Profilbild von Archer

Archer

Lesejury Star
offline

Archer ist Mitglied der Lesejury

Melde dich in der Lesejury an, um dich mit Archer über deine Lieblingsbücher auszutauschen.

Anmelden

Meinungen aus der Lesejury

Veröffentlicht am 03.10.2017

Im wahrsten Sinne des Wortes

Die Magie der Lüge
0

Ein paar Jahre, als es Tir Passario noch gar nicht gab und er als Nr. 19 irgendwo herumdümpelte, wurde eine junge Frau zu Anderta Passario erklärt. Auch sie verfügt über Wahrheitsmagie, doch sie nutzt ...

Ein paar Jahre, als es Tir Passario noch gar nicht gab und er als Nr. 19 irgendwo herumdümpelte, wurde eine junge Frau zu Anderta Passario erklärt. Auch sie verfügt über Wahrheitsmagie, doch sie nutzt sie etwas spezieller als Tir, könnte man sagen. Tagsüber betätigt sie sich als Wahrsagerin (im wahrsten Sinne des Wortes), nachts steigt sie bei ihren "Tageskunden" ein, von denen sie weiß, dass sie nicht da sind, und klaut ihre Wertsachen. Zusammen mit ihrem Partner Londurs hat sie ein abenteuerliches und finanzstarkes Leben. Das ändert sich abrupt, als sich durch Tir die Welt ändert und nur Anderta durch ihre Wahrheitsmagie weiß, dass sich überhaupt was geändert hat. Sie beschließt, den Schuldigen zu finden und zur Rede zu stellen, doch als ihr das gelingt, muss sie nicht nur mit den Dämonen ihrer Vergangenheit kämpfen, sondern auch mit seinen.

Im Gegensatz zu Tir, der mir im ersten Teil Die Magie der Namen, oft auf die Nerven ging und es mir somit schwer machte, ihn als Hauptperson zu mögen, fand ich sofort Zugang zu Anderta und auch ihrem Partner Londurs. Sie sind rebellisch, haben ihren eigenen Kopf und sehen nicht ein, sich von ihren Namen zu einem Schicksal degradieren zu lassen. Anfangs erweisen sich beide als starke Persönlichkeiten; das hält sich bei Anderta nicht durchweg, weshalb es auch einen halben Punkt Abzug in der Pflicht gibt. Auch die weiteren Charaktere sind durchaus interessant (und einer der "Guten" ist mein absoluter "Lieblings"hasscharakter, eine hervorragende Leistung der Autorin!), einige, wie Tir zum Beispiel, haben sich sogar weiterentwickelt. Mein größter Kritikpunkt besteht im letzten Drittel des Buches. Es geht alles zu schnell, zu einfach und dem ersten Band viel zu ähnlich. Das wirkte auf mich extrem antiklimaktisch, sodass ich hier einen ganzen Punkt abziehen muss, obwohl mir dieser Nachfolger der Magie der Namen besser gefiel als das Ursprungsbuch. Das Ende gibt genügend Stoff für einen dritten Band her, wobei ich hoffe, dass es dabei mal ausnahmsweise keinen Deus ex machina als Lösung geben wird. 3,5/5 Punkten.

Veröffentlicht am 01.10.2017

Sieben

Die Gärten von Istanbul
0

Ein Toter wird gefunden an einem historischen Denkmal in Istanbul. Aufgebahrt wie ein Opfer gibt er dem melancholischen Oberkommissar Nevzat und seinem Team, bestehend aus den Kommissaren Ali und Zeynep, ...

Ein Toter wird gefunden an einem historischen Denkmal in Istanbul. Aufgebahrt wie ein Opfer gibt er dem melancholischen Oberkommissar Nevzat und seinem Team, bestehend aus den Kommissaren Ali und Zeynep, Rätsel auf. Der Tote war ein anerkannter Historiker, und es bleibt nicht bei dem einen Toten. Sieben Morde geschehen, sieben Opfer, platziert an historischen Plätzen einer Stadt, die so reich an Geschichte ist. Doch nicht nur die Opfer, auch der Kommissar hat eine Vergangenheit, sind doch seine Frau und seine Tochter bei einem Verbrechen gestorben, das er nicht aufklären konnte.

