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Veröffentlicht am 20.10.2021

Damit hätte die deutsche Geschichte einen anderen Verlauf genommen...

Die Clique der Ehrlosen
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Thomas Majhen hat m.E. mit seinem Roman „Die Clique der Ehrlosen“ ein in mehrfacher Hinsicht interessantes und beeindruckendes Buch geschrieben: ich habe selten so viel bei Wikipedia nachgelesen und selten ...

Thomas Majhen hat m.E. mit seinem Roman „Die Clique der Ehrlosen“ ein in mehrfacher Hinsicht interessantes und beeindruckendes Buch geschrieben: ich habe selten so viel bei Wikipedia nachgelesen und selten meine Notizverzeichnis-Funktion beim Tolino so stark in Anspruch genommen!
Zuerst muss ich eine komplette Bildungslücke gestehen: von der Septemberrevolution 1938 hatte ich bisher keine Ahnung... Klar, Elsers Attentatsversuch 1939, Stauffenberg (und andere) 1944 – und auch immer mal wieder Einzelpersonen, die es gewagt haben und gescheitert sind... Aber dass sich 1938 eine größere Anzahl von hohen Wehrmachtsoffizieren und auch einflussreichen Zivilisten zusammengefunden haben, um Hitler zu stürzen (von einigen wurde auch sein Tod billigend in Kauf genommen) – nein, das war mir vollkommen neu!
Auslöser für diesen Zusammenschluss war die Blomberg-Fritsch-Affäre (Oberbefehlshaber des Heeres / der Wehrmacht), sie wurden durch falsche Anschuldigungen ihrer Ämter enthoben, damit hatte Hitler sich seiner wichtigsten Kritiker seiner aggressiven Außenpolitik „entledigt“ und konnte selbst den Oberbefehl übernehmen. Beide waren in der Wehrmacht sehr angesehen und viele durchschauten den dahinterliegenden Zweck.
Hans Oster baut ein Netzwerk auf, zu dem u.a. Erwin von Witzleben, Carl Goerdeler, Wilhelm Canaris, Friedrich Heinz und viele mehr gehören – für mich war die große Anzahl erstaunlich und wie offen sie teilweise über ihre Pläne gesprochen haben...
Thomas Majhen nimmt uns Leser*innen mit in das Jahr 1938, wir nehmen teil an konspirativen Treffen, bei denen die Männer jedes Für und Wider genau diskutieren – sehr spannend waren für mich die verschiedenen Haltungen, die ihren Ursprung z.B. in ihrer Herkunft, Tradition, Religiosität, Erfahrung usw. lagen. Auch ihre Versuche mit der englischen Regierung Kontakt aufzunehmen, fand ich ausgesprochen bemerkenswert...
Der zweite Handlungsstrang ist eine Augsburger Schülergruppe von vier Freunden um Christoph, die ein Jahr vor dem Abitur stehen. Hier spiegelt der Autor die „normale“ Bevölkerung und ihre Reaktionen auf Handlungen, Reden und Taten des „Führers“, Alltagssorgen im Nationalsozialismus... z.B. entschließt sich Christoph mit seinen 17 Jahren doch noch der Hitlerjugend beizutreten, obwohl er die damit verbundenen Ideologie eigentlich ablehnt. Sein engster Freund Jan ist ein überzeugter Nationalsozialist... deutlich wird hier, dass die Risse der Befürwortung, der Skepsis und der Ablehnung des nationalsozialistischen Gedankenguts quer durch Familien und Freundschaften gegangen ist!
Thomas Majhen vermischt grandios seine profunde Recherchearbeit mit einem fiktionalen Teil, dieser ist auch ausgesprochen gut und spannend geschrieben, ein wahrer „Pageturner“ – dabei dachte ich, ich sei mittendrin! Doch darüber möchte ich jetzt hier nichts schreiben, um nicht zu Spoilern - selber lesen ist angesagt!
Ich hatte eingangs geschrieben, dass es für mich sehr interessantes und beeindruckendes Buch gewesen sei: ich hätte niemals gedacht, dass mich ein Buch über Wehrmachtsgedanken, -ideologien und -hintergründe derartig fesseln könnte. Ein Buch, über das ich sicherlich noch viel Nachdenken werde, hat es mir doch auch einige meiner Vorurteile über die deutsche Wehrmacht unter Hitler deutlich aufgezeigt.
Für jeden, der sich für die deutsche Geschichte im Nationalsozialismus und der einem Gedankenspiel „was wäre, wenn...“ nicht abgeneigt ist, kann ich dieses Buch nur wärmstens empfehlen – es zählt mit Sicherheit zu meinen Lese-Highlights 2021 obwohl es (oder gerade weil?) es so gar nicht in mein „Beuteschema“ passt!

