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Veröffentlicht am 05.01.2026

Ein ganz besonderes Lesevergnügen

Wer die Toten stört
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Ich habe das Buch in einem Zug mit viel Vergnügen gelesen.
Der Meinung vieler Leser, dass das Buch im Schreibstil und der Leser-Freundlichkeit etwas ganz besonderes ist, kann ich mich nur anschließen.
Lobenswert ...

Ich habe das Buch in einem Zug mit viel Vergnügen gelesen.
Der Meinung vieler Leser, dass das Buch im Schreibstil und der Leser-Freundlichkeit etwas ganz besonderes ist, kann ich mich nur anschließen.
Lobenswert finde ich zudem, dass die Übersetzung aus dem Englischen ins Deutsche nicht durch das von der Duden-Redaktion m.e. zu Recht abgelehnte Gendern verhunzt wird - wie in einigen Roman, die ich gelesen habe, geschehen - obwohl: dass es in der Übersetzung "Studierende" und nicht "Studenten" heißt, ist m.E. eine der Political Correctness unterworfene Verballhornung der deutschen Sprache, die der korrekten Übersetzung eines englischsprachigen Romans, der im Großbritannien vor 200 Jahren angesiedelt ist, nicht würdig ist.

Ganz erstaunlich, wie ich von Anfang an in das Buch gekommen bin und wie mich die Autorin leicht und locker an der Hand nimmt, durch alle überraschenden Plot- und Genrewendungen hindurch. Ob es daran liegt, dass sie lt. Klappentext bei Disney in Hollywood arbeitet? Die Story ist so vielfältig und spannend, dass sie für die Verfilmung in einer Streaming-Serie bei HBO, Netflix, Prime bzw. Disney gedacht zu sein scheint. Mehr als nur ein Zufall?

Mir kommen sofort Bilder von Szenen aus ur-englischen Kneipenszenen in »Herr der Ringe«, aus der düster-skurrilen britischen Filmkomödie »Kleine Morde unter Freunden« der frühen 90er-Jahre, ich denke an Sherlock-Holmes-Krimis, aber auch an Charles Dickens, der die Leiden der britischen Unterschicht im 19. Jahrhundert so treffen beschrieb – nicht zu vergessen all die eigentlich in einem historischen Roman unterzubringenden Details des Kampfes aufgeklärter Naturwissenschaftler gegen tradierten Standesdünkel, wie ihn Mediziner vor 200 Jahren erlebten.
Während ich im ersten Teil des Romans noch überlegte, ob die Bezeichnung Krimi bzw. Thriller diesem Roman gut stehen würde, haut es mich im Mittelteil der 2. Leserunde geradezu um, wenn ich lese, wie sehr sich alles hin zu einer Schwulenromanze al la »Brokeback Mountain« und »I Love You Phillip Morris« aus den 2000er-Jahren entwickelt.
Hat es die Autorin, der ich bislang brav gefolgt bin, nicht mit dieser Wendung übertrieben? Diese Frage stellen sich vielleicht einige hier in der Lesegruppe. Ich für meinen Teil bin ganz erstaunt, wie es Amanda Rae Dunlap auch hier gelingt, die Kurve zu kriegen. Kompliment! »Steampunk« wäre vermutlich die beste Bezeichnung für das Genre, in dem sie schreib. Und schreiben kann sie allemal.

Ja, das Buch ist wirklich eine schöne Lektüre, hat mich angenehm überrascht. In der Filmsprache spricht man von Easter Eggs, wenn kleine versteckte Botschaften eingebaut sind, für aufmerksame Zuschauer bzw. hier Lesern zum Entdecken eingebaut sind. Das Buch wurde von der Autorin derart liebevoll konstruiert, sowohl was die Thriller- und Krimi-Elemente als auch die schwule Liebesgeschichte betrifft, dass ich mich über ein Fortsetzung wirklich freuen würde.

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Veröffentlicht am 14.11.2025

Ein verzwickter Thriller, faszinierend und unaufdringlich zugleich, wie gutes Parfüm.

Der Duft. Er führt dich ins Paradies. Oder in die Hölle
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Können Duftstoffe Erinnerungen an Ereignisse auslösen, die weit zurückliegen? Ist es möglich, Delinquenten damit zu Geständnissen zu zwingen, wie es bei den allseits bekannten Lügendetektoren praktiziert ...

Können Duftstoffe Erinnerungen an Ereignisse auslösen, die weit zurückliegen? Ist es möglich, Delinquenten damit zu Geständnissen zu zwingen, wie es bei den allseits bekannten Lügendetektoren praktiziert wird? Wenn all dem so wäre und es ein allmächtiger Parfümkonzern einerseits mit der Polizei und andererseits mit dem organisierten Verbrechen zusammenarbeitet, wäre damit eine Macht geschaffen, die tief in die Privatsphäre jedes Einzelnen eingreifen kann.

Man sollte dieses Buch nicht unbedingt lesen, wenn einen die Grippe erwischt hat oder anderweitig die Nasengänge verstopft sind – es würde ein Phänomen unterdrücken, das sich automatisch einstellt: das Entdecken der eigenen Nase, der Geschmacksknospen des Gaumens. Eine Welt jenseits der Sinnenflut des Internets erschließt sich. Augen und Ohren lassen sich elektronisch via TikTok, Facebook. YouTube und Co. mit Musikclips und Videos auf jedes Smartphone übertragen. Doch die Welt des Geruchs bleibt davon (noch) verschont.

Dass in Paul Richardots Thriller verstopfte Geruchskanäle die Aufklärung eines Verbrechens verhindern, sei nur am Rande bemerkt. Schließlich soll diese Rezension nicht ein Finale vorwegnehmen, in dem sich bis auf die letzte Seite in immer neuen Wendungen lose Handlungsfäden auflösen. Der Autor versteht es meisterhaft, Spannung aufzubauen – und das ohne blutige Morde, abgetrennte Körperteile, ach so knallharte Kriminalkommissare, feministisch-männerhassende Ermittlerinnen, jenseits einer heutzutage in der Belletristik mitunter dogmatisch daherkommenden Political correctness oder Gendersternchen.

Wie schafft es dieser junge Schriftsteller in seinem Erstlingswerk bloß, sich gegen die Flut depressiv-bestialischer Massenmörder-Krimis aus Skandinavien und anderswo durchzusetzen! Selbst in seinem Heimatland sind Bestseller wie »Die Purpurnen Flüsse« gestickt mit genüsslich verhackstückten Körperteilen. Unwillkürlich stellt der Leser Vergleiche mit dem deutschen Roman »Das Parfum. Die Geschichte eines Mörders« an, ebenfalls ein blutrünstiges Stück Literaturgeschichte.

Auf all das verzichtet Paul Richardot, und man könnte sich fragen, ob dies überhaupt ein Thriller ist. Es ist ein Thriller, ein Thriller der besonderen Art, vielleicht sogar der Beginn einer neuen Zeit in diesem Genre, wo Intelligenz und elegante Charakterführung wichtiger werden als eine immer sadistischere Anhäufung von Perversion, wie es heutzutage die Regel ist.

Zugegebenermaßen macht es uns der Autor nicht leicht, in seiner Welt heimisch zu werden. Gleich zu Beginn werden wir mit Figuren, räumlichen und zeitlichen Perspektiven und einer Unmasse an Fremdwörtern aus der Welt der Parfümerie und Chemie überschüttet. Damit zwingt er uns, das gewohnte Lesetempo herunterzuschalten, noch einmal zurückzublättern, innezuhalten, das Buch vielleicht für eine Tag zur Seite zu lesen und ihm dann noch eine Chance zu geben. Diese Chance geben wir letztlich uns selbst. Denn all die Kompliziertheit löst sich mit der Zeit auf. Fachbegriffe werden ab der Mitte des Buches ganz in Ruhe und ohne lästiges Infodumping erklärt, die Figuren und auf liebevolle Weise ans Herz gelegt, und Stück für Stück wird unser kriminalistischer Entdeckertrieb geweckt, zu verstehen, um was zum Teufel es hier eigentlich geht, wer gegen wen intrigiert.

