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Veröffentlicht am 19.03.2021

Leipzig 1920: Inspektor Stainer ermittelt...

Abels Auferstehung
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Mit dem Buch „Abels Auferstehung“ von Thomas Ziebula habe ich Paul Stainer kennengelernt, es ist der 2. Band einer Reihe (1. Band: „Der rote Judas“), aber ich kam ohne große Schwierigkeiten in die Geschichte, ...

Mit dem Buch „Abels Auferstehung“ von Thomas Ziebula habe ich Paul Stainer kennengelernt, es ist der 2. Band einer Reihe (1. Band: „Der rote Judas“), aber ich kam ohne große Schwierigkeiten in die Geschichte, der Autor hat es perfekt verstanden, vorhergehende Ereignisse für uns „Neulinge“ verständlich in die Handlung einzuführen.
Leipzig 1920: die Spuren des 2. Weltkrieges sind immer noch deutlich zu merken, noch sind nicht alle Männer aus der Kriegsgefangenschaft zurückgekehrt – bei vielen weiß man noch nicht, ob man noch hoffen darf...
Die Journalistin Marlene ist eine von ihnen, sie wünscht inständig, dass ein Toter, der bei Basel aus dem Rhein gezogen wird, NICHT ihr Bruder ist – obwohl ein edles Zigarettenetui auf eine Leipziger Vergangenheit deutet. Aber ihr Bruder hat nie geraucht und auch sonst deutet nichts auf die Identität ihres Bruders. Sie beschließt, über den unbekannten Soldaten einen Artikel zu schreiben und beginnt mit den Recherchen...
Paul Stainer ist selbst vor drei Wochen aus der Gefangenschaft zurückgekehrt, er hat Glück gehabt, dass seine Krankenakte nicht zur Polizeidirektion geschickt wurde, denn „einen von Zitteranfällen, Panikattacken und Gedächtnisstörungen geplagten Kriegsneurotiker“ (S. 67) wäre nicht wieder eingestellt worden. Außerdem trauert er um seine Frau Edith, die gerade erschossen wurde.
Da lenkt ihn ein Mordfall von seiner Trauer und seinen Problemen ab: in einem Hotel wurde ein Maler aus Heidelberg erstochen aufgefunden. Schnell stellt sich heraus, dass der junge Mann in Leipzig studiert hat – und außerdem war er offensichtlich am Tag vorher bei einer Mensur verwundet worden (sehr informativ fand ich die Beschreibungen über Mensuren als Tradition bei schlagenden Studentenverbindungen!). In seinem Gepäck hat er ein Bild mit dem Titel „Rhein bei Basel“ - besteht ein Zusammenhang zwischen dem Toten in Basel und diesem Mord? Paul Stainer, sein junger Kommissarsanwärter Siegfried Junghans (sehr sympathisch, ich hoffe, der Junge wird es noch weit bringen!) und sein neuer Kollege Joseph Nürnberger (kennt sich in Spurensicherung gut aus) stehen immer wieder vor neuen Rätseln... Paul erinnert sich häufiger an einen Spruch von einem Abreißkalender, den er in der Wohnung seiner toten Frau gefunden hat: „Man sieht nur, was man weiß“ (Goethe) – dies zieht sich wie eine Art Mantra durch die Ermittlungen.
Mir hat ausgezeichnet gefallen, wie der Autor uns Leser*innen in das Leben in Leipzig zur damaligen Zeit mitnimmt und eintauchen lässt: immer wieder zeichnet er präzise auf, was die Menschen damals bewegt hat: die schlechte Versorgungslage, die Schwierigkeiten von Frauen, die jetzt ihre mühsam erkämpften und zum Überleben notwendigen Arbeitsplätze nun plötzlich wieder an die heimgekehrten Männer abgeben müssen, die politisch instabile Situation (Kommunisten und konservative Kaisertreue bekämpfen sich, bemerken aber nicht, dass sich noch größeres politisches Unheil anbahnt), der aufkommende Antisemitismus, der Stolz der Frauen auf das erkämpfte Frauenwahlrecht. Eine junge Nachtklubbesitzerin und die schon erwähnte Journalistin sind gute Beispiele für damalige emanzipierte Frauen.
Das Buch hat m.E. meine beiden Ansprüche an historische Krimis perfekt miteinander vereint: historisch gute (und sorgfältig recherchierte) Beschreibungen über Sorge und Nöte der Bevölkerung und einen spannenden Kriminalfall, bei dem ich lange Zeit vollkommen im Dunklen getappt bin. Die Lösung war (für mich) überraschend, aber logisch und nachvollziehbar – insgesamt ein wunderbares Leseerlebnis, dass ich sehr gern weiterempfehle.
Ich kann die Wartezeit bis zum 3. Band sehr gut mit dem „roten Judas“ überbrücken, dass schon lesebereit in meinem Bücherregal steht – für die anderen heißt es leider: warten...!
Leipzig 1920

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Veröffentlicht am 18.03.2021

Die Gefühle des Adam Riese aus Platteoog...

