Profilbild von Alsterschwan

Alsterschwan

Lesejury Profi
offline

Alsterschwan ist Mitglied der Lesejury

Melde dich in der Lesejury an, um dich mit Alsterschwan über deine Lieblingsbücher auszutauschen.

Anmelden

Meinungen aus der Lesejury

Veröffentlicht am 30.03.2020

Ein fiktiver Roman, der auf einer wahren Geschichte beruht...

Die Schule am Meer
0

Sandra Lüpkes hat der „Schule am Meer“ mit ihrem gleichnamigen Buch ein würdiges Denkmal gesetzt. Ich hatte vorher noch nie von diesem reformpädagogischen Internat gehört, dass tatsächlich in der Zeit ...

Sandra Lüpkes hat der „Schule am Meer“ mit ihrem gleichnamigen Buch ein würdiges Denkmal gesetzt. Ich hatte vorher noch nie von diesem reformpädagogischen Internat gehört, dass tatsächlich in der Zeit von 1925 – 1934 auf der Nordseeinsel Juist existiert hat. Während des Lesens wurde ich neugierig und habe mich durch diverse Wikipedia-Artikel durchgearbeitet – und bestimmt noch nicht alle gelesen, so umfangreich ist das Material...
Der Roman schildert die Zeit von 1925 – 1934, in dem wir einige Schüler von der Sexta (5. Klasse) bis zur Oberprima (13. Klasse, Abitur), die Lehrer und das Hauspersonal begleiten. Jedes Jahr wird gewissermaßen in einem „Blitzlicht“ von verschieden Ereignissen der Schule oder des Inseldorfs Juist berichtet. Wir erfahren die jeweiligen Situationen aus unterschiedlichen Perspektiven. Dies hat zwar den Nachteil, dass wir anfangs etwas verwirrt über die Vielzahl der Namen sind, aber letztendlich den großen Vorteil genießen können, aus der Sicht verschiedener Menschen ihre Motivation, ihre Vergangenheit, ihre Zukunftshoffnungen zu erfahren… Dieses Konzept hat mir sehr gut gefallen und nach anfänglichen Schwierigkeiten hatte ich auch keine Probleme damit, da mir die meisten Protagonisten schon „ans Herz gewachsen“ waren...
Meine Sympathie lag eindeutig bei der Schule, besonders bei Anni (Ehefrau von Paul Reiner, beides „reale“ Personen), Fräulein Kea, Marje und „Moskito“ (fiktive Personen) und – nicht zu vergessen - der Gans Titicaca. Aber wir nehmen auch Anteil an einigen dörflichen Begebenheiten auf Juist und erleben mit, wie der Nationalsozialismus auch auf dieser Insel immer „salonfähiger“ wird – und sich dadurch auch der Antisemitismus verstärkt! Das Ende des Buches wird bestimmt durch das Ende der Schule: „Sie wurde im Frühjahr 1934 vor dem Hintergrund der NS-'Gleichschaltung' und des staatlichen Antisemitismus geschlossen.“ (S.564). Ein Prolog und ein Epilog aus dem Jahr 1962 runden die Geschichte ab.
In einem ausführlichen Nachwort stellt Sandra Lüpkes ihre Herangehensweise an dieses Buch dar, erklärt, welche Personen fiktiv und welche tatsächlich auf Juist gewesen sind, z.B. wird allgemein häufig nur von dem charismatischen Leiter Martin Luserke berichtet, aber auch andere engagierte Lehrer*innen haben ihren Beitrag zum Erfolg dieser Schule beigetragen: u.a. Paul Reiner, Rudolf Aeschlimann, Fritz Hafner, Eduard Zuckmayer (der ältere Bruder Carl Zuckmayers) und viele andere. Sie alle „wirken“ auch in dem Buch mit...
Frau Lüpkes hat intensiv geforscht und ihre Recherchen „zu den historischen Begebenheiten und realen Personen im Umfeld der Schule führten sie ins Tessin, nach Berlin und natürlich auch nach Juist, wo sie aufgewachsen ist und lange Jahre gelebt hat.“ (hinterer Klappentext) Und wie sie im Nachwort schreibt: „Dann darf ich als Autorin bestehende Lücken mit Phantasie schließen.“ (S. 565)
Und das hat sie ganz wunderbar und sehr fesselnd gemacht, ich konnte zeitweise das Buch kaum aus der Hand legen und habe einige Male mit den Protagonisten mitgefiebert (und mitgezittert!), manchmal fiel es mir richtig schwer, Juist zu verlassen und in meinen Alltag zurückzukehren... Deshalb gibt es von mir eine klare Leseempfehlung!