Es ist besonders die intelligente Heiterkeit, mit der uns Paul Richardot überrascht, hauptberuflich Miteigner von »Les Parfums de Violet«, eines uralten und vor langer Zeit untergegangenen Pariser Duftstoffhauses, dass er und zwei Mitstudenten vor kurzem zu neuem Leben erweckte. In einer Zeit, da einerseits Wutbürgerhass und andererseits Gutmenschenrechthaberei weltweit im Streit liegen, ein wichtiger Gegenimpuls. Der Kriegsgott Mars und Venus, Göttin der Liebe, im spannenden Wettstreit. Ein grandioser Thriller.

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Veröffentlicht am 06.09.2023

Eine exzellente Studie über ostdeutsche SED-Kader, die mithilfe westdeutscher Seilschaften nach der Wende Karriere machten.

Vorwärts und vergessen!
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Wie im Zuge der Deutschen Einheit in Justizwesen, Presselandschaft und Staatswesen Täter-Opfer-Umkehr betrieben wird, Verbrecher geschützt und Verbrechen ungeahndet bleiben.

Die Investigationsjournalisten ...

Wie im Zuge der Deutschen Einheit in Justizwesen, Presselandschaft und Staatswesen Täter-Opfer-Umkehr betrieben wird, Verbrecher geschützt und Verbrechen ungeahndet bleiben.

Die Investigationsjournalisten Uwe Müller aus Frankfurt/Main und Grit Hartmann aus Leipzig nahmen in den 2000er-Jahren die Herkules-Arbeit auf sich, gestützt auf ausführliches Quellenmaterial jenes Rollback zu dokumentieren, jene Konterrevolution, welche im wiedervereinigten Deutschland nach 1989/90 Stück für Stück die alten Machthaber des SED-Unrechtsstaats wieder im Amt und Würden brachte.

In gewisser Weise erinnert die heutige Zeit an jenes bleierne Biedermeier nach der Französischen Revolution bzw. erzreaktionäre Herrschaftsstrukturen, wie sie sich nach den gescheiterten Revolutionen 1848/1849 in Europa etablierten. Dabei macht das Ost-West-Autorenteam Müller/Hartmann nicht den Fehler, sich einzig auf Stasi-Seilschaften zu konzentrieren, die nach dem Fall der Mauer schnell wieder zu Macht und Einfluss kamen, und Siegerjustiz für DDR-Verbrecher zu fordern, wie es sie gegenüber Nazi-Verbrechern in der alten Bundesrepublik niemals gab.

Vielmehr wird dargelegt, wie Rufe nach Gerechtigkeit und Bestrafung nach der Wiedervereinigung im Deutschen Bundestag jeweils von Opposition gefordert wurde, beispielsweise von der SPD gegenüber CDU-Kanzler Helmuth Kohl bzw. nach seinem Sturz von der CDU unter Angela Merkel, was wiederum SPD-Kanzler Helmuth Schröder konterkarierte, und dass hernach unter der Großen Koalition von CDU und SPD sogar einem Stasi-Chef von Bundeskanzler Steinmeier das Bundesverdienstkreuz verliehen wurde.

Jene Seilschaften in Politik, Wirtschaft, Presse- und Justizwesen, jene Kader, Spitzel und Komplizen aus Ost und West, die gemeinsam Hand in Hand die Restitution betrieben, wie im Buch von 2009 eindrücklich dargestellt, sitzen mehr als drei Jahrzehnte nach der friedlichen Wende, überall an den Schalthebeln der Macht.

Höchst bedauerlich, dass es heutzutage krude Verschwörungstheoretiker und Reichsbürger auf die Straßen gehen – was letztendlich den in »Vorwärts und vergessen!« angeprangerten Ost-West-Seilschaften in die Hände spielt. Längst überfällig wäre eine gesamtdeutsche Protestbewegung, vergleichbar mit jener der westdeutschen Nachkriegsgesellschaft, die 1967/68 unter der Parole »Unter den Talaren - Muff von 1000« gegen Nazi-Verbrecher in Rektoren- und Richterroben protestierte.

Warum gesamtdeutsch? Weil sich jene mafiösen Strukturen – beispielsweise unter Bundesbediensteten und im Justizwesen – inzwischen auch in Westdeutschland etabliert haben, und weil es Westdeutschen heutzutage durchaus passieren kann, dass sie von einem DDR-Kreisstaatsanwalt, der sich nun Oberstaatsanwalt nennen darf, in einem Schauprozess zu Kerkerhaft verurteilt wird. Dies klingt kurios, ist jedoch dem Buchrezensenten jetzt und hier in 2022/2023 widerfahren. Sein Verbrechen: Bücher schreiben, in denen Verbrecher der Staatssicherheit erwähnt werden.

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Veröffentlicht am 30.08.2023

Narrenspiel am Rande des Höllenkraters

Im Anfang war das Wort
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Wie ein DDR-Pfarrer mit Kanzel-Predigten, Romanen, Hörspielen, Filmdrehbüchern, Theaterstücken und Gedichten der Stasi trotzt.

Drei Dinge stoßen mich ab, wenn ich durch die ersten Seiten eines Buches ...

Wie ein DDR-Pfarrer mit Kanzel-Predigten, Romanen, Hörspielen, Filmdrehbüchern, Theaterstücken und Gedichten der Stasi trotzt.

Drei Dinge stoßen mich ab, wenn ich durch die ersten Seiten eines Buches blättere, und oft genug lege ich es dann beiseite: 1.) Rechtschreibfehler, 2.) langatmige Schilderungen, 3.) stumpfsinnige Formulierungen.

Nicht davon findet sich im dicken Werk des Autors. Die Einführung von Sabine Bauer-Helpert, einer Pfarrerin im Ruhestand, verzichtet bei allem religiösen Bezug auf kitschige Frömmelei, und wenn sie schreibt, dass Dieter Liebigs Texte uns auch heute Tore in die Zukunft öffnen können (Seite 8), dann ist dies kein leeres Versprechen.

Der Autor belässt es bei einem knappen Vorwort, das dem Leser hilft, den »Deutsch-Ossig-Report 1977-1986«, wie er »An Anfang war das Wort« tiefstapelnd im Untertitel benennt, in sein umfangreiches Oeuvre einzuordnen, und kommt dann gleich in medias res, will meinen: Er zitiert, anstatt seine Herkunft eigenhändig zu beschreiben, wortwörtlich einen Ermittlungsbericht der Staatssicherheit (S. 11). Solche Dokumente tauchen auf den folgenden 500 Seiten immer wieder auf. Und zu den IM-Decknamen liefert er auch die Klarnamen.

Mit anderen Worten: Der wehrhafte Pfarrer und Schriftsteller in Personalunion packt den Stier bei den Hörnern, kämpft mit offenem Visier – was auch bitternötig ist, hat er doch seit seinem 25. Lebensjahr nicht nur die Stasi im Nacken, sondern auch riesige Braunkohlebagger vor der Nase, die sich Stück für Stück wie im Hollywoodepos »Herr der Ringe« auf sein Barockkirchlein zubewegen. Wahrhaft teuflisch. Doch Dieter Liebig ist kein Jammer-Ossi, will nicht bemitleidet werden, sondern schildert das Dantes Inferno gleichkommende Höllenspektakel, indem er (S. 17) aus einem eigenen Roman zitiert:

