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Veröffentlicht am 20.06.2017

Verrohung der Natur

Der natürliche Lauf der Dinge
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Das ist ein krasses Buch, das ich wirklich nicht jedem empfehlen kann. Wer noch immer davon träumt, Prinzessin zu sein und von dem Prinzen auf dem weißen Pferd entdeckt zu werden, sollte die Finger davon ...

Das ist ein krasses Buch, das ich wirklich nicht jedem empfehlen kann. Wer noch immer davon träumt, Prinzessin zu sein und von dem Prinzen auf dem weißen Pferd entdeckt zu werden, sollte die Finger davon lassen. Hier gibt es Realismus in seiner brutalsten Form.

Yolanda und Verla sind zwei junge Frauen, die plötzlich drogenbenehmelt in einem Camp in der australischen Wüste erwachen und dort auf acht weitere Frauen treffen, die alle entführt worden sind und sich hier wiederfanden. Das Camp mit einem KZ zu vergleichen ist nicht zu hoch gegriffen: Den Frauen werden die Köpfe geschoren, sie müssen in glühender Hitze aneinandergekettet marschieren, eine Straße bauen und ständig damit rechnen, von den beiden brutalen Wärtern mit einem Knüppel verprügelt zu werden. Sie werden gedemütigt, es wird versucht, ihnen ihre Identität zu nehmen. Sexuelle Übergriffe bleiben nicht aus. Und dann fällt eines Tages der Strom aus - nur der elektrische Zaun ringsum des Camps nicht, da an einen anderen Stromkreis angeschlossen. Plötzlich stehen sie vor dem Verhungern, denn es gibt auch keine Möglichkeit, Kontakt zur Außenwelt aufzunehmen, nicht einmal für die Wärter ...

Eigentlich ist dieses Buch nur durch seine relativ distanzierte Schreibweise zu ertragen, wobei es distanziert auch nicht wirklich trifft, vielleicht sachlich? Die meiste Zeit erfahren wir die Ereignisse aus der Sicht von Verla und Yolanda - wobei dabei auch zwischen Präsens und erzählendem Präteritum gewechselt wird, was das Ganze intensiver macht. Nach und nach sind es nicht nur die brutalen Wärter, die verrohen, sondern auch die Frauen, Schritt für Schritt, Tag für Tag nähern sie sich wilden Tieren an, nur noch auf das reine Überleben bedacht. Gleichzeitig gibt es verschiedene Cope-Mechanismen, um mit der unerträglichen Situation fertig zu werden, und manche geben einfach auf und bringen sich um. Wenn ich etwas an dem Buch zu bemängeln habe, dann dass die Frauen bis zum Schluss nicht versuchten, ihre einzigen beiden Wärter zu überwältigen - ist das realistisch? Zehn Frauen, gequält bis aufs Blut, und die Wärter, die oft genug auch allein bei ihnen sind? Auch dass keine wenigstens versucht hatte, sich unter dem Zaun durchzugraben, fand ich seltsam. Trotzdem ist das ein Buch, das man sacken lassen muss, das sich immer wieder in die Gedanken schleicht, vor allem, weil es auch ein ziemlich offenes Ende gibt, das zwei Fragen aufwirft: Warum wurde mit den Frauen getan, was getan wurde und was könnte noch schlimmer sein als das, wie es am Ende angedeutet wurde?

Veröffentlicht am 19.06.2017

Gegen Pest und Mordsgesindel

Der Blackthorn-Code – Die schwarze Gefahr
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1665 wird London von der Pest heimgesucht, pro Tag sterben tausende Menschen, und es gibt einfach kein Heilmittel dagegen. Oder doch? Ein Prophet taucht auf und verkündet, wer die nächsten Opfer sein werden, ...

