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Veröffentlicht am 17.08.2025

Mal ein anderer Liebesroman!

Morbidly Yours
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„Morbidly Yours“ hat mich auf eine Art überrascht, die ich nicht erwartet hätte: humorvoll, herzerwärmend und zugleich tiefgründig. Eine Romance, die sich traut, Themen wie Trauer, Verlust und Neubeginn ...

„Morbidly Yours“ hat mich auf eine Art überrascht, die ich nicht erwartet hätte: humorvoll, herzerwärmend und zugleich tiefgründig. Eine Romance, die sich traut, Themen wie Trauer, Verlust und Neubeginn in eine süße, charmante Liebesgeschichte zu verweben.

Im Mittelpunkt steht Lark, eine junge Texanerin, die zwei Jahre nach dem Tod ihres Mannes einen Neuanfang wagt. Für ein Jahr zieht sie nach Irland, um dort in einem Animationsstudio zu arbeiten. Sie sucht Abstand von der Schwere der letzten Jahre – doch ausgerechnet ihr neuer Nachbar ist Callum, ein schüchterner, zurückhaltender Bestatter. Sein Leben ist ebenfalls vom Tod geprägt, und er steht zusätzlich unter Druck: Laut dem Testament seines verstorbenen Großvaters muss er bis zu seinem 35. Geburtstag verheiratet sein, um das traditionsreiche Familienunternehmen zu behalten.

Zwischen Lark und Callum entwickelt sich zunächst eine Freundschaft, geprägt von Wärme, Humor und einem sehr gesunden Umgang miteinander. Bald jedoch wird klar, dass sie füreinander mehr empfinden, als sie zunächst zugeben wollen. Die Dynamik zwischen den beiden ist ein echtes Highlight: grumpy x sunshine, he falls first, Slow Burn mit Spice – und eine Kommunikation, die wohltuend reif und respektvoll wirkt. Besonders Callum bleibt als Figur in Erinnerung: sensibel, unsicher, mit einem Stottern, das weder klischeehaft noch übertrieben dargestellt ist, sondern liebevoll und authentisch.

Was mich begeistert hat:

die ungewöhnliche, aber stimmige Mischung aus texanischer Leichtigkeit und irischer Melancholie

Figuren, die mit echten Ecken und Kanten gezeichnet sind

Zärtlichkeit und gesunde Kommunikation statt toxischer Dramen

ein Slow Burn, der sich Zeit nimmt und genau dadurch berührt

Natürlich gibt es auch einen klassischen dritten Akt mit Konflikt, der für meinen Geschmack ein wenig zu künstlich wirkte und die Geschichte kurzzeitig ins Stocken brachte. Ich habe das Ende daher im Hörbuch tatsächlich auf doppelter Geschwindigkeit gehört. Trotzdem konnte das meine Begeisterung nicht trüben, denn die Geschichte besitzt viel Seele und eine emotionale Tiefe, die lange nachhallt.

Das Hörbuch

Besonders empfehlen möchte ich die Hörbuchfassung. Die beiden Sprecher:innen haben die Figuren wunderbar zum Leben erweckt. Callums leiser, irischer Akzent wurde genauso eingefangen wie seine Unsicherheit und Zärtlichkeit. Das Stottern wurde respektvoll umgesetzt, ohne ihn je zu stigmatisieren. Larks offene, lebhafte Art stand dazu in einem perfekten Kontrast – gemeinsam entstand ein Hörgenuss, der die emotionale und humorvolle Stimmung des Romans noch verstärkte.


„Morbidly Yours“ ist romantisch, charmant und ungewöhnlich – mit einem Hauch Morbidität, der sich genau richtig anfühlt. Eine Liebesgeschichte, die tröstet, zum Schmunzeln bringt und mit Figuren überzeugt, die sich nicht hinter glatten Fassaden verstecken. Für mich eines der schönsten Romance-Hörbücher dieses Sommers – und der Auftakt zu einer Reihe, auf deren Fortsetzung ich mich schon sehr freue.