»Auf dem Ort regnete Asche, mit Schwefel vermischt ... An ihre Ohren drang Quietschen, Heulen, Rasseln, Leiern, Wummern ... Als Kontrast dazu stand nach Norden hin eine Kirche, die von außen schmucklos wirkte.«

Es folgen Theaterstücke, mit einem Laienspieltrüppchen aufgeführt, das er dort am Rande des Höllenkraters aus der Braunkohlenerde gestampft hat, in etwas so, wie nach griechischer Mythologie das Menschengeschlecht aus Lehmklumpen geformt und gebacken wurde. Der Vergleich kommt nicht von ungefähr, greift der Autor doch in seinem literarischen Schaffen auf die Werke kulturgeschichtlicher Epochen zurück, ist ungeheuer belesen, ohne in falsche Eitelkeit zu verfallen. In seinen Tagebüchern, die neben Predigten, Theaterstücken und Stasi-Berichten das Buch so reich und abwechslungsreich machen, schreibt er (S. 123):

»Im Radio hörte ich zufällig das Dürrenmatt-Zitat: ›Ein Stück ist dass zu Ende gedacht, wenn es die schlimmstmögliche Wendung bietet.‹ Sehr schön weit vorn formuliert, für pointiertes Reden war Dürrenmatt schon immer gut.«

Dass die Staatssicherheit dem schriftstellernden Pfarrer bzw. pfarrernden Schriftsteller dabei stets im Nacken saß und sich (mit Erfolg) bemühte, Informanten auf ihn anzusetzen, zeigt ein Tagebucheintrag auf der gleichen Seite:

»Gestern haben wir vor einem ausgezeichneten Publikum in Weinhübel gespielt. Da ich immer noch auf der Sucher nach einem weiteren Stück bin, kam mir der Gedanke, einen ›Traum‹ nach Günter Eich zu versuchen. In dem befindet sich ein Familienvater, der nur hinausgegangen ist, um eine Zigarette zu rauchen. Da bitte ihn die Häscher um Feuer. Er kenne doch den ... So ward er zum Judas.«

Die äußere Situation des kleinen Kirchleins am Rande der sich stetig ausbreitenden Kohlegrube ist bedrücken. In einer Silvesterpredigt (S. 176) macht Dieter Liebig seiner Gemeinde Mut:

»Es gilt, dass das Herz fest werde, wir stark im Glauben werden in dem Wissen, dass unsere Zeit in Gottes Händen liegt.

Am gleichen Tag steht im Tagebuch, dass am 30. Geburtstag im Sommer sein erstes Stück Premiere haben soll. Episoden aus dem Bauernkrieg. Zwei Wochen später kommt ein Schreiben, dass die Schließung des evangelischen Friedhofs ankündigt. Unerbittlich fressen sich die Braunkohlebagger weiter. Die Realität in Deutsch-Ossig im südöstlichsten Zipfel der DDR erfüllt die dramatischen Vorgaben des Friedrich Dürrenmatt in der fernen Schweiz, damals dank Stacheldraht, Mauer und Schießbefehl unerreichbar für den schreibenden Gottesmann.

Dass die Stasi auf der Suche nach Spitzeln in seinem Umfeld erfolgreich war, zeigt der Bericht von IM Maus (S. 231). Dieter Liebig dreht den Spieß um, nennt nicht nur den Klarnamen des verräterischen Nagetiers, sondern zitiert die gesamte Tonbandabschrift der Kreisdienststelle der Staatssicherheitsdienstes in Görlitz. Thema des Gesprächs in der Privatwohnung des Informellen Stasi-Mitarbeiters war eine Generalprobe zum neuen Theaterstück »Der Turm«.

Wenn der Autor in diesem autobiografischen Report sich selbst erklärt und jenes Unbegreifliche, das letztendlich die Kreativität jedes Künstlers ausmacht, so zitiert er aus einem eigenen Brief (S. 294), und das in jenem ihm eigenen Stil, der Bilder im Kopf des Lesers aufblitzen lässt::

»Ich kenne einen Bassgitarristen, der alles, was erhört, in Noten fasst. Mein Tun ist ähnlich gelagert. Ich kann nur das, was ich mir beigebracht haben, setze mir begegnende Stoffe in Stücke um. Entscheidend ist also das Verhältnis zum Stoff.«

Als Kurzvita zitiert Dieter Liebig auch einem Brief an die Zeitschrift »Theater der Zeit«, die sein Stück »Nonnenmacher« abdrucken will:

»Mein Verfahren waren Landarbeiter, meine Mutter ist in der LPG tätig, mein Vater Arbeiter ... 1980 wurde ich Pfarrer der Kirchengemeinde Deutsch-Ossig im Energiezentrum Hagenwerder. Der Ort selbst steht auf Braunkohle.«

Was es bedeutet, auf Kohleflözen zu wohnen, die in unmittelbarer Nähe abgebaggert werde, lässt er uns Leser in einem Romanzitat wissen(S. 333):

»Plötzlich erstarb das Singen der Vögel, das Summen der Bienen. Die Schafe standen vollkommen regungslos das, als würden sie das Atmen unterlassen ... Das Geräusch war nicht klar zu definieren. Es handelte sich um ein Grunzen, Schnauben, Brüllen, als würde alle Tiergattungen zur Schlachtbank getrieben. Da gab es einen Schlag wie von einer überdimensionalen Uhr ... eine gewaltige Rutschung abgegangen. Zig Tonnen ... sind vom Granit abgerissen ... Daraus folgte, dass das Kohleflöz gehoben wurde und mit Luft in Berührung gekommen war. Durch die Reibung hatte es sich entzündet.«

Man muss schon ein harter Bursche sein, um das auszuhalten. Als Sohn eines Waldarbeiters hat der Autor gelernt, handfest zuzupacken. Und weil er in Halle und Leipzig neben dem Theologiestudium das Theaterhandwerk erlernte, setzte er seine Erfahrungen in einem Hörspiel um, frei nach Iwan Turgenjews »Aufzeichnungen eines Jägers«. Das folgende Zitat stammt aus seinem Brief von 1984 (S. 336) an Radio DDR II. Ein Jahr später wurde Liebigs Hörspiel ausgestrahlt.

»Ich werde, vor allem von kirchlicher Seite, immer wieder gefragt, wie sich beide Berufe, der des Pfarrers und der des Schriftstellers vereinbaren lassen. In beiden geht es um das Wort. Beide kommen von Menschen her und gehen auf den Menschen zu. Das verbindende Element ist daher die Ethik. In solchen Stücken wie ›Der Wildhüter‹ reflektiere ich Begegnungen. ... Mein Vater war Forstarbeiter ... Das Leben im Wald war, als es sich noch in der natürlich Ordnung vollzog, war hart. Für das Harzen der Kiefern mussten im Winter die Lachten für die Schnitte vorbereitet werden, durch sogenanntes Röten. Es galt, stundenlang bei schwerer Arbeit im Schnee zu knien. Wenn der Wind aus Westen kam, trieb er einem die abgehobelte Rinde ins Gesicht, wenn er aus Osten kam, gefror einem der Schweiß auf dem Rücken.«

Conclusio: Dieter Liebig, der auf Jahrzehnte kreativen Schaffens zurückblicken kann, als Pfarrer sein Kirchlein verteidigte, als Bürgerrechtler von der Kanzel gegen Umweltzerstörung (Totenmesse für die Natur, S. 413 ff.), Militarismus und den Unrechtsstaat DDR predigte, ebenso mit Gedichten, Romanen, Hörspielen, Filmdrehbüchern und Theaterstücken, dem das Kunststück gelangt, sein 1986 (just als er sein Mittelalter-Theaterstück »Ratgeb« vollendet hatte, S. 478 ff.) abgebaggertes Kirchlein inmitten einer Plattenbausiedlung wiederauferstehen zu lassen, der nach der Wende als Landrat im Kreis Görlitz dem zaghaften Pflänzchen der Demokratie zum Wachsen verhalf, den jetzt in 2023 drei neue Projekte unter der Feder hat, ist kein Jammer-Literat, der sein Leid beklagen und dafür bedauert werden will. Er ist ein Dramatiker im Sinne Dürrenmatt – und uns Leser weiß er zu vergnügen.

