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Veröffentlicht am 16.08.2025

Was passiert, wenn eine Frau sich eine Auszeit vom Patriarchat nimmt?

Urlaub vom Patriarchat
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Anfangs dachte ich, „Urlaub vom Patriarchat“ wird so eine Mischung aus Feminismus und Abenteuer, irgendwo zwischen Empowerment und exotischen Schauplätzen. Aber es ist mehr ein Versuch, sich selbst neu ...

Anfangs dachte ich, „Urlaub vom Patriarchat“ wird so eine Mischung aus Feminismus und Abenteuer, irgendwo zwischen Empowerment und exotischen Schauplätzen. Aber es ist mehr ein Versuch, sich selbst neu zu entdecken und zu hinterfragen, wie frau in der westlichen Welt so lebt, was da alles an Erwartungen und Rollenzuschreibungen mitkommt und was passiert, wenn du für eine Weile komplett rausgehst.

Oertel reist nach Juchitán in Mexiko, eine Stadt, die hierzulande gern als eines der letzten Matriarchate bezeichnet wird. Hier geben Frauen den Ton an und das alles ist dort einfach ganz normal. Das klingt irgendwie wie das perfekte feministischen Utopia, aber ist es wirklich das? Und kann man von einem so anderen Ort wirklich Antworten auf die eigenen Fragen zu Identität, Geschlecht und gesellschaftlicher Rolle finden?

Das Buch ist kein trockener Reisebericht, sondern eine Mischung aus Beobachtungen und Reflexionen, bei denen die Autorin nie als Voyeurin rüberkommt. Sie beschreibt ihre eigenen Unsicherheiten und lässt auch ihre eigenen Projektionen nicht aus. Da wird nichts romantisiert.

Was mir persönlich gefallen hat, ist, dass Oertel nie mit erhobenem Finger kommt. Es ist keine „so müsste es eigentlich sein“-Abrechnung, sondern eine Einladung, die eigenen Vorstellungen von „normal“ zu hinterfragen. Sie schreibt ohne Schnörkel, scharf beobachtend und dabei immer mit einer gewissen Wärme. Es geht nicht um fertige Antworten, sondern darum, den eigenen Blick auf die Welt ein Stück zu verschieben.

Wenn du Bock auf einen frischen, persönlichen Blick auf Themen wie Geschlechterrollen und gesellschaftliche Normen hast, ohne gleich in eine trockene Theorieabhandlung abzutauchen, dann ist das hier dein Buch. Viel zum Nachdenken und vielleicht auch ein Anlass, mal zu überlegen, was man von der eigenen Lebenswelt vielleicht anders sehen könnte.

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Veröffentlicht am 16.08.2025

sad girl energy in Rom

Teddy
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Normalerweise hätte ich dieses Buch in einer Buchhandlung nicht in die Hand genommen. Das Cover hat mich ästhetisch null abgeholt. Es sieht einfach aus wie etwas, das mich nicht interessiert. Aber guess ...

Normalerweise hätte ich dieses Buch in einer Buchhandlung nicht in die Hand genommen. Das Cover hat mich ästhetisch null abgeholt. Es sieht einfach aus wie etwas, das mich nicht interessiert. Aber guess what? Ich lag falsch. Und zwar komplett.

Teddy spielt in Rom - 1969. Die Stadt ist hier nicht nur hübsche Kulisse mit Gelato-Vibe, sondern ein kompletter Spiegel der Hauptfigur: messy, überästhetisiert, irgendwie gefährlich. Teddy selbst ist Texanerin, early 30s, heiratet einen Diplomaten schneller als du „red flag“ sagen kannst und landet in einer Welt, die viel zu viel von allem ist: zu politisch, zu kontrolliert, zu designed.

Teddy als Figur? Not your bestie, aber du willst unbedingt wissen, was sie als Nächstes macht. Sie erzählt viel, aber ehrlich? Man weiß nie, ob’s wirklich so war oder ob sie sich selbst gerade live manipuliert. Man liest und denkt dauernd: Girl, are you okay? (Spoiler: Nope.)

Die Struktur des Romans ist nicht linear. Teddy wird an ihrem Geburtstag verhört, und von da aus wird die Geschichte aufgerollt, in Rückblenden, Gedanken, fragmentierten Erinnerungen. Es funktioniert. Ich war irgendwann weniger daran interessiert, was genau passiert ist und mehr daran, wie sie selbst versucht, es zu erzählen.