Man sollte meinen, bei so einem exotischen Schauplatz wie Istanbul, das vor fast drei Jahrtausenden einmal Byzantion hieß, ginge es zur Sache. Und natürlich ist es auch nicht unspannend, wenn es um die geschichtlichen Hintergründe der Stadt und ihrer Bewohner geht - doch sollte es sich hier nicht eigentlich um einen Krimi handeln? Doch der Fall kommt genauso betulich in die Gänge wie der Kommissar, und so interessant wie ich die Exkurse in die Geschichte auch finden mag, so sehr nervt es mich, wenn man in einem Krimi damit Seiten um Seiten füllt, ohne dass es wirklich voran geht. Dazu kommt, dass mir zum Beispiel Ali ziemlich auf die Nerven ging; gut fand ich hingegen, dass mit Zeynep eine weibliche Ermittlerin eingeführt wurde. Wobei ich mich frage, ob das jetzt auch noch möglich wäre - das Buch wurde schließlich 2010 rausgebracht, als die Türkei noch offener und aufgeschlossener war als heute und der angebliche Putsch noch in weiter Ferne lag. So betulich wie Fall und Kommissar war meistens auch die Schreibweise, manchmal sogar irgendwie kindlich; es ist schwer, so etwas zu erklären, zumal man nicht weiß, wie gut deutsche Wörter und Übersetzungen etwas aus dem Türkischen rüberbringen. Als Fazit sage ich: Ja, war ganz nett, aber ich bräuchte keine Nachfolger dieses Buches.

Veröffentlicht am 29.09.2017

Die Macht der Träume

Die Stadt der verbotenen Träume
0

In einem von einem "Rat" diktatorisch geführten Inselstaat sind Menschen, die träumen können, Außenseiter und Verbrecher. Niemand will mit ihnen Kontakt haben, denn sie könnten ja ansteckend wirken. Die ...

In einem von einem "Rat" diktatorisch geführten Inselstaat sind Menschen, die träumen können, Außenseiter und Verbrecher. Niemand will mit ihnen Kontakt haben, denn sie könnten ja ansteckend wirken. Die fleißige und zurückhaltende Eliana aus dem Haus der Weberinnen - denn alle Menschen gehören einer Kaste an, der sie ihr Leben lang treu bleiben -, ist weder Rebellin noch aufrührerisch veranlagt. Doch auch sie kämpft gegen Träume, aus Angst, geächtet zu werden. Als eines Tages eine verletzte junge Frau ins Haus der Weberinnen gebracht wird, erschüttert das Elianas Weltbild bis in die Grundfesten, und sie muss sich fragen, was ihr wirklich wichtig ist: ihr ruhiges Leben oder Gerechtigkeit.

Der Schreibstil ist wirklich außergewöhnlich. So poetisch wie die Träume, die auf der Insel so verpönt sind. Viel, viel Raum bleibt für Interpretationen - nicht alle Fäden werden aufgewickelt, selbst denken ist durchaus erlaubt oder wird sogar verlangt. Das mag nicht jedermanns Sache sein, so dass ich es auch nicht uneingeschränkt empfehlen würde. Mir gefällt zum Beispiel sehr, dass aus der schüchternen Weberin keine mega Anführerin wird, keine Kampfmaschine, ja nicht einmal die Auserwählte oder wie das so gern in anderen Fantasyromanen zelebriert wird. Bis zum Schluss versucht sie zwar, das Richtige zu tun, aber sie ist weder die Erste noch die Wichtigste. Sie ist eine von vielen, daran ändert dann auch die Macht, die sie bekommt (oder auch nicht, eure Interpretation!) nichts. Ein wirklich literarisches Fantasybuch, das zum Nachdenken anregt und aufgrund der Sprache herausragt.

Veröffentlicht am 28.09.2017

Smells Like Teen Spirit

Aquila
0

Nika ist neunzehn, studiert irgendwas in Sienna (zur Info: Das ist in Italien!) und spricht kein Wort Italienisch. Eines Tages wacht sie völlig verwirrt in ihrer WG auf und bemerkt, dass sie einen Filmriss ...

Nika ist neunzehn, studiert irgendwas in Sienna (zur Info: Das ist in Italien!) und spricht kein Wort Italienisch. Eines Tages wacht sie völlig verwirrt in ihrer WG auf und bemerkt, dass sie einen Filmriss von zwei Tagen hat. Ihre WG-Zimmergefährtin Jenny ist spurlos verschwunden, sie selbst ist eingesperrt und sowohl Schlüssel als auch sämtliche ihrer Devices sind verschwunden. Als wäre das nicht genug, wird Jenny plötzlich tot aufgefunden, und alle Anzeichen deuten darauf, dass Nika sie umgebracht hat. Doch hat sie das wirklich? Mithilfe einer von ihr selbst erstellten, codierten Liste und eines gutaussehenden Italieners macht sie sich daran, ihren Blackout zu durchdringen und Stück für Stück die Puzzleteile der Geschehnisse an ihren richtigen Platz zu legen.

Ein wirklich dicker Pluspunkt an der Geschichte ist die Sprecherin. Mal davon abgesehen, dass sie richtig gut Italienisch spricht oder es zumindest für mich so klingt, gibt sie den Leuten auch die absolut passenden Stimmlagen und lässt Untertöne entstehen, die für Gänsehaut sorgen können. Ich denke, hätte ich "nur" das Buch gelesen, wären es wohl sonst nur 2 Punkte geworden, denn es ist eine echt unglaubwürdige Geschichte mit einer Protagonistin, die ich in regelmäßigen Abständen schütteln wollte. Sie ist nicht gerade die Hellste (was man ja schon daran merkt, dass sie in einem fremden Land studieren möchte, ohne überhaupt die Sprache zu sprechen - wer macht denn so was überhaupt?), aber auch so konnten mich die meisten ihrer Reaktionen nicht überzeugen. Auf einer Skala von eins bis zehn, wobei zehn die vernünftigste Handlung und eins die dümmste darstellt, rutschte sie zielsicher meistens auf einer zwei bis drei herum. Ein paar eher seltsame Äußerungen ihrerseits machten es auch nicht besser. (Beispiel: Ein Typ, der ihr nur Ärger bereitet, sie gekidnapt, gefesselt und mit verbundenen Augen in einem Wald herumrennen und fast ertrinken lässt, bezeichnet sie ziemlich zum Schluss als "eigentlich netten Kerl". Hm. Wie gesagt, sie ist nicht die Hellste.) Eigentlich hat mir die Idee des Buches gefallen, aber die Umsetzung ließ zu wünschen übrig. 2,5/5 Punkten.

Veröffentlicht am 25.09.2017

Auslöschung der Dummheit

Rauhnacht
0

Diese Rezension bezieht sich auf das Hörbuch, das hier im Archiv nicht aufgeführt ist.

Alle dreißig Jahre überfällt die Wilde Jagd Tiefenfall, einen abgelegenen Ort in den Alpen. Hexen, Dämonen, Werwölfe, ...

Diese Rezension bezieht sich auf das Hörbuch, das hier im Archiv nicht aufgeführt ist.

Alle dreißig Jahre überfällt die Wilde Jagd Tiefenfall, einen abgelegenen Ort in den Alpen. Hexen, Dämonen, Werwölfe, Lamien und sonstige grausige Wesen töten, verstümmeln und entführen Menschen, sobald sie ihrer habhaft werden. Davon weiß Titus Hardt nichts, der auf Einladung seines alten Freundes Gregor Kranz in den "kleinen" Ort kommt. (Klein schreibe ich deshalb in Anführungszeichen, weil die scheinbar Millionen Einwohner haben, dazu später mehr.) Titus, der als Schriftsteller gerade unter einer Schreibblockade leidet, hofft, hier wieder zu Ideen und Bock aufs Schreiben zu kommen. Gregor, der angeblich Wissenschaftler ist, will hier übliche Gebräuche erforschen, am intensivsten die Rauhnacht, die von allen Einwohnern gefürchtet wird. Bereits am ersten Abend sieht Titus, wie Einwohner am Dorfrand eine Palisade aus geschlagenen Stämmen errichten; auch werden er und sein Freund von dem Bewohnern nicht nur misstrauisch, sondern geradezu feindlich behandelt. Und dann geht das Grauen los ...

