Profilbild von Alsterschwan

Alsterschwan

aktives Lesejury-Mitglied
offline

Alsterschwan ist Mitglied der Lesejury

Melde dich in der Lesejury an, um dich mit Alsterschwan über deine Lieblingsbücher auszutauschen.

Anmelden

Meinungen aus der Lesejury

Veröffentlicht am 06.06.2018

Eine junge Frau zwischen Verzweiflung und Vergeltung...

Gleis der Vergeltung
1 0

Lynn und Benedikt wollen heiraten, sie sind glücklich. Lynns Vater freut sich, dass seine Tochter endlich wieder lachen kann. Sie planen ihre Hochzeit entgegen allen Konventionen, die Lynns Mutter als ...

Lynn und Benedikt wollen heiraten, sie sind glücklich. Lynns Vater freut sich, dass seine Tochter endlich wieder lachen kann. Sie planen ihre Hochzeit entgegen allen Konventionen, die Lynns Mutter als wichtig erachtet. Doch am Hochzeitstag verunglückt Benedikt tödlich, als er Lynn zur Hochzeitszeremonie abholen will ...
Auch sieben Jahre später ist Lynn noch in ihrem Trauma gefangen: „Ich leide unter Angstzuständen, aber nicht erst seit Benedikts Unfall. Die Angst umfließt mich. Ewig.“ (S. 12)
Da bekommt sie einen Anruf von Tilda, die ihr berichtet, sie sei Augenzeugin des Unfalls gewesen: Benedikts drei Freunde wären unter Alkoholeinfluss darin verwickelt gewesen. Sie hätten sich ihrer Schuld jedoch nicht gestellt, sondern ihr Leben glücklich weitergelebt.
„Und ich lebe in meiner stillen Wohnung, gemeinsam mit meinen Erinnerungen, meiner Trauer und meiner Wut. Mit der Erinnerung und dem Schmerz kannst du leben, aber die Wut entwickelt sich zu einer eitrigen Wunde.“ (S. 84 /85) Lynn ist entsetzt. Sie springt auf, auf den Zug der Vergeltung...

Astrid Korten hat mit „Gleis der Vergeltung“ einen Psychothriller der Extraklasse verfasst, der seine Leser durch ein wahres Labyrinth eines komplizierten Schienennetzes geschickt zur Endhaltestelle lenkt. Diese „Zugfahrt“ ist ausgesprochen spannend, mitreißend und regt seine Leser immer wieder an, selbst eine Lösung finden zu wollen: Warum meldet sich die Augenzeugin erst nach sieben Jahren? Warum ist Lynn immer noch so verstört und traumatisiert? Warum hat sie nach Benedikts Tod erneut ihre Fähigkeit verloren, Gefühle und Liebe zu empfinden? Helfen ihr Rache und Vergeltung tatsächlich, ihr eigenes Leben zurückzuerobern? Wird Lynn zur Mörderin oder ist sie in ihrer Schutzlosigkeit Opfer einer perfiden Manipulation? Möchte jemand ihr Leben zerstören – warum? Soviel sei verraten: diese Fragen sind am Ende alle gelöst...

Astrid Korten zeigt uns die spannende Chronik eines Verbrechens mit all seinen Facetten. Sie wertet nicht und bedient keinerlei Klischees. Die ureigenen Phantasien bestimmen das Kopfkino des Lesers ...

Ein Buch, das bei mir noch lange nachwirken wird und das ich – glaube ich – auch nicht vergessen werde. Deshalb gibt es von mir eine absolute Leseempfehlung für alle, die auch bei einem Psychothriller einem ernsten Thema nicht aus dem Weg gehen wollen!

Veröffentlicht am 13.03.2019

1945 - in Wiesbaden und an anderen Orten...

Café Engel
0 0

Das Buch „Café Engel „von Marie Lamballe beschreibt hauptsächlich die Zeit von Februar bis Silvester 1945, überwiegend in Wiesbaden im Café Engel, aber auch an anderen Orten in Deutschland und Europa.
Wir ...