Veröffentlicht am 16.08.2025

Sehr spannend!

Schwindende Welt
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Sehr cooles Buch wieder von Sayaka Murata! Ihren ersten ins Deutsche übersetzten Roman Die Ladenhüterin mochte ich sehr, mit Das Seidenraupenzimmer tat ich mich zum Ende hin etwas schwer – doch Schwindende ...

Sehr cooles Buch wieder von Sayaka Murata! Ihren ersten ins Deutsche übersetzten Roman Die Ladenhüterin mochte ich sehr, mit Das Seidenraupenzimmer tat ich mich zum Ende hin etwas schwer – doch Schwindende Welt, ihr viertes (das dritte habe ich nicht gelesen) übersetztes Werk, ging für mich wieder mehr in die Richtung des Erstlings. Und genau deshalb hat es mir wirklich gefallen.
In letzter Zeit lese ich öfter Romane, die sich mit Mutterschaft und Kinderkriegen beschäftigen. Auch hier greift Murata dieses Thema auf – allerdings auf ihre ganz eigene, verzerrte Weise. Die Welt, in der wir uns bewegen, ist auf den ersten Blick fremd, aber doch so nah an unserer Gegenwart, dass es einen verstört und gleichzeitig fasziniert.
Wir begleiten Amane, die in einer Gesellschaft lebt, in der Sex als primitiv und schmutzig gilt. Ehen werden geschlossen, um gemeinsam Kinder großzuziehen – nicht, um romantische oder körperliche Liebe zu leben. Affären gibt es trotzdem, aber meist mit fiktiven Figuren aus Mangas oder Filmen. Kinder entstehen durch künstliche Befruchtung, Männer können ebenfalls schwanger werden, und in einer experimentellen Stadt werden Kinder gemeinschaftlich großgezogen – alle Frauen sind „Mutter“.
Doch Amane ist anders: Sie wurde noch auf „natürliche Weise“ gezeugt, was sie in den Augen vieler stigmatisiert. Und sie empfindet etwas, das in dieser Gesellschaft tabuisiert ist – Lust. Sie versucht, ihren Platz in einer Welt zu finden, die Intimität und Leidenschaft auslöscht und stattdessen Uniformität erschafft.
Wie schon in Die Ladenhüterin und Das Seidenraupenzimmer hinterfragt Murata mit scharfem Blick, was wir als „normal“ bezeichnen. Sie dreht Konventionen auf links und zwingt ihre Leserinnen, über Dinge wie Familie, Sexualität, Nähe und gesellschaftliche Normen nachzudenken. Gerade dieses Spiel mit Tabus – zwischen Humor, Horror und Weirdelementen – macht ihre Romane so einzigartig.
Zum Hörbuch:
Das Hörbuch, eingesprochen von Uta Simone, ist eine absolut gelungene Umsetzung. Ihre Stimme trifft genau den Ton, den Muratas Texte brauchen: eine Mischung aus Kühle, Distanz und unterschwelliger Spannung. Dadurch entsteht ein Sog, der die fremdartige und verstörende Welt noch intensiver erlebbar macht. Simone liest klar und unaufgeregt, aber mit feinen Nuancen, die die innere Zerrissenheit der Figuren spürbar werden lassen. Gerade die beklemmende Atmosphäre und die Brüche zwischen Alltäglichem und Bizarr-Weirdem transportiert sie meisterhaft – so wirkt das Hörbuch fast noch eindringlicher als die Lektüre allein.
Schwindende Welt ist verstörend, komisch, traurig und philosophisch zugleich. Für mich ein echter Pageturner mit hohem Diskussionspotenzial – und eines der Murata-Bücher, das mich nachhaltig beschäftigt hat.
Ein mutiger, verstörender und zugleich faszinierender Roman über Lust, Familie und gesellschaftliche Normen. Typisch Murata: weird, kompromisslos und absolut lesenswert.

Veröffentlicht am 12.08.2025

Ergreifend.

