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Meinungen aus der Lesejury

Veröffentlicht am 20.05.2026

Dystopie mit fahlem Abgang

Ins fahle Herz des Sommers
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Eine Zeit irgendwann nach Corona und Umweltkatastrophen, die eine zerstörte Welt hinterlassen haben. Anfang wird man von Sog der exzellenten Charakterbeschreibung des Autors und dem genialen Hörbuchsprecher ...

Eine Zeit irgendwann nach Corona und Umweltkatastrophen, die eine zerstörte Welt hinterlassen haben. Anfang wird man von Sog der exzellenten Charakterbeschreibung des Autors und dem genialen Hörbuchsprecher in die Geschichte hineingezogen. Eine Liebesgeschichte sorgt für Spannung – aber das ist eigentlich schon alles. Das, was als Öko-Thriller begann, endet als abstruse SciFi-Story. Enttäuschend!

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Veröffentlicht am 10.04.2026

Ein spannend konstruierter Thriller, bei dem manche LeserInnen beide Augen zudrücken müssen.

Doppelspiel
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Nicht immer reicht es aus, zwei alternde Stars der Krimiszene an einem Thrillerprojekt arbeiten zu lassen, um zu erwarten, dass das Ergebnis ein absoluter Blockbuster wird. Anscheinen haben beiden Autoren ...

Nicht immer reicht es aus, zwei alternde Stars der Krimiszene an einem Thrillerprojekt arbeiten zu lassen, um zu erwarten, dass das Ergebnis ein absoluter Blockbuster wird. Anscheinen haben beiden Autoren versucht, durch eine überkandidelte Plotkonstruktion alle Rekorde zu brechen. Dass sie Sexszenen in Altherrenmanier eingebaut haben, die mehr als frauenverachtend sind und unausgelebten Träume einsamer Schriftsteller widerspiegeln, ist eher peinlich denn abstoßend. Überhaupt ist platte, eindimensionale Figurendarstellung die größte Schwäche dieses Thrillers. Da nützt auch die großartige Aufmachung der Printversion mit farbigem Buchschnitt nichts.

Schade eigentlich, den die Grundidee, einen Schriftsteller mit Schreibblockade buchstäblich in sein eigenes, unvollendetes Romanprojekt schlüpfen zu lassen, ist genial.

Worum es geht:

Schriftsteller Tom Borg, einst mit seiner Nordic-Noir-Reihe von Erfolg gekrönt, fällt nichts mehr ein. Dass sein Verlag neu Ideen erwartet und auf Übersendung des bereits angekündigten Manuskripts drängt, setzt ihn zunehmend unter Druck. Die Rettung naht in Form einer jungen Literaturstudentin, die sich bei einer Autorenlesung in ihn verliebt – so sehr kann man sich täuschen. Tom Borg gerät in einen Strudel aus Intrigen und mörderischen Verwicklungen. Fast scheint es so, als ob sich jemand aus seinen eigenen bislang verfassten Werken bedient und ihn persönlich zum Helden bzw. Opfer einer Live-Action machen will. Paranoia macht sich breit.

Die Stärke von »Doppelspiel« liegt zweifelsohne in der Konstruktion des Thrillers. Wer als Leser bereit ist, über alle bereits genannten Schwächen des Buches hinwegzusehen, wird mit einem spannenden Finale belohnt: Ein Feuerwerk an Überraschungen, welche sich letztendlich, so abstrus sie auf den ersten Blick auch scheinen mögen, vollkommen logisch sind. Ein Fest für hartgekochte Freunde spannender Thriller. Ich persönlich habe mich in einer langen Nacht durch das Buch gekämpft, fieberhaft Seite um Seite verschlungen und wurde im atemberaubenden Finale für all jenes, was ich eingangs dieser Rezension kritisiert habe, höchst zufriedenstellend entschädigt.

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Veröffentlicht am 05.01.2026

Ein ganz besonderes Lesevergnügen

Wer die Toten stört
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Ich habe das Buch in einem Zug mit viel Vergnügen gelesen.
Der Meinung vieler Leser, dass das Buch im Schreibstil und der Leser-Freundlichkeit etwas ganz besonderes ist, kann ich mich nur anschließen.
Lobenswert ...