Das Buch „Café Engel „von Marie Lamballe beschreibt hauptsächlich die Zeit von Februar bis Silvester 1945, überwiegend in Wiesbaden im Café Engel, aber auch an anderen Orten in Deutschland und Europa.
Wir erleben diese Zeit aus der Perspektive von fünf Menschen, z.B. sitzen wir im Februar 1945 mit Hilde und ihrer Mutter im Luftschutzbunker, sorgen uns im März um Julia, einer Jüdin, die von den Bewohnern des Café Engel versteckt wird, leiden im April mit Heinz (Hildes Vater) in französischer Gefangenschaft, begleiten Luisa auf ihrer Flucht von Stettin nach Wiesbaden und erleben Jean-Jacques in seinem französischen Heimatort.
Die Autorin hat sehr umfangreich recherchiert und hat dies sehr detailgenau umgesetzt, so dass ich mit diesen Menschen an ihren jeweiligen Aufenthaltsorten bildhaft vorstellen konnte. Durch die Perspektivwechsel erfahren wir von den Sorgen, Leiden, Freuden und Hoffnungen des Einzelnen, tauchen in ihre Gefühlswelten ein.
Wir spüren die Ängste beim Bombenhagel, sehen das zerbombte Wiesbaden, hören die letzten nationalsozialistischen Äußerungen zu einem doch möglichen Endsieg, hungern mit der Bevölkerung, verfolgen die Diskussion, ob Handel auf dem Schwarzmarkt eine Alternative zu den knappen Lebensmittelkarten bedeuten kann... kurz gesagt: wir befinden uns „mittendrin“!
Aber es gibt auch einige „Wermutstropfen“, d.h. einige Kritikpunkte: der Klappentext verrät einerseits zu viel und führt zu Erwartungen, die so oder nur in sehr abgeschwächter Form erfüllt werden (das ist leider häufig bei Klappentexten, hier fand ich es nur besonders störend). Der Umschwung von „Rivalität“ (Klappentext) zwischen Hilde und Luise zu „bester Freundschaft“ geschah in atemberaubender Schnelligkeit und konnte von mir nicht ganz nachvollzogen werden. Und über das „Geheimnis“ (Klappentext) grüble ich noch heute nach... Und ganz zuletzt: ich bin wirklich ein großer Fan von Happy-Ends (gerade am Ende solcher Bücher), aber hier hätte es gut „'ne Schippe weniger“ sein können, soviel „Friede, Freude, Eierkuchen“...
Aber insgesamt habe ich mich durch das „Café Engel“ gut unterhalten gefühlt, ich habe angenehme Stunden mit Familie Koch und ihren Freunden gehabt, habe mich mit ihnen geärgert und gefreut – und ich habe wieder einmal Neues über das Jahr 1945 gelernt! Also kann ich trotz meiner Kritik eine Leseempfehlung aussprechen!

Veröffentlicht am 20.02.2019

Wie die Karl-Marx-Allee gebaut wurde...

Allee unserer Träume
0 0

Dieses Buch hatte mich neugierig gemacht: ich lese gern historische Romane über starke Frauen, habe mich auch schon mit der politischen Entwicklung der DDR beschäftigt, kenne die Karl-Marx-Allee von Besuchen ...

Dieses Buch hatte mich neugierig gemacht: ich lese gern historische Romane über starke Frauen, habe mich auch schon mit der politischen Entwicklung der DDR beschäftigt, kenne die Karl-Marx-Allee von Besuchen in Berlin, Architektur interessiert mich - kurz: es schien ein Buch wie für mich gemacht!
Doch leider wurden meine Erwartungen etwas enttäuscht (na gut, über die Höhe von Erwartungen lässt sich streiten...): ich wurde mit Ilse, „eine junge Architektin und ihr Traum von der größten Prachtstraße der DDR“ (hinterer Buchumschlag) nicht „warm“, phasenweise blieb sie mir fremd und zu distanziert von ihrem eigenen Leben. Erst in den letzten 150 Seiten sind Ilse und ich uns nähergekommen!
Ilse bekommt die Chance, am Wettbewerb für den Bau der Karl-Marx-Allee in Ost-Berlin teilzunehmen, ihr Entwurf wird akzeptiert und sie arbeitet als einzige Frau im Planungsstab mit. Ihr Wunsch ist es, für die Arbeiter des zerbombten Berlins und der noch jungen DDR helle lichtdurchflutete Wohnungen zu bauen, die bezahlbar sind UND über einen gewissen Komfort verfügen. Ihre männlichen Kollegen haben eher das Ziel, sich einen Namen als Architekten zu machen und ihre Karrieren zu fördern, bzw. zu verfestigen. Die Diskussionen waren mit ihren „Gockel-Allüren“ und den „Hahnenkämpfen“ für mich als Frau teilweise amüsant zu lesen, aber ab einem gewissen Punkt dachte ich: „nicht schon wieder“!
Ich habe mir zwischendurch immer mal wieder die Frage gestellt, warum ich keinen „Draht“ zu Ilse finden konnte. Eine mögliche Erklärung könnte sein, dass die beiden Autoren viel indirekte Rede benutzt haben, als Beispiel: „Er improvisierte, dachte Ilse. Er weiß nicht weiter, und er ist zu betrunken, um einen Ausweg aus der Situation zu finden, in die er sich selbst gebracht hat...“ (S. 398) Dies ist aber nur ein kleiner Erklärungsversuch von mir...
Die Kapiteleinteilungen mit Ort und Jahreszahl haben mir gut gefallen, dadurch waren auch Rückblenden klar erkennbar. Jedoch stand bei jedem neuen Kapitel eine kleine Zusammenfassung der Ereignisse, diese haben mich ziemlich gestört, weil sie mir keine überraschenden Momente erlaubten – ich habe mich letztendlich bemüht, sie zu „überlesen“…
Aber es gibt auch positives zu berichten: das Buch hat mir in der Tat durch seine fiktive Geschichte um Ilse (lt. Klappentext hat die Mutter des Autors an den Plänen um die Karl-Marx-Allee mitgewirkt) einige historische Ereignisse näher gebracht: der Wunsch der DDR–Führung nach einer Prachtstraße, der Leistungsdruck auf die Architekten, aber besonders auf die Arbeiter, deren Unmut über die Bedingungen ja bekanntlich im Aufstand vom 17.Juni 1953 mündeten und dessen Verlauf sehr beeindruckend geschildert wird - alles gut recherchiert und passend in die Geschichte eingebracht! Auch die letzten 150 Seiten haben mich wieder etwas versöhnt mit diesem Buch, hier konnte ich Ilses Handlungsweisen nachvollziehen, sie wurde für mich greifbarer, menschlicher und liebenswerter…