Das gelbe Haus
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Mit Das gelbe Haus gelingt Kawakami erneut ein eindringlicher, atmosphärisch dichter Roman, der Einblicke in ein Milieu bietet, das in der japanischen Literatur selten so ungeschönt thematisiert wird: ...

Mit Das gelbe Haus gelingt Kawakami erneut ein eindringlicher, atmosphärisch dichter Roman, der Einblicke in ein Milieu bietet, das in der japanischen Literatur selten so ungeschönt thematisiert wird: die Welt gesellschaftlich marginalisierter Frauen, des Rotlichtviertels und der Yakuza.
Im Zentrum steht Hana, die in Armut aufwächst und früh Verantwortung übernimmt – so sehr, dass sie später nicht mehr zwischen Pflicht und Selbstaufgabe unterscheiden kann. Eine Nachricht über ihre frühere Bekannte Kimiko, angeklagt wegen Entführung und Erpressung, führt zurück in ihre gemeinsame Jugend im titelgebenden gelben Haus. Von hier entfaltet sich eine Geschichte zwischen Loyalität und moralischem Abgrund, in Nachtclubs und illegalen Geschäften Tokios. Und schon nach den ersten Seiten war ich gefesselt – die leise, fast unmerklich aufbauende Spannung war sofort spürbar.
Kawakami zeichnet komplexe Figuren mit feinem Gespür für Zwischentöne. Hana ist keine klassische Heldin, sondern eine zutiefst menschliche Figur mit nachvollziehbarem Dilemma. Die dunklen Seiten des Lebens im gelben Haus sickern subtil in den Text ein und man fiebert mit allen Bewohnern mit.
Einige japanische Begriffe und Bezeichnungen aus dem Milieu, die mir zunächst fremd waren, sind im Text gekennzeichnet und im Anhang erklärt – das fand ich sehr spannend und lehrreich.
Thematisch ist der Roman ein feministisches Werk, das zeigt, wie Armut, gesellschaftlicher Druck und männliche Dominanz Frauen prägen. Sprachlich verbindet die Autorin poetische Präzision mit nüchterner Direktheit (der japanische Schreibstil ist hier, meiner Meinung nach, wieder erkennbar), und Symbole wie die Farbe Gelb verstärken die Atmosphäre. Gleichzeitig ist die Geschichte auch eine zarte Found-Family-Erzählung, in der zwischen den Figuren ein Netz aus Fürsorge und Zugehörigkeit entsteht, das Hoffnung gibt.
Düster, berührend und authentisch – ein intensives Porträt der japanischen Schattenwelt und der Frauen, die in ihr bestehen müssen - selten aufgegriffene Themen und Einblicke!

Veröffentlicht am 11.08.2025

Für das Genre Cozy Fantasy super!

Die Wahrsagerin kleiner Schicksale
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Die Wahrsagerin kleiner Schicksale ist eine warmherzige Cozy Fantasy, die mit leisen Tönen von Freundschaft, Heimat und Selbstfindung erzählt. Im Mittelpunkt steht Tao, eine wandernde Wahrsagerin, die ...

Die Wahrsagerin kleiner Schicksale ist eine warmherzige Cozy Fantasy, die mit leisen Tönen von Freundschaft, Heimat und Selbstfindung erzählt. Im Mittelpunkt steht Tao, eine wandernde Wahrsagerin, die nur kleine Schicksale voraussagt, um großen, folgenschweren Enthüllungen aus dem Weg zu gehen. Auf ihrer Reise begegnet sie einem exzentrischen, aber liebenswerten Trupp Gefährten – ein ehemaliger Söldner, ein Ex-Dieb, eine abenteuerlustige Bäckerin und ein leicht magischer Kater – und stolpert in eine gemeinsame Mission, die mehr mit ihrem eigenen Leben zu tun hat, als sie zunächst ahnt.

