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Veröffentlicht am 27.01.2025

Ödlandweh

Handbuch für den vorsichtigen Reisenden durch das Ödland
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Die einzige Chance, das Ödland lebend zu durchqueren, ist der gepanzerte, riesige Zug der Company. Das Ödland ist Sibirien, ist ein paar Tagesreisen hinter Moskau alles bis China. Seltsame Pflanzen und ...

Die einzige Chance, das Ödland lebend zu durchqueren, ist der gepanzerte, riesige Zug der Company. Das Ödland ist Sibirien, ist ein paar Tagesreisen hinter Moskau alles bis China. Seltsame Pflanzen und Tiere existieren dort, es gibt verstörende Farben und Formen und wer zu lange aus dem Fenster sieht, erlebt von Halluzinationen bis Ödlandweh alles. Nach einem Vorfall ist der Zug ein halbes Jahr ausgefallen, doch jetzt setzt er sich wieder in Bewegung und alle sind in ihm für fast drei Wochen gefangen: Das Mädchen, das im Zug geboren wurde. Das Mädchen, das unter einem falschen Namen reist. Das Mädchen, das keines ist. Der Naturforscher, die Angestellten, die Passagiere, die zwei Companyvertreter, genannt "die Krähen". Sie alle haben ihre eigene Agenda, Wünsche, Träume - doch am Ende der Reise wird nichts mehr sein wie zuvor.

Gleich vorneweg: Es handelt sich hier um eine Mischung aus Ökofantasy, Dystopie und Reisebericht im Stil des 19. Jahrhunderts, inklusive Metaebene der Ausbeutung der Natur und der schlussendlichen Erkenntnis, die wir auch schon aus Jurassic Park kennen: Das Leben findet immer einen Weg. Ich fand den Einstieg (ins Buch, nicht in den Zug) etwas langatmig, aber als sich dann sowohl Zug als auch Handlung in Bewegung setzten, konnte mich die Geschichte gut mitnehmen. Schlussendlich handelt es sich hier um eine Art Märchen, vielleicht sogar ein typisch russisches Märchen, etwas schwermütig, etwas öldandwehmütig, aber doch auch mit einer Art Happy End. Mal etwas anderes.

Veröffentlicht am 24.01.2025

Am Hofe des Elfenkönigs

The Courting of Bristol Keats
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Bristol Keats lebt mit ihren Schwestern seit dem Tod ihrer Eltern in einem kleinen Ort und sie haben Mühe, sich über Wasser zu halten. Als sich jemand als eine entfernte Verwandte ihres Vaters ausgibt, ...

Bristol Keats lebt mit ihren Schwestern seit dem Tod ihrer Eltern in einem kleinen Ort und sie haben Mühe, sich über Wasser zu halten. Als sich jemand als eine entfernte Verwandte ihres Vaters ausgibt, erfährt Bristol Unglaubliches: Nicht nur, dass es Elfen und Feenwesen gibt, sondern dass ihr Vater im Reich der Elfen gelebt hat. Die Elfen brauchen ihre Hilfe: Sie suchen nach Menschen, die die Fähigkeit haben, Portale zu öffnen und zu schließen. Um ihren Schwestern ein gutes Leben zu ermöglichen, geht Bristol mit ihnen. Doch im Elfenreich droht ein Krieg, die magische Ausbildung ist hart, das Leben hier seltsam - und dann ist da auch noch der junge Elfenkönig Tyghan, der nicht so ein Hohlkopf ist, wie es am Anfang schien.

Gleich vorneweg: Wer keine Geduld hat, sollte nicht zu diesem Buch greifen. Zwar ist der Schreibstil sehr locker, wunderschön und besser als 90 Prozent aller anderen Fantasybücher, aber die Autorin nimmt sich Zeit. Zeit, ihre wichtigsten Charaktere einzuführen, aber auch für ihr Worldbuilding. Und das ist im wahrsten Sinne des Wortes zauberhaft. Es gibt so viele originelle Details zu erkunden, die zu dieser Welt gehören, genauso wie verschiedene Wesen, die hier existieren. Mir gefällt auch die Annäherung zwischen Bristol und Tyghan, zumal Tyghan ihr zwar aus taktischen Gründen wichtige Dinge verschweigt, aber als Mann ist er eine absolute green flag. Vermutlich werden viele schon deshalb das Buch runterstufen - ich meine, wo gibt''s denn so was, ein Loveinterest, das die Frau nicht wie den letzten Dreck behandelt? Nein, nein. So was wollen wir doch nicht, oder? Nun, ich will das und mir gefällt es.