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Veröffentlicht am 19.10.2021

Eine Mordserie in Hamburg oder: ewig dürstet die Geranie...

Todesengel im Viertel
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Cord Buch hat sich mit seinem 4. Krimi um Werner Jensen und Wiebke Maurer (herzlichen Glückwunsch zur Beförderung, Frau Maurer!) an ein sehr sensibles Thema gewagt. Auf St. Pauli geschehen mehrere Frauenmorde: ...

Cord Buch hat sich mit seinem 4. Krimi um Werner Jensen und Wiebke Maurer (herzlichen Glückwunsch zur Beförderung, Frau Maurer!) an ein sehr sensibles Thema gewagt. Auf St. Pauli geschehen mehrere Frauenmorde: eine wird vergiftet vor einer katholischen Kirche abgelegt, die zweite findet man verbrannt vor einer Freikirche und eine dritte ist gesteinigt und wird vor einer Moschee gefunden (ich verrate hier nichts, es steht im Klappentext!). Frauenhasser? Religiöser Wahn? Zuhälterkrieg?
Auch die Journalistin Nele betreibt mit ihrer Freundin eigene Nachforschungen, da Birte die erste Tote kannte und sie selbst hatte die dritte Tote interviewt...
Für mich war es das dritte Buch dieser Reihe (aber man kann sie alle einzeln lesen, die Fälle sind in sich abgeschlossen), so dass ich mich gleich wieder heimisch in Neles Küche fühlte...
Der Autor zeigt uns ein Stück Hamburg außerhalb der Touristenströme und beschreibt das Leben im „Viertel“ (Schanzenviertel) sehr authentisch – der Staatsanwalt zu Werner: „Sie kennen sich da aus, sind sozusagen der Experte für das Viertel.“ (S. 6)
Doch die Ermittlungen sind zäh, Werner und Wiebke treten auf der Stelle, die Zeugen mauern – doch dann gibt es eine Wendung... aber mehr wird hier nicht verraten!
Mich haben die ausführlichen Recherchen des Autors zum Thema „Frauenhass“ sehr beeindruckt: er zitiert aus religiösen Schriften, wie z.B. das Buch Jesus Sirach (nicht Teil der Bibel) oder aus einem Hadith (nicht Teil des Korans), Wiebke äußert sich dazu: „Alte religiöse Texte waren das. Von Leuten, die noch immer daran zu glauben scheinen. Die Frau als Untertan des Mannes und solche Geschichten.(S. 72) Oder an anderer Stelle; „Ein Herr Breivik schreibt, dass im antiweiblichen Geschlechterkampf selbst die Tötung von Frauen eingeschlossen ist.“ (S. 146) („Herr Breivik“ ist Anders Behring Breivik, der 2011 in Oslo und auf der Insel Utoya 77 Menschen ermordet hat). Auch Blogs der Männerrechtsbewegung, Men's Liberation oder von den Maskulinisten werden erwähnt (die Zitate immer kursiv geschrieben, deshalb gut erkennbar).
Das alles hat Herr Buch sehr geschickt in die laufenden Ermittlungen eingefügt, so dass wir Leser immer wieder in Zweifel geraten, wer wohl für die Frauenmorde verantwortlich ist – ich kann versprechen: es bleibt bis zum großen „Show-Down“ sehr spannend!
Und nun ein Wort zur im Titel dieser Rezension erwähnten Geranie: sie taucht in allen Büchern von Cord Buch auf, sie steht bei Nele auf der Fensterbank und hat sich mittlerweile zum „running gag“ entwickelt. Nie wird sie gegossen, aber diesmal bekommt sie eine Wasser-Notration von einer vollkommen unerwarteten Seite und wird sogar umgetopft – aber sie ahnt bereits ihr Schicksal, sie wird wieder ignoriert werden... Aber ich liebe sie und warte jedes Mal auf ihre Erwähnung!
Mir hat der Roman wieder sehr gut gefallen, äußerst interessant. Ich finde beeindruckend, dass sich ein Autor in einem Krimi mit dem Thema Femizide beschäftigt (er geht zu dem Thema auch in seinem Nachwort ein) – Chapeau, Herr Buch! Ich empfehle dieses Buch sehr gern weiter und hoffe, dass es viele Leser*innen findet!