  • Cover
  • Erzählstil
  • Handlung
  • Charaktere
Veröffentlicht am 15.03.2020

In der schönen Landschaft Feuerlands geschieht Grausames...

Feuerland
1

„Feuerland“ von Pascal Engman war für mich bereits das 2.Buch dieses Autors. Ein Vergleich der Bücher fällt mir schwer, die Thematik ist vollkommen unterschiedlich. Im hinteren Klappentext steht, dass ...

„Feuerland“ von Pascal Engman war für mich bereits das 2.Buch dieses Autors. Ein Vergleich der Bücher fällt mir schwer, die Thematik ist vollkommen unterschiedlich. Im hinteren Klappentext steht, dass „Feuerland“ der erste Band einer Thriller-Serie um die Kriminalkommissarin Vanessa Frank sei – das hatte ich beim Lesen noch nicht richtig realisiert – aber es freut mich sehr!
Das Buch ist – genau wie „Der Patriot“ - in verschiedenen Handlungssträngen geschrieben, bei denen ich als Leserin zuerst keinerlei Zusammenhänge erkennen konnte – aber so ganz langsam und behutsam beginnen wir Leserinnen die Puzzleteile zusammenzufügen und haben den „Aha“-Effekt und können das große Finale atemlos mitverfolgen.
Vanessa Frank hielt ich anfangs für eine „arrogante und eingebildete Ziege“, die nur sich selbst und ihre persönliche Befindlichkeit wichtig nimmt. Aber ich musste schnell Abbitte leisten: je weiter die Geschichte voranschritt, habe ich sie immer besser verstanden – zum Schluss war sie mir richtig sympathisch und ich wäre gern mit ihr befreundet!
In Nicolas habe ich mich sofort etwas verliebt, bei ihm erfahren wir, dass er nicht nur gute Seiten hat (ja, zugegeben: er hat leider auch Straftaten begangen – aber eigentlich für einen „guten Zweck“), aber trotzdem empfand ich ihn als „Hoffnungsträger“ (und mein Gerechtigkeitsempfinden hat beide Augen fest zugedrückt!).
Ja, und andere Protagonisten mochte ich gar nicht und daran änderte sich nichts, es wurde eher schlimmer (aber man muss ja nicht alle mögen) – und einen Handlungsstrang empfand ich als sehr grausam, aber es war eben genau der, auf dem der Thriller aufgebaut ist. Er ist nach Engman-Manier sehr realistisch beschrieben – und ich bezweifle überhaupt nicht, dass es sich so oder ähnlich tatsächlich in der Realität zugetragen hat (oder gar noch zuträgt). Aber Realität ist eben manchmal schwer zu ertragen...
Ich glaube, zur Geschichte selbst möchte ich nichts schreiben, denn der Sinn von Thrillern besteht ja im Überraschungsmoment für die Leserinnen, deshalb denke ich: jedes Wort wäre eines zu viel!
Obwohl ich eigentlich kein „Cover-Typ“ bin, muss ich positiv vermelden, dass ich die Haptik hier gut gelungen finde: der Titel des Buches und der Name des Autors sind erhöht und glitzern etwas – mir hat es gut gefallen und es fühlt sich gut an, wenn man das Buch in der Hand hält. Der Schreibstil ist flüssig, angenehm zu lesen und sehr bildhaft, ich konnte mir Landschaften und Szenen gut vorstellen.
Pascal Engman war Journalist, der Übergang zum Autor ist ihm m.E. gut gelungen. Mir hat das Buch gut gefallen, ich fand es sehr spannend und es hat mich zeitweise regelrecht gefesselt. Auf jeden Fall werde ich den Weg dieses Schriftstellers weiterhin verfolgen und hoffen, dass „Feuerland“ tatsächlich der Auftakt einer Serie um Vanessa Frank – meiner neuen Freundin – ist. Von mir gibt es eine klare Leseempfehlung!

  • Cover
  • Erzählstil
  • Handlung
  • Charaktere
Veröffentlicht am 08.03.2020

Zum Glück leben wir noch nicht in QualityLand...

