Atmosphäre top, Erzählfluss holprig – zu viel Ballast im Watt
Einsames WattDer zwölfte Fall für John Benthien startet verheißungsvoll: ein herrenloses Segelboot vor Amrum, eine Tote mit Kopfverletzung, dazu Spuren in einen alten Cold Case von 2005 – eigentlich perfektes Krimistoff. ...
Der zwölfte Fall für John Benthien startet verheißungsvoll: ein herrenloses Segelboot vor Amrum, eine Tote mit Kopfverletzung, dazu Spuren in einen alten Cold Case von 2005 – eigentlich perfektes Krimistoff. Die Grundidee ist spannend und die Nordsee‑Atmosphäre funktioniert. Man spürt die Kulisse, das raue Setting und den Reiz der Inselwelt.
Was mich gestört hat, ist die Überfrachtung: Der Roman ist sehr umfangreich (je nach Ausgabe 450–590+ Seiten) und wirkt dadurch zerfasert. Das Tempo hängt immer wieder durch, weil Rückblenden und Ermittlungsstränge in die Vergangenheit ausufern. Statt Sog entsteht Leerlauf. Für einen Regionalkrimi hätte hier Kürzen gutgetan.
Hinzu kommen häufige Perspektivwechsel (u. a. Kapitel aus Sicht von „John“ bzw. „Lilly“) und Zeitsprünge. Das ist grundsätzlich okay, aber die Übergänge sind nicht immer klar, wodurch der rote Faden verloren geht. Gerade Leser*innen, die die Reihe nicht in jedem Detail präsent haben, könnten sich streckenweise orientierungslos fühlen.
Positiv bleiben die Atmosphäre und einzelne emotionale Momente rund um Benthiens Vergangenheit. Die Parallelen zum ungeklärten Fall aus 2005 bringen Tiefe, aber sie werden zu breit ausgewalzt. Weniger wäre mehr gewesen – dann hätte der Fall um das Segelboot deutlich mehr Wucht entfaltet.
Fazit: Ein stimmungsvoller Küstenkrimi mit starkem Setup, der sich im eigenen Plot verheddert. Wer die Reihe liebt und Geduld für lange Erzählbögen mitbringt, findet seine Momente. Für alle anderen ist das zu viel Watt unter den Füßen und zu wenig Grip.