Julie Leong schafft eine sanfte, märchenhafte Atmosphäre, die streckenweise an Studio-Ghibli-Filme erinnert. Besonders die Themen Migration, Verlust und Vorurteile verleihen der Geschichte Tiefe und lassen sie stellenweise über das reine Wohlfühl-Setting hinausgehen. Die Figuren wirken sympathisch und bieten unterschiedliche Facetten, auch wenn manche Entwicklungen vorhersehbar bleiben.

Allerdings gewinnt die Handlung immer wieder an Spannung. Die Reise von Ort zu Ort wirkt episodisch, was zwar zur Gemütlichkeit beiträgt, aber den roten Faden schwächt, es ist vieles eher auf Zufall gebaut, so kommt es vor. Auch Konflikte werden oft sehr schnell und ohne größere Hürden gelöst, wodurch manche emotionale Wirkung verpufft, auch wenn ich hin und wieder zu Tränen gerührt war. Insbesondere die Versöhnung mit Taos Mutter wirkte zu einfach und lässt eine tiefere Auseinandersetzung vermissen.

Trotz dieser Kritikpunkte bietet das Buch einige herzerwärmende Momente, liebevolle Charakterdynamiken und eine angenehme Auszeit vom Alltag. Wer Cozy Fantasy mag und keine großen Plotwendungen erwartet, findet hier eine sanfte, charmante Geschichte mit etwas Spannung und Abenteuercharme – ohne Eile erzählt, aber auch ohne allzu lange nachzuhallen.

Für Fans des Genres empfehlenswert – für alle anderen vielleicht eher eine Laune-für-den-richtigen-Tag-Lektüre.

Veröffentlicht am 02.08.2025

Super!

Wedding People (deutsche Ausgabe)
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Was für ein Buch! The Wedding People ist wie ein gut gemixter Cocktail aus bittersüßer Lebenskrise, schrägem Hochzeitschaos und ganz viel Herz. So traurig die Ausgangssituation ist – eine Frau am Rande ...

Was für ein Buch! The Wedding People ist wie ein gut gemixter Cocktail aus bittersüßer Lebenskrise, schrägem Hochzeitschaos und ganz viel Herz. So traurig die Ausgangssituation ist – eine Frau am Rande ihres Lebens, im wahrsten Sinne des Wortes – so humorvoll, ehrlich und herzerwärmend entwickelt sich diese Geschichte.

Phoebe Stone ist keine Heldin, sondern eine Frau wie viele von uns: müde, überfordert, emotional ausgelaugt. Gerade verlassen, vom Leben überrollt, landet sie mit nichts als einem grünen Kleid und goldenen High Heels in einem Luxushotel – und will eigentlich nur eins: gehen. Für immer. Doch dann trifft sie auf Lila, die perfekte Braut mit perfektem Plan – und einem Herzen, das nicht ganz so perfekt schlägt.

Was folgt, ist eine absurde, berührende, witzige Woche in Cornwall Inn, wo Hochzeitsgäste ihre eigenen Sorgen mitbringen und Phoebe plötzlich zur Seelsorgerin wider Willen wird. Sie hört zu, gibt Ratschläge, mischt sich ein – und merkt, dass sie vielleicht doch nicht fertig ist mit der Welt. Dass da noch was geht.

Espach schafft es, den Leser gleichzeitig zum Lachen und Weinen zu bringen. Die Dialoge sprühen vor Ironie, Witz und manchmal erschreckender Ehrlichkeit. Die Nebenfiguren (mit so einigen lustigen Spitznamen) sind so liebevoll und interessant gezeichnet, dass man sie nie wieder vergisst.

The Wedding People ist für alle, die sich schon mal gefragt haben, ob das Leben noch was zu bieten hat, wenn alles in sich zusammenfällt. Für alle, die glauben, es sei zu spät für Neuanfänge. Und für alle, die schwarzen Humor, emotionale Tiefe und liebenswert-schräge Figuren lieben.

Charmant, scharfzüngig und berührend – ein Roman, der Mut macht, ohne kitschig zu sein. Für mich ganz klar: eine der bewegendsten, witzigsten Geschichten des Jahres.