Und Rom… ja, Rom ist hier mehr als hübscher Stein. Es ist ein Charakter. Genau wie Teddy: schön, voll Geschichte, aber irgendwo unter der Oberfläche brennt alles.

Der Roman versucht nicht, sie zu erklären. Er guckt einfach nur zu, wie sie ganz langsam auseinanderfällt.

Fazit: Ich bin reingegangen mit null Erwartungen und rausgekommen mit diesem Gefühl von „keine Ahnung, was das war, aber es hat gesessen.“ Teddy ist kein Wohlfühlbuch. Es ist mehr so: „watch me spiral, but make it cinematic.“

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Veröffentlicht am 16.08.2025

Kein Buch für Zwischendurch

Treppe aus Papier
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Uffipuff. Dieses Buch hat mich komplett auseinandergenommen (und das ist keine Floskel).

“Treppe aus Papier" ist definitiv nichts, was man mal eben nebenbei wegschmökert. Es verlangt Aufmerksamkeit und ...

Uffipuff. Dieses Buch hat mich komplett auseinandergenommen (und das ist keine Floskel).

“Treppe aus Papier" ist definitiv nichts, was man mal eben nebenbei wegschmökert. Es verlangt Aufmerksamkeit und Konzentration. Im Mittelpunkt steht ein Haus, das selbst erzählt, was es über ein Jahrhundert hinweg erlebt hat. Zwei Menschen begegnen sich darin: die 90-jährige Irma, die mit ihrer Familie einst hier lebte, und die Schülerin Nele, die heute oben wohnt, in der Wohnung der Familie Sternheim, deren Geschichte eng mit Irmas Vergangenheit verknüpft ist.

Erzählt wird aus der Perspektive eines Hauses. Ja, wirklich, das Haus spricht und es erinnert sich an die Menschen, die darin gelebt haben, geliebt, gestritten, gestorben sind. An die Stimmen, Gerüche, Gefühle, die in den Wänden hängen geblieben sind. Mich hat das total fasziniert, weil ich mir das auch ständig denke: Wer hat hier wohl vor mir gewohnt? Wie sah dieser Raum vor hundert Jahren aus? Wer hat auf diesen Dielenboden geweint, gelacht, gehofft?

Die Sprache ist durch und durch poetisch. Viele altmodische Wörter, Formulierungen, die man heute kaum noch hört. Henrik Szántó hat einen Ton getroffen, der gleichzeitig nostalgisch, verletzlich und wahnsinnig präzise ist. Wirklich nichts wirkt zufällig, alles ist sorgfältig gesetzt.

Der Aufbau des Romans ist zudem auch ungewöhnlich, es wird viel in der Zeit gesprungen, was den Lesefluss verlangsamt hat. Vergangenheit und Gegenwart liegen oft übereinander, alles passiert irgendwie gleichzeitig. Ich musste mich konzentrieren, hatte aber nie das Gefühl, dass es unnötig kompliziert wäre. Eher so, als würde man sich durch Erinnerungen tasten, durch Räume gehen, die nicht linear gebaut sind.

Fazit: Ein intensives Buch über Erinnerung, Verlust, Zeit und darüber, was bleibt, wenn Menschen gehen, aber Orte bleiben.

Kein Buch für Zwischendurch, sondern eins, das bleibt.

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Veröffentlicht am 16.08.2025

Too smart to feel, too vague to hit

Standing Ovations
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Sophie ist Redakteurin, Mutter eines Kleinkindes und für ein paar Wochen mit ihrem Kollegen Alex beim Edinburgh Fringe Festival untergebracht. Was harmlos klingt, wird schnell unangenehm. Alex ist nicht ...

Sophie ist Redakteurin, Mutter eines Kleinkindes und für ein paar Wochen mit ihrem Kollegen Alex beim Edinburgh Fringe Festival untergebracht. Was harmlos klingt, wird schnell unangenehm. Alex ist nicht einfach nur anstrengend, sondern ein Paradebeispiel für narzisstische, selbstgerechte Männlichkeit. Als nach und nach Geschichten über sein Verhalten gegenüber Frauen auftauchen, steht Sophie nicht nur beruflich, sondern auch moralisch unter Druck. Gleichzeitig hadert sie mit der Frage, was Kritik eigentlich leisten soll und wo sie selbst in diesem ganzen Spiel aus Kunst, Meinung und Verantwortung steht.

Das alles klingt nach einem starken Roman über Macht, Genderrollen und moralische Grauzonen. Und stellenweise ist es das auch. Runcie hat ein gutes Gespür für die Zwischenräume, für dieses Unausgesprochene. Besonders interessant wird es, wenn Sophie über ihren Beruf nachdenkt. Was mache ich da eigentlich, wenn ich andere verreiße, um mich selbst zu profilieren? Wie schreibt man über Kunst, die gut gemeint, aber schlecht gemacht ist? Wie ehrlich darf Kritik sein, wenn sie Karrieren zerstören kann?

Aber dazwischen zieht es sich. Sophie bleibt über weite Strecken erstaunlich passiv. Man hat das Gefühl, sie schaut ihre eigene Geschichte beim Abspielen zu, statt wirklich aktiv zu sein. Ihre Loyalität gegenüber Männern, die sie weder respektieren noch ernst nehmen, wird zwar angedeutet, aber kaum konsequent hinterfragt. Statt klarer innerer Konflikte gibt es oft nur ein diffuses Unbehagen. Und das Finale, ohne zu spoilern, ist so vage und spannungslos, dass es sich eher wie ein Ausweichen anfühlt als wie ein erzählerischer Schlusspunkt.

Alex ist als Figur zentral und überzeugend gezeichnet. Er ist kein reflektierter Bösewicht, sondern dieser real existierende Typ Mann, der sich für hält, aber ständig über andere hinweggeht. Das Buch zeigt, wie Misogynie funktioniert, gerade in Kreisen, die sich für besonders aufgeklärt halten (Redaktionen zum Beispiel). Gleichzeitig bleibt das Buch oft zu zahm. Vieles wird angerissen, aber selten wirklich durchdacht oder zu Ende geführt.

Unterm Strich hat “Standing Ovations“ viele gute Ansätze, spannende Fragen und kluge Beobachtungen. Aber der Text verzettelt sich. Es ist kein schlechtes Buch, aber auch keines, das lange nachhallt. Eher ein interessanter Entwurf als ein wirklich fertiges Werk.

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Veröffentlicht am 16.08.2025

Oh mein Gott, was war das denn bitte?

Die Probe
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„Die Probe“ klingt nach allem, was ich liebe: klug, sprachlich stark, viele interessante Gedanken über Kunst, Identität und Wahrnehmung. Katie Kitamura hat definitiv einen Blick für Details, die gleichzeitig ...

„Die Probe“ klingt nach allem, was ich liebe: klug, sprachlich stark, viele interessante Gedanken über Kunst, Identität und Wahrnehmung. Katie Kitamura hat definitiv einen Blick für Details, die gleichzeitig auf der Handlungsebene und auf einer Metaebene funktionieren.

Im Zentrum steht eine gefeierte Schauspielerin, die mitten in den Proben für eine Premiere steckt. Bei einem Mittagessen in Manhattan trifft sie auf Xavier, einen jungen Mann, der eine verstörende Behauptung aufstellt und damit eine Kette von Ereignissen auslöst, die ihre Realität ins Wanken bringt.

Am Anfang war ich auch wirklich drin. Ich mochte, wie beiläufig Themen wie kulturelle Rollenbilder, Zugehörigkeit oder das Selbstverständnis als Künstlerin auftauchen. Manche Sätze waren so großartig formuliert, dass ich sie zweimal lesen musste. Man merkt, dass Kitamura Atmosphäre kann und dass jedes Wort sitzt.

Aber irgendwann war ich raus. Mir fehlte durchgehend ein roter Faden, etwas, das mich durch den Text zieht. Stattdessen blieb alles bewusst offen, Szenen endeten einfach, vieles wurde nicht aufgelöst. Das kann man literarisch spannend finden, mich hat es eher müde gemacht.

Der Roman will, dass man sich in den Lücken bewegt, Bedeutungen zusammensetzt, Symbole deutet. Für mich fühlte es sich irgendwann an wie ein Kunstfilm, der mehr über das Zuschauen erzählt als über das, was man sieht. Wer auf abstrakte, meta-orientierte Literatur steht, wird das vermutlich feiern. Ich hatte eher das Gefühl, ich arbeite mich an etwas ab, das mir am Ende nicht genug zurückgibt.

Wäre das Buch doppelt so lang gewesen, hätte ich wahrscheinlich abgebrochen. Dass ich es zu Ende gelesen habe, lag an der Kürze und daran, dass die Sprache selbst dann interessant bleibt, wenn mich die Handlung nicht mehr mitnimmt.

Mein Fazit: Sprachlich stark, konzeptionell spannend, aber für mich zu offen, zu abstrakt und zu wenig greifbar. Für Fans von experimenteller Literatur sicher ein Highlight, für mich am Ende eher anstrengend als bereichernd.

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