QualityLand
0

Ich muss es gleich gestehen: ich war selten so zwiespältig in der Beurteilung eines Buches wie bei „QualityLand“ von Marc-Uwe Kling... Zwischendurch war ich immer wieder kurz davor, abzubrechen – und trotzdem ...

Ich muss es gleich gestehen: ich war selten so zwiespältig in der Beurteilung eines Buches wie bei „QualityLand“ von Marc-Uwe Kling... Zwischendurch war ich immer wieder kurz davor, abzubrechen – und trotzdem war ich fasziniert vom Einfallsreichtum und der sprühenden Phantasie des Autors, seinen kleinen Seitenhieben auf unsere heutige Gesellschaft und seinem wirklich spritzigen Schreibstil. Und ja: ich habe es jetzt beendet und nein: ich bereue es nicht!
„QualityLand“ ist laut Wikipedia „eine satirische Dystopie, die bereits erkennbare Tendenzen der Digitalisierung weiterspinnt“.
Zum Buch: Peter Arbeitsloser (die Nachnamen leiten sich vom Beruf des gleichgeschlechtlichen Elternteils zum Zeitpunkt der Zeugung ab) bekommt von „TheShop“ einen rosafarbenen Delfinvibrator geschickt, ohne dass er ihn sich bestellt, ihn sich gewünscht oder ihn benötigt hat. Dies ist vollkommen normal in „QualityLand“, da die Algorithmen der marktbeherrschenden Plattformen (zu denen natürlich u.a. „TheShop“ gehört“) das Leben steuern. Doch Peter ist verärgert und will den rosafarbenen Delfinvibrator unbedingt wieder zurückgeben. Dies bereitet jedoch immer größere Schwierigkeiten und Komplikationen, da es sich das System nicht leisten kann, ein einmal erstelltes Profil zu ändern, das „würde zu einer Verunsicherung führen, die einen langfristigen ökonomischen Schaden von mehr als zwei Billionen Qualities verursachen würde.“ (S. 294, E-Book). Peter gibt nicht auf, steht dem System immer kritischer gegenüber, was letztendlich zu einem Show-Down führt, bei dem er u.a. von einem Kampfroboter mit posttraumatischen Belastungsstörungen, einer Drohne mit Flugangst, einer E-Poetin mit Schreibblockade, einem Quality-Pad, das die Revolution plant und einem Sexroboter mit Erektionsstörungen unterstützt wird. Ach ja, Kiki, eine taffe junge (Menschen)Frau hilft ihm auch…
Wie eingangs erwähnt: die Ideen gefielen mir gut, ich habe an vielen Stellen schmunzeln müssen, war manchmal erschrocken, wie „punktgenau“ auf unsere heutige Zeit die Pointen gesetzt waren… Aber zwischendurch ermüdet auch die beste Satire. Ich hatte den Eindruck, ich müsse nicht über alle Facetten von QualityLand informiert werden, deshalb hätte mir eine Straffung der Ereignisse (und vielleicht eine Halbierung der Seitenzahlen) besser gefallen. Ich wollte zwar gern wissen, wie Peters Kampf um die Rückgabe seines rosafarbenen Delfinvibrators ausgeht, aber der anfängliche Lesespaß verflüchtigte sich leider immer mehr…
Dieses Buch ist sicherlich interessant und als Warnung gedacht, was uns mit der fortschreibenden Digitalisierung geschehen kann, aber hier wäre „weniger mehr gewesen“ – zumindest für mich (oder es entsprach einfach nicht meinen Vorstellungen von Dauer-Humor). Aber eigentlich – und jetzt werde ich wieder zwiespältig, ich weiß - finde ich, dass es sich durchaus lohnt, mal einen Blick in das Buch zu werfen – einfach nur, um QualityLand kennenzulernen!

  • Cover
  • Erzählstil
  • Handlung
  • Charaktere
Veröffentlicht am 24.02.2020

Brooklyn 1912: Alltag und Träume der 11-jähreigen Francie...

Ein Baum wächst in Brooklyn
0

„Ein Baum wächst in Brooklyn“ von Betty Smith war die Lektüre, die vor sehr vielen Jahren mein erstes „Erwachsenen-Buch“ gewesen ist. Wie alt ich damals genau war, weiß ich nicht mehr und ob ich alles ...