Die Erfindung der Sprache
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Nein, in Anja Baumheiers Roman „Die Erfindung der Sprache“ geht es nicht um Adam Ries (deutscher Rechenmeister, 15./16. Jahrhundert, lt. Wikipedia), sondern um Adam Riese, ein echter Ostfriese, der in ...

Nein, in Anja Baumheiers Roman „Die Erfindung der Sprache“ geht es nicht um Adam Ries (deutscher Rechenmeister, 15./16. Jahrhundert, lt. Wikipedia), sondern um Adam Riese, ein echter Ostfriese, der in der Gegenwart des Buches Doktor der Sprachtheorie und angewandten Sprechwissenschaft ist.
Anja Baumheier konnte mich schon mit ihrem Roman „Kastanienjahre“ begeistern und auch dieses Buch hat mir außerordentlich gut gefallen – wobei ich gestehen muss: es ist ein Buch, dass mich durch die „Magie der Sprache“ in seinen Bann gezogen hat, Die Autorin hat es geschafft, mit Worten und Bildern meisterhaft zu jonglieren, ich sah förmlich die Worte wie kleine Bälle durch die Luft fliegen – und sie hat sie alle perfekt aufgefangen! Ich habe mittlerweile so viele farbige Post-Its bei den m.E. besten Formulierungen geklebt, dass es schon bunt wirkt...
Das Buch spielt lange Zeit in zwei Zeitebenen, zum einen: der 32-jährige Adam, der als Dozent für Sprachwissenschaften an einer Berliner Universität arbeitet und sehr autistische Züge hat - menschliche Beziehungen kann er kaum eingehen, dafür liebt er die Zahl sieben, er schreibt mit Begeisterung Listen, am liebsten mit sieben Punkten, er besitzt nur graue Kleidung (oh nein, nicht einfach nur grau, sondern: einsteingrau, „schiefergrau, seidengrau, telegrau, zementgrau, staubgrau, aschgrau“- S.22). Er stürzt in das Abenteuer seines Lebens - besser wohl: er wird gestürzt – um seinen Vater zu suchen, der von der Insel Platteoog spurlos verschwand, als Adam 13 Jahre alt war. Seine Mutter, eine Radiomoderatorin, hat seitdem kein Wort mehr gesprochen. Nicht gerade hilfreich bei diesem Beruf! Es tauchen neue Erkenntnisse auf, dass sein Vater noch leben könnte, deshalb muss unverzüglich gehandelt werden…
In der zweiten Zeitschiene erfahren wir die Vorgeschichte von Adam: wie sich seine Großeltern Ubbo und Leska kennengelernt haben, wie deren heißgeliebte Tochter Oda auf Adams Vater Hubert Riese trifft, Adams Geburt und sein Heranwachsen auf Platteoog mit seinen ca. 200 Einwohnern – einige lernen wir näher kennen (und lieben): Bonna, die Polizistin, Alfried, der Herausgeber des „Platteooger Diekwieser“ (ein Wochenblatt) und Helge, der Inselarzt – und Martha, Adams Freundin seit Kleinkindertagen. Zola aus Göttingen, die Ähnlichkeit mit „Lisbeth Salander aus der Verfilmung von Stieg Larsson“ hat, unterstützt Adam bei den ersten Abschnitten seines Abenteuers oder besser: ohne sie hätte es wohl gar nicht erst stattgefunden…
Die Menschen sind alle sehr lebendig beschrieben, auch ihre kleinen „Macken“ werden liebe- und respektvoll dargestellt. Eigentlich möchte man sofort mit ihnen befreundet sein…
Ein heißer Tipp noch von mir: man sollte dieses Buch auch keinen Fall hungrig lesen: Großmutter Leska ist eine begnadete Köchin und Bäckerin, kaum ein Ereignis dieses Buches findet ohne Leskas Koch- und Backkunstwerke statt, z.B. nach Adams Geburt hatte Leska „eine neue Gastronomiekühltruhe gekauft und buk und kochte und weckte und fror ein, als gelte es, bis zu Adams Volljährigkeit Essensvorräte bereitzustellen.“ (S. 129) Und immer und überall hat sie eine Plastikdose dabei, gefüllt mit Köstlichkeiten!
Verheimlichen möchte ich aber auch nicht, dass ich ca. im dritten Viertel etwas „geschwächelt“ habe, die z.T. ausufernden Landschafts-, Wolken- und Situationsbeschreibungen – so schön ich sie fand – ermüdeten mich auf Dauer etwas, aber das ist wirklich Jammern auf sehr hohem Niveau, hier wäre vielleicht etwas weniger mehr gewesen… Aber das war im letzten Viertel wieder vergessen, da war ich auf das Ende gespannt! Und ich wurde positiv überrascht, mit dem Schluss hatte ich nicht gerechnet… Aber es war alles stimmig und so konnte ich das Buch sehr zufrieden zuklappen.
Ein hervorragender Roman, für den ich eine absolute Leseempfehlung aussprechen kann – und unbedingt möchte!