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Veröffentlicht am 17.10.2021

Licht und Schatten in Würzburg im 16. Jahrhundert...

Der Pfeiler der Gerechtigkeit
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Für mich war „Der Pfeiler der Gerechtigkeit“ bereits der dritte historische Roman von Johanna von Wild – und ich habe wieder jede einzelne Zeile genossen!
Mir gefällt der Schreibstil der Autorin ausgezeichnet, ...

Für mich war „Der Pfeiler der Gerechtigkeit“ bereits der dritte historische Roman von Johanna von Wild – und ich habe wieder jede einzelne Zeile genossen!
Mir gefällt der Schreibstil der Autorin ausgezeichnet, die Recherchen sind umfangreich und exakt, sie fängt Zeit- und Lokalkolorit wunderbar ein, sie ergänzt ihre Bücher durch ein ausführliches Personenverzeichnis (was ich aber selten benutzen muss) und ein Nachwort mit Zeittafeln, Quellen und Anmerkungen runden die Geschichte perfekt ab – also all das, was für mich zu einem guten historischen Roman gehört!
Diesmal war Fürstbischof Julius Echter von Mespelbrunn die zentrale historische Figur des Romans (ich gestehe: vorher hatte ich noch nie von ihm gehört, aber jetzt muss ich unbedingt mal nach Würzburg), er lebte von 1545 bis 1617. Außer einer kurzen Episode in Julius Kindheit begleiten wir ihn von 1572 (ein Jahr später wird er Fürstbischof von Würzburg) bis 1583, wir erleben mit, wie er z.B. das Juliusspital und die Universität von Würzburg gründet.
Ihm gegenüber steht die (fiktive) Person Simon Reber, er ist anfangs Bäckerlehrling bei seinem Stiefvater, geht später nach Venedig, lernt dort das Zuckerbäckerhandwerk, nach seiner Rückkehr nach Würzburg übernimmt er die Bäckerei im Juliusspital. Durch ihn lernen wir das Alltagsleben der damaligen Zeit kennen, z.B die Zunftordnungen, ihre Regeln und Bräuche. Wir erfahren u.a. einiges über die Lebensumstände in jenen Tagen, die Rechte und Möglichkeiten von Frauen (eigentlich gar keine!), das Apothekerwesen, die Gerichtsbarkeit.
Julius und Simon werden Freunde (klar, im „richtigen“ Leben passiert so etwas selten oder nie), aber es war ein gelungener „Trick“ der Autorin, uns alle Facetten des Lebens in Würzburg im ausgehenden 16. Jahrhundert darzulegen.
Ich will hier gar nicht so stark auf den Inhalt des Romans eingehen: nur so viel: es gibt Licht und Schatten, Liebe, Intrigen, Neid, Missgunst...Es ist spannend geschildert, so dass man quasi durch die Seiten fliegt und das Kopfkino Bilder produziert! Wir nehmen Anteil an Simons und Julius Leben und an ihren Entscheidungen. Beide sind keine „weißen Ritter“, sondern Menschen mit Ecken und Kanten, ich war bei beiden nicht mit allen Handlungen einverstanden... Julius erschien mir in seinem katholischen Glauben lange Zeit zu fundamentalistisch (gut, die Reformation lag noch keine 100 Jahre zurück), aber letztendlich habe ich mich mit ihm „versöhnt“... Auch Simon hat „schwarze Flecken“, aber auch er konnte dann doch wieder bei mir Punkte sammeln...
Aber gerade das mag ich bei den Protagonisten von Frau von Wild: sie sind Menschen mit Fehlern, aber meistens können wir Leser*innen erkennen, warum sie so und nicht anders handeln (können). Anders als in den vorherigen Büchern endet dieser Roman „gut“, aber durch die Handlung sehr stimmig, ein anderer Schluss hätte mich doch etwas enttäuscht.
Mein Lieblingsbuch dieser Autorin bleibt noch immer „Die Erleuchtung der Welt“, aber das wird sicherlich auch daran liegen, dass ich mich dort mit den Hauptfiguren stärker identifizieren konnte; das soll wirklich keine Wertung sein, sondern nur mein ganz persönliches Gefühl (wie die Frage nach dem Lieblingskind...).
„Der Pfeiler der Gerechtigkeit“ hat mich sehr beeindruckt, mich eine Zeitlang in das 16. Jahrhundert „gebeamt“, ich habe wieder viel Neues gelernt und last but not least: ich habe mich wunderbar unterhalten gefühlt – für Liebhaber/innen von historischen Romanen eine absolute Leseempfehlung!

