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Meinungen aus der Lesejury

Veröffentlicht am 03.06.2025

Die andere Seite der Mutterschaft

Der Verdacht
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Als Mutter muss man seine Kinder lieben, oder?
Was, wenn es nicht so ist?
Und was, wenn man sein Kind für das Schrecklichste verantwortlich macht, was einem je passiert ist?

“Der Verdacht” beschäftigt ...

Als Mutter muss man seine Kinder lieben, oder?
Was, wenn es nicht so ist?
Und was, wenn man sein Kind für das Schrecklichste verantwortlich macht, was einem je passiert ist?

“Der Verdacht” beschäftigt sich mit einer Mutter, die erst voller Vorfreude auf ihr perfektes Familienglück ist und mit der Geburt von Panik ergriffen wird. Sie kann keine Liebe empfinden für das kleine Wesen, das unaufhörlich schreit, kämpft noch mit den Strapazen des Wochenbetts und fürchtet gleichzeitig, eine ebenso abwesende Mutter wie ihre eigene zu sein.
Von Anfang an hat sie das Gefühl, ihre Tochter kann sie nicht leiden und fragt sich, ob das auf Gegenseitigkeit beruht.
Viele Unsicherheiten und anfängliche Zweifel konnte ich gut nachempfinden und so schafft die Autorin eine interessante Mischung aus Verbundenheit und Distanziertheit zur Protagonistin.
Ungewöhnlich ist auch der Erzählstil, denn der Roman ist in Briefform geschrieben und spricht den (Ex-)Mann der Protagonistin direkt an. So erfahren wir die Sicht der Mutter selbst und fragen uns ständig, wie glaubwürdig die Erzählerin ist. Die so gesäten Zweifel bestehen bis zum Schluss.
Zwischendurch tauchen immer wieder Kapitel auf, welche die Generationen von Müttern vor der Protagonistin beleuchten und zeigen auf, wie sich die fehlende Fürsorge zum eigenen Nachwuchs durch den gesamten Stammbaum zieht.

Der Roman behandelt viele Themen, beschäftigt sich aber insbesondere mit der Frage, ob jemand böse geboren werden kann oder ob unsere elterlichen Projektionen einen Menschen zu dem formen, der er ist.

Ich konnte ihn kaum aus der Hand legen und wurde voll und ganz von der unterschwelligen Spannung eingenommen. Das Ende ist halboffen, die oben genannte Frage bleibt unbeantwortet und lässt einen etwas unbefriedigt zurück. ⭐️4/5⭐️

*Übersetzt von Ulrike Wasel und Klaus Timmermann

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Veröffentlicht am 31.05.2025

Bricht einem auf tausend Arten das Herz

Shuggie Bain
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Douglas Stuart entführt uns ins Glasgow der 1980er. Hier wächst Shuggie in einer Arbeiterfamilie auf, zwischen Armut und Alkohol.
Trotz des eher distanzierten Schreibstils geht einem die Geschichte unglaublich ...

Douglas Stuart entführt uns ins Glasgow der 1980er. Hier wächst Shuggie in einer Arbeiterfamilie auf, zwischen Armut und Alkohol.
Trotz des eher distanzierten Schreibstils geht einem die Geschichte unglaublich nahe und Stuart lässt einen hunderte verschiedene Arten von Schmerz fühlen. Interessant ist dabei, dass Emotionen gar nicht genau beschrieben, sondern durch kleine Gesten dargestellt werden und auf diese Weise viel intensiver beim Leser/ der Leserin wirken können.
Shuggies Mutter ist Alkoholikerin und schon früh beginnen sich die Rollen zu vertauschen, sodass er sich um sie kümmern muss. Zwischen all dem Leid, das die Sucht verursacht, gibt es immer wieder ein kleines Aufleuchten, das einen die Liebe zwischen Mutter und Sohn spüren lässt. Die Liebe, aber auch die emotionale Abhängigkeit und Zerrissenheit Shuggies. Und ich gestehe: Auch ich bin in diesen Strudel geraten. Ich habe mich gemeinsam mit dem jungen Protagonisten an jedes Fünkchen Hoffnung geklammert, jedes Mal aufs Neue daran geglaubt, dass seine Mammy es endlich schafft, nüchtern zu bleiben - um dann jäh enttäuscht zu werden.
Als wäre das nicht genug für eine Kindheit, muss Shuggie auch seine eigene Identität hinterfragen bzw. überhaupt einmal herausfinden, denn er und alle um ihn herum merken schon früh, dass er sich anders verhält als andere Jungs, dass er sensibler und feinfühliger ist.

Obwohl Stuart vordergründig die Geschichte Shuggies erzählt, gelingt es ihm, ein ganzes Milieu zu porträtieren. Und schnell wird deutlich, dass jede*r sein/ihr eigenes Päckchen zu tragen hat.
Hier möchte ich einmal anmerken, dass der gesprochene Slang sehr treffend von Sophie Zeitz ins Deutsche übertragen wurde, ihre Übersetzung ist wirklich großartig.
Das Schlimmste an der Handlung ist, dass das beschriebene Leid zwar kaum aushaltbar, dennoch nicht unrealistisch ist. Douglas Stuart hat eigene Erfahrungen einfließen lassen und das macht die ganze Sache noch einmal tragischer.

“Shuggie Bain” ist ein intensiver Roman voller Schmerz, aber auch voller Liebe und Hingabe. Er wird mir definitiv noch lange im Gedächtnis bleiben und ich möchte ihn allen ans Herz legen, die nicht zu zart besaitet sind und mit den negativen Emotionen umgehen können/wollen. ⭐️5/5⭐️

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Veröffentlicht am 21.05.2025

Zwischen Bullerbü-Kindheit und menschlichen Abgründen

Vergiss mich
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Alex Schulman gibt in “Vergiss mich” so viel von seinem Privatleben preis wie nie zuvor. Es ist ein autobiografisches Buch über das Aufwachsen mit seiner alkoholkranken Mutter. Das Buch ist im schwedischen ...

Alex Schulman gibt in “Vergiss mich” so viel von seinem Privatleben preis wie nie zuvor. Es ist ein autobiografisches Buch über das Aufwachsen mit seiner alkoholkranken Mutter. Das Buch ist im schwedischen Original schon 2016 erschienen und wurde nun von Hanna Granz ins Deutsche übersetzt.
Die Erzählung startet und endet mit der Gegenwart, dazwischen zeigen szenenhafte Rückblicke Bilder von Schulmans Kindheit. Sie sind nicht chronologisch sortiert, sondern nach der Art der Gefühle, die sie in ihm ausgelöst haben: Warme Erinnerungen, die voller Liebe und Geborgenheit sind. Aber auch solche, in denen seine Mutter tagelang nicht ihr Schlafzimmer verlässt, ihre Söhne anschreit, aus dem Nichts die Kontrolle verliert.
Wie kam es zu diesem harten Gefälle? Und was macht es mit einem Sohn, seine Mutter an die Alkoholsucht zu verlieren? Diese Fragen versucht der Autor mithilfe des Buches zu beantworten.

Zugegebenermaßen habe ich ab und an den Überblick verloren und hätte mir mehr zeitliche Einordnungen gewünscht. Andererseits macht es für die Dringlichkeit der Aussagen auch keinen Unterschied, wann gewisse Szenen sich zugetragen haben.
Was mich sehr berührt hat, war der Grad der eigenen Verletzlichkeit, den Schulman hier offenbart. Er schreibt über seine eigenen Zusammenbrüche, Panikattacken, seine Hilflosigkeit. Oft bekommt man sehr intime Einblicke in sein Gefühlsleben und gerade das macht einen beim Lesen sehr betroffen. Diese menschliche Darstellung seiner selbst hat mich sehr gerührt, an keiner Stelle hat man das Gefühl, Schulman wolle sich inszenieren oder in ein gutes Licht rücken.
Aber der Ton ist nicht nur negativ, die Grundstimmung ist hoffnungsvoll und das Ende lässt einen vielleicht nicht glücklich, aber doch mit einem versöhnlichen Gefühl hinausgehen.
Für Leser*innen seiner Romane könnten auch die erkennbaren Parallelen zu “Die Überlebenden” besonders sein sowie weitere Anekdoten an seinen Großvater Sven Stolpe, den wir bereits aus “Verbrenn all meine Briefe” kennen.

“Vergiss mich” ist eine Biografie, die sich liest wie ein Roman. Sie vermittelt unendlich viel Schmerz, aber noch mehr Liebe, und jongliert mit den glücklichen Erinnerungen an eine Bullerbü-Kindheit und den schrecklichen Abgründen des Alkoholismus. ⭐️4,5/5⭐️

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Veröffentlicht am 20.05.2025

Fesselnd und bewegend

Unerhörte Stimmen
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Leila wurde ermordet.
In ihren letzten Momenten lässt sie ihr Leben Revue passieren.
Jahrzehntelang war sie Prostituierte und damit gehörte sie zu einer Minderheit, den unerhörten Stimmen der Türkei.

Leilas ...

Leila wurde ermordet.
In ihren letzten Momenten lässt sie ihr Leben Revue passieren.
Jahrzehntelang war sie Prostituierte und damit gehörte sie zu einer Minderheit, den unerhörten Stimmen der Türkei.

Leilas Reise beginnt 1947 in einem abgeschiedenen Dorf Ostanatoliens, hier herrschen Gottesfurcht und (aus unserer Sicht) absurde Traditionen vor. Sie erlebt Unterdrückung, Missbrauch und wird erdrückt vom Wunsch des Vaters nach einem Sohn. Die zwei Ehefrauen des Vaters sind beide unglücklich, eine kann keine Kinder bekommen, die andere erleidet eine Fehlgeburt nach der nächsten.
Die Ungerechtigkeiten machen dabei extrem wütend, das ganze Familiengefüge ist enorm deprimierend und man macht innere Freudensprünge, als Leila ihrem Zuhause entflieht und in die große, bunte Stadt Istanbul kommt.
Doch der erwartete Wandel bleibt aus, auch hier wartet Schreckliches auf das junge Mädchen: Sie wird verkauft, muss sich von nun an prostituieren, gehört nun zu den Geächteten des Landes. Doch sie ist nicht die einzige Außenseiterin und mit den Jahren findet sie fünf außergewöhnliche Freundinnen, die das Leben lebenswert machen.
Ich bin Leila unheimlich gerne auf Ihrem Lebensweg gefolgt. Trotz all der Grausamkeiten lässt sie sich nicht kleinkriegen, behält stets ihr großes Herz und ihren Humor und steht für sich und ihre Liebsten ein. Elif Shafaks Schreibstil ist dabei sehr locker und pointiert, jedes Erinnerungsfragment Leilas sehr themenschwer und fesselnd, sodass man gar nicht merkt, dass mehrere hundert Seiten bis zur Ermordung 1990 vergehen.
Den kürzeren Teil danach fand ich etwas schwächer. Hier liegt der Fokus auf den zurückgebliebenen Freund
innen, den anderen “unerhörten Stimmen”. Wir lernen sie etwas besser kennen, auch mit ihnen meinte das Schicksal es nicht gut. Man merkt aber, wie die Kraft der Freundschaft sie durchs Leben trägt und wie wertvoll diese ist. Sie schmieden einen Plan, um Leila ein angemessenes Begräbnis zu schaffen. Die Schilderungen dessen waren mir persönlich zu slapstickartig und schwach, es passte absolut nicht zu der vorangegangenen Stimmung.

Dennoch habe ich “Unerhörte Stimmen” wahnsinnig gerne gelesen, habe die Protagonistin ins Herz geschlossen und ihren Lebensweg mit angehaltenem Atem verfolgt und dabei viel über die Türkei, ihre Politik und ihre Traditionen im letzten Jahrhundert gelernt. ⭐️4/5⭐️

*Übersetzt von Michaela Grabinger

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Veröffentlicht am 20.05.2025

Humoristisch mit Anspruch

Nincshof
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Nincshof ist ein Dorf wie jedes andere. Na ja, fast. Denn während andere Dörfer versuchen Touristen anzulocken, möchten die Nincshofer vergessen werden. Da passt es natürlich überhaupt nicht in den Plan, ...

Nincshof ist ein Dorf wie jedes andere. Na ja, fast. Denn während andere Dörfer versuchen Touristen anzulocken, möchten die Nincshofer vergessen werden. Da passt es natürlich überhaupt nicht in den Plan, dass eine bekannte Filmemacherin einzieht und neugierige Fragen stellt.

Mit humorvollen Büchern ist es ja immer so eine Sache: entweder teilt man den Humor oder eben nicht. Bei mir war größtenteils zweiteres der Fall.
Ich wollte den Roman so gern mögen, doch leider hat er mich nicht wirklich überzeugt.
Der Schreibstil ist sehr angenehm literarisch und so habe ich mich schnell auf die Geschichte eingelassen, bin gern auf Johanna Sebauers Finten hereingefallen und habe sowohl Pusztafeigen als auch Irrziegen gegoogelt.
Die Figuren haben alle ihre skurrilen Eigenarten, dafür fehlt es ihnen etwas an Tiefe. Die Handlung ist teilweise etwas zäh und wird eigentlich durch den Humor getragen - der mich aber wie gesagt nicht erreicht hat. So habe ich mich stellenweise etwas gelangweilt.
Ich empfehle es allen Fans von Büchern, die zum Schmunzeln sind, aber dennoch einen gewissen Anspruch haben. ⭐️3/5⭐️

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