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Veröffentlicht am 03.02.2020

Violet, eine der Broderinnen (Stickerinnen) von Winchester

Violet
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„Violet“ von Tracy Chevalier (auch die Autorin von „Das Mädchen mit dem Perlenohrring“) ist ein eindringliches und stilles Buch geschrieben, dass uns nach Winchester in das Jahr 1932 führt.
Violet ist ...

„Violet“ von Tracy Chevalier (auch die Autorin von „Das Mädchen mit dem Perlenohrring“) ist ein eindringliches und stilles Buch geschrieben, dass uns nach Winchester in das Jahr 1932 führt.
Violet ist 38 Jahre alt und hat im 1. Weltkrieg ihren Verlobten verloren und kann das Wort „Frauenüberhang“ (durch den Krieg gab es 2 Millionen weniger Männer als Frauen) nicht mehr hören. Sie hat viele Zeitungsartikel darüber gelesen: „In einer Gesellschaft, die auf der Institution Ehe basierte, galt das einerseits als Tragödie, andererseits sahen manche in den vielen ledigen Frauen auch eine Bedrohung.“ (S. 29) Nach dem Tod ihres Vaters lebt sie weiterhin mit ihrer dominanten und herrschsüchtigen Mutter, hält das Zusammenleben jedoch nicht länger aus und zieht nach Winchester. Dort fristet sie ihr Leben eher schlecht als recht, ihr Verdienst als Schreibkraft ist gering: „Einmal in der Woche gönnte sie sich einen Kinoabend, ihr einziger Luxus, allerdings verzichtete sie an dem Tag auf das Mittagessen.“ (S. 35) Sie fühlt sich einsam, empfindet ihre Situation aber als Preis der Freiheit, ein eigenständiges, selbstbestimmtes Leben zu führen.
Ihr Leben verändert sich jedoch, als sie zufälligerweise in einen Segnungsgottesdienst der Stickerinnen der Kathedrale von Winchester gerät. Beeindruckt einerseits von der Schönheit der Kniekissen, die diese Broderinnen für die Kathedrale geschaffen haben, aber auch andererseits auf der Suche nach sozialen Kontakten, tritt sie dem Stickclub bei. Diese Entscheidung verändert ihr Leben: sie gewinnt Freundinnen und lernt durch diese Arthur kennen, einer der „bellringers“ (Glockenläuter) kennen. Und langsam wird Violet immer selbstbewusster und entschlossener, sich gegen die gängigen Konventionen (die es damals für unverheiratete Frau in Hülle und Fülle gab – manchmal staunte ich beim Lesen, was „frau“ damals alles nicht machen durfte!) zu stellen.
Tracy Chevalier ist ein Roman gelungen, der uns Violet sehr nahebringt. Ähnlich wie bei dem „Mädchen mit dem Perlenohrring“ werden wir Leserinnen in die Geschichte einbezogen, die uns berührt und bewegt. Da ich selbst mal eine „Stickphase“ hatte, fand ich die Beschreibung der Sticktätigkeit sehr eindrucksvoll. Im Nachwort steht, dass Louisa Pesel (Leiterin der Stickgesellschaft) eine reale Person ist und tatsächlich in Winchester gelebt und gearbeitet hat, gegoogelt habe ich dann noch, dass ihre Stickbilder zu einem großen Teil in der Universität von Leeds ausgestellt sind. Und über die schwere Kunst und Tradition des Glockenläutens in England hatte ich schon vor sehr vielen Jahren in einem Krimi von Dorothy Sayers gelesen und mich hatte schon damals die notwendige Perfektion dieser Tätigkeit fasziniert.
Ich möchte an dieser Stelle aber nicht verheimlichen, dass ich ungefähr in der Mitte des Buches einen „Durchhänger“ hatte (ich fand einige Beschreibungen zu detailliert), ich musste für mehrere Tage pausieren. Dann jedoch bin sofort wieder gut in die Handlung gekommen und konnte bei der 2. Hälfte das Buch kaum noch aus der Hand legen. Der Schluss war überraschend, hat mich berührt und hat mir gezeigt, dass Violet ihren eigenen Weg gut gemeistert und auf die Normen der damaligen Zeit „gepfiffen“ hat. Dieses Buch hat mir auch gezeigt, dass vieles, was wir heutigen Frauen als selbstverständlich betrachten, mühsam von den Frauen früherer Generationen erkämpft werden musste!
Alles in allem: ich kann dieses Buch mit sehr gutem Gewissen an alle Liebhaber
innen historischer, leiser, sensibler Romane weiterempfehlen!