„Ein Baum wächst in Brooklyn“ von Betty Smith war die Lektüre, die vor sehr vielen Jahren mein erstes „Erwachsenen-Buch“ gewesen ist. Wie alt ich damals genau war, weiß ich nicht mehr und ob ich alles richtig verstanden habe, daran kann ich mich leider auch nicht mehr erinnern... Auf jeden Fall hat es bei mir einen tiefen Eindruck hinterlassen!
Und so ging es mir jetzt erneut: wir begleiten die 11-jährige Francie aus Brooklyn in der Zeit von 1912 bis 1918. Für uns alle eigentlich ein historischer Roman, für die Autorin Betty Smith (1896 – 1972) wohl eher in Teilen eine autobiographische Geschichte, denn „sie wuchs als Tochter deutscher Immigranten in armen Verhältnissen in Brooklyn auf.“ (Klappentext). Das Buch wurde erstmals 1943 veröffentlicht und 1944 für den Pulitzer-Preis nominiert.
Wir Leser*innen sehen die Zeit und Williamsburg (als Teil von Brooklyn /New York) mit den Augen von Francie Nolan, die mit ihrem ein Jahr jüngeren Bruder und ihren Eltern in heute kaum vorstellbarer Armut lebt. In der Woche sammeln beide Kinder Trödel (Lumpen, Papier, Metall, Gummi), um es am Samstagmorgen beim Trödler zu verkaufen. Da herrschen strenge Riten und Gebräuche: der Trödler „mochte Mädchen lieber als Jungen. Mädchen bekommen einen extra Penny, wenn er sie in die Wange kneifen durfte.“ (S.12) Deshalb verkauft Francie auch Neeleys Trödel, den „Kneifpenny“ behält sie, vom Rest (16 Penny) geht die Hälfte in die familiäre Bank (eine alte Blechdose), 8 Cent werden unter den Geschwistern geteilt, so dass Francie stolze Besitzerin von 5 Cents ist: „Welch ein wundervolles Gefühl, etwas in die Hand zu nehmen, einen Augenblick zu halten, die Konturen zu spüren, mit der Hand über die Oberfläche zu streichen und es dann sorgsam wieder hinzulegen. Dieses Vorrecht gab ihr der Fünfer. (…) Nach einer Orgie von Berührungen tätigte sie ihren wohlgeplanten Kauf – für fünf Cents rosa-weiße Pfefferminzwaffeln.“ (S. 17) Francie ist auch eine begeisterte Leserin, sie liest die Bücher ihrer Bibliothek alphabetisch – und sie hat den großen Traum, Schriftstellerin zu werden!
Der Stil der Autorin zieht uns in ihren Bann, lässt uns intensiv teilhaben an dem Leben von Francie: mit ihrer Familie, in ihrer Schule, der großen Armut der Familie, Glück und Unglück. Wir leiden und freuen uns mit, sind stolz auf Erfolge, trauern bei Misserfolgen, schmunzeln über witzige Begebenheiten. Ich fühlte mich als Teil der Familie Nolan...
Ausdruck und Schreibstil ist zwar ruhig und sachlich, fesselt aber gewaltig. Das Kopfkino springt immer wieder an und zaubert beim Lesen die entsprechenden Bilder. Der „ganz normale Alltag“ von Francie und ihrer Familie über einen Zeitraum von sechs Jahren wird so intensiv geschildert, dass ich das Buch kaum aus der Hand legen konnte. Dieses Buch hat mir auch wieder einmal deutlich gezeigt, dass es sich lohnt, für die eigenen Träume und Überzeugungen zu kämpfen.
Ich wage zu bezweifeln, dass ich als Teenager die vielen Facetten dieses Buches tatsächlich verstanden habe /verstehen konnte. Nun bin ich mir aber sicher, dass „Ein Baum wächst in Brooklyn“ nicht nur zu meinen Jahres-Highlights 2020 gehören wird, sondern es hat einen festen Platz in meiner „ewigen“ Lieblingsbücher-Liste mühelos erobert – eine klarere Leseempfehlung kann es kaum geben!

  • Cover
  • Erzählstil
  • Handlung
  • Charaktere
Veröffentlicht am 03.02.2020

Violet, eine der Broderinnen (Stickerinnen) von Winchester

Violet
0

„Violet“ von Tracy Chevalier (auch die Autorin von „Das Mädchen mit dem Perlenohrring“) ist ein eindringliches und stilles Buch geschrieben, dass uns nach Winchester in das Jahr 1932 führt.
Violet ist ...

