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Meinungen aus der Lesejury

Veröffentlicht am 27.07.2025

Eindrucksvoll

Hello Baby
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Ein Roman wie ein Gruppenchat voller Sehnsucht, Stärke und Solidarität
Was für ein wunderbarer Roman. Hello Baby ist kein lauter, dramatischer Titel – und trotzdem hallt er lange nach.
Kim Eui-kyung erzählt ...

Ein Roman wie ein Gruppenchat voller Sehnsucht, Stärke und Solidarität
Was für ein wunderbarer Roman. Hello Baby ist kein lauter, dramatischer Titel – und trotzdem hallt er lange nach.
Kim Eui-kyung erzählt die Geschichten mehrerer Frauen, die sich alle in einer südkoreanischen Kinderwunschklinik begegnen – nicht im Wartezimmer, sondern über einen Gruppenchat. Was sie verbindet, ist der Wunsch nach einem Kind. Doch wie unterschiedlich dieser Wunsch aussehen kann, wie individuell jeder Weg, jede Hoffnung, jedes Scheitern ist – das zeigt die Autorin mit beeindruckender Klarheit und viel Einfühlungsvermögen.
Wir erleben die ganze Bandbreite:
Frauen, deren Partner kaum befruchtungsfähige Spermien haben. Frauen, die vorsorgen und Eizellen einfrieren. Andere, die nach unzähligen Versuchen mit hormonellen Behandlungen kämpfen – und eine, die bereits Kinder hat und sich trotzdem alles andere als "angekommen" fühlt.
Was diese Frauen teilen, ist nicht nur der Ort, an dem sie medizinische Hilfe suchen. Es ist der Druck von außen, die Leere innen, das ständige Kreisen um Zyklus, Chancen und Scheitern. Es ist der gesellschaftliche Blick auf Frauen, die „noch keine Kinder haben“ – und die implizite Erwartung, dass man eben "alles dafür tun muss".
Mich hat der Roman auf mehreren Ebenen berührt:
Zum einen ist da der klare, unaufgeregte Schreibstil, der dennoch tief trifft. Jede Perspektive ist präzise und glaubhaft gezeichnet – nichts wirkt überzogen oder gekünstelt. Zum anderen war es die Ehrlichkeit, mit der Kim Eui-kyung die realen Schattenseiten von Kinderwunschbehandlungen zeigt: körperlich, emotional, gesellschaftlich. Und das, ohne zu verurteilen oder zu dramatisieren.
Besonders stark fand ich den Aspekt, dass nicht nur der unerfüllte Wunsch thematisiert wird, sondern auch, was danach kommt: das Muttersein, das eben nicht nur Glück bedeutet. Auch diese Stimme bekommt Raum. Und sie zeigt deutlich: Frau sein ist nie einfach – egal, ob mit oder ohne Kind.
Für Frauen mit Kinderwunsch kann dieser Roman eine stille Begleiterin sein, eine Stimme, die Verständnis schenkt. Für andere vielleicht ein Trigger – denn das Thema ist sensibel, schmerzhaft, sehr persönlich. Für mich war es vor allem ein eindrucksvoller Einblick in die Welt der Kinderwunschkliniken – und in die besondere Situation in Südkorea, wo der gesellschaftliche Druck auf Frauen besonders groß ist.
Kim Eui-kyung, selbst betroffen, lässt ihre eigene Erfahrung spürbar in den Text einfließen – ohne ihn zu dominieren. Dadurch wirkt der Roman authentisch und sehr nahbar.
Am Ende bleibt das Gefühl, Teil dieser Gruppe gewesen zu sein – und ein tiefer Respekt für jede einzelne dieser Geschichten.

Veröffentlicht am 23.07.2025

Interessant

Im Leben nebenan
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Schon auf den ersten Seiten merkt man, dass Autorin Anne Sauer weiß, wie unsereins tickt – mit einem modernen Vibe. Ihre Protagonistin Antonia, oder wahlweise Toni (man switcht hier mal eben in Parallelwelten), ...

Schon auf den ersten Seiten merkt man, dass Autorin Anne Sauer weiß, wie unsereins tickt – mit einem modernen Vibe. Ihre Protagonistin Antonia, oder wahlweise Toni (man switcht hier mal eben in Parallelwelten), lebt zwei Versionen ihres Lebens durch: einmal kinderlos in der Großstadt, einmal mit Baby, Ehemann Adam und Windelstapel im Heimatkaff. Die große Frage: Was, wenn ich mich mal anders entschieden hätte?
Das Ganze kommt mit einem wunderbar natürlichen Erzählton daher, mit leichtem Witz, ehrlicher Sprache und sehr viel Gefühl – aber ohne Kitschalarm. Besonders stark: das Hörbuch. Die Sprecherin trifft Ton, Timing und Tränendrüsen – ich höre definitiv nochmal rein und werde nach weiteren Titeln von ihr stöbern. Absolute Hörbuch-Entdeckung!
Auch wenn viel über Identitätsverlust geschrieben wurde in anderen Rezensionen – ich sehe da eher eine neue Identität. Die der Mutter. Der Mensch, der man wird, wenn sich das eigene Leben plötzlich in Etappen à 3 Stunden Schlaf und Babybrei gliedert. Klar, es ist nicht alles rosarot – das zeigt Sauer ehrlich. Ein bisschen mehr Glücksmomente hätten für meinen Geschmack aber früher auftauchen dürfen. Da hat mein Mama-Herz länger drauf gewartet.
Fazit: Ein kluger, einfühlsamer, aber vor allem angenehm unprätentiöser Roman über Entscheidungen, Selbstbestimmung – und die manchmal seltsam schrägen Wege, die das Leben eben so geht. Für Leser*innen mit und ohne Kind. Denn, wie Sauer so schön sagt: „Es gibt ja auch keine Männer ohne Mütter.“

Veröffentlicht am 13.07.2025

Lesehighlight!

Das Beste sind die Augen
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Was für ein wilder Ritt! Monika Kims Debüt Das Beste sind die Augen ist eine literarische Mischung aus familiärem Drama, bissiger Gesellschaftskritik und makaberer Body-Horror – und das auf eine so ungewöhnlich ...

Was für ein wilder Ritt! Monika Kims Debüt Das Beste sind die Augen ist eine literarische Mischung aus familiärem Drama, bissiger Gesellschaftskritik und makaberer Body-Horror – und das auf eine so ungewöhnlich elegante, eigenwillige Art, dass ich das Buch kaum aus der Hand legen konnte.

Zunächst denkt man, man bekommt ein ruhiges Coming-of-Age über die koreanisch-amerikanische Identität – und plötzlich steht man bis zu den Knöcheln in metaphorischer und wortwörtlicher Augensuppe. Ja, Augen. Viele davon. Aber keine Sorge: Das Buch ist ebenso klug wie grotesk.

Den Roman habe ich als Buch gelesen, wie auch als Hörbuch mir angehört - im Wechsel. Und es ist wunderbar eingesprochen von Christiane Marx, die wunderbar die Atmosphäre, die Distanz und die inneren Konflikte herausgebracht hat.

Im Zentrum steht Ji-Won, 18 Jahre alt, älteste Tochter in einer dysfunktionalen Familie, deren Vater sich verdrückt hat und deren Mutter emotional völlig abstürzt – bis sie einem weißen Mann begegnet, der sie vermeintlich rettet. Doch was wie ein leiser literarischer Roman beginnt, verwandelt sich zusehends in ein düsteres, verstörendes Rachemärchen voller feministischer Rage, psychologischer Spannung und schwarzem Humor.

Monika Kim schreibt mit einer messerscharfen Beobachtungsgabe über Rassismus, Sexismus, Fetischisierung und das Leben als junge Frau in einer Welt, die lieber exotisiert als versteht. Manche Dialogzeilen von Ji-Won sind irre, und besonders interessant waren die Einwürfe von Ji-Wons inneren “Rage”, die fettgedruckt wurde.