  • Cover
  • Erzählstil
  • Handlung
  • Charaktere
Veröffentlicht am 27.01.2020

Wo sind eigentlich unsere eigenen Grenzen zwischen Gut und Böse?

Die Toten von Marnow
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Oh, Asche auf mein Haupt – ich kannte den Autor von „Die Toten von Marnow“, Holger Karsten Schmidt, bisher nicht, mich hatte nur der Klappentext angesprochen. Doch schon bei der Autorenvorstellung im Buch ...

Oh, Asche auf mein Haupt – ich kannte den Autor von „Die Toten von Marnow“, Holger Karsten Schmidt, bisher nicht, mich hatte nur der Klappentext angesprochen. Doch schon bei der Autorenvorstellung im Buch erfuhr ich, dass er unter (offenen) Pseudonym Gil Ribeiro, der Verfasser der „Lost in Fuseta“ Bücher ist, einer Krimireihe, mit der ich schon länger liebäugele. Neugierig geworden konnte ich dann bei Wikipedia nachlesen, dass er mehrfacher Grimme-Preisträger, als Drehbuchautor u.a. für die Serie „Nord bei Nordwest“ verantwortlich ist, mehrere „Tatorte“ stammen aus seiner Feder, für „Gladbeck“ hat er den Deutschen Fernsehpreis erhalten und, und, und... Also glatt eine Bildungslücke bei mir...
„Die Toten von Marnow“ ist der Start einer Krimireihe, mit dem der Autor uns in „ein höchst ambivalentes Kapitel deutsch-deutscher Geschichte führt – und keine einfache Grenze zwischen Gut und Böse kennt.“ (Klappentext vorn)
Lona Mendt und Frank Elling arbeiten bei der Rostocker Kripo. Sie sind grundverschieden: Elling (den alle nur Elling nennen, sogar seine Ehefrau) ist der absolute Familienmensch, Lona genau das Gegenteil: lebt ohne festen Wohnsitz allein in einem Wohnmobil, ist unabhängig, unnahbar. Da dieser Krimi viele überraschende Wendungen nimmt, habe ich mich entschlossen, zum Inhalt lieber nichts zu schreiben, außer: es ist von der ersten bis zur letzten Seite sehr spannend und dramatisch, die Dialoge lebendig, die Szenen lassen das Kopfkino anspringen, der Schluss ist logisch und glaubwürdig – und hat noch eine letzte Überraschung parat!
Ein weiterer Aspekt dieses Buches ist, dass wir als Leser*innen häufig mit Werten, Normen und moralischen Standpunkten konfrontiert werden, die wir teilen oder ablehnen können, die uns aber wiederum sehr dazu anregen (zumindest ist es mir so ergangen), über unsere eigenen Grenzen zwischen Gut und Böse nachzudenken, wie würden wir uns in dieser oder jener Situation verhalten? Auch hier möchte ich wegen der großen Spoiler-Gefahr nicht zu sehr ins Detail gehen, sondern Wolfgang Schorlau zitieren, der auf dem hinteren Cover schreibt: “Die säuberliche Trennung zwischen Ermittler und Täter ist aufgehoben, wir Leser wissen nicht immer genau, ob die Guten wirklich gut sind – und erwischen uns dabei, wie wir ihnen trotz ihrer Fehltritte fest die Daumen drücken.“ Ja, diesen Satz kann ich vorbehaltlos unterschreiben. Einige Fragestellungen aus dem Buch hallen noch lange nach...
Mit hat das Buch ausgezeichnet gefallen, ich bin immer ganz begeistert, wenn ich die Kommissare auch in ihrem Privatleben kennenlerne, die Figuren werden für mich authentischer (dies nur als kleiner Hinweis für Leser, denen das private „Gedöns“ schnell zu viel wird!), ich fand hier die Mischung perfekt.
Wirklich, aus vielerlei Gründen ein lesenswertes Buch, dass ich vollkommen uneingeschränkt weiterempfehlen kann / möchte / muss (ist übrigens bei NDR-Kultur das „Buch des Monats“ - also ich und der NDR, wir können uns doch nicht irren und täuschen...?)!