„Violet“ von Tracy Chevalier (auch die Autorin von „Das Mädchen mit dem Perlenohrring“) ist ein eindringliches und stilles Buch geschrieben, dass uns nach Winchester in das Jahr 1932 führt.
Violet ist 38 Jahre alt und hat im 1. Weltkrieg ihren Verlobten verloren und kann das Wort „Frauenüberhang“ (durch den Krieg gab es 2 Millionen weniger Männer als Frauen) nicht mehr hören. Sie hat viele Zeitungsartikel darüber gelesen: „In einer Gesellschaft, die auf der Institution Ehe basierte, galt das einerseits als Tragödie, andererseits sahen manche in den vielen ledigen Frauen auch eine Bedrohung.“ (S. 29) Nach dem Tod ihres Vaters lebt sie weiterhin mit ihrer dominanten und herrschsüchtigen Mutter, hält das Zusammenleben jedoch nicht länger aus und zieht nach Winchester. Dort fristet sie ihr Leben eher schlecht als recht, ihr Verdienst als Schreibkraft ist gering: „Einmal in der Woche gönnte sie sich einen Kinoabend, ihr einziger Luxus, allerdings verzichtete sie an dem Tag auf das Mittagessen.“ (S. 35) Sie fühlt sich einsam, empfindet ihre Situation aber als Preis der Freiheit, ein eigenständiges, selbstbestimmtes Leben zu führen.
Ihr Leben verändert sich jedoch, als sie zufälligerweise in einen Segnungsgottesdienst der Stickerinnen der Kathedrale von Winchester gerät. Beeindruckt einerseits von der Schönheit der Kniekissen, die diese Broderinnen für die Kathedrale geschaffen haben, aber auch andererseits auf der Suche nach sozialen Kontakten, tritt sie dem Stickclub bei. Diese Entscheidung verändert ihr Leben: sie gewinnt Freundinnen und lernt durch diese Arthur kennen, einer der „bellringers“ (Glockenläuter) kennen. Und langsam wird Violet immer selbstbewusster und entschlossener, sich gegen die gängigen Konventionen (die es damals für unverheiratete Frau in Hülle und Fülle gab – manchmal staunte ich beim Lesen, was „frau“ damals alles nicht machen durfte!) zu stellen.
Tracy Chevalier ist ein Roman gelungen, der uns Violet sehr nahebringt. Ähnlich wie bei dem „Mädchen mit dem Perlenohrring“ werden wir Leserinnen in die Geschichte einbezogen, die uns berührt und bewegt. Da ich selbst mal eine „Stickphase“ hatte, fand ich die Beschreibung der Sticktätigkeit sehr eindrucksvoll. Im Nachwort steht, dass Louisa Pesel (Leiterin der Stickgesellschaft) eine reale Person ist und tatsächlich in Winchester gelebt und gearbeitet hat, gegoogelt habe ich dann noch, dass ihre Stickbilder zu einem großen Teil in der Universität von Leeds ausgestellt sind. Und über die schwere Kunst und Tradition des Glockenläutens in England hatte ich schon vor sehr vielen Jahren in einem Krimi von Dorothy Sayers gelesen und mich hatte schon damals die notwendige Perfektion dieser Tätigkeit fasziniert.
Ich möchte an dieser Stelle aber nicht verheimlichen, dass ich ungefähr in der Mitte des Buches einen „Durchhänger“ hatte (ich fand einige Beschreibungen zu detailliert), ich musste für mehrere Tage pausieren. Dann jedoch bin sofort wieder gut in die Handlung gekommen und konnte bei der 2. Hälfte das Buch kaum noch aus der Hand legen. Der Schluss war überraschend, hat mich berührt und hat mir gezeigt, dass Violet ihren eigenen Weg gut gemeistert und auf die Normen der damaligen Zeit „gepfiffen“ hat. Dieses Buch hat mir auch gezeigt, dass vieles, was wir heutigen Frauen als selbstverständlich betrachten, mühsam von den Frauen früherer Generationen erkämpft werden musste!
Alles in allem: ich kann dieses Buch mit sehr gutem Gewissen an alle Liebhaber
innen historischer, leiser, sensibler Romane weiterempfehlen!

  • Cover
  • Erzählstil
  • Handlung
  • Charaktere