Die Traumsequenzen, in denen Augen gegessen, gespürt, geschmeckt werden, sind bildhaft, dass es bei mir an die Grenze ging – und doch konnte ich nicht aufhören zu lesen. Es ist kein Splatter-Horror oder bleibt stark im Gedächtnis, es ist eher eine psychologische, symbolisch aufgeladene Körpererfahrung, die lange nachwirkt.

Die Figuren? Komplex, vielschichtig, teilweise abscheulich. Besonders George – ein Paradebeispiel toxischer Exotikfantasien – hat in mir eine Mischung aus Ekel und Wut ausgelöst. Ji-Wons Mutter hingegen ließ mich oft nur noch den Kopf schütteln. Die Familiendynamik ist gespalten und manchmal tragisch.

Und dann ist da Ji-Won selbst – seltsam, clever, überfordert, wütend, witzig, halluzinierend – eine Figur, die man nicht „lieben“ muss, aber deren Perspektive man sich nicht entziehen kann. Ich habe sie gefeiert, selbst in ihren fragwürdigsten Momenten.

Kleine Kritikpunkte? Ja – Ji-Won ist eine unfassbar schlechte Serienmörderin. Und das Ende kam mir etwas zu rund daher. Aber ganz ehrlich: Es hat mich trotzdem glücklich gemacht.

Das Beste sind die Augen ist eine blutige, schlaue, verstörend unterhaltsame literarische Ausnahmeerscheinung. Für alle, die keine Angst vor unbequemen Themen, feministischer Wut und ungewöhnlichen Geschmäckern haben (Wortspiel beabsichtigt!). Ich will mehr von Monika Kim. Unbedingt.

Veröffentlicht am 08.12.2024

Hat was!

Pineapple Street
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Jenny Jackson entführt uns mit Pineapple Street in die gehobenen Kreise von Brooklyn Heights und erzählt eine Geschichte über Familie, Liebe und die Tücken des Reichtums. Der Roman punktet mit witzigen ...

Jenny Jackson entführt uns mit Pineapple Street in die gehobenen Kreise von Brooklyn Heights und erzählt eine Geschichte über Familie, Liebe und die Tücken des Reichtums. Der Roman punktet mit witzigen Momenten, sympathischen, wenn auch fehlerhaften Figuren, und einem scharfen Blick auf das Leben in einer privilegierten Blase – auch wenn er stellenweise etwas oberflächlich bleibt.
Im Mittelpunkt stehen drei Frauen, die auf sehr unterschiedliche Weise mit dem Einfluss von Geld und Familie ringen. Darley gibt Karriere und Erbe für die Mutterrolle auf und spürt die Konsequenzen ihrer Entscheidung. Sasha, die Außenseiterin, versucht ihren Platz in der wohlhabenden Familie Stockton zu finden. Und Georgiana, das jüngste Familienmitglied, stürzt sich in eine verbotene Liebe und stellt sich Fragen nach ihrer Identität und ihrem Lebensweg. Jackson schafft es, die unterschiedlichen Perspektiven geschickt miteinander zu verweben und jede Figur auf ihre eigene Weise lebendig werden zu lassen.
Mir gefiel der Humor und die Leichtigkeit, mit der Jackson das Leben in der Welt der Reichen und Schönen beschreibt, sind charmant. Die Konflikte zwischen den Figuren wirken glaubwürdig, und einige Dialoge bringen die Familiendynamik auf den Punkt. Besonders Sashas Außenseiterperspektive und ihre Versuche, sich in diese exklusive Welt einzufügen, fand ich spannend. Nach den ersten Kapiteln wurde die Geschichte zunehmend fesselnder, und ich konnte mich gut in die Figuren hineinversetzen.
Der Einstieg in den Roman aber hätte etwas stärker sein können – ich brauchte ein paar Kapitel, um wirklich in die Geschichte zu finden. Außerdem bleibt die Handlung an einigen Stellen oberflächlich, und bestimmte Konflikte hätten mehr Tiefe vertragen. Es ist ein Roman, der sich oft auf die Beobachtung konzentriert, weniger auf die Entwicklung der Figuren oder die Handlung. Dadurch fehlte mir manchmal das Gefühl, dass echte Veränderungen oder Konsequenzen stattfinden.
Fazit: Pineapple Street ist ein unterhaltsamer und scharfsinniger Blick auf das Leben einer wohlhabenden Familie, der mit seinem Humor und seinen Figuren punktet, aber nicht immer die Tiefe erreicht, die man sich wünschen könnte. Es ist eine leichte, charmante Lektüre, die nach einem langsamen Start doch noch überzeugt. Wer Familiendramen mit einem Augenzwinkern mag, wird hier auf seine Kosten kommen – auch wenn es kein Roman ist, der lange nachhallt.