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Veröffentlicht am 27.09.2021

Neues von der Hafenschwester und ihren Kindern...

Die Hafenschwester (3)
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Melanie Metzenthin hat mit ihrem dritten und letzten Band ihrer Trilogie um die Hafenschwester Martha Studt einen „kleinen Ziegelstein“ mit 703 Seiten vorgelegt – und keine einzige Seite war Zuviel! Die ...

Melanie Metzenthin hat mit ihrem dritten und letzten Band ihrer Trilogie um die Hafenschwester Martha Studt einen „kleinen Ziegelstein“ mit 703 Seiten vorgelegt – und keine einzige Seite war Zuviel! Die Autorin schreibt in ihrem Nachwort: „Meine Protagonisten stehen sinnbildlich für die vielen kleinen Leute, die in schwierigen Zeiten das Richtige getan haben.“ (S.698)
Oh, ich habe tagelang mit Familie Studt, ihren Verwandten und ihren Freunden gelebt und sie in der Zeit von 1923 bis 1957 „begleitet“, habe mich mit ihnen gefreut, geärgert, gezittert, gebangt, habe ihre Verzweiflung, Wut und Unverständnis geteilt, war auf Erfolge stolz – und mir sind an zwei Stellen die Tränen gekommen... Denn wir wissen es alle - nur die Protagonisten glücklicherweise nicht – dass die Jahre bis zur Währungsreform 1948 zu den dunkelsten und schwersten Zeiten der deutschen Geschichte gehören. Viele Anlässe zur Freude gibt es deshalb nicht, aber immerhin wird Marthas Enkeltochter während der „Operation Gomorrha“ (militärischer Codename für die Bombenangriffe auf Hamburg 1943) in einem Luftschutzkeller komplikationslos geboren!
Aber ich will hier nicht inhaltlich auf die vielen Ereignisse und Schicksalsschläge der Familie eingehen, ich glaube, da würde ich zu viel vorwegnehmen und verraten...
Die Hauptpersonen sind in diesem Buch logischerweise Marthas und Pauls Kinder Rudi, Fredi und Ella, die unterschiedlicher nicht sein können und auf vollkommen verschiedenen Wegen durch den Nationalsozialismus gehen. Auch ihre Umgebung spiegelt die mannigfaltigen Nuancen der damaligen Gesellschaft wider... Eindrucksvoll fand, dass ich – quasi durch Marthas Anwesenheit – 1924 am ersten Verhandlungstag gegen Hitler wegen seines Putsch-Versuches („Hitler-Ludendorff-Putsch“, 8.+9.11.1923) „teilnehmen“ durfte – da habe ich die Recherchearbeit von Frau Metzenthin sehr bewundert.
Dies nur als kleines Beispiel dafür, wie großartig die Autorin die Kombination von Familiengeschichte und geschichtlichen Ereignissen gelungen ist, denn ich kannte zwar die „trockenen“ Zusammenfassung des Putsches, aber jetzt bleibt er mir viel eindringlicher im Gedächtnis. Überhaupt sollten hier an dieser Stelle die umfangreichen Recherchearbeiten von Frau Metzenthin gewürdigt werden, die sicher auch teilweise keine „leichte Kost“ waren, Chapeau!
Das langsame „Einsickern“ des nationalsozialistischen Gedankengutes bei der Bevölkerung wird bei einem Gespräch von Martha mit ihrer Nachbarin, Frau Hansen, über die SA deutlich:“...die passen ja auf uns auf. Im Grunde sind die für das Viertel besser als die Polizei, denn sehen Sie, Schwester Martha, die Polizei ist doch oft machtlos. (...)Aber die Jungs von der SA, die fackeln nicht lange. Die verpassen den Verbrechern eine Abreibung, dass die es sich künftig zweimal überlegen, ob sie noch mal was Unrechtes tun. (…) Und ich bin froh, dass Franz dabei hilft, hier wieder für Ruhe und Ordnung zu sorgen.“ (S. 245) Auch Fredis Kollege, Werner Rohrbeck, ist Mitglied in der NSDAP und stellt Fredi damit vor besondere Herausforderungen...
Ich hoffe, ich konnte anhand der Beispiele verständlich machen, warum mich dieses Buch so stark in seinen Bann gezogen hat. Ich halte „Die Hafenschwester – Als wir an die Zukunft glaubten“ für den besten Band der Trilogie – wobei ich sicher bin, dass man diesen Teil durchaus unabhängig von seinen Vorgängerbänden lesen kann.
Es ist ein Buch, dass noch lange nachhallt, über das ich sicherlich noch manchmal nachdenken werde, es ist bestimmt einer meiner Lese-Highlights 2021 – ich kann den „kleinen Ziegelstein“ wirklich jedem empfehlen!

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Veröffentlicht am 29.08.2021

Können langjährige Beziehungen eine "Auszeit" verkraften?

Der Brand
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Bei ihrem Roman „Der Brand“ geht Daniela Krien u.a. genau dieser Frage nach... Es war mein erstes Buch von ihr, ich bin aber sicher, dass ich demnächst ihre vorhergehenden Romane ebenfalls lesen werde!
Rahel ...

Bei ihrem Roman „Der Brand“ geht Daniela Krien u.a. genau dieser Frage nach... Es war mein erstes Buch von ihr, ich bin aber sicher, dass ich demnächst ihre vorhergehenden Romane ebenfalls lesen werde!
Rahel (49 Jahre, Psychologin in eigener Praxis) und Peter (55 Jahre, Professor für Literatur sind seit fast 30 Jahren verheiratet. Ihre beiden Kinder Selma und Simon sind aus dem Haus, Selma ist verheiratet und hat schon zwei eigene Kinder.
Sie hatten ihren Urlaub – pandemiebedingt – in einer Hütte in Oberbayern verbringen wollen, aber kurz vor der Abreise teilt ihnen der Vermieter mit, dass die Hütte komplett abgebrannt sei. Fast zeitgleich wird Rahel von ihrer mütterlichen Freundin Ruth gebeten, für drei Wochen ihren Hof in der Uckermark zu hüten, da ihr Mann Viktor einen Schlaganfall erlitten habe und sie ihn in eine Rehaklinik begleiten wolle.
Rahel spürt schon länger, dass es in ihrer Beziehung zu Peter „kriselt“: „Doch die Gelassenheit war ihm abhandengekommen. Sein feiner Humor kippt nun öfter ins Zynische, und an die Stelle ihrer lebhaften Gespräche ist eine distinguierte Freundlichkeit getreten.“ (S.10/11) Und so ziehen Rahel und Peter für drei Wochen auf einen Hof in der Uckermark – und wir Leser*innen begleiten sie...
Daniela Krien schildert die Situation aus der Sicht von Rahel (nur aus purer Neugierde hätte ich zwischendurch gern mal gewusst, was Peter eigentlich denkt...) und wir nehmen teil an ihren Gefühlen, Sorgen, Ängsten, Hoffnungen. Mir hat der Schreibstil ausgezeichnet gefallen: er ist vollkommen unaufgeregt und sehr bildhaft, ich konnte mir Stimmungen und Begebenheiten sofort vorstellen und meinte z.B. die erfrischende Kühle des Sees selbst zu spüren. Aber auch die Formulierungen zur Ehe und Beziehung waren für mich gut nachvollziehbar „... und Rahel denkt, dass besonders in einer Ehe die Summe des Nichtgesagten die Summe des Gesagten bei weitem übertrifft.“ (S.71) Oder das kennen wir doch alle und wünschen es uns ab und zu: „Sie kann sich nicht ausstehen an diesem lähmend heißen Tag. Sie ist sich selbst zu viel und wünscht sich, jemand würde ihr die Last des eigenen Daseins für einige Stunden abnehmen.“ (S. 136) Aber auch eine leichte Hoffnung zur „Heilung“ der Beziehung blitzt immer wieder mal auf: „In der Küche begegnet sie Peter, der ihr im Vorbeigehen kurz über den Arm streicht. Noch Minuten später spürt sie die Berührung, und als sie sich am Tisch gegenübersitzen, scheint sich der Raum zwischen ihnen verringert zu haben.“ (S.100)
Ich weiß nicht, ob Singles oder frischverliebte Menschen in dieses Buch tief eintauchen können / mögen / wollen, ich – in einer langjährigen Beziehung lebend – habe mich manchmal fast direkt angesprochen gefühlt, keine Beziehung ist ein ewiges „honeymoon“...
Der Roman hallt noch lange nach, zumindest ging es mir so: ich habe häufiger noch einmal einzelne Passagen gelesen und darüber nachgedacht, wie ich mich wohl verhalten hätte...
„Der Brand“ gehört auf jeden Fall zu meinen Jahres-Highlights 2021 und aus diesem Grund kann und will ich es wirklich sehr gern weiterempfehlen (auf der Geburtstagsgeschenkliste für einige Freundinnen steht es bereits!)

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