  • Cover
  • Erzählstil
  • Handlung
  • Charaktere
Veröffentlicht am 11.01.2020

Von einem auf den anderen Tag veränderte sich die Welt: vom abrupten Ende einer Kindheit...

Wir sind dann wohl die Angehörigen
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Das Buch „Wir sind dann wohl die Angehörigen“ von Johann Scheerer hat mich sehr beeindruckt, berührt und hallt noch immer nach... Meistens lese ich mindestens zwei Bücher parallel – das war mir bei dieser ...

Das Buch „Wir sind dann wohl die Angehörigen“ von Johann Scheerer hat mich sehr beeindruckt, berührt und hallt noch immer nach... Meistens lese ich mindestens zwei Bücher parallel – das war mir bei dieser Geschichte unmöglich, ich hatte das Gefühl, hier könne ich mich nur auf dieses eine Buch konzentrieren!
Als Hamburgerin kenne ich Jan Philipp Reemtsma, wobei das Wort „kennen“ natürlich vollkommen übertrieben ist: ich hatte viel von ihm gehört, als er in den 80er Jahren als Mäzen einer pädagogischen Einrichtung tätig wurde. Und ich kann mich gut an die Nachricht vom positiven Ende seiner Entführung erinnern: mein großes Erstaunen darüber, dass alle Medien tatsächlich geschwiegen hatten (der zähe Kampf um dieses Schweigen ist mir jetzt erst durch das Buch bekannt geworden!)
Johann Scheerer ist der Sohn von Ann Kathrin Scheerer und Jan Philipp Reemtsma, er wurde im November 1982 geboren, war also zum Zeitpunkt der Entführung (25.3.1996) seines Vaters 13 Jahre alt. Er beschreibt 2018 – 22 Jahre später – wie er sich während der 33 Tage dauernden Geiselnahme gefühlt hat. Und das hat er m.E. ganz ausgezeichnet gemacht!
Ein 13-jähriger ist per se in einer schwierigen Phase: Pubertät, Abgrenzung vom Elternhaus, eigene Wege finden – ein schwieriger Balanceakt zwischen dem Wunsch nach Selbstständigkeit und dem Wunsch nach Geborgenheit... Und in diese Zeit „knallt“ die Entführung des eigenen Vaters!
Johann Scheerer erinnert sich an seine widersprüchlichen Gefühle: der intensive Wunsch, dass der Vater überlebt, Sorge/Angst, dass Entführungsopfer niemals überleben (deshalb: sich selbst keine Hoffnungen machen). Liebevolle Erinnerungen an den Vater, aber auch genervte Gedanken („Warum war ich am Tag zuvor nur so genervt gewesen von meinem penetrant schlauen Vater?“ E-book, S. 11). Er versteht sich manchmal als einen „Jungen ohne Gefühle. Ohne Hoffnung. Ohne eine leise Ahnung, was jetzt passieren würde.“ (E-book, S. 27). Johann fragt sich, ob er überhaupt noch lachen dürfe und ist beruhigt, als er einen Polizeibeamten mit dem helfenden Rechtsanwalt scherzen hört: “Man durfte also lachen. Das beruhigte mich.“ (E-book, S. 38) Aber gleichzeitig auch: „Ich stellte mir kurz den erschrockenen mitleidigen Blick vor, der sich auf mich richten würde. Mitleid, das meine Trauer, meine Panik und meine Verzweiflung nur befeuern würde. Das wollte ich nicht. Keine Hoffnung, keine Angst, keine Trauer, keine Tränen.“ /E-book, S. 93)
Ja, natürlich merkt man am Schreibstil, dass dieses Buch von einem erwachsenen Menschen geschrieben wurde, aber Johann Schereer hat seine damaligen Empfindungen, Ideen, Gedanken, Hoffnungen sehr authentisch und wunderbar nachvollziehbar beschrieben. Der Stil ist eher „cool“, passt aber deshalb sprachlich sehr gut zu einem 13-jährigen, dessen bekannte Welt gerade zusammenbricht... Bis zum Schluss mit der Illusion, „ich könnte doch noch irgendwie wieder zurück in mein früheres Kinderleben, ...“ (E-book, S. 171)
Obwohl ich den „Ausgang“ der Entführung kannte, konnte ich dieses Buch kaum aus der Hand legen, es hat mich regelrecht in seinen Bann gezogen (von „fesselnd“ möchte ich gerade in diesem Zusammenhang nicht schreiben). Aus diesem Grund spreche ich hier eine absolute Leseempfehlung aus!

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Veröffentlicht am 03.01.2020

Nebel wabert über die Schwäbische Alb...

Nebeljagd
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Julia Hofelich hat mit ihrem Krimi „Nebeljagd“ einen wirklich spannenden und lesenswerten Roman geschrieben, der mich von der ersten bis zur letzten Seite in seinen Bann gezogen hat.
Es ist der zweite ...

Julia Hofelich hat mit ihrem Krimi „Nebeljagd“ einen wirklich spannenden und lesenswerten Roman geschrieben, der mich von der ersten bis zur letzten Seite in seinen Bann gezogen hat.
Es ist der zweite Band um die Rechtsanwältin Linn Geller - ich kannte den Vorgängerroman nicht, bin aber mühelos in die Handlung gekommen, da es sich um abgeschlossene Fälle handelt.
Linn hat vor kurzem mit ihrem Kollegen Götz eine gemeinsame Kanzlei eröffnet. Sie bekommt unerwartet eine Pflichtverteidigung: ihr Mandant Johann Haug soll seine Pflegemutter in Ochsenwang auf der Schwäbischen Alb umgebracht haben – und noch mehr?! Gleich bei Eintreffen auf der Polizeistation in Ochsenwang wird ihr mit auf den Weg gegeben: „‘Aber Sie können Ihren Mandanten ja mal fragen, warum jedes Mal, wenn er nach Ochsenwang kommt, jemand stirbt.'“ (S. 13) und „'Johann hat Tod und Unglück über das Dorf gebracht. Wie können Sie den guten Gewissens verteidigen?'“ (S.14) Linn erfährt schnell, dass die Staatsanwaltschaft bei einem 1995 stattgefundenen Mord an einer jungen Frau die Ermittlungen wieder aufgenommen hat – und Johann Haug ist nach Ansicht von Polizei und Staatsanwaltschaft der einzig mögliche Täter!
Hängen die beiden Fälle zusammen? Musste Johanns Pflegemutter Ines sterben, weil sie wusste, dass Johann der Täter war? Oder findet tatsächlich eine Hexenjagd auf Johann statt, an der alle Bürger (mehr oder weniger) beteiligt sind? Linn (und natürlich ich als Leserin!) macht sich auf die Suche nach Zeugen, aber sie muss feststellen, dass viele nicht mit ihr sprechen wollen, weil sie „so einen“ verteidigt... Aber auch ihr Mandant verschweigt ihr so einiges... Zwischendurch nagen bei Linn Zweifel an seiner Unschuld (oh ja, bei mir auch!), Linn überlegt sogar, ob sie das Mandat niederlegen soll, beschließt dann aber, dass sie mindestens dafür sorgen möchte, dass ihr Mandant einen fairen Prozess bekommt. So, aber mehr wird hier nicht verraten...
Julia Hofelich lässt uns immer wieder in ein spannungsgeladenes Wechselbad der Gefühle eintauchen: schuldig oder unschuldig? Außerdem führte die Autorin Linn (und mich) auf einige falsche Spuren, so dass Linn (und ich!) an unseren Wahrnehmungen zu zweifeln begannen. Das Ende ist vollkommen überraschend, aber in sich sehr logisch, so dass ich das Buch mit einem befriedigten Seufzer zuklappen konnte!
Linn war mir ausgesprochen sympathisch, ihr Kollege Götz gefiel mir auch sehr gut. Der Schreibstil ist leicht und flüssig. Der Spannungsbogen ist stets hoch, so dass ich das Buch nur schwer aus der Hand legen konnte.
Ich werde mir auf jeden Fall den ersten Band dieser Reihe „Totwasser“ besorgen, so dass ich die Zeit bis zum 3. Band (hoffentlich gibt es ihn!) überbrücken kann. Und natürlich: für „Nebeljagd“ kann es nur eine absolute Leseempfehlung geben!

  • Spannung
  • Cover
  • Handlung
  • Erzählstil
  • Charaktere
Veröffentlicht am 29.12.2019

Eine kriminelle Zeitreise in das historische Hamburg von 1896

Tod in der Speicherstadt
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Anja Marschall hat mit „Tod in der Speicherstadt“ ihren 4. Krimi um Kommissar Hauke Sötje und seiner Verlobten Sophie Struwe vorgelegt – und ich war mal wieder vollkommen begeistert! Für mich war es das ...

Anja Marschall hat mit „Tod in der Speicherstadt“ ihren 4. Krimi um Kommissar Hauke Sötje und seiner Verlobten Sophie Struwe vorgelegt – und ich war mal wieder vollkommen begeistert! Für mich war es das 2. Buch mit diesen beiden sympathischen Protagonisten, man kann jedes Buch einzeln lesen, die Geschichten sind in sich abgeschlossen.
Die Autorin schafft es, uns Leser*innen mit „lockerer Feder“ in das Hamburg von 1896 zu entführen: die Speicherstadt ist gerade mal ein paar Jahre alt, Sophie und Hauke „konditorn“ im Alsterpavillon, Sophie bewundert das Angebot im neueröffneten Kaufhaus Tietz. Wir begleiten Sophie und Hauke bei ihren Ermittlungen quer durch die Stadt, erfahren von politischen Intrigen, nehmen die schlechte Arbeitssituation der Hafenarbeiter wahr, lernen einiges über den Kaffeehandel, staunen über den Dovenhof: „Das ist das feinste Kontorhaus in der ganzen Stadt. Hunderte von Büros gibt es dort und einen dieser neuen Pa-ter-nos-ter.“ (S. 77). Aber was mich am meisten verwundert hat: Frau Marschall hat es geschafft, dass ich manchmal sogar meinte, die Gerüche wahrzunehmen: den intensiven Geruch frisch gerösteten Kaffees in der Rösterei oder den – sagen wir mal – unangenehmen Gestank im Hamburger Gängeviertel.
Hauke ermittelt in Hamburg gegen eine Schmugglerbande. Er ist nach Hamburg gereist, da eine wichtige Spur in die Hansestadt führt. Schnell merkt er aber, dass er sich durch seine Ermittlungen nicht gerade beliebt macht: der Leiter der Hamburger Kriminalpolizei kämpft um das Überleben seiner Polizei: „Wussten Sie, dass Verbrecherjagd zu teuer, ja, sogar überflüssig sein kann? Gewisse Kreise in der Stadt würden gern die Kriminalpolizei wieder abschaffen, …“ (S. 26) Und Haukes Spur führt zu einem wohlhabenden Kaufmann...Herr Oberzollinspektor Jensen reagiert auf Haukes Verdacht vollkommen ungläubig und ungehalten:“ 'Schmuggel gibt es bei mir nicht!' brüllte er.“ (S. 65) Keine einfache Situation für Hauke, wie kann er unter diesen Umständen den Fall lösen? Sophie wird währenddessen gebeten, eine vermisste junge Frau und deren Kind zu finden. Wo soll sie ansetzen?
Mit sicherer Hand führt die Autorin Sophie, Hauke und uns durch das Hamburg im ausgehenden 19. Jahrhundert, lässt sie und uns manchmal verzweifeln an dem undurchsichtigen Geflecht aus Intrigen, Macht, Gier und Lügen. Wir wurden im positiven Sinne „gefesselt“ von dem spannungsgeladenen, flüssigen Schreibstil, ich konnte manchmal das Buch nicht aus der Hand legen (schnell, nur noch eine Seite...)!
Als „Sahnehäubchen“ werden allen Kapiteln Originalzitate aus Hamburger Zeitungen vorangestellt, z.B. „Präsidentschaftswahl: Wer in Amerika auf die Massen wirken will, muss sich nicht scheuen, Worte zu gebrauchen, die es zweifelhaft lassen, ob sie mehr in den Bereich des landesüblichen Humors oder des politischen Fanatismus gehören. Bis zur Wählerentscheidung am 4. November wird man sich wohl noch auf manche ähnliche Blüthen der Beredsamkeit von beiden Seiten gefaßt machen müssen.“ (Originalauszug: Hamburger Nachrichten, 21.Oktober 1896), S. 226. Diese Zitate unterstreichen das Lokalkolorit und machen es in meinen Augen authentischer...
Der Schluss ist spannend, dramatisch, rührend, überraschend – zusammengefasst: äußerst befriedigend! Lose Enden waren kunstvoll verknüpft worden, mein Krimileserherz war rundum überzeugt! Ich habe es bedauert, mich von Sophie und Hauke trennen zu müssen – deshalb hoffe ich natürlich auf ein baldiges Wiedersehen und spreche in der Zwischenzeit für „Tod in der Speicherstadt“ eine absolute Leseempfehlung aus!

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