Ich habe das Buch in einem Zug mit viel Vergnügen gelesen.
Der Meinung vieler Leser, dass das Buch im Schreibstil und der Leser-Freundlichkeit etwas ganz besonderes ist, kann ich mich nur anschließen.
Lobenswert finde ich zudem, dass die Übersetzung aus dem Englischen ins Deutsche nicht durch das von der Duden-Redaktion m.e. zu Recht abgelehnte Gendern verhunzt wird - wie in einigen Roman, die ich gelesen habe, geschehen - obwohl: dass es in der Übersetzung "Studierende" und nicht "Studenten" heißt, ist m.E. eine der Political Correctness unterworfene Verballhornung der deutschen Sprache, die der korrekten Übersetzung eines englischsprachigen Romans, der im Großbritannien vor 200 Jahren angesiedelt ist, nicht würdig ist.

Ganz erstaunlich, wie ich von Anfang an in das Buch gekommen bin und wie mich die Autorin leicht und locker an der Hand nimmt, durch alle überraschenden Plot- und Genrewendungen hindurch. Ob es daran liegt, dass sie lt. Klappentext bei Disney in Hollywood arbeitet? Die Story ist so vielfältig und spannend, dass sie für die Verfilmung in einer Streaming-Serie bei HBO, Netflix, Prime bzw. Disney gedacht zu sein scheint. Mehr als nur ein Zufall?

Mir kommen sofort Bilder von Szenen aus ur-englischen Kneipenszenen in »Herr der Ringe«, aus der düster-skurrilen britischen Filmkomödie »Kleine Morde unter Freunden« der frühen 90er-Jahre, ich denke an Sherlock-Holmes-Krimis, aber auch an Charles Dickens, der die Leiden der britischen Unterschicht im 19. Jahrhundert so treffen beschrieb – nicht zu vergessen all die eigentlich in einem historischen Roman unterzubringenden Details des Kampfes aufgeklärter Naturwissenschaftler gegen tradierten Standesdünkel, wie ihn Mediziner vor 200 Jahren erlebten.
Während ich im ersten Teil des Romans noch überlegte, ob die Bezeichnung Krimi bzw. Thriller diesem Roman gut stehen würde, haut es mich im Mittelteil der 2. Leserunde geradezu um, wenn ich lese, wie sehr sich alles hin zu einer Schwulenromanze al la »Brokeback Mountain« und »I Love You Phillip Morris« aus den 2000er-Jahren entwickelt.
Hat es die Autorin, der ich bislang brav gefolgt bin, nicht mit dieser Wendung übertrieben? Diese Frage stellen sich vielleicht einige hier in der Lesegruppe. Ich für meinen Teil bin ganz erstaunt, wie es Amanda Rae Dunlap auch hier gelingt, die Kurve zu kriegen. Kompliment! »Steampunk« wäre vermutlich die beste Bezeichnung für das Genre, in dem sie schreib. Und schreiben kann sie allemal.

Ja, das Buch ist wirklich eine schöne Lektüre, hat mich angenehm überrascht. In der Filmsprache spricht man von Easter Eggs, wenn kleine versteckte Botschaften eingebaut sind, für aufmerksame Zuschauer bzw. hier Lesern zum Entdecken eingebaut sind. Das Buch wurde von der Autorin derart liebevoll konstruiert, sowohl was die Thriller- und Krimi-Elemente als auch die schwule Liebesgeschichte betrifft, dass ich mich über ein Fortsetzung wirklich freuen würde.

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Veröffentlicht am 14.11.2025

Ein verzwickter Thriller, faszinierend und unaufdringlich zugleich, wie gutes Parfüm.

Der Duft. Er führt dich ins Paradies. Oder in die Hölle
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Können Duftstoffe Erinnerungen an Ereignisse auslösen, die weit zurückliegen? Ist es möglich, Delinquenten damit zu Geständnissen zu zwingen, wie es bei den allseits bekannten Lügendetektoren praktiziert ...

Können Duftstoffe Erinnerungen an Ereignisse auslösen, die weit zurückliegen? Ist es möglich, Delinquenten damit zu Geständnissen zu zwingen, wie es bei den allseits bekannten Lügendetektoren praktiziert wird? Wenn all dem so wäre und es ein allmächtiger Parfümkonzern einerseits mit der Polizei und andererseits mit dem organisierten Verbrechen zusammenarbeitet, wäre damit eine Macht geschaffen, die tief in die Privatsphäre jedes Einzelnen eingreifen kann.

Man sollte dieses Buch nicht unbedingt lesen, wenn einen die Grippe erwischt hat oder anderweitig die Nasengänge verstopft sind – es würde ein Phänomen unterdrücken, das sich automatisch einstellt: das Entdecken der eigenen Nase, der Geschmacksknospen des Gaumens. Eine Welt jenseits der Sinnenflut des Internets erschließt sich. Augen und Ohren lassen sich elektronisch via TikTok, Facebook. YouTube und Co. mit Musikclips und Videos auf jedes Smartphone übertragen. Doch die Welt des Geruchs bleibt davon (noch) verschont.

Dass in Paul Richardots Thriller verstopfte Geruchskanäle die Aufklärung eines Verbrechens verhindern, sei nur am Rande bemerkt. Schließlich soll diese Rezension nicht ein Finale vorwegnehmen, in dem sich bis auf die letzte Seite in immer neuen Wendungen lose Handlungsfäden auflösen. Der Autor versteht es meisterhaft, Spannung aufzubauen – und das ohne blutige Morde, abgetrennte Körperteile, ach so knallharte Kriminalkommissare, feministisch-männerhassende Ermittlerinnen, jenseits einer heutzutage in der Belletristik mitunter dogmatisch daherkommenden Political correctness oder Gendersternchen.

Wie schafft es dieser junge Schriftsteller in seinem Erstlingswerk bloß, sich gegen die Flut depressiv-bestialischer Massenmörder-Krimis aus Skandinavien und anderswo durchzusetzen! Selbst in seinem Heimatland sind Bestseller wie »Die Purpurnen Flüsse« gestickt mit genüsslich verhackstückten Körperteilen. Unwillkürlich stellt der Leser Vergleiche mit dem deutschen Roman »Das Parfum. Die Geschichte eines Mörders« an, ebenfalls ein blutrünstiges Stück Literaturgeschichte.

Auf all das verzichtet Paul Richardot, und man könnte sich fragen, ob dies überhaupt ein Thriller ist. Es ist ein Thriller, ein Thriller der besonderen Art, vielleicht sogar der Beginn einer neuen Zeit in diesem Genre, wo Intelligenz und elegante Charakterführung wichtiger werden als eine immer sadistischere Anhäufung von Perversion, wie es heutzutage die Regel ist.

Zugegebenermaßen macht es uns der Autor nicht leicht, in seiner Welt heimisch zu werden. Gleich zu Beginn werden wir mit Figuren, räumlichen und zeitlichen Perspektiven und einer Unmasse an Fremdwörtern aus der Welt der Parfümerie und Chemie überschüttet. Damit zwingt er uns, das gewohnte Lesetempo herunterzuschalten, noch einmal zurückzublättern, innezuhalten, das Buch vielleicht für eine Tag zur Seite zu lesen und ihm dann noch eine Chance zu geben. Diese Chance geben wir letztlich uns selbst. Denn all die Kompliziertheit löst sich mit der Zeit auf. Fachbegriffe werden ab der Mitte des Buches ganz in Ruhe und ohne lästiges Infodumping erklärt, die Figuren und auf liebevolle Weise ans Herz gelegt, und Stück für Stück wird unser kriminalistischer Entdeckertrieb geweckt, zu verstehen, um was zum Teufel es hier eigentlich geht, wer gegen wen intrigiert.

Es ist besonders die intelligente Heiterkeit, mit der uns Paul Richardot überrascht, hauptberuflich Miteigner von »Les Parfums de Violet«, eines uralten und vor langer Zeit untergegangenen Pariser Duftstoffhauses, dass er und zwei Mitstudenten vor kurzem zu neuem Leben erweckte. In einer Zeit, da einerseits Wutbürgerhass und andererseits Gutmenschenrechthaberei weltweit im Streit liegen, ein wichtiger Gegenimpuls. Der Kriegsgott Mars und Venus, Göttin der Liebe, im spannenden Wettstreit. Ein grandioser Thriller.