Veröffentlicht am 20.01.2019

Vielleicht eine amüsante Möglichkeit, sich dem Thema Alzheimer zu nähern...

Unter uns nur Wolken
0 0

Gleich vorneweg: dies ist ein leichter, flotter Unterhaltungsroman mit einer kleinen Prise von Alzheimer-Erkrankung – unter diesem Aspekt hat mich dieses Buch gut unterhalten, allerdings mit einem kleinen ...

Gleich vorneweg: dies ist ein leichter, flotter Unterhaltungsroman mit einer kleinen Prise von Alzheimer-Erkrankung – unter diesem Aspekt hat mich dieses Buch gut unterhalten, allerdings mit einem kleinen „aber“, darauf komme ich aber noch....
Tom ist anderer Meinung als seine Eltern: sie wollen für seinen Großvater väterlicherseits einen gesetzlichen Betreuer und ihn in einem Heim unterbringen, da er an Alzheimer erkrankt ist. Tom zieht zu ihm – er ist aber gleichzeitig der Besitzer einer Bar und kann sich deshalb kaum um seinen Großvater Florian kümmern (Tom ist mehr oder weniger bei Florian und dessen verstorbener Frau Greta aufgewachsen), deshalb sucht er eine Pflegerin. Bisher hat Florian es jedoch erfolgreich geschafft, dass jede Pflegerin innerhalb kürzester Zeit die Flucht ergriffen hat! Ani ist verzweifelt, sie hat gerade ihre Beziehung beendet und steht mittel- und wohnungslos auf der Straße. Erfahrung im Umgang mit Alzheimer-Patienten hat sie überhaupt nicht, aber das ganz dringende Bedürfnis, eine Bleibe und finanzielle Absicherung für sich zu finden. Natürlich versucht Florian, auch sie mit allen Mittel und Möglichkeiten zur Aufgabe zu zwingen (anders gesagt: er will sie „raus-ekeln“). Er zieht alle Register, er spielt und kokettiert so gekonnt mit seiner Erkrankung, dass wir Leser Mitleid mit Ani empfinden. Was sehr schnell deutlich wird: Florian -und auch Tom - vermissen Greta und trauern beide um sie.
Wir erfahren den weiteren Verlauf der Geschichte jeweils abwechselnd von Tom und Ani und erleben quasi durch ihre Augen Florian. Der Schreibstil ist leicht-locker-frisch, liest sich gut und hat mir sehr gefallen. An den Kapitelüberschriften kann man sofort erkennen, ob wir Toms oder Anis Gedankengängen, Problemen und Schwierigkeiten folgen. Die jeweiligen Personen üben in ihren Abschnitten (berechtigte) Selbstkritik, z.B. Ani: „...weil er (Tom) offensichtlich glaubt, mich beschützen zu müssen, seit er mich aus der versifften WG geholt hat wie ein bescheuerter Ritter in Schwarz, ohne Pferd, aber mit der guten Absicht, die holde Maid zu retten, die sich von einem Unglück ins nächste stürzt. Und ich blöde Kuh habe mich retten lassen wie eine beschissene Prinzessin, die es allein nicht hinbekommt.“ (S. 193) Es gibt mehrere amüsante und spritzige Dialoge und Episoden, die mich immer wieder zum Schmunzeln gebracht haben...
Nun zu meinem „aber“: den Schluss habe ich als viel zu „abrupt“ empfunden, ein paar Seiten mehr hätten in meinen Augen sicherlich nicht geschadet, es kam etwas „Frieden-Freude-Eierkuchen“- Stimmung auf, die mich irritiert hat.
Aber nichtsdestotrotz: das Buch hat mich gut unterhalten und ich habe mich teilweise bestens amüsiert. Wie eingangs erwähnt: ein netter Unterhaltungsroman mit einer Prise Alzheimer!