1665 wird London von der Pest heimgesucht, pro Tag sterben tausende Menschen, und es gibt einfach kein Heilmittel dagegen. Oder doch? Ein Prophet taucht auf und verkündet, wer die nächsten Opfer sein werden, zur selben Zeit erscheint ein Apotheker namens Galen, dem es gelingt, vor den Augen von Pestärzten ein paar der Opfer zu heilen. Doch dann überschlagen sich die Ereignisse, Galen wird angewiesen in der Blackthorn-Apotheke sein Mittel herzustellen, und Christopher kann nicht verhindern, dass ein Attentat auf ihn verübt wird, das er nur durch Glück überlebt. Plötzlich erkrankt auch noch Tom, und Christopher hat alle Hände voll zu tun, nicht nur der Pest zu entkommen, sondern auch perfiden Mördern, die den Aberglauben und die Verzweiflung der Londoner ausnutzen. Wie üblich ist es ihm eine große Hilfe, dass er von seinem Meister zu logischem Denken und Codeknacken ausgebildet wurde ...

Wie schon im ersten Abenteuer von Christopher und Tom ist auch dieses hier genial erdacht und geschrieben. Eine neue Freundin kommt hinzu, Sally, die er bereits aus dem Cripplegate-Waisenhaus kennt. Die Schrecken der Pest und die Angst der Menschen wird eindringlich festgehalten, obwohl es auch an Humor nicht mangelt, und mit einem gewitzten Jungen wie Christopher, seinem treuen Freund Tom und der wendigen, aufgeweckten Sally kann sich wohl jeder leicht identifizieren. Das Ganze ist sehr gut vom Sprecher Oliver Rohrbeck umgesetzt worden, der allen auftretenden Personen eine eigene Stimme und einen eigenen Charakter verleihen konnte. Bleibt also nur, eine klare Hör(Lese-)empfehlung auszusprechen und zu hoffen, dass bald der dritte Teil des Blackthorn-Codes herauskommt.

Veröffentlicht am 18.06.2017

Ein feines, böses Buch

Geständnisse
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In einer Mittelschule in Japan stirbt ein kleines Mädchen - ertrunken, ein Unfall, sagt die Polizei. Es handelt sich um die Tochter der Lehrerin Moriguchi, welche am letzten Tag des Semesters verkündet, ...

In einer Mittelschule in Japan stirbt ein kleines Mädchen - ertrunken, ein Unfall, sagt die Polizei. Es handelt sich um die Tochter der Lehrerin Moriguchi, welche am letzten Tag des Semesters verkündet, dass sie aufhört, kündigt. Was sie dann noch sagt, schlägt ein wie eine Bombe. Der Tod ihrer Tochter sei Mord gewesen und zwei Schüler der Klasse wären schuld an ihrem Tod. Wie kann ein Mensch mit diesem Wissen leben? Was tun Moriguchi, die Mörder, die Klassenkameraden, die Eltern?

Mir ist dieses Buch vorher nie aufgefallen, es befand sich in dem Bücherpaket, das ich bei wld gewonnen hatte. Doch ich kann sagen, dass es mich beeindruckt hat. Die Art, indirekt auf die Ereignisse einzugehen und sowohl die Lehrerin, die Mörder, Mitschüler, eine Mutter des Mörders und dessen Schwester zu Wort kommen zu lassen, hat was extrem Intensives. Anfangs dachte ich, dass mir wahrscheinlich die japanische Lebensweise alles schwerer zu verstehen machen würde, aber dem war nicht so. Eigentlich sind diese Menschen nicht anders als wir, höchstens ... ein kleines bisschen böser. Zumindest in diesem Buch. Der Druck, der auf jedem dort lastet, sucht sich Ventile, und bei manchem führen sie dazu, sämtliche Grenzen von Gut und Böse zu überschreiten, einfach um zu wissen, dass sie selbst leben, um sich selbst besser zu fühlen. Fast wie eine Art Kammerspiel führt es den Leser in die Gedankenwelt der Mitwirkenden und hinterlässt am Ende Erschütterung und Ratlosigkeit.

Veröffentlicht am 15.06.2017

Tu nichts Böses

Sieh nichts Böses (Ein Kommissar-Dühnfort-Krimi 8)
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Sieh nichts Böses. Sprich nichts Böses. Hör nichts Böses. Jeder kennt die drei Affenfiguren, die diese Gebote symbolisieren. Doch es gibt noch eine vierte, welche bedeutet: Tu nichts Böses. So eine Figur ...