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Veröffentlicht am 06.09.2023

Eine exzellente Studie über ostdeutsche SED-Kader, die mithilfe westdeutscher Seilschaften nach der Wende Karriere machten.

Vorwärts und vergessen!
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Wie im Zuge der Deutschen Einheit in Justizwesen, Presselandschaft und Staatswesen Täter-Opfer-Umkehr betrieben wird, Verbrecher geschützt und Verbrechen ungeahndet bleiben.

Die Investigationsjournalisten ...

Wie im Zuge der Deutschen Einheit in Justizwesen, Presselandschaft und Staatswesen Täter-Opfer-Umkehr betrieben wird, Verbrecher geschützt und Verbrechen ungeahndet bleiben.

Die Investigationsjournalisten Uwe Müller aus Frankfurt/Main und Grit Hartmann aus Leipzig nahmen in den 2000er-Jahren die Herkules-Arbeit auf sich, gestützt auf ausführliches Quellenmaterial jenes Rollback zu dokumentieren, jene Konterrevolution, welche im wiedervereinigten Deutschland nach 1989/90 Stück für Stück die alten Machthaber des SED-Unrechtsstaats wieder im Amt und Würden brachte.

In gewisser Weise erinnert die heutige Zeit an jenes bleierne Biedermeier nach der Französischen Revolution bzw. erzreaktionäre Herrschaftsstrukturen, wie sie sich nach den gescheiterten Revolutionen 1848/1849 in Europa etablierten. Dabei macht das Ost-West-Autorenteam Müller/Hartmann nicht den Fehler, sich einzig auf Stasi-Seilschaften zu konzentrieren, die nach dem Fall der Mauer schnell wieder zu Macht und Einfluss kamen, und Siegerjustiz für DDR-Verbrecher zu fordern, wie es sie gegenüber Nazi-Verbrechern in der alten Bundesrepublik niemals gab.

Vielmehr wird dargelegt, wie Rufe nach Gerechtigkeit und Bestrafung nach der Wiedervereinigung im Deutschen Bundestag jeweils von Opposition gefordert wurde, beispielsweise von der SPD gegenüber CDU-Kanzler Helmuth Kohl bzw. nach seinem Sturz von der CDU unter Angela Merkel, was wiederum SPD-Kanzler Helmuth Schröder konterkarierte, und dass hernach unter der Großen Koalition von CDU und SPD sogar einem Stasi-Chef von Bundeskanzler Steinmeier das Bundesverdienstkreuz verliehen wurde.

Jene Seilschaften in Politik, Wirtschaft, Presse- und Justizwesen, jene Kader, Spitzel und Komplizen aus Ost und West, die gemeinsam Hand in Hand die Restitution betrieben, wie im Buch von 2009 eindrücklich dargestellt, sitzen mehr als drei Jahrzehnte nach der friedlichen Wende, überall an den Schalthebeln der Macht.

Höchst bedauerlich, dass es heutzutage krude Verschwörungstheoretiker und Reichsbürger auf die Straßen gehen – was letztendlich den in »Vorwärts und vergessen!« angeprangerten Ost-West-Seilschaften in die Hände spielt. Längst überfällig wäre eine gesamtdeutsche Protestbewegung, vergleichbar mit jener der westdeutschen Nachkriegsgesellschaft, die 1967/68 unter der Parole »Unter den Talaren - Muff von 1000« gegen Nazi-Verbrecher in Rektoren- und Richterroben protestierte.

Warum gesamtdeutsch? Weil sich jene mafiösen Strukturen – beispielsweise unter Bundesbediensteten und im Justizwesen – inzwischen auch in Westdeutschland etabliert haben, und weil es Westdeutschen heutzutage durchaus passieren kann, dass sie von einem DDR-Kreisstaatsanwalt, der sich nun Oberstaatsanwalt nennen darf, in einem Schauprozess zu Kerkerhaft verurteilt wird. Dies klingt kurios, ist jedoch dem Buchrezensenten jetzt und hier in 2022/2023 widerfahren. Sein Verbrechen: Bücher schreiben, in denen Verbrecher der Staatssicherheit erwähnt werden.

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