Was mir an diesem Buch auch gefällt, ist, dass es wirklich schwer ist, hier zwischen Gut und Böse zu unterscheiden. Tyghan hat einen Erzfeind, der einst sein bester Freund war, aber ihn verraten hat. Wenn man allerdings erfährt, warum dieser Erzfeind tat, was er tat - dann sieht das Ganze vielleicht schon wieder anders aus. Genauso mit der großen Bedrohung, die der Schurkenelfenkönig gegen die anderen Reiche einsetzt. Wenn man erfährt, was es mit dieser "Bestie" auf sich hat, ist man hin und hergerissen. Ich habe keine Ahnung, wie das im nächsten Teil weitergeht oder allgemein aufgelöst wird, aber mich hat dieses Buch absolut gecatcht und ich habe gleich zu Beginn des Jahres ein Highlight gefunden.

Veröffentlicht am 19.01.2025

Say Their Names!

The Five
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saytheirnames Polly, Annie, Elizabeth, Catherine und Mary-Jane.

Diese fünf Frauen werden als die kanonischen Fünf bezeichnet und damit als die "wahren" Opfer von Jack the Ripper. Und das war's. Während ...

saytheirnames Polly, Annie, Elizabeth, Catherine und Mary-Jane.

Diese fünf Frauen werden als die kanonischen Fünf bezeichnet und damit als die "wahren" Opfer von Jack the Ripper. Und das war's. Während über diesen kranken Mörder unendliche Bücher, Filme, Graphic Novels, Lieder, Spiele - wasauchimmer - existieren, kennt fast niemand ihre Opfer. Und da sie bereits im "Herbst des Schreckens" 1888 von den Zeitungen als Prostituierte gebrandmarkt wurden, ist diese Meinung über mehr als einhundertdreißig Jahre einfach übernommen worden, ohne auch nur einmal an dieser Aussage zu zweifeln. Ich nehme mich da nicht aus.

Hallie Rubenhold jedoch hinterfragt. Wer einen reißerischen Bericht über den Ripper selbst, seine Taten oder grelle Beschreibungen der Verstümmelungen erwartet, wird von diesem Buch enttäuscht werden. Wen jedoch wirklich die Opfer interessieren, bekommt hier einen ausführlichen Einblick. Und wenn wir ehrlich sind, ist die Zusammenfassung der Leben oder überhaupt DES Lebens im viktorianischen Zeitalter abseits aller Hollywoodrosawölkchen beinahe härter beim Lesen zu ertragen als alles, was der Ripper diesen Frauen antun konnte. Ich habe für das Buch Wochen gebraucht, weil ich es immer wieder weglegen musste. Wie Frauen aus den ärmsten Schichten damals gelebt haben, war so furchtbar, dass - und hier kommt das Perfide bei der Lektüre - ich schon fast immer aufatmete, wenn der Tag des Mordes kam. Diese Frauen hatten bis dahin alles erlebt, was Männer ihnen antun konnten. Oder was männlich geprägte Gesetze und Moralvorstellungen ihnen aufzwangen. Wenn man das liest und ganz besonders in der heutigen Zeit, wo so vieles darauf hindeutet, dass wir uns eher wieder in diese Richtung bewegen, kann man es nur mit der Angst zu tun bekommen.

Lasst uns am besten den Täter vergessen und stattdessen der Opfer gedenken:

saytheirnames Polly, Annie, Elizabeth, Catherine und Mary-Jane.

Veröffentlicht am 15.01.2025

Profil K

The Killer Profile
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Midnight Jones arbeitet für eine milliardenschwere Biotech-Firma, in der Daten gesammelt und ausgewertet werden. Eines Tages wird ihr ein Profil K angezeigt: ein Mensch, der völlig soziopathisch ist, das ...

Midnight Jones arbeitet für eine milliardenschwere Biotech-Firma, in der Daten gesammelt und ausgewertet werden. Eines Tages wird ihr ein Profil K angezeigt: ein Mensch, der völlig soziopathisch ist, das klassische Beispiel für einen Killer. Midnight meldet das ihren Vorgesetzten, wird aber nicht ernst genommen bzw. wird ihr sogar mit rechtlichen Schritten und Rauswurf gedroht, sollte sie darüber sprechen. Da sich Midnight um ihre beeinträchtigte Zwillingsschwester kümmern muss, hält sie still. Doch dann passieren in ihrer unmittelbaren Nachbarschaft grauenhafte Morde und ihr wird bewusst, dass auch sie in den Fokus des Killers geraten ist.

Eigentlich ein megaspannendes Thema, zumal es auch die Ethik anspricht: Wer ist das größere Ungeheuer - der Mörder selbst oder diejenigen, die ihn "schaffen"? Dennoch empfand ich die Story unausgewogen. Die Balance zwischen spannendem Krimianteil, reinem, puren Splatter um des Schockeffekts willen und dann lauter cosy Sachen mit der Adoptivoma oder der neuen besten Bäckerfreundin brachte mich ständig aus dem Lesefluss. Dass sich Midnight so sehr um ihre Schwester kümmert, fand ich dabei sehr sympathisch und ihre Überlegungen auch nachvollziehbar. Wer möchte sich schon mit einer milliardenschweren Firma und ihren Anwälten anlegen? Aber seitenweise brutalste, blutige Beschreibungen, wie der Killer sich an den Opfern vergeht ... da verging mir persönlich das Interesse. Das Buch hätte jedenfalls größeres Potenzial gehabt, als schlussendlich ausgeschöpft wurde.

Veröffentlicht am 13.01.2025

Trick 17

Wackelkontakt
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Franz Escher ist introvertiert und puzzelt gern. Dennoch muss endlich mal seine Steckdose repariert werden, die seit Ewigkeiten kaputt geht, deshalb wartet er jetzt auf den Elektriker. Der jedoch lässt ...

Franz Escher ist introvertiert und puzzelt gern. Dennoch muss endlich mal seine Steckdose repariert werden, die seit Ewigkeiten kaputt geht, deshalb wartet er jetzt auf den Elektriker. Der jedoch lässt auf sich warten und um sich die Zeit zu vertreiben, puzzelt Escher ausnahmsweise nicht, sondern liest ein Buch. In dem Buch geht es um Elio, der als Kronzeuge gegen die Mafia ausgesagt hat und jetzt ins Zeugenschutzprogramm kommt. Auf dem Weg in sein neues Leben liest er ein Buch über Franz Escher, der ein Buch liest und auf den Elektriker wartet ... Gastauftritte: eine Frau, die keine Fragen stellt, eine Frau, die zu viele Fragen stellt, die Mafia und diverse Puzzles.

Mich haben die ersten Seiten gleich reingezogen, obwohl es gar nicht mein Genre ist. Wir haben hier einen originellen Plot innerhalb eines Plots, und auch wenn das Ganze natürlich nicht sehr logisch ist, so ist es doch angenehm geschrieben. Obwohl es keine Kapitel und Absätze gibt (okay, doch, genau zwei: On/Off) und die Geschehnisse der beiden Stränge fließend ineinander übergehen, ist es kein Problem, dran zu bleiben und der Geschichte zu folgen. Ist natürlich auch keine Raketentechnik, aber so in der Art habe ich eine Story zum ersten Mal gelesen. Je mehr sich die Stränge einander näherten, desto mehr verlor sich auch die Originalität, fand ich. Die ganze Mafia/Millionen-Sache samt Entführung und Gino-der-Pate hätte ich nicht mehr gebraucht. Und ich mag es auch nicht, wenn Sätze in Dialogen gelacht werden und das kommt hier überraschend oft vor. Trotzdem haben wir hier eine unterhaltsame und kurzweilig Geschichte vorliegen, die Spaß macht zu lesen.