... und hört leider bis zum Ende des Buches nicht auf. Das Grauen ist durchaus nicht den Lamien und/oder Hexen, Dämonen und anderen Wesen zuzuschreiben, die wirklich einfach nur ihr Bestes geben. (Nämlich diese unfassbare Dummheit in dem Dorf auszurotten. Go, Witches, go!) Das Grauen betrifft den Aufbau des Buches, die Handlung, die auftretenden Personen. Normalerweise ist man ja auf der Seite der Angegriffenen, hier habe ich jederzeit den Monstern die Daumen gedrückt, alles schnell zu einem Ende zu bringen. Warum? Wo soll man da anfangen? Vielleicht wegen absoluter Sympathielosigkeit sämtlichen Protagonisten gegenüber. Da fängt es nämlich schon mal an. Weder Titus, der eigentlich nur mit seinem Schwanz denkt, noch Gregor, dessen Assistentin, oder Lisa, die Haushälterin, konnten mit irgendwas punkten. Intelligenz war ohnehin nicht vorhanden, denn keiner von ihnen tat mal irgendwas, was jeder andere getan hätte. Zum Beispiel mal Hilfe von Polizei oder Armee zu holen. Wozu auch, hier verschwinden ja nur spurlos Kinder oder werden nachts Leute von Monstern zerrissen.

Dann diese "Dorf"bewohner. Es hieß, Tiefenbach sei ein kleiner, abgelegener Ort. Wie viele Einwohner erwartet man dort? 300 vielleicht? Maximal? Trotzdem werden schon in der ersten der Raunächte über 50 Männer abgeschlachtet, was nichts daran ändert, dass immer noch an allen Ecken und Enden Leute von Hannes, dem menschlichen Antagonisten auftauchen, die irgendwas beobachten können. Meistens noch, während sie auf Leben und Tod mit Monstern kämpfen. Echt aufmerksam, diese Typen, auch wenn sie nicht bis drei zählen können. Überhaupt ist Denken keine Stärke von irgendwem aus dem Buch. Am Abend vor der ersten Rauhnacht fangen sie mal gerade an, eine Palisade am Dorfende zu bauen. Das kann man nämlich nicht schon mal das ganze Jahr über tun - möglicherweise würde das stressfrei abgehen, wer will das schon? Außerdem: Welchen Sinn hat EINE Palisade an EINEM Ende, bitteschön? Es gibt doch vier Himmelsrichtungen? Und die meisten Monster konnten eh fliegen, und selbst wenn die "gesegnete" Palisade sie dort abhält - hey, fliegen wir einfach mal woanders lang, oder? Ich könnte über die unendliche Dummheit in diesem Buch seitenweise referieren. Anfangs habe ich die abwegigen Handlungen und Dialoge auf mein Fieber geschoben - ich habe das Buch während ich krank war gehört -, aber leider war dem nicht so, ich war nicht allein beim Hören, und mir wurde glaubwürdig versichert, dass alles, was ich hörte, auch dem entspricht, was der Sprecher erzählt. Überhaupt, der Sprecher. An und für sich ist er ja nicht schlecht, aber wenn er die Dialoge zwischen den Dorfbewohnern gesprochen hat, war das mit den Stimmlagen, die er wählte, so lächerlich, dass mich manchmal nicht nur das Fieber, sondern auch Lachkrämpfe schüttelten. Empfehlenswert ist also dieses (Hör)Buch nur für Leute, die sich weder um Logik oder Sinn oder auch nur Sprachgefühl scheren und außerdem die meiste Zeit in Absurdistan leben.