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Veröffentlicht am 16.02.2021

Was verbindet Rain und Hank?

Die treue Freundin
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Um es gleich vornweg zu sagen: Lisa Ungers „Die treue Freundin“ und ich – wir wurden leider keine Freundinnen...
Aber vielleicht erst mal zum Positiven: die Covergestaltung gefiel mir ausgesprochen gut, ...

Um es gleich vornweg zu sagen: Lisa Ungers „Die treue Freundin“ und ich – wir wurden leider keine Freundinnen...
Aber vielleicht erst mal zum Positiven: die Covergestaltung gefiel mir ausgesprochen gut, die roten Früchte (Hagebutten?) sind vom dunkel gehaltenen Cover „glänzend“ abgesetzt, so dass das Cover mehrdimensional wirkt, man streicht im ersten Augenblick mit dem Finger über das Cover, weil ein haptischer Eindruck entsteht.
Aber zum Inhalt: es ist nicht einfach darüber zu schreiben, da das Buch einige überraschende (zwar manchmal in meinen Augen auch etwas unlogische) Wendungen bereithält, die ich hier aber natürlich keineswegs verraten will, ...
Rain, ihr Freund Hank und ihre Freundin Tess werden als 12-jährige vom sadistischen Eugene Kreskey entführt, der im weiteren Verlauf Tess ermordet. Rain und Hank setzen sich im Laufe der Jahre mit diversen Therapeuten mit der Frage auseinander, inwieweit sie den Tod ihrer Freundin hätten verhindern können, letztendlich überwinden sie scheinbar ihre Traumata. Rain wird eine erfolgreiche Journalistin, Hank wird ein gefragter Kinder- und Jugendpsychiater. Rain heiratet und bekommt eine Tochter, Lily.
Da erschüttert ein Mord die Stadt. Die Vorgehensweise bei dieser Tat erinnert sehr an den Mord an Eugene Kreskey, der nach seiner Haftentlassung umgebracht, der Täter jedoch nie gefunden wurde. Rain beginnt zu recherchieren! So weit, so gut zum Inhalt...
Sehr viel Raum in dem Buch nimmt Lily ein, die 13 Monate alte Tochter von Rain und ihr schlechtes Gewissen, wieder berufstätig werden zu wollen - sicher, auch für mich ein interessantes Thema, aber dadurch kamen mir die Thriller-Elemente leider etwas zu kurz. Doch, eine gewisse untergründige Spannung blitzte zwischendurch immer mal auf, aber leider blieb es häufig nur bei einem kurzen „Blitz“. Zwischendurch hat mich Rain richtig „genervt“, ich konnte ihre Handlungsweisen absolut nicht nachvollziehen, Z.B. warum muss sie vier Minuten (!) nach Verlassen des Hauses auf der Baby-App überprüfen, wie ihre beste Freundin mit Lily umgeht? Aber ich hatte sowieso zeitweise das Gefühl, dass in dem Buch jeder jeden überwacht…
Spannend wurden dann die letzten 50 – 70 Seiten, aber so richtig überzeugen konnte mich die Lösung leider auch nicht. Schade, denn die Grundidee dieses Buches fand ich im Nachhinein nachdenkenswert und auch neu und interessant.
Wie vielleicht schon bemerkt, wir sind keine Freundinnen geworden, es ist eben ein Thriller einer ganz anderen Art und entspricht leider nicht meiner Geschmacksrichtung – aber die Geschmäcker sind ja bekanntlich verschieden!