Veröffentlicht am 28.11.2024

Gute Ideen - schwere Umsetzung!

The Great Library Of Tomorrow
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Rosalia Aguilar Solace entführt uns in "The Great Library of Tomorrow: Das Buch der Weisheit" in eine faszinierende, magische Welt voller Geheimnisse, die jedoch ebenso viel Geduld wie Neugier vom Leser ...

Rosalia Aguilar Solace entführt uns in "The Great Library of Tomorrow: Das Buch der Weisheit" in eine faszinierende, magische Welt voller Geheimnisse, die jedoch ebenso viel Geduld wie Neugier vom Leser verlangt. Der Auftakt der Trilogie besticht durch eine ungewöhnliche und atmosphärische Welt, die als "Papierwelt" beschrieben wird – eine Art lebendiges Archiv voller Gefahren, Weisheit und Mythen. Doch so beeindruckend die Ideen sind, so herausfordernd ist auch die Umsetzung.
Die Welt: Potenzial und Verwirrung
Die Stärke des Buches liegt eindeutig im Worldbuilding. Die Papierwelt, die Große Bibliothek von Morgen und der finstere Aschenmann bieten eine Fülle an spannenden, teils poetischen Konzepten, die das Herz von Fantasy-Fans höherschlagen lassen. Doch das Problem liegt in der Balance: Während einige Beschreibungen sich in Detailverliebtheit verlieren, bleiben die für den Plot zentralen Elemente oft zu vage. So beeindruckend die Welt auch ist – sie bleibt lange unklar, und das Lesen erfordert Konzentration, um nicht den Faden zu verlieren.
Die Figuren: Viele Namen, wenig Tiefe
Einer der Hauptkritikpunkte liegt bei den Figuren. Es gibt viele Charaktere, die rasch eingeführt werden und in der Fülle oft kaum unterscheidbar wirken. Ihre Beschreibungen bleiben oberflächlich, und es fällt schwer, eine emotionale Verbindung zu ihnen aufzubauen. Eine Ausnahme bildet Arturo, der Neuankömmling in der Welt, dessen Perspektive es erleichtert, zumindest an einer Figur Orientierung zu finden. Seine Unwissenheit spiegelt die Verwirrung des Lesers und schafft ein gewisses Maß an Vertrautheit.
Der Erzählstil: Schön, aber langatmig
Der Schreibstil von Aguilar Solace ist magisch und atmosphärisch, doch die Handlung selbst zieht sich stellenweise zu sehr in die Länge. Der erste Band wirkt wie eine umfangreiche Einführung, die mehr verspricht, als sie letztlich hält. Manche Abschnitte entfalten eine betörende Schönheit, doch es fehlt an klaren Spannungsbögen und straffen Erzählrhythmen, um den Leser konstant mitzureißen.
Fazit:
"Das Buch der Weisheit" ist eine Geschichte voller Potential, die jedoch mit einer überfrachteten Erzählweise und einer unübersichtlichen Figurenfülle zu kämpfen hat. Wer magische Welten und tiefgründige Ideen liebt, wird die Reise durch die Papierwelt durchaus genießen – doch es braucht Geduld, um den verborgenen Zauber hinter der Verwirrung zu finden. Als Auftakt einer Trilogie bleibt zu hoffen, dass die nächsten Bände klarer und stringenter erzählt werden. Trotz aller Kritik bleibt ein positives Gefühl zurück: Die Ideen sind zu schön, um sie gänzlich zu übersehen.