Sieh nichts Böses. Sprich nichts Böses. Hör nichts Böses. Jeder kennt die drei Affenfiguren, die diese Gebote symbolisieren. Doch es gibt noch eine vierte, welche bedeutet: Tu nichts Böses. So eine Figur findet sich bei einer Frauenleiche, und Kommissar Konstantin Dühnfort, der soeben aus den Flitterwochen gekommen ist, wird an den Fundort der Toten gerufen. Etwas über die Frau herauszufinden, ist schwierig, und selbst als ihre Identität feststeht, geht es nicht richtig voran. Ihre Eltern sind geradezu unbeteiligt, als sie von ihrem Tod hören, und eigentlich hat Dühnfort auch noch andere Probleme. Die Schwangerschaft seiner FrauSchrägstrichKollegin verläuft problematisch, und er muss sich mit der Frage auseinandersetzen, ob er notfalls bereit ist, ein behindertes Kind aufzuziehen.

An und für sich gut geschrieben, lässt sich schnell lesen. Genauso schnell werde ich das Buch aber wohl auch wieder vergessen, denn mir war viel zu viel Privatkram vertreten, der mich nicht interessierte. Wahrscheinlich muss man schon von Anfang an die Reihe lesen, um sich dafür zu interessieren, denn es gibt wohl Entwicklungen zwischen den Hauptpersonen, die langsam aufgebaut wurden. Das fand ich zwischen mäßig und gar nicht fesselnd, und es stört den Spannungsbogen eines Krimis enorm. Ich hatte auch Probleme mit den meisten auftauchenden Personen, alle waren krank, angeschlagen, psychisch kaputt, von allem immer ein bisschen zu viel. Wäre das Buch ein Gericht, wäre es wohl ein bisschen versalzen. So denke ich, ist es für die Fans ein Muss, für Neueinsteiger ein Krimi wie jeder andere.

Veröffentlicht am 15.06.2017

Dem Frassek sein Fall

Dem Kroisleitner sein Vater
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Frassek ist Berliner, was, wie die Leute in der Steiermark wissen, auch noch in Deutschland liegt. Was sie anfangs nicht wissen, ist, dass er Polizist ist. Einer mit Problemen. Fall vergeigt, Frau weg, ...

Frassek ist Berliner, was, wie die Leute in der Steiermark wissen, auch noch in Deutschland liegt. Was sie anfangs nicht wissen, ist, dass er Polizist ist. Einer mit Problemen. Fall vergeigt, Frau weg, Tochter redet nicht mit ihm: er braucht eine Auszeit. Als er in dem kleinen Dorf in Österreich wandern geht, geschieht ein Mord, und alle wissen, das muss der Leibhaftige gewesen sein, der dem Kroisleitner seinen Vater ermordet hatte, und wer bietet sich als Leibhaftiger eher an als ein Berliner? Doch Beweise sind rar gesät und die Aktionen der österreichischen Polizei eher verzweifelt als zielführend; und dann kommen auch noch die Fliegen, die Raben, die Marder und Füchse und nach und nach alles ans Licht, selbst die Sachen, die vor über 70 Jahren passiert sind. Frassek muss den Fall lösen, sonst löst der Fall ihn.

Schult hat bestimmt Spaß beim Schreiben gehabt. Hier wird überzeichnet, was das Zeug hält, sowohl was österreichische Hinterwäldler als auch großschnäuzige Berliner angeht. Das ist vielleicht nicht jederlesers Sache, ich fand es meistens amüsant. Der Fall nimmt öfter mal abrupte Wendungen, die Personen werden skurriler und Frassek, der gerade mal etwas über 40jährige Berliner findet, dass Handys und Smartphones Neuland sind. Ich fand, dass gerade zum Schluss nicht alles bis zur letzten Zufriedenheit gelöst wurde, auch wenn man sich seinen Teil denken kann, auch wurden mir manche Kapitel zu abrupt beendet, wo ich gern mehr erfahren hätte. Trotzdem ist das ein durchaus empfehlenswertes Buch für die Hängematte, eines, das auch noch den ein oder anderen Nachfolger vertragen kann.