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Veröffentlicht am 13.10.2019

Intelligenter Humor vom feinsten. Absolut lesenswert!

»Nichtalltägliches aus dem Leben eines Beamten« und »Einladung zum Klassentreffen«
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[Theaterstück] „Nichtalltägliches aus dem Leben eines Beamten“ / „Einladung zum Klassentreffen“ - Martin Schörle

Allgemein:
Ich habe das E-book von Martin Schörle zur Verfügung gestellt bekommen, wofür ...

[Theaterstück] „Nichtalltägliches aus dem Leben eines Beamten“ / „Einladung zum Klassentreffen“ - Martin Schörle

Allgemein:
Ich habe das E-book von Martin Schörle zur Verfügung gestellt bekommen, wofür ich mich an dieser Stelle ganz herzlich bedanke – insbesondere aber für die Lachsalven, die die Stücke bei mir auslösten. Es war mein erster Versuch Theaterstücke zu lesen und bin überrascht, wie leicht mir das gefallen ist. Martin Schörle schreibt das Geschehen auf der Bühne so präzise in kurzen Worten, dass man sich als Leser ganz auf das gesprochene Wort konzentrieren kann und sich die Bilder im Kopf beinahe automatisch bilden. Wer mal im Kabarett war, kann sich die Situation ganz bestimmt sehr gut vorstellen. Jedenfalls ging es mir so!

Nichtalltägliches aus dem Leben eines Beamten:
Hans Fredenbek ist einfach grandios! Bereits nach dem Studium der Leseprobe musste ich mir die Tränen aus dem Augenwinkel wischen. Hans Fredenbek ist ein Pedant – nicht nur ein kleiner, sondern der Inbegriff eines Pedanten! Sein Radiergummi muss immer auf der gleichen Stelle liegen und natürlich darf es nicht irgendein Gummi sein. An diesem Morgen ist er jedoch verschwunden!
Diese Situation ist der Auftakt zu einer Aneinanderreihung von Themen, die unterschiedlicher nicht sein könnten und im Grunde das gesamte Leben des Herrn Fredenbek beleuchten. Übergänge zwischen den Themen passieren einfach. Sie werden nicht angekündigt, sie sind einfach da und es ist überhaupt nicht störend, dass das vorhergehende Thema manchmal nicht bis zum Ende erzählt wurde. Andere Themen ziehen sich durch das ganze Stück und finden ihre Aufklärung erst ganz am Ende – sehr zu meiner Freude und mit der Auslösung eines herzlichen Lachens. Z.B. SHz…

Herr Fredenbek erzählt allerdings nicht „einfach so“. Er verstrickt sich in Gedanken und Themen, schweift ab, kommt wieder zurück nur um erneut ein anderes Thema zu beleuchten. Manchmal bricht er mitten im Satz ab um sich einem völlig anderen Thema zuzuwenden. Diese Erzählweise ist so urkomisch, dass man sich dem einfach nicht entziehen kann. Interessanterweise ist das auch gar nicht schwer zu lesen. Im Gegenteil! Ich habe das mit der Erzählweise eines Dieter Nuhr auf der Bühne verglichen. Er bedient sich nämlich des gleichen Stilelements und bringt damit sein Publikum immer wieder zum Lachen. Genauso ging es mir bei Herrn Fredenbek.
Die Hilfsmittel aus dem Off liefern die nötige Kulisse in dieser One-Man-Show, die ich nur allzu gern einmal auf der Bühne sähe – in einem Kabarett, nicht auf einer ernsten Theaterbühne. Aufgeführt von einem Menschen, der glaubwürdig Mimik darstellen kann und die ernsten Passagen so rüber bringt, dass man sich einfach ausschütten muss vor Lachen.

Völlig überzogene, perfekt gesetzte Pointen. Großartig – wirklich empfehlenswert!

