert wäre?)...

Vier Tage im Juni
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„Vier Tage im Juni“ ist ein Politikthriller von Jan-Christoph Nüse und beschreibt den Kennedy-Besuch in Deutschland in der Zeit vom 23.- 26.Juni 1963. Am 26.6. trat lt. Wikipedia „der mächtigste Mann der ...

„Vier Tage im Juni“ ist ein Politikthriller von Jan-Christoph Nüse und beschreibt den Kennedy-Besuch in Deutschland in der Zeit vom 23.- 26.Juni 1963. Am 26.6. trat lt. Wikipedia „der mächtigste Mann der Welt an die Mikrofone. Er sicherte den Berlinern die volle Solidarität der USA zu und schloss mit den berühmtesten Worten seiner Amtszeit 'Ich bin ein Berliner'.
Ich war zu diesem Zeitpunkt jung, aber mir ist die Euphorie meiner Verwandtschaft über diesen Satz, bzw. die Haltung allgemein noch ziemlich präsent.
Der Autor ist Journalist und baut anhand von Fakten eine Fiktion rund um diesen Besuch auf, dies macht er äußerst fantasievoll und mit einer gehörigen Prise Spannung. Denn anders als es meine Verwandtschaft wahrgenommen hat (oder ich?) - war Kennedy für viele Menschen in den USA und in Deutschland keineswegs eine „Lichtgestalt“, so hielten ihn z.B. hochrangige Militärs in den USA für ein „Schwächling“, ein „Weichei“ in den Verhandlungen mit der UdSSR (Sowjetunion) über die mögliche atomare Abrüstung. In der Bundesrepublik Deutschland (BRD) hatten wiederum einige Menschen Sorge, dass die USA die BRD nicht beschützen würde, wenn die Sowjetunion den westlichen Teil Deutschlands besetzen würde – ganz abgesehen davon, dass sich zu diesem Zeitpunkt hohe deutsche Militärs und Politiker wünschten, eigene Atomwaffen zu besitzen! Ja, es war die Zeit, in der das „Gleichgewichts des Schreckens“ galt... In Westdeutschland existierten auch noch „Seilschaften“ aus dem Nationalsozialismus, die die Ängste „vor dem Russen“ gut für ihre eigenen Interessen zu nutzen wussten.
Vor diesem Hintergrund spielt Herr Nüse gekonnt verschiedene (Attentats-)Szenarien auf deutschem Boden durch, unter dem Motto: so hätte es passieren können... Der Hauptprotagonist ist Thomas Malgo, Angestellter bei der Sicherungsgruppe Bonn, Ermittlungen Staatsschutz. Ihn begleiten wir durch die Höhen und Tiefen dieses Besuches, den realen und den fiktiven... Aber über den Inhalt möchte ich eigentlich nicht mehr verraten – nur so viel: es ist es ist interessant, spannend und macht nachdenklich!
Mich hat die Idee fasziniert: was wäre eigentlich passiert, wenn die Ideen von Jan-Christoph Nüse Realität geworden wären? Was hätte es am Weltgeschehen zu diesem Zeitpunkt verändert? Mich hat das „Jonglieren“ mit diesen Ansätzen beschäftigt... einzig vom Ende / Schluss war ich etwas enttäuscht!
Die „Anmerkungen“ und die angehängten Dokumente ordnen noch einmal genau Realität und Fiktion und runden damit das Bild gut ab.
Den Schreibstil fand ich dem Thema entsprechend angemessen gewählt: er war etwas protokollartig gehalten, hat aber dem Spannungsbogen nicht geschadet, m.E. sogar eher noch unterstützt.
Aus meiner Sicht wurde auch ein treffendes Bild der damaligen Zeit gezeichnet, z.B.: das Archiv arbeitet noch mit Karteikarten, die Schulkinder bekommen schulfrei, um mit amerikanischen Fähnchen am Straßenrand zu winken, wichtige Kommunikationen finden per Telegramm und Fernschreiben statt.
Mir hat das Buch gut gefallen, ich fand den Plot sehr beeindruckend, ich habe beim Lesen und anschließend viel und intensiv nachgedacht. Für geschichtsinteressierte Leser*innen kann ich eine ganz klare Leseempfehlung aussprechen!

  • Cover
  • Erzählstil
  • Handlung
  • Charaktere
Veröffentlicht am 16.10.2020

Immer wieder erschütternd...

Bis wir uns wiedersehen
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Die Engländerin Catherine Bailey hat für ihr Buch „Bis wir uns wiedersehen“ sehr eng mit Fey von Hassell und ihren Söhnen Corrado und Roberto zusammengearbeitet. Der Untertitel des Buches lautet: „Eine ...