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Veröffentlicht am 18.08.2023

Manche Bücher brauchen Jahrzehnte, bis sie einen Verleger finden. Die Zeit geht über sie hinweg, Geschichte wiederholt sich nicht - oder doch? Sie wiederholt sich und gute Literatur ist zeitlos!

Der Spion, der Jazz spielte
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Als der US-amerikanische Musiker in den 70ern seinen Krimi schrieb, war der Kalte Krieg in vollem Gang. Seine Story basierte auf Tatsachen, das Jazz-Festival mit Musikern aus den USA, die vom Einmarsch ...

Als der US-amerikanische Musiker in den 70ern seinen Krimi schrieb, war der Kalte Krieg in vollem Gang. Seine Story basierte auf Tatsachen, das Jazz-Festival mit Musikern aus den USA, die vom Einmarsch in die Tschechoslowakei überrascht wurden, basiert auf historischen Tatsachen. Die Armeen des Warschauer Pakts hatten 1968 dem Tauwetter in der Tschechoslowakei ein jähes Ende bereitet. Das hatten die Russe 1956 bereits in Ungarn erfolgreich zelebriert, 1961 beim Mauerbau in der DDR, und 1980 zwangen sie die Volksrepublik Polen, das Kriegsrecht auszurufen.

Dies war wohl der Anlass, dass sich in Amerika endlich ein kleiner Verlag fand, der Willens war, den Agententhriller herauszubringen. Kleines Problem: Das Verlagshaus brannte ab. Auch dies historische Tatsache. Größeres Problem: Ende der 80er war Gorbatschow und dem Fall des Eisernen Vorhangs war das Interesse an Ost-West-Verschwörungsgeschichten »out of time«. Tschechen, Slowaken und alle anderen in den Warschauer Pakt gezwungenen Vasallen der UdSSR hatten die Fremdherrschaft abgeschüttelt. Russland und Amerika wurden ziemlich gute Freunde – vorerst.

Ob sich Geschichte doch wiederholt? Nachdem Putin 2015 die Krim annektiert hatte, »Der Spion, der Jazz spielte« endlich in die Buchhandlungen. Doch dankt des Minsk-Abkommen erkaltete der Konflikt schnell. Ost und West gingen wieder auf Schmusekurs. Russisches Öl floss via Nordstream 1 durch die Ostsee, und weil wirtschaftliche Einbinden für Frieden sorgt, bastelte man gemeinschaftlicher Harmonie am Nordstream 2. Hätte ich es damals den Ost-West-Thriller gelesen, wäre ich vor Langweile gestorben.

Geschichte wiederholt sich! Jetzt in 2017, wo mir Bill Moodys Roman unter die Finger kommt, besteht kein Zweifel, dass sich Geschichte wiederholt. Russlands Überfall auf die Ukraine erinnert fatal an den Ersten Weltkrieg von 100 Jahren. Wer immer es liest, wird fasziniert sein von den detaillierten Schilderungen jener Tage in 1968, als sich Jung und Alt verzweifelt den Panzern entgegenstellten, letztendlich erfolglos – und zugleich an die Gegenwart denken. Die Ukrainer, damals unter kommunistischer Herrschaft und militärisch aufseiten Russlands an der Invasion beteiligt, habe die Russen in Kiew zurückgeschlagen. Ihren langen (und hoffentlich erfolgreichen) Freiheitskampf unterstützen die Tschechen und Slowaken mit großzügigen Panzerlieferungen.

Bill Moodys Agententhriller ist nicht nur zeitlos, sondern auch gut geschrieben, lesenswert!

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