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Veröffentlicht am 16.02.2021

Eine Frau geht (und findet) ihren Weg...

Lotte Lenya und das Lied des Lebens
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Eva Neiss hat mit ihrem Debütroman „Lotte Lenya und das Lied des Lebens“ (Untertitel: „Die Frau, die Kurt Weill und Bertolt Brecht ihre Stimme schenkte“) eine interessante und auch spannende Roman-Biografie ...

Eva Neiss hat mit ihrem Debütroman „Lotte Lenya und das Lied des Lebens“ (Untertitel: „Die Frau, die Kurt Weill und Bertolt Brecht ihre Stimme schenkte“) eine interessante und auch spannende Roman-Biografie geschrieben. Es ist durchgängig im Präsens geschrieben, dadurch fiel es mir sehr leicht, mich als anwesende Teilnehmerin des Geschehens zu fühlen – quasi den Protagonisten über die Schulter zu schauen.
Der Prolog und der Epilog beschreiben einen Besuch Lottes bei Brecht in Ost-Berlin m Jahr 1955. Sie möchte seine Einwilligung für eine Schallplatte mit „Weills Liedern“ (und mit Brechts Texten), denn „sie hatte es sich zur Aufgabe gemacht, mit all ihrer Kraft zu verhindern, dass er in den Augen der Welt an Bedeutung verlieren sollte, bloß weil er selbst sie nicht mehr sehen konnte.“ (S.8)
Zwischen dem Prolog und dem Epilog erfahren wir gegliedert in zwei Akte und diverse Szenen Lottes Leben in der Zeit von Sommer 1924 bis September 1935, zwischendurch kleine Rückblicke auf Karoline Wilhelmine Charlotte Blamauers traumatische Kindheit in Wien (und den tragischen Grund für ihren Künstlernamen Lotte Lenja - später Lenya). So erleben wir z.B. das erste Zusammentreffen von Lotte mit Kurt Weill, wie sie gemeinsam Brecht kennenlernen, die Entstehungsgeschichte „Der Dreigroschenoper“, die Proben - und bangen gemeinsam mit den Protagonisten, ob es tatsächlich zur Premiere kommen wird – oder ob alles im Chaos versinkt... und lesen viele weitere Informationen, die mir neu waren, u.a. was Lion Feuchtwanger zur „Dreigroschenoper“ beigetragen hat…
Aber die Autorin beschreibt auch präzise das Zeitgeschehen: das erst schleichende, später immer rasanter werdende Erstarken der Nationalsozialisten, z.B. bei der Premiere von „Aufstieg und Fall der Stadt Mahagonny“ lässt sie Lotte denken: „Ob diese Braunhemden jemals begreifen werden, dass ihre mahagonifarbenen Uniformen ihn zu dem Namen der abscheulichen Stadt inspiriert haben?... Also hat sie das Gefühl nicht getrogen, dass mit ihnen etwas Bösartiges in den Saal gekrochen war.“ (S.175) Dies ist natürlich umso bitterer, da Kurt Weill Jude war...
Das Ehepaar Weill entfremdet sich, Lotte findet einen Liebhaber, reicht die Scheidung ein, bleibt ihrem Mann aber verbunden, so dass sie Teile seines Vermögens rettet, als er vor einer drohenden Inhaftierung schnell nach Frankreich flüchten muss. Wir erfahren dies aus Lottes Perspektive, Weill und Brecht sind „Randfiguren“... Lotte bemerkt aber bald, dass sie ohne „Kurtchen“ nicht leben kann, dass er ihre „Heimat“ ist – und so endet das Buch vor dem Epilog mit der Ankunft des Paares 1935 in New York.
Mir hat das Buch ausgesprochen gut gefallen, das ist sicherlich den vielen neuen Informationen geschuldet, aber auch dem unaufgeregten Schreibstil, der sachlich (ohne jemals ins Kitschige abzugleiten!) mit menschlicher Wärme und stets respektvoll über Lotte Lenya berichtet.
Es ist eine Roman-Biografie: klar, wir wissen nicht, ob Lotte Lenya tatsächlich so gedacht hat, aber mir reicht, dass sie so gedacht haben k ö n n t e ! Von Vorteil – dass schreibt die Autorin selbst in ihrem Nachwort – war: „...meine Protagonistin hat sich in zahlreichen Interviews freimütig zu ihrem Leben geäußert, deshalb bilde ich mir ein, dass ich ein Stück weit in ihre Haut schlüpfen konnte.“ (S.328)
Ich hoffe sehr, dass Eva Neiss noch viele Bücher schreiben wird, denn ich habe dieses Buch mit sehr großem Genuss gelesen und kann es wirklich wärmstens weiterempfehlen - und ich bin sicher, dass ich es dieses Jahr noch einige Mal verschenken werde!