„Einladung zum Klassentreffen“
Man könnte auch sagen „Alte Liebe rostet nicht“. Carsten und Marina führen während Marinas Zugfahrt ein Telefonat. Im Grunde genommen etwas, das ich in der heutigen Zeit total verabscheue. Ich mag es nicht, wenn Menschen in der Öffentlichkeit laut und lange telefonieren, ABER… in diesem Fall musste ich so herzlich lachen. Am meisten im Übrigen über die anderen Fahrgäste und ich stellte mir die Frage, ob ich wohl auch meine Mail-Adresse hätte abgeben wollen.
Es ist ein irgendwie typisches Gespräch zwischen Mann und Frau. Ich habe so oft gedacht, na das ist doch mal wieder DER Klassiker. Ich behaupte, wirklich jeder wird sich in der einen oder anderen Passage wieder finden können und muss dann beinahe zwangsläufig darüber lachen.

Der Dialog ließ sich ganz leicht lesen, das Gespräch fliegt förmlich an einem vorbei. Die 3 Rückblenden sind ganz großartig integriert und auch hier kann sich der Leser das Bühnenbild sehr gut vorstellen. Man verheddert sich zwischen den einzelnen Themen überhaupt nicht.

Fazit:
Jeder, der intelligenten Humor mag, ist hier absolut richtig. Es kann hilfreich sein, einmal in einem Kabarett gewesen zu sein um die Atmosphäre zu kennen. Andererseits nimmt einen Martin Schörle einfach mit – mit auf eine Reise durch den Beamtenalltag und mit auf eine Reise in die Vergangenheit. Ich fühlte mich so gut unterhalten, dass ich beide Stücke gern einmal livehaftig auf einer Bühne sehen möchte. Absolut lesenswert! 5 von 5 Sternen.

Veröffentlicht am 12.10.2019

Anders als ich erwartet hatte

Die Hoffnung zwischen den Zeilen
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Das Buch:
Ich habe das Buch im Rahmen einer Leserunde gelesen, wofür ich mich beim Bertelsmann Verlag bedanke. Anhand des Titels und der Einstufung „historischer Roman“ erwartet man bestimmte Dinge – oder ...

Das Buch:
Ich habe das Buch im Rahmen einer Leserunde gelesen, wofür ich mich beim Bertelsmann Verlag bedanke. Anhand des Titels und der Einstufung „historischer Roman“ erwartet man bestimmte Dinge – oder anders gesagt, ich habe das getan. Am Ende wurden diese Erwartungen nur bedingt erfüllt, was ich sehr schade finde.
Das Cover mit dem Zug im Hintergrund und der jungen Frau davor gefällt mir gut. Es hat für mich etwas von einer Reise… vielleicht ins Ungewisse und die Haarfrisur ist sicherlich eine typische ihrer Zeit. Es passt zu den Erwartungen, die ich an das Buch hatte.

Worum geht’s?
Ulrike Hartmann – die im ganzen Roman durchweg nur Uli oder „die Deutsche“ genannt wird – fährt von Malmö, wo sie bis vor kurzem als Dienstmädchen gearbeitet hat, nach Krokum, einem kleinen schwedisches Dorf in dem eine junge Frau lebt, die ihren Freund Hansi gekannt hat. Hansis Mutter hatte Uli die Briefe dieser jungen Frau gegeben, die Elsa im Krieg an Hansi geschrieben hatte. Aufgrund eines gemeinsamen Geheimnisses entwickelt sich zwischen den beiden Frauen eine eigenwillige Beziehung.

Charaktere:
Uli ist Deutsche, Elsa ist Schwedin und die beiden Frauen könnten unterschiedlicher nicht sein. Während Elsa fleißig und klug ist, einen eher verschlossenen und vorsichtigen Eindruck macht, erscheint Uli laut, ruppig und rücksichtslos. Sie vereinnahmt Elsa sehr und als Leser stellt man sich die Frage, warum eine kluge Frau wie Elsa das mit sich machen lässt. Sie kennt Uli nicht und hat ihr gegenüber demnach keinerlei Verpflichtung.