Die Engländerin Catherine Bailey hat für ihr Buch „Bis wir uns wiedersehen“ sehr eng mit Fey von Hassell und ihren Söhnen Corrado und Roberto zusammengearbeitet. Der Untertitel des Buches lautet: „Eine Mutter, ihre geraubten Kinder und der Plan, Hitler umzubringen“. Auf dem hinteren Cover steht: „Ein Geschichtskrimi allererster Güte – aber mit Happy End“. Ich bin mir nicht sicher, ob es an diesen Aussagen gelegen hat: ich hatte vollkommen andere Erwartungen an diese Geschichte…
Aber – obwohl ich unter anderen Voraussetzungen mit dem Lesen begonnen habe, hat mich dieses Buch und sein Inhalt sehr schnell in seinen Bann gezogen und mich regelrecht gefesselt.
Fey von Hassell (verheiratete Pirzio-Biroli) lebt 1944 mit ihren 3 und 2 Jahre alten Söhnen in dem von Deutschen besetzten Norditalien, ihr Mann in dem von Alliierten besetzten Rom. Am 8.9.1944 wird ihr Vater, Ulrich von Hassell, vom Volksgerichtshof im Zusammenhang mit dem Attentat vom 20.Juli 1944 zum Tode verurteilt, 2 Stunden später wurde das Urteil vollstreckt.
Wiederum nur einen Tag später wird Fey in Sippenhaft genommen (ich persönlich habe immer beim Schreiben des Wortes „Sippenhaft“ große Bedenken, aber es scheint durchaus ein gängiger Begriff zu sein...), ihre beiden Söhne unter dem Namen „Vorhof“ in ein Waisenhaus gebracht. Für Fey beginnt eine Odyssee durch die deutschen KZs, da besonders Reichsinnenminister Heinrich Himmler die Angehörigen der deutschen Widerstandskämpfer als Art „Faustpfand“ für Waffenstillstandsverhandlungen und seine eigene mögliche Inhaftierung durch die Alliierten benutzen wollte. Aber das ahnten natürlich Fey und die anderen Sippenhäftlinge nicht, sondern sie hatten neben Hunger, Krankheit, Kälte immer ihren möglichen Tod vor Augen. Wobei ich aber auch unbedingt erwähnen möchte, dass es den Sippenhäftlingen im Vergleich zu den anderen KZ-Häftlingen relativ „gut“ ging!
Catherine Bailey hat es vortrefflich verstanden, die Geschichte von Fey mit der allgemeinen Situation in dieser Kriegsendphase zu verknüpfen, die Stimmung präzise einzufangen und prägnant zu beschreiben. So erfahren wir z.B. detailliert über die diversen Attentatsversuche auf Hitler (ich wusste bisher nicht, dass es soo viele waren!) und die Lage im von Deutschen besetzten Norditalien. Sie berichtet über die Verhältnisse und Umständen in den verschiedenen deutschen KZs, wie sie die „normalen“ Häftlinge erleiden mussten. Ich hatte gedacht, ich würde schon alle Gräueltaten der Nationalsozialisten und ihrer Schergen kennen, aber leider: weit gefehlt! Da war ich der Autorin sehr dankbar über ihren distanziert-kühlen und protokollähnlichen Schreibstil! Bei diesen Kapiteln musste ich zwischendurch immer mal wieder Pausen einlegen – z.T. einige Tage lang, um das Gelesene zu verarbeiten. Am 30.4.1945 wurden Fey und die weiteren 140 Sonder- und Sippenhäftlinge durch US-Truppen in Südtirol befreit (die SS-Männer, die den Transport bewachten, hatten den Befehl, die Gefangenen im Zweifelsfall zu erschießen), die Liste der SS-Geiseln liest sich wie ein Who-is-Who des deutschen Widerstands...
Nun begann die Suche der Eltern nach ihren Söhnen. Fey und ihr Mann Detalmo hielten sich in Italien auf und durften nicht nach Deutschland einreisen. Feys Mutter, Ilse von Hassell, schaffte es mit großem Einsatz unter dramatischen Umständen (und mit ganz viel Glück!), die Kinder zu finden – 14 Tage, bevor sie zur Adoption freigegeben werden sollten (das auf dem hinteren Cover versprochene Happy End)!
Ein abschließender Epilog rundet die Geschichte perfekt ab, ebenso helfen die verschiedenen Landkarten, sich zu orientieren. Auch Fotos ergänzen die Handlung. 34 Seiten Anmerkungen und ein sehr ausführliches Personenregister zeigen die intensive Recherchearbeit zu diesem Buch, Chapeau, Mrs. Bailey!
Ein sehr empfehlenswertes, ein eindrückliches, ein ganz besonderes Buch, das mir bestimmt im Gedächtnis bleiben wird und dem ich unbedingt eine große Leserzahl wünsche!

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