Veröffentlicht am 13.01.2019

"Nichts als Srup für den Geist" (S. 78, E-book)

Die Frauen vom Savignyplatz
0 0

„Ich möchte einen Laden für Sirupbücher. Für Bücher, die nicht literarisch sind, nicht gut oder kritisch. Ich möchte Bücher verkaufen, die einfach glücklich machen. Eine gute Zeit schenken, einem das Gefühl ...

„Ich möchte einen Laden für Sirupbücher. Für Bücher, die nicht literarisch sind, nicht gut oder kritisch. Ich möchte Bücher verkaufen, die einfach glücklich machen. Eine gute Zeit schenken, einem das Gefühl geben, dass die Welt nicht ganz verloren ist. Bücher, die Kraft geben und Mut schenken – Sirupbücher eben.“ (S. 121/122, E-book)
Von so einem Laden träumt Vicky 1925 in Berlin. Dabei ist ihr eigenes Leben wirklich schon schwer genug: vier kleine Kinder, sie ist erneut schwanger, ein untreuer Ehemann, der die Scheidung möchte, abhängig von ihrem despotischen Vater, der ihr und ihrer Familie eine zwei-Zimmer-Wohnung vermietet... und das alles in einer Zeit, in der Frauen die Erlaubnis vom Ehemann (alternativ: vom Vater oder einem älteren Bruder) benötigten, um ein Konto zu eröffnen – geschweige denn einen eigenen Laden?! Aber sie ist der Meinung: „Warum soll ich als Frau lesen, wie ein Herr Döblin sich die Ehe mit einem gewalttätigen Ehemann vorstellt?“ (S. 79, E-book)
Tatkräftig arbeitet Vicky daran, sich ihren Traum vom „Sirupladen“ (sie will ihn aber so nicht nennen, weil sie dann Angst hätte, „dass dann ständig Leute vor der Tür stehen, die eine Saftbar erwarten.“) (S. 131, E-book)
Dies war mein erstes Buch von Joan Weng (und es wird garantiert nicht mein letztes sein!), ich bin großartig in die Geschichte gekommen. Etwas in Anlehnung an Falladas „Kleiner Mann – was nun?“ habe ich mich im Laufe der Geschichte immer wieder gefragt: „Kleine Frau – was nun?“, aber dies Buch strahlt weit mehr Optimismus aus... Die Autorin hat ihre Geschichte in die „Goldenen Zwanziger“ in Berlin gelegt (an manchen Stellen schimmert der Glamour auch tatsächlich etwas durch), aber sie beschreibt eher das Leben der Menschen, die außerhalb der illustren Gesellschaft stehen, die mit Wohnungsnot, Vorurteilen, chauvinistischen Ansichten und Armut zu kämpfen haben – und dies ist ihr wunderbar und einfühlsam gelungen! Ich fühlte mich förmlich in Vickys Leben einbezogen, am liebsten hätte ich ihr sofort angeboten, auch mal auf ihre Kinder aufzupassen... Auch haben mir die Hinweise auf Döblin, Tucholsky (und andere männliche Autoren) im Vergleich zu Courths-Mahler sehr gut gefallen und mich teilweise zum Schmunzeln gebracht... Spritzige Dialoge und amüsante Vergleiche runden den Lesegenuss perfekt ab. Vickys Schwierigkeiten mit dem Gedankengut des aufkommenden Nationalsozialismus passten und entsprachen dem damaligen Zeitgeist.
In einem Anhang erklärt die Autorin, dass sie sich um „historische Korrektheit“ bemüht habe und führt genau aus, wo sie ihrer Phantasie freien Lauf gelassen habe.
Im Nachhinein habe ich vorhin gerade gelesen, dass die Autorin zur Zeit aktuell über das Thema Frauenbild in der Literatur der Weimarer Republik promoviert – ja, die Beschäftigung mit diesem Thema ist deutlich zu merken – aber bravourös in einem Roman umgesetzt!
Kurz gesagt: „Die Frauen vom Savignyplatz“ ist ein Buch, was mich wirklich begeistert hat, es ist bedeutend mehr als nur „Sirup für den Geist“, denn in einem Punkt möchte ich das Eingangszitat von Vicky verändern: „Sirupbücher“ können (und müssen) auch gut sein! Und dieses Kriterium wurde hier voll und ganz erfüllt! Von mir gibt es eine absolute Leseempfehlung…