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Veröffentlicht am 18.01.2021

"Romantisch war die Seefahrt nie." (S.184)

The Great Escape
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„THE GREAT ESCAPE; Fotografien von der Seefahrt 1950 – 1970“ ist ein Fotoband mit 170 Fotos, die Seeleute in dieser Zeit aufgenommen haben (wohlgemerkt: Laien, keine Fotoexperten!). Beim Blättern stellt ...

„THE GREAT ESCAPE; Fotografien von der Seefahrt 1950 – 1970“ ist ein Fotoband mit 170 Fotos, die Seeleute in dieser Zeit aufgenommen haben (wohlgemerkt: Laien, keine Fotoexperten!). Beim Blättern stellt man schon fest, dass die Fotos 50 – 70 Jahre alt sind, sie sind zum Teil etwas unscharf und muten unserer digitalisierten Wahrnehmung etwas „altmodisch“ an – aber das macht sie gerade besonders authentisch! Herausgegeben wurde das Buch von Julia Dellith, die auch den begleitenden Text dazu geschrieben hat. Als „echter Seemann“ hat Horst Bredenkamp ein Nachwort verfasst.
Als Tochter eines Schiffsagenten in Afrika (1950-er bis 1960-er Jahre) und Frau eines Seemannes (1970-er bis 1980-er Jahre) war ich natürlich sofort sehr interessiert und ausgesprochen neugierig auf das Buch.
Die Fotos sind in 4 Rubriken unterteilt: Nordamerika, Südamerika, Südostasien, Kreuz- und Passagierfahrten. Aus persönlichen Gründen habe ich Aufnahmen aus Afrika vermisst – aber das ist etwas „Jammern auf hohem Niveau“ und hängt vermutlich mit dem Angebot an zugesandten Fotos zusammen.
Die Fotos geben einen sehr guten Eindruck der damaligen Zeit und der damaligen Tätigkeiten an Bord wieder: so wird auf einigen Fotos gezeigt, wie z.B. Bananenstauden noch mit „Manpower“ einzeln an Bord geschleppt werden und wie lebende Tiere verladen wurden, wie Kartons in großen Netzen an Bord gehievt werden mussten... Den Transport der einzelnen Bananenstauden hat mein Mann auch noch bei seinen ersten Einsätzen miterlebt, später ging es dann mit Containern alles bedeutend schneller – aber dadurch verkürzten sich eben die Liegezeiten und die damit verbundenen Möglichkeiten zu längeren Landgängen, wie auch die Herausgeberin auf S. 189 treffend beschreibt.
Gelungen finde ich auch, dass Frau Dellith auch Fotos in ihren Band aufgenommen hat, die die wahre Größe von Schiffen, bzw. Schiffsschrauben mit dem „Maßstab Mensch“ zeigen, z.B. auf S. 11 oder S. 33 – bei ähnlichen Fotos meines Mannes waren „Landratten“ immer überrascht!
Die Fotos geben für mich ein umfassendes Bild der Arbeit, des Freizeitverhaltens, der Exotik der Länder (zu einer Zeit, in dem es noch kein Massentourismus gab) und des Landgangs.
Leider trübt es die Betrachtung der Bilder erheblich, dass die Erklärungen (die sog. Bildunterschriften) erst im Anhang zu finden sind, die Blätterei ist wirklich sehr mühsam.
Den Begleittext fand ist etwas zu kurz geraten, aber ich muss zugeben, dass die Autorin unter der Hauptunterschrift „Faszination Seefahrt“ auf alle wichtigen Aspekte der Zeit von 1950 – 1970 eingegangen ist.
Ein sehr schönes und interessantes Buch, mir hat es – bis auf die „fehlenden“ Bildunterschriften - gut gefallen, ich kann es vorbehaltlos jedem empfehlen, der sich für Seefahrt interessiert!

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