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Veröffentlicht am 16.08.2025

Kein Buch für Zwischendurch

Treppe aus Papier
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Uffipuff. Dieses Buch hat mich komplett auseinandergenommen (und das ist keine Floskel).

“Treppe aus Papier" ist definitiv nichts, was man mal eben nebenbei wegschmökert. Es verlangt Aufmerksamkeit und ...

Uffipuff. Dieses Buch hat mich komplett auseinandergenommen (und das ist keine Floskel).

“Treppe aus Papier" ist definitiv nichts, was man mal eben nebenbei wegschmökert. Es verlangt Aufmerksamkeit und Konzentration. Im Mittelpunkt steht ein Haus, das selbst erzählt, was es über ein Jahrhundert hinweg erlebt hat. Zwei Menschen begegnen sich darin: die 90-jährige Irma, die mit ihrer Familie einst hier lebte, und die Schülerin Nele, die heute oben wohnt, in der Wohnung der Familie Sternheim, deren Geschichte eng mit Irmas Vergangenheit verknüpft ist.

Erzählt wird aus der Perspektive eines Hauses. Ja, wirklich, das Haus spricht und es erinnert sich an die Menschen, die darin gelebt haben, geliebt, gestritten, gestorben sind. An die Stimmen, Gerüche, Gefühle, die in den Wänden hängen geblieben sind. Mich hat das total fasziniert, weil ich mir das auch ständig denke: Wer hat hier wohl vor mir gewohnt? Wie sah dieser Raum vor hundert Jahren aus? Wer hat auf diesen Dielenboden geweint, gelacht, gehofft?

Die Sprache ist durch und durch poetisch. Viele altmodische Wörter, Formulierungen, die man heute kaum noch hört. Henrik Szántó hat einen Ton getroffen, der gleichzeitig nostalgisch, verletzlich und wahnsinnig präzise ist. Wirklich nichts wirkt zufällig, alles ist sorgfältig gesetzt.

Der Aufbau des Romans ist zudem auch ungewöhnlich, es wird viel in der Zeit gesprungen, was den Lesefluss verlangsamt hat. Vergangenheit und Gegenwart liegen oft übereinander, alles passiert irgendwie gleichzeitig. Ich musste mich konzentrieren, hatte aber nie das Gefühl, dass es unnötig kompliziert wäre. Eher so, als würde man sich durch Erinnerungen tasten, durch Räume gehