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Veröffentlicht am 12.10.2020

Ein Familienalbum voller Poesie

Die Unschärfe der Welt
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In ihrem Roman „Die Unschärfe der Welt“ überführt uns Iris Wolff nach verschneites Banat Ende sechziger Jahre, wo der Protagonist Samuel in einer Pfarrerfamilie zur Welt kommt. Samuel wächst sehr gut behütet ...

In ihrem Roman „Die Unschärfe der Welt“ überführt uns Iris Wolff nach verschneites Banat Ende sechziger Jahre, wo der Protagonist Samuel in einer Pfarrerfamilie zur Welt kommt. Samuel wächst sehr gut behütet auf. Das Pfarrhaus mit großem Garten und Obstbäumen, in dem er viel Zeit vor allem mit seiner Mutter verbringt, gleicht einer Idylle, die von der übrigen von Ceausescu regierten Rumänien abgeschnitten ist.

Der Roman ist, genauso wie ein Familienalbum voller diversen Fotos, eine Sammlung von Bildern aus dem Leben der Familie über vier Generationen hinweg. Bildern, die dem Betrachter, die Geschichte dieser Familie erzählen.

In kurzen Kapiteln vertrauen uns die einzelnen Familienmitglieder ihre Erinnerungen und Episoden aus ihrem Leben an, erzählen ihre persönlichen Geschichten. So lernen wir nicht nur den schweigsamen Träumer Samuel, der als Kind lange nicht sprechen will, später aber die Kraft und die Wirkung der Worte sehr zu schätzen wusste, aus der Perspektive des jeweiligen Erzählers kennen. Auch die anderen Familienmitglieder, sowie ihre Freunde und die Umgebung, werden uns auf diese Weise nähergebracht. Die unterschiedliche Erzählweise und die Zeitsprünge zwischen den einzelnen Erzählungen bewirken jedoch, dass die Protagonisten unnahbar bleiben, ihre Schicksale berühren nur selten. Vieles bliebt in dieser Geschichte verschwommen, unscharf.

Der Roman besticht jedoch durch seine wunderschöne dichterische Sprache und poetische Bilder der rumänischen Landschaft. Auch die emotionale Kritik der Diktatur von Ceausescu beeindruckt und beweist, dass diese Geschichte der Autorin sehr am Herzen liegt. Iris Wolff ist geboren und aufgewachsen im Banat und in Siebenbürgen.

Der Roman steht auf der Longlist für den Deutschen Buchpreis 2020. Ich würde ihn allen Lesern empfehlen, für die ein Buch viel mehr als „nur Unterhaltung“ bedeutet.

  • Cover
  • Erzählstil
  • Handlung
  • Charaktere
Veröffentlicht am 03.10.2020

Der Preis unserer Träume

Und dann noch die Liebe
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Das Leben des deutsch-französischen Journalisten Francois ist mehr als aufregend. Sein Job verlangt viel vor ihm ab: permanent auf der Suche nach neuesten Topnachrichten, dauernd auf Reisen, ständig auf ...

Das Leben des deutsch-französischen Journalisten Francois ist mehr als aufregend. Sein Job verlangt viel vor ihm ab: permanent auf der Suche nach neuesten Topnachrichten, dauernd auf Reisen, ständig auf Abruf, keine Zeit für Familie. Den täglichen Stress versucht er mit gutem Essen und Trinken in Bars und Restaurants sowie mit gelegentlichen weiblichen Bekanntschaften zu kompensieren.
Das ändert sich, als er eines Tages Agapi, eine Mitarbeiterin des griechischen Finanzministeriums, bei der Verhandlungen in Brüssel kennenlernt. Er weiß, dass es diesmal die wahre Liebe ist und will sie nicht verlieren. Doch dann überschlagen sich die Ereignisse und Francois steht vor einer schweren Entscheidung.


Der Roman „Und dann noch die Liebe“ von Alexander Oetker unterscheidet sich sehr von seinen bisherigen Krimis. Es ist kein Liebesroman, obwohl es hier auch um Gefühle und Emotionen geht.

Zu einem erzählt der Autor über das unruhige Europa in den Jahren 2015 bis jetzt. Vor allem die griechische Finanzkrise und die aktuelle Flüchtlingspolitik dominieren in diesem Roman. Auch die Terroranschläge in Paris und später in Nizza wurden thematisiert. Der Autor bleibt bei all diesen Themen nicht passiv, er äußert seine Meinung dazu, zieht Vergleiche, kritisiert.

In dem zweiten Handlungsstrang geht es um die Flucht der Deutschen am Ende des Zweiten Weltkrieges. Die Hauptperson ist hier die Oma von Francois, die mit ihrer Stiefmutter ihr Heimatdorf verlassen musste. In wenigen kurzen Kapiteln wurden Episoden der Flucht beschrieben.

Ich habe von diesem Roman mehr erwartet; mehr Gefühl, mehr Emotionen. Die Problematik beider Handlungsstränge ist zweifellos hoch interessant. Während der Autor die aktuelle Flüchtlingspolitik breit thematisiert, wurde die Flucht 1945 nur am Rande behandelt. Vor allem der Erzählstrang über die aktuellen Ereignisse wirkt mehr wie ein Bericht, wie eine emotionslose Reportage, die nicht richtig berühren kann.

Die wahre Liebe, die der Titel und das Cover des Buches suggerieren, wurde nur gelegentlich und dann kurz zum Schluss behandelt. Sehr schade eigentlich, weil der Autor so schön über die Liebe schreiben kann: „Du wirst die kleinen Träume auch haben, die kleinen schönen Träume, ich spüre es, ganz bestimmt.“ (Zitat Seite 178)

Alexander Oetker zeichnet in seinem Roman ein lebendiges Bild unserer europäischen Gesellschaft, das sehr interessant aber auch polemisch wirkt.

  • Cover
  • Erzählstil
  • Handlung
  • Charaktere
Veröffentlicht am 29.09.2020

Geschichten aus dem Mittelalter

Der Halbbart
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Der Roman „Der Halbbart“ versetzt den Leser nach Schwyz im Jahre 1313. In einem kleinen Dorf wohnt Eusebius, mit seiner Mutter und zwei älteren Brüdern Geni und Poli. Eusebius, den alle Sebi nennen, ist ...

Der Roman „Der Halbbart“ versetzt den Leser nach Schwyz im Jahre 1313. In einem kleinen Dorf wohnt Eusebius, mit seiner Mutter und zwei älteren Brüdern Geni und Poli. Eusebius, den alle Sebi nennen, ist ein aufgeweckter Junge und sehr guter Beobachter.
Als eines Tages ein Fremder im Dorf erscheint, der man aufgrund seines Aussehens Halbbart nennt, sucht Sebi seine Gesellschaft und versucht so viel wie möglich von ihm zu lernen. Der Halbbart scheint ein Mann mit vielen praktischen Fähigkeiten zu sein und er hilft gerne den Menschen im Dorf. Nur über seine tragische Vergangenheit möchte er lieber nicht sprechen.


Dieses Buch hat mich sofort in seinen Bann gezogen. Im Mittelpunkt steht natürlich Sebi, der die ganze Geschichte erzählt. Er ist ein aufgeweckter Junge, der gut beobachten und noch besser erzählen kann. Er wächst in einer Welt, in der der Glaube und Aberglaube den Alltag beeinflussen und die prägen nachhaltig auch seine Gedanken und Geschichten.
Mit den Augen des 13-jährigen Buben konnte ich in diese mittelalterliche Welt eintauchen und das mühsame Leben der Dorfbewohner betrachten. Mit der Naivität eines Kindes erzählt Sebi über den Alltag der ungebildeten Menschen, über das scheinbar bessere Leben der Reicheren im Dorf und den enormen Einfluss der Kirche. Seine Erzählungen sind so offen, aufrichtig und unkritisch, dass man über seine kindliche Naivität oft schmunzeln muss.
Der geheimnisvolle Halbbart spielt eine große Rolle im Sebis Leben. Es ist offensichtlich, dass der Halbbart ein gebildeter Mensch ist und viel, nicht nur Gutes, in seinem Leben mitmachen müsste. Sein Wissen teilt er gern mit Sebi, der ihn von Anfang an als einen Freund und nicht als einen Fremden behandelt.
Natürlich kommen auch die geschichtlichen Ereignisse in diesem Roman vor. Sebi und seine Brüder wurden in diese Geschehnisse verwickelt. Dazu gibt der Autor zwar keine Quellennachweise, dafür aber erzählt viele interessante Geschichten. Wieviel sie der Wahrheit entsprechen, müsste man es selbst herausfinden. Denn in dem Interview für Literatur-Lounge sagt der Autor selbst:
Ein Roman soll keine Unterrichtsstunde sein. Es geht nicht um Geschichte, sondern um Geschichten.

FAZIT:
„Der Halbbart“ von Charles Lewinsky ist ein wunderbarer Roman voller Geschichten, Märchen und Weisheiten, die das Herz jedes Lesers berühren. Obwohl es eine Geschichte über das Mittelalter ist, ist sie in vielen Punkten aktueller denn je. Wunderschön erzählt, berührend, aufschlussreich – einfach lesenswert!

  • Cover
  • Erzählstil
  • Handlung
  • Charaktere
Veröffentlicht am 19.09.2020

Ein ungewöhnlicher Thriller

Aus schwarzem Wasser
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Das Buch „Aus schwarzem Wasser“ ist ein ganz ungewöhnlicher Thriller. Er beginnt mit einem spektakulären Unfall, der die Aufmerksamkeit allen Medien auf sich zieht. Noch spektakulärer und gleichzeitig ...

Das Buch „Aus schwarzem Wasser“ ist ein ganz ungewöhnlicher Thriller. Er beginnt mit einem spektakulären Unfall, der die Aufmerksamkeit allen Medien auf sich zieht. Noch spektakulärer und gleichzeitig unfassbar ist der Fakt, dass die amtlich für tot erklärte Maja am Leben ist. Ihre Fragen und Nachforschungen, die mit ihrer Herkunft (Maja kennt ihren Vater nicht) und der geheimnisvollen letzten Botschaft ihrer Mutter zusammenhängen, bringen sie selbst und ihren Freund Daniel in Gefahr. Kann sie noch überhaupt jemandem trauen?

Ab sofort steht ihr Leben Kopf; sie versucht Antworten auf die vielen Fragen zu finden. Durch ihre Recherchen wurde sie zur Bedrohung für einige mächtige Personen und Institutionen.
Als wäre der Unfall ein Auslöser dazu, scheint auch die ganze Welt aus den Fugen zu geraten. Bald müssen viele Menschen um ihr Leben bangen.

Sehr kurze Kapitel des Buches erinnern an Newsticker. Alle sind mit Überschriften versehen, die den Ort der Handlung, genaue Zeitangabe und die betreffende Person ankündigen. Denn die Handlung springt zwischen verschiedenen Zeitebenen und spielt an verschiedenen Orten.
Dieser Aufbau des Buches verstärkt die Spannung, die von Anfang an eine Sogwirkung bei mir ausgelöst hat. Genauso wie die Protagonistin Maja möchte ich alle Antworten wissen, die Hintergründe dieser Geschichte erfahren. Und die Informationen bekomme ich natürlich; nach und nach wurden die Ereignisse aus der Vergangenheit der Innenministerin und damals einer hervorragenden Forscherin erläutert.
Anne Freytag gelingt es hervorragend die spannende Handlung ihres Thrillers mit aktuellen Problemen der Welt zu bereichern. Im Buch kommt auch die Problematik der Umweltverschmutzung, vor allem der Verschmutzung der Meere und Vernichtung der darin lebenden Organismen, aber auch politische Machtspiele und Intrigen, zur Sprache. Die Autorin geht hier so weit, dass sie sogar die fatalen Folgen des menschlichen Handels bildhaft darzustellen versucht. Diese Bilder erschüttern und alarmieren.

Das Ende der Geschichte war mir zu sehr mit actionreichen Szenen überladen, trotzdem bekommt der Debüt-Thriller der Autorin meine Leseempfehlung.

  • Cover
  • Erzählstil
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Veröffentlicht am 10.09.2020

Ein ungewöhnliches Leseerlebnis

Zugvögel
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Franny und ihre Lebensgeschichte, spannend in der Kurzbeschreibung des Buches angekündigt, haben sofort mein Interesse an diesem Buch geweckt. Ich wollte unbedingt das Geheimnis des Verbrechens erfahren, ...

Franny und ihre Lebensgeschichte, spannend in der Kurzbeschreibung des Buches angekündigt, haben sofort mein Interesse an diesem Buch geweckt. Ich wollte unbedingt das Geheimnis des Verbrechens erfahren, von dem Franny flieht und sich auf die abenteuerliche Reise einlässt.
Warum sie gerade den Küstenseeschwalben folgen will, ist für mich zuerst nicht ganz klar. Sie hat drei Vögel mit Peilsendern beringt und verfolgt akribisch ihre Reiseroute auf dem Bildschirm ihres Laptops. Den Kapitän der Saghani, eines der letzten Fischerkutters, konnte sie dazu überreden, sie mitzunehmen und bei ihrem Vorhaben zu unterstützen.

Der Anfang dieser Geschichte wirft viele Fragen auf. Warum will Franny den Küstenseeschwalben auf ihrer Reise in die Antarktis folgen? Warum ist ihr dieses Vorhaben so wichtig, dass sie jede Strapaze auf sich nimmt und vor keiner Gefahr zurückschreckt? Warum unternimmt sie diese Reise allein, obwohl sie mit jedem Gedanken bei ihrem geliebten Mann Niall ist? Was ist in ihrem Leben passiert, dass sie so oft an den Tod denkt und felsenfest überzeugt ist, dies wäre ihre letzte Reise?

Die Antworten auf all diese Fragen kommen im Verlauf dieser Geschichte. Mehrere Rückblenden unterbrechen immer wieder die aktuelle Handlung und liefern Einzelheiten aus Frannys Vergangenheit. Und diese war mehr als dramatisch. Mit jeder weiteren Enthüllung wurde das Verhalten der impulsiven und unberechenbaren Franny plausibler, sie selbst gewinnt an Sympathie. Frannys bewegende Lebensgeschichte fesselt und berührt, drückt nicht selten an die Tränendrüse. Ebenso wie die Liebensgeschichte, die Hochzeit mit Niall, alles spontan, unüberlegt, irgendwie verrückt.

„Zugvögel“ von Charlotte McConaggy ist aber nicht nur eine spannende Liebesgeschichte. In diesem Roman, deren Handlung in einer undefinierbaren Zukunft spielt, geht es auch um Klimawandel und Artensterben. Dies wurde unter anderem am Beispiel von Küstenseeschwalben dargestellt. In dem Buch sind die Seeschwalben vom Aussterben bedroht, weil sie auf ihrer Reise keine Nahrung mehr finden würden, denn auch Meeresfische nicht mehr vorhanden seien. Dieser Handlungsstrang hat mich nicht völlig überzeugt, weil die Autorin ihren eigenen Theorien und Gedanken oft widerspricht.

Das Klimawandel ist ein aktuelles Thema, das man unbedingt beachten muss. Aber bei den oft radikalen Aussagen in diesem Buch, die vor allem von Niall kommen, bleibe ich lieber bei dieser Beschreibung der Zugvögel:
Obwohl sie so bunt und verschieden sind, wie eine Gruppe Menschen nur sein kann, merke ich doch, dass sie auch alle gleich sind, Seeleute eben. Im Leben an Land hat ihnen etwas gefehlt, und sie sind losgezogen, um eine Antwort zu finden. Und worin die auch immer bestand, ich bin überzeugt, sie haben sie alle gefunden. Sie sind Zugvögel, die es vom Land wegzieht, und sie lieben es hier draußen auf dem Meer, das ihnen ein anderes Leben bietet… (Zitat Seite 89 E-Book)
Denn auch die Menschen sind ein Teil der Natur.

FAZIT: ein spannender Roman mit filmreifen Szenen und poetischen Beschreibungen. Diese Geschichte berührt, bewegt, provoziert und regt zum Nachdenken an.

  • Cover
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