Was mich verwundert hat, ist die Tatsache, dass die beiden Frauen im Grunde nie über sich sprechen, sie reden nicht über das davor – also vor dem Krieg oder bevor sie sich kennen lernten. Man hat an keiner Stelle den Eindruck, dass die eine an der anderen wirklich interessiert ist. Vielmehr ist es so, dass Elsa ein Geheimnis hat, in das sie Uli recht früh einweiht und spätestens nach dessen Offenbarung beginnt Uli von Elsa zu fordern. Eigentlich tat sie das von der ersten Minute ihres Zusammentreffens an, aber danach wurde es prägnant. Das ist etwas, das mich an Uli oft gestört hat: sie braucht Elsas Hilfe, aber sie fordert sie ein, als stünde ihr die Hilfe aus irgendeinem Grunde zu. Dabei macht sie auch nicht Halt vor Elsas Geld. Ihre Wortwahl hat bisweilen sogar den Touch von Erpressung. Im Gegenzug kann sie nichts bieten – und bedanken tut sie sich auch nicht. Sie nimmt! Das kann Uli sehr gut.

Elsa dagegen gibt. Man hat sogar das Gefühl, dass sie ein schlechtes Gewissen hätte, wenn sie es nicht täte. Sie macht so vieles möglich, sagt aber auch, dass sie z.B. keine Diebin werden will. Sie bemerkt also schon, dass nicht alles, was Uli tut, ehrenhaft ist. Bei sich denkt Elsa auch hin und wieder, dass sie Uli und Hansi loswerden will und schämt sich ein bisschen für diese Gedanken. Dabei kann ich das nur allzu gut verstehen.

Meine Sympathie für Uli schwankte im Verlauf der Geschichte sehr. Oftmals mochte ich sie einfach nicht, dann wieder tat sie Dinge, die ich verstehen konnte und die ihr meine Sympathie einbrachten. Sie ist ein Mensch, der unberechenbar ist und den man nicht gern in seinem Umfeld haben möchte. Elsa mit ihrer ruhigen Art war mir durchweg sympathisch, selbst wenn sie zur Lösung ihres Problems auch hin und wieder nicht ganz so saubere Mittel nutzte.

Historischer Aspekt:
Dieser findet für meine Begriffe in diesem Buch nicht wirklich eine Bedeutung. Wäre im Klappentext nicht die Jahreszahl 1949 erwähnt worden, wüsste der Leser nicht in welcher Zeit er sich bewegt. Auch dass im Klappentext die Stadt Hamburg erwähnt wird (und damit mein Interesse geweckt hat), tut im Buch nichts weiter zu Sache. Die Geschichte hätte auch mit jeder anderen Stadt im Klappentext funktioniert. Überhaupt fehlen mir die historischen Aspekte. Der Krieg wird erwähnt und die damit einhergehende Armut der Menschen in der Nachkriegszeit, aber weder erzählt Hansi von seinen Erfahrungen an der Front, noch erfährt man von den beiden Frauen etwas, das mit den historischen Ereignissen zu tun hätte. Einige persönliche Erfahrungen werden offenbart, aber diese sind eher unabhängig von der Zeit, in der der Roman spielt. Anhand des Klappentextes hatte ich erwartet, dass die beiden Frauen sich gemeinsam auf die Suche nach Hansis Vergangenheit machen und Stück für Stück seine letzten Jahre an der Front rekapitulieren.

Was mir fehlt:
Am meisten fehlt mir der Inhalt der Briefe. Sie sind der Auslöser für den Titel, sie sind Ulis Hoffnung, sie sind eigentlich der Schlüssel für diese Geschichte. Und dennoch wird nicht eine Zeile dieser Briefe auch nur erwähnt. Einzig, dass Elsa über Schweine und Kühe geschrieben haben soll und dass jeder Brief exakt 2 Seiten lang war, erfährt der Leser. Mehr aber nicht. Aus dem Klappentext weiß man, dass der Briefwechsel über mehrere Jahre gelaufen sein soll. Hat Elsa also wirklich über eine so lange Zeit nur von Schweinen und Kühen berichtet, mit denen sie augenscheinlich noch nicht einmal etwas zu tun hatte?

Darüber hinaus fehlt es mir an Zwischenmenschlichkeit. Die Charaktere sind relativ sachlich beschrieben. Jeder hat so seine Probleme, aber wirkliche Emotionen konnten die Figuren in mir nur ganz am Ende auslösen. Am Ende nämlich hat Uli eine für mich völlig unerwartete Entscheidung getroffen und alles dafür getan, dass es dazu auch kommt. Zwar waren auch hier ihre Mittel für meine Begriffe wieder etwas überzogen, aber sie hat entgegen ihres eigentlichen Wesens uneigennützig gehandelt und das hat mich dann doch sehr berührt.

Erst am Ende der Geschichte (also tatsächlich auf den letzten Seiten) scheinen sich die beiden Frauen menschlich anzunähern. Das jedoch sehr sachte. Sie kennen sich eigentlich nicht viel besser als am Anfang und das stört mich. Im Grunde hat sich die zwischenmenschliche Beziehung der beiden nicht oder nur sehr wenig entwickelt.

Es wurden auch andere Aspekte, die offenbar nicht unwichtig waren, weil sie öfter erwähnt wurden, am Ende nicht aufgeklärt. Dazu gehören Ulis innere Pferde. Man kann nur erahnen, was es mit denen auf sich hat. Und auch andere Aspekte, die sich vielleicht aus der deutschen Geschichte ergeben, werden angedeutet, aber nicht ausgesprochen oder ein Gefühl bei Uli beschrieben. So bleibt dies der Interpretation des Lesers überlassen.

Schreibstil:
Den Schreibstil der Autorin finde ich leicht zu lesen. Sie erzählt eine schnörkellose Geschichte in einer ebenso schnörkel- aber leider auch emotionslosen Art. Ich mag das Schnörkellose, weil ich mich dann auf die Geschichte konzentrieren kann, aber ohne Emotionen ist es schwierig sich von einer Geschichte mitreißen zu lassen. Was meinen Lesefluss im letzten Drittel des Buches aber sehr gestört hat, sind Logikfehler. Es wurden öfter Namen vertauscht, sodass man Sätze mehrfach lesen musste, um ihren Inhalt zu erfassen.

Fazit:
Das Buch hat mich nicht unbedingt enttäuscht, aber es hat eine andere Geschichte erzählt, als ich erwartet hatte. Wer einen typischen historischen Roman erwartet, der sollte hier nicht zugreifen. Wer eine Geschichte zweier Frauen lesen möchte, die sehr eigenwillig miteinander agieren, der könnte an diesem Buch Freude haben. 2 von 5 Sternen

Veröffentlicht am 03.10.2019

Kurzgeschichten zum Lachen und Nachdenken

Der Dreiundvierzigjährige, der aus der Haustür trat und spazieren ging
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Ich habe das Büchlein im Zuge einer Leserunde gelesen, wofür ich mich beim Autor bedanke. Es handelt sich hierbei um eine Sammlung längerer und kürzerer Geschichten, über die man lachen und bisweilen auch ...

Ich habe das Büchlein im Zuge einer Leserunde gelesen, wofür ich mich beim Autor bedanke. Es handelt sich hierbei um eine Sammlung längerer und kürzerer Geschichten, über die man lachen und bisweilen auch nachdenken kann.

Jens Rohrer nimmt sich in seinen Geschichten zumeist das eigene Leben vor und schreibt sie in der ICH-Form. Während seiner Erzählungen überzieht er Situationen teilweise bis ins Groteske, was bei mir zu einigen lauten Lachern geführt hat. Bisweilen allerdings auch zu absolutem Unverständnis. Mir war bei mancher Geschichte nicht klar, was genau der Autor mir damit mitteilen wollte. Allerdings sehe ich es – ganz wie im wahren Leben – so, dass dies sicherlich auch Geschmackssache ist und von jedem Leser individuell eingestuft werden muss.

Besonders gefielen mir die Geschichten, die Alltagssituationen beleuchtet haben, denn hier fand ich mich selbst auch wieder und konnte seinen Beobachtungen nur allzu oft zustimmen und über sie lachen.
Auf der anderen Seite gibt es aber auch Geschichten, die mich nachdenklich zurück ließen. Hierzu zählen definitiv „2030“ und „Die neue RTL-Show“. Beides sind Geschichten, die eher kritischer Natur sind und mir gut gefallen haben. Sie regen den Leser an etwas länger zu verweilen, bevor er die nächste Geschichte beginnt. „2030“ habe ich sogar zweimal gelesen.

Jens Rohrers Schreibstil lässt sich leicht lesen, manchmal aber gibt es in den Geschichten irgendwie ein Durcheinander der Gedanken und lässt die Frage zurück „Und was wollte mir der Dichter damit sagen?“. Humor ist immer individuell, insofern werden unterschiedliche Leser über verschiedene Geschichten lachen (oder auch nachdenken) können. Ein bisschen ist es wie bei den Comedians... Nicht jeder Witz gelingt, nicht jeder Hieb kommt an.

Fazit:
Es handelt sich bei diesem Buch um eine kurzweilige Sammlung von Geschichten, bei denen nicht jede einen Treffer landen kann. Dies mag auch durch die wirklich vielfältigen Themen bedingt sein. Ob dem Leser die Geschichten gefallen oder nicht, wird sicher auch am eigenen Humor liegen. Mir gefielen die Alltagsgeschichten besonders gut, weil der Autor treffsicher beschreibt, was er beobachtet hat. 3 von 5 Sternen.

Veröffentlicht am 03.10.2019

Ein Japaner ermittelt in Deutschland

Inspektor Takeda und die Toten von Altona
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Das Buch:
Mir gefällt das Bild auf dem Cover sehr gut. Wer nicht aus Hamburg kommt, kennt aber vermutlich trotzdem die Speicherstadt. Somit ist sofort klar, wo Inspektor Takeda ermittelt. Es handelt sich ...

Das Buch:
Mir gefällt das Bild auf dem Cover sehr gut. Wer nicht aus Hamburg kommt, kennt aber vermutlich trotzdem die Speicherstadt. Somit ist sofort klar, wo Inspektor Takeda ermittelt. Es handelt sich hierbei um den ersten Teil um das Ermittlerduo Kenjiro Takeda und Claudia Harms.

Worum geht’s?
Ken Takeda ist eigentlich Ermittler bei der Tokioter Polizei. Er genießt einen sehr guten Ruf, hat aber persönliche Probleme. Er nutzt ein Programm zwischen Japan und Deutschland um für 2 Jahre bei der deutschen Polizei zu ermitteln. Claudia Harms, die einzige weibliche Ermittlerin bei der Hamburger Mordkommission, bekommt den Auftrag ihn in die deutsche Polizeiarbeit einzuführen. Darüber ist sie zunächst alles andere als begeistert, da sie befürchtet nun keine wirklichen Fälle mehr übertragen zu bekommen. Sehr schnell bemerkt sie jedoch, dass in Ken viel mehr steckt, als sie anfänglich vermutet hatte und der Fall entwickelt sich zu deutlich mehr als einem Doppelselbstmord der Eheleute Haubach.

Charaktere:
Henrik Siebold hat in diesem ersten Teil zwei unverwechselbare Charaktere gezeichnet, die viele Gemeinsamkeiten aber auch deutliche Unterschiede aufweisen.
Sowohl Claudia Harms als auch Ken Takeda sind in ihrer Einzigartigkeit zu jeder Zeit glaubwürdig. Im Verlauf des Buches lernt der Leser beide Ermittler immer besser kennen. Aber der Autor versteht es „nicht alles auf einmal zu erzählen“ und überlässt dem Leser so die Möglichkeit zu eigenen Spekulationen.

Claudia Harms ist für mich die typische Hamburgerin – gerade heraus, manchmal etwas zu laut und ungeduldig, aber herzlich. Sie hat sich in jungen Jahren ihrem Vater widersetzt und ist ihren eigenen Weg gegangen. Hier ist Ken Takeda das absolute Gegenteil – ruhig und besonnen, auf japanische Art zurückhaltend. Auf mich wirkt er sehr vornehm – sowohl in seinem Auftreten als auch in seiner Ausdrucksweise. Darüber hinaus hat er sich dem Willen seiner Eltern, speziell seines Vaters, auf traditionelle Art gebeugt.

Ken Takeda spricht fließend Deutsch, weshalb es keine Verständigungsschwierigkeiten gibt. Allerdings wiederholt er Gehörtes oft, was der Autor in den Text einfließen lässt. Etwas, das mir ausgesprochen gut gefallen hat und mich zum Schmunzeln brachte. Und er sammelt besonders lange, deutsche Wörter – ebenfalls eine Eigenschaft, die mir Ken Takeda überaus sympathisch macht. Claudia Harms übt sich in kurzen Sequenzen im Japanischen, was ihren Respekt ihrem Kollegen gegenüber ausdrückt – insbesondere als sie sich entschuldigen will. Das lässt sie noch einmal etwas liebenswürdiger erscheinen, als sie ohnehin schon ist.

Eine Eigenschaft von Ken Takeda gefällt mir ganz besonders gut. Er ist Whisky-Trinker und in diesem Zusammenhang musste ich über die folgende Erkenntnis lachen: „… einem sehr japanischen Getränk, bei dem guter Whisky soweit mit Wasser verdünnt wird, bis er wie Tee aussah … Man konnte nur hoffen, dass die schottischen Destillen nie von dieser Unsitte erfuhren, sie würden den Export nach Japan … augenblicklich einstellen.“ (Zitat, S. 285) Das ist Humor, wie er in diesem Buch öfter geschrieben steht.

Auch alle anderen Figuren passen hervorragend in die Geschichte. Durch die Befragungen der Ermittler erfährt der Leser mehr und mehr über das, was vor dem Fund der Toten passierte. Einige Charaktere sind dabei sofort sympathisch, andere suspekt und wieder andere kann man von Anfang an einfach nicht leiden. Es ist als hätte der Autor ganz reale Situationen beobachtet und aufgeschrieben.

Setting:
Ich liebe Hamburg! Ich wohne hier und habe die Veränderung – auch in Altona – ebenfalls gesehen und erlebt. Henrik Siebold ist es glänzend gelungen, über eben diese Veränderungen im Stadtbild, in der Zusammensetzung der Einwohner und die Interaktionen miteinander zu erzählen. Dabei bleibt er völlig wertfrei. Es sind Beobachtungen und der Leser kann sich seine eigene Meinung bilden. Hin und wieder habe ich gedacht, ja… das stimmt, das sehe ich genauso.

Gleichzeitig erzählt der Autor – der selbst in Japan gelebt und gearbeitet hat – über eben dieses Land. Diese Sequenzen sind nie vordergründig oder zu ausführlich. Vielmehr verpackt er sie in Kens Erinnerungen oder wenn er Claudia etwas erzählt. Und das tut er glaubwürdig. Ich kenne Japan nicht, aber auf mich machen diese „Ausflüge“ einen sehr authentischen Eindruck. Er erzählt über Traditionen, über die Menschen dort, über Kens Jugend und darüber, wie sich Japan entwickelt hat. Dies alles gekonnt verpackt in einer Hamburger Geschichte.

Sozialbetrachtung:
Mir gefällt es sehr, wie Henrik Siebold es schafft, sowohl die Freund- als auch die Feindschaft zwischen Deutschen und Migranten darzustellen, ohne in der einen oder anderen Ecke zu landen. Es ist ein politischer Fall, da bleibt es nicht aus, dass sich Autor und Leser mit der politischen Meinung der unterschiedlichen Charaktere befassen müssen. Ganz wunderbar wird die Entwicklung der einzelnen Figuren und ihrer Beziehungen zueinander erzählt – aber auch hier ist diese Entwicklung wieder nicht im Vordergrund. Darüber hinaus berichtet der Autor auch – wenn auch nur am Rande – über sehr reale Personen und Fälle in Hamburg wie z.B. Ronald Schill und den Ehrenmord an Morsal Obeidi. Mir gefiel diese Verflechtung von Fiktion und einigen realen Fakten sehr gut.
Ein Satz hat mir in Bezug auf den Wandel des Landes ganz besonders gut gefallen. Ausgesprochen wurde er von Inspektor Takeda: „Deutschland ist nicht mehr so deutsch, wie ich es in Erinnerung hatte. Wie alle glauben, dass es ist.“ (Zitat S. 246)

Schreibstil / Dialoge:
Der Schreibstil von Henrik Siebold ist toll. Man kann in die Geschichte eintauchen und sich von ihr mitreißen lassen. Es gibt keine komplizierten Satzbauten – nur manchmal schwierige Worte aus dem Japanischen, aber das gehört in diesem Fall einfach dazu. Die Dialoge sind lebendig und klingen authentisch. Ich musste immer wieder lachen, wenn Ken feststellte, wie sehr die Deutschen jammern.
Immer wieder positiv aufgefallen ist mir, dass typisch hamburgische Redewendungen oder Worte erklärt werden z.B. was es mit den „Pfeffersäcken“ auf sich hat und dass „Hamburg die schönste Stadt“ der Welt sei. Man fühlt sich in der Geschichte als Hamburger ganz einfach zu Hause.

Fazit:
Dieses Buch ist eine wunderbare Mischung aus Kriminalfall, Sozialstudie und der Unterschiedlichkeit der deutschen und japanischen Kultur. Wer den stillen, wenig blutrünstigen Krimi mag, einen Fall, der wohl konstruiert ist ohne konstruiert zu wirken, der wird dieses Buch lieben. 5 von 5 Sternen.

Veröffentlicht am 30.09.2019

Öffne niemals – niemals hörst Du? – die dritte Schublade von rechts!

Waldo Wunders fantastischer Spielzeugladen
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Das Buch:
Allein der Klappentext des Buches macht neugierig – unterstützt er doch meine ganz eigene Vermutung aus Kindertagen. Dazu das Cover, welches – wenn man das Buch gelesen hat – den Inhalt wirklich ...

Das Buch:
Allein der Klappentext des Buches macht neugierig – unterstützt er doch meine ganz eigene Vermutung aus Kindertagen. Dazu das Cover, welches – wenn man das Buch gelesen hat – den Inhalt wirklich gelungen zum Ausdruck bringt. Im Buchladen hätte ich hier mit Sicherheit genauer hingesehen. Dadurch dass es sich um ein Hardcover handelt, wird das Buch auch häufiges in die Hand nehmen überstehen. Ich gewann das Buch in einer Leserunde und bedanke mich dafür beim Verlag und für die tollen Lesestunden.

Worum geht’s?
Der 11jährige Lenni soll auf den Spielzeugladen von Waldo Wunder aufpassen, weil dieser sehr plötzlich und auf unbestimmte Zeit verreisen muss. Warum erklärt er Lenni nicht, auch nicht worauf es im Laden ankommt. Das Einzige, was er Lenni sagt, ist, dass dieser niemals – wirklich niemals – die 3. Schublade von rechts im Ladentisch öffnen dürfe. Er übergibt Lenni den goldenen Schlüssel zu seinem Laden und ist verschwunden. Bald passieren reichlich seltsame Dinge dort im Spielzeugladen und Lenni ist mitten drin in einem Abenteuer. Am Ende muss er gemeinsam mit seiner Freundin Merle sogar den Spielzeugladen retten.

Charaktere:
Lenni ist ein sehr selbstständiger und tougher Junge. Seine Mutter muss für sie beiden den Lebensunterhalt im Krankenhaus verdienen und deshalb bleibt Lenni oft allein zu Haus. Mich hat diese Figur sehr beeindruckt, da – gerade in der heutigen Zeit – wohl nicht viele Kinder so viel Zeit allein zu Hause blieben und das noch nicht einmal schlimm fänden. Lenni ist sympathisch und Waldo Wunder aus dem Spielzeugladen scheint mehr in ihm zu sehen, als Lenni selbst. Auch seine Freundin Merle ist ein bemerkenswertes Mädchen. Beide Kinder sind für ihr Alter überaus verantwortungsbewusst. Merle führt die Hunde aus dem Tierheim spazieren und Lenni übernimmt ohne zu Zögern die Fürsorge für Waldo Wunders fantastischen Spielzeugladen. Und das nicht nur für einen Tag sondern für längere Zeit. Der Leser – sowohl der junge als auch der ältere – müssen diese beiden Figuren mögen, man kann sich dem gar nicht entziehen.

Mein heimlicher Favorit ist allerdings Sir Richard – ein dickes Buch in dunkelblauem Einband. Es hat Charaktereigenschaften, die man einem Sir wohl durchaus zuschreiben könnte: gebildet, etwas eitel (Zitat „Ich bin nicht dick, ich enthalte viel Wissen“) aber auf alle Fälle absolut hilfsbereit. Ich liebe diesen Charakter und ohne ihn würde diesem Buch etwas fehlen. Er brachte mich zum Lachen und Lenni manchmal zur Verzweiflung. Seine Aussagen sind so toll, dass man sich die herzliche Eitelkeit wirklich vorstellen kann.

Und dann ist da noch Mercurius – der stolze Elfenkrieger, welcher zunächst eine recht kleine Rolle spielt, am Ende des Buches aber echte Heldentaten vollbringt und ohne den Lenni und Merle den Spielzeugladen nicht retten könnten. Auch er ist wunderbar geschrieben, sodass man ihn sich vor seinem inneren Auge gut vorstellen kann.

Natürlich haben die beiden auch einen Gegenspieler – Nick-Noel. Ein gemeiner Junge im gleichen Alter, der Merle und Lenni das Leben zumindest kurzzeitig schwer macht. Mein Sohn sagte nur: „Wieso kann der nicht einfach weg gehen?“
Lenni und Merle haben jedoch eine Idee, wie sie ihn sich vom Leib halten können. Ob das die beste war?

Alle Charaktere sind wunderbar geschrieben, sie passen in diese Geschichte und wirken auf mich authentisch. Natürlich muss ein Held auch einen Feind haben. Das ist hier großartig gelungen. Merle und Lenni sind intelligente Kinder, sodass es eine Freude ist, mit ihnen gemeinsam die Geheimnisse um den Spielzeugladen heraus zu finden.

Schreibstil & Sprachklang:
Der Schreibstil ist für die Altersgruppe perfekt! Die Sätze sind kurz und es gibt nicht allzu viele schwierige Wörter, die man in diesem Alter noch erklären müsste. Das Tempo der Geschichte ist super. Es gibt keine Seiten, auf denen nichts passiert, sondern es geht immer voran. Darüber hinaus sind immer wieder Fragen eingebaut, die Lennis Denkvorgänge erklären oder den Spannungsbogen heben. Das magische Gefühl, welches Lenni im Laden hat, hat der Leser auch. Während ich vorlas haben mein Sohn und mein Mann gebannt inne gehalten und zugehört.

Die Dialoge zwischen den einzelnen Charakteren passen zu denen der Kinder von heute. Sie sind mit Witz und viel Liebe geschrieben und lassen die Geschichte einfach lebendig werden. Es ist überhaupt nicht schwer sich vorzustellen, wie Merle und Lenni mit Sir Richard und Mercurius sprechen. Ebenso wenn Lenni mit seiner Mutter spricht, sind das durchaus authentische Dialoge, die mir bekannt vorkommen.

Illustrationen:
Es gibt nicht auf jeder Seite Illustrationen. Das gefällt mir, weil ich denke, dass es der Zielgruppe angemessen ist. Aber die, die es gibt, sind liebevoll und detailreich gezeichnet. Sie passen in die Geschichte hinein und unterstützen die Vorstellung des Lesers ganz ausgezeichnet. Es lohnt sich etwas genauer hinzusehen.
Ganz toll fand ich die Idee mit den beiden schwarzen Seiten. Das ist mal etwas anderes… wenn man schon in der Nacht im Spielzeugladen ist.

Eignung für Kinder:
Das Buch ist für Kinder super geeignet. Die beiden Helden nehmen den Leser mit auf ihre Reise durch die fantastische Wunderwelt der Spielzeuge und überzeugen dabei mit ihren Fähigkeiten. Da sie aus meiner Sicht etwas selbstständiger und etwas verantwortungsbewusster als die meisten Kinder von heute sind, kann der kleine Leser zu ihnen aufschauen – das gefällt mir gut! Sie sind echte Vorbilder, ohne dass dies mit dem erhobenen Zeigefinger vermittelt werden würde.
Es gibt nichts, wovor sich das lesende Kind fürchten müsste. Mein Sohn sagte zu mir: „Eine so spannende Geschichte kann man auch mehrmals lesen.“ – und damit hat er Recht.

Fazit:
Eine großartige Geschichte zum Vor- und selberlesen, zum Lachen und Mitfiebern, eine Geschichte voller Spannung, kleiner und größerer Wunder, eine Geschichte über Freundschaft und Verantwortung, eine Geschichte, die nicht unbedingt vorhersehbar ist, eine Geschichte, die man gelesen haben muss. Von mir gibt es eine klare Leseempfehlung und 5 von 5 Sternen.