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Veröffentlicht am 23.12.2016

Revolutionärer Ansatz?

Vegan for Fit Gipfelstürmer – Die 7-Tage-Detox-Diät
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Also, mal so als groben Fahrplan: Im Prinzip ist das Buch schon in Ordnung. Es enthält ein paar nette Gerichte, dazu ein paar nette Übungen und wenn man eine Woche lang tut, was einem gesagt wird, nimmt ...

Also, mal so als groben Fahrplan: Im Prinzip ist das Buch schon in Ordnung. Es enthält ein paar nette Gerichte, dazu ein paar nette Übungen und wenn man eine Woche lang tut, was einem gesagt wird, nimmt man auch ab. Doch ... revolutionär? Ist es wirklich revolutionär, wenn man das tut, was Sportbücher schon seit Jahrzehnten predigen? Nimm weniger Energie zu dir als du abgibst. Dieses Prinzip ist einfach und logisch, aber revolutionär ist daran nichts und neu schon gar nicht.

Hildmann sagt richtig, dass natürlich nicht alle Menschen mit unterschiedlichen Gewichten und unterschiedlicher Art der Arbeit und Freizeitgestaltung dasselbe zu sich nehmen können. Dazu kann man sich online über einen Rechner genau ausrechnen lassen, wie viel Prozent der angegebenen Mengen in diesem Buch man zu sich nehmen darf. Das Buch hat Rezeptvorschläge für eine Woche, jeweils unterteilt in Morgen, Mittag und Abend. Dazu soll man zwischen der Abendmahlzeit und dem nächsten Frühstück etwa vierzehn Stunden lang nichts zu sich nehmen soll, er nennt es das intermittierende Fasten. Dann am nächsten Tag gegen 9 Uhr 40 Prozent des Tagesumsatzes, jeweils 30 zu Mittag und Abend. Man kann über die Umsetzung als arbeitender Mensch streiten, sicher ist, wo ein Wille, da ein Weg.

Habe ich diese 7 Tage durchgehalten? Hab ich. Hat es was gebracht in Richtung Fitness und Abnehmen? Jein. Ich sage es mal so: Dieses Buch ist mehr was für übergewichtige und unsportliche Leute, diejenigen, die sich viel bewegen, werden nur wenig Unterschied bemerken.

Was mich richtig gestört hat an dem Buch, ist die Selbstbeweihräucherung Hildmanns. Ja, ja. Er hat Vegan erst so richtig nach Deutschland gebracht und war die Nummer 1. Dafür darf man auch das teure Matcha und anderes Superfood in seinem Shop kaufen. Und in dem Buch gibt's Erfahrungsberichte von Leuten, die diese Challenge mitgemacht haben. Finde ich ernsthaft nervig - hat er das nötig? Und das, was er bei Last but not least zum Thema Vegan, Tierquälerei und Hunger in der Welt schreibt, gehört auf jeden Fall anstelle des Eigenlobs an den Anfang, denn das ist das wirklich Wichtige, was er vermittelt.

Veröffentlicht am 23.12.2016

Orphan in der Unterwelt

Song of the Slums
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Als "Steampunk-Juwel" wird dieses Buch hinten auf dem Klappentext angepriesen. Und ich bin drauf reingefallen. Ich behaupte mal Folgendes: Nur weil ein Roman mit Dampfmaschinen und Robotern aufwartet, ...

Als "Steampunk-Juwel" wird dieses Buch hinten auf dem Klappentext angepriesen. Und ich bin drauf reingefallen. Ich behaupte mal Folgendes: Nur weil ein Roman mit Dampfmaschinen und Robotern aufwartet, ist es noch lange kein Steampunk. Doch okay, ich fasse mal kurz zusammen.

Orphan ist ein junger Typ, der schrecklich in Lucy verliebt ist. Er arbeitet in einem Buchladen, dessen Besitzer gern ein bisschen auf Revoluzzer macht. England wird von Echsen beherrscht, die irgendwann mal aus dem Weltraum gekommen und auf einer abgeschiedenen Insel namens Caliban von einem Forscher gefunden und geweckt worden waren. Der namensgebende Bookman ist ein Terrorist, der (meistens in Büchern versteckt) Bombenanschläge verübt. Bei einem dieser Anschläge stirbt Lucy - und Orphan muss ausgerechnet einen Auftrag vom Bookman annehmen.

Die Idee hätte eigentlich wirklich cool sein können. Es gibt Luftschiffe und dampfbetriebene Karossen, ein außerirdisches Herrschergeschlecht, intelligente Roboter und Cyborgs, die ihr eigenes Ding drehen, es tauchen unter anderem ein mechanischer Byron auf, die Brüder Holmes, Irene Adler, Moriarty, Sebastian Moran, Jules Verne und der Kapitän der Nautilus ... Doch das Buch hat keine Seele, es wirkt wie aneinandergereihte Szenen, die abgearbeitet werden müssen, Gefühle werden behauptet, aber nie beschrieben, es gibt sinnlose Aktionen wie eine Reise zu der Insel Caliban, bei dem genauso sinnlos viele Leute geopfert werden, manchmal hatte ich das Gefühl, dass ich gern mal ausprobiert hätte, was der Autor beim Schreiben geraucht hat: Leider bleibt es nur bei wirren Fieberträumen in einem flüssigen Schreibstil, der dennoch nicht abholen und schon gar nicht begeistern kann. Für mich wird es keine Fortsetzung geben.

Veröffentlicht am 20.12.2016

Ein dunkles Kapitel bayerischer Geschichte

Wintergewitter
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1920. Der Krieg ist seit fast zwei Jahren vorbei, doch in den Köpfen der Menschen hört er nicht auf. Kommissär Reitmeyer hat die Schrecken des Weltkrieges selbst miterlebt und er kämpft jeden Tag darum, ...

1920. Der Krieg ist seit fast zwei Jahren vorbei, doch in den Köpfen der Menschen hört er nicht auf. Kommissär Reitmeyer hat die Schrecken des Weltkrieges selbst miterlebt und er kämpft jeden Tag darum, dass niemand merkt, dass er Flashbacks hat, er ist ein sogenannter "Kriegszitterer" und "Krüppel". Paramilitärische Organisationen schießen wie Pilze aus dem Boden, heimlich unterstützt von der bayerischen Obrigkeit. Reitmeyer hat gleich mehrere Fälle auf dem Tisch, in denen er nicht vorankommt, weil er nicht gegen Männer der paramilitärischen Organisationen ermitteln darf. Dann gibt es zwei tote Frauen, auch diese oft in Begleitung von Offizieren gesehen, eine weitere Frau treibt einen Keil zwischen Reitmeyer und seinem besten Freund Sepp und dann gibt es noch einen Typen namens Hitler, der mit antisemitischen Sprüchen die Bevölkerung noch weiter aufhetzt: es ist eine dunkle, sehr dunkle Zeit, in der man kaum noch jemandem trauen darf.

Eigentlich fand ich den Kriminalfall selbst nicht so gelungen. Wenn man es genau nimmt, liegt alles nur an Gerti, die Informationen zurückhält, bewusst Sepp gegen Reitmeyer ausspielt und trotz Lebensgefahr für sich und andere niemandem was erzählt. Auch der Schluss war eher eine Notlösung, fand ich. Bei jedem anderen Krimi hätte ich dafür drei Punkte gegeben, aber dieses Buch bekommt glatt einen Bonuspunkt für die extreme Recherche und das Wissen, das hier über ein Kapitel deutscher Geschichte vermittelt wird, von dem ich überhaupt keinen Plan hatte. Eigentlich dachte ich ja, so von 1918 bis 1933 war mit der Weimarer Republik so ziemlich was Geiles am Laufen, aber hier erfährt man ganz andere Sachen, zumindest was München und Bayern allgemein angeht. Das ist eine ganz bittere Sache, was da gelaufen ist und die Art des Erzählens hat mich wirklich mitgenommen und Kopfkino entstehen lassen. Teilweise echt gruselig und schon daher für alle zu empfehlen, die etwas darüber erfahren möchten, wie es vor 100 Jahren abgelaufen ist.

Veröffentlicht am 16.12.2016

Apocalíptico!

Die verlorene Puppe
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Ferenc ist ein junger Zigeuner, der als Trapezkünstler in einem Zirkusluftschiff arbeitet, nicht sehr heimlich in seine Partnerin Yue verliebt ist und mit dem Luftschiff durch (über?) ganz Europa tingelt ...

Ferenc ist ein junger Zigeuner, der als Trapezkünstler in einem Zirkusluftschiff arbeitet, nicht sehr heimlich in seine Partnerin Yue verliebt ist und mit dem Luftschiff durch (über?) ganz Europa tingelt um aufzutreten. Der Zirkus wird von Pablo Diaz geleitet, weitere Künstler sind die bärtige Dame, eine schwarze Messerwerferin, Pferdeartistin und ein echtes Mammut! Die jahrhundertelange Eiszeit hat verhindert, dass man über den Tellerrand Europas hinaussehen kann und so fallen Ferenc und seine Freunde fast wortwörtlich aus allen Wolken, als ihr Luftschiff von fremden Kriegern überfallen und sie selbst gekidnapt und weit über das eisige Meer in Richtung Westen verschleppt werden, durch Stürme und Gefahren bis zu einem Land, in dem Menschenopfer nicht die größte Merkwürdigkeit darstellen. Als wäre das nicht schon genug, stellt sich heraus, dass niemand an Bord ist, was er scheint, alle etwas suchen; Intrigen entspinnen sich, Luftpiraten tauchen auf und selbst in Europa ist die Hölle los und es droht ein Weltkrieg, der alles auslöschen wird ...

Mann, hier haben die Autoren es aber wirklich krachen lassen und ein Silvesterfeuerwerk an originellen Ideen, super Protagonisten und fantastischem Schreibstil entzündet. Man taucht tief ein in diese Steampunkwelt, für die sie sogar eine eigene Timeline entwickelt haben. Es gibt andere Ansätze der europäischen Entwicklung, auch andere Kontinente sind plötzlich weiter als in der Realität. Gleichzeitig schaffen es die beiden Vogts, nicht nur eine spannende Story zu erzählen, sondern auch nahezu fesselnd-faszinierende Fragen aufzuwerfen: Was bedeutet Menschlichkeit, wie lässt sie sich interpretieren? Sie führen uns auf Ab- und Umwege und fast durchweg aufs Glatteis und es bleibt uns Lesern eigentlich nur übrig, immer rasanter auf dem rutschigen Untergrund hinterherzurutschen und zu hoffen, dass es zu keinem tiefen Fall kommt. Und wenn doch: Niemand weiß, wie eine Nummer ausgeht, ehe er nicht gesprungen ist. Ohne Netz und doppelten Boden. ;)

Veröffentlicht am 13.12.2016

Zu abgedreht

Easy. Überraschend. Low Carb.
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Ich kann gar nicht sagen, was genau ich von diesem Buch erwartet habe. Wissen über dieses "Low Carb High Fat", das in aller Munde ist, ja, natürlich. Und auch Rezepte, die dazu passen. Ansonsten wollte ...

Ich kann gar nicht sagen, was genau ich von diesem Buch erwartet habe. Wissen über dieses "Low Carb High Fat", das in aller Munde ist, ja, natürlich. Und auch Rezepte, die dazu passen. Ansonsten wollte ich mich einfach überraschen lassen als Back- und Kochanfänger (ok, mittlerweile kann ich mich wohl als Lehrling bezeichnen) und einfach gute, neue Rezepte ausprobieren. Sonderlich viel mehr als das, was man eh weiß, erfährt man übrigens nicht. Ich bin jemand, der gern tief in neue Materien eintaucht, wer ähnlich tickt, wird ein wenig enttäuscht. Aber ok, es geht ja um die Rezepte, richtig?

Richtig. Und die sind - nur ausgehend von der Zubereitung - tatsächlich nicht schwierig. Jetzt kommt allerdings mein großer, größter Kritikpunkt. Gerade wenn es um das Backen von Brot geht oder das Zubereiten von Hauptspeisen, drehen die hier total auf. Da braucht man frisch gemahlene Gold-Leinsamen, ganze Goldleinsamen, Flohsamenschalen, Sojamehl, Hanfsamen, Sesamsamen, Graumohn, Sojakleie, braunes Mandelmehl, Kokosmehl, Lachs, Lammhack, Flanksteak, Lammfilets, Safranfäden ...

Ehrlich, ich weiß nicht, wie es anderen geht, aber ich bin weder mit Trump noch mit Rockefeller verwandt. Natürlich gibt's auch weniger superteuer zuzubereitende Gerichte, und gerade bei den Aufstrichen und bei Butternut-Rösti oder der Pizza kann ich nur Gutes berichten, die waren durchweg schmackhaft. Doch im Verhältnis gesehen ist mir das auf Dauer für ein regelmäßig genutztes Kochbuch einfach zu wenig. Zusammenfassend kann ich sagen, dass ich wohl nicht die richtige Zielgruppe bin. Empfehlen würde ich das Buch daher an Leute, die glutenintolerant, finanziell gut situiert und übergewichtig sind, dafür bekommen sie ein hochwertiges und dickes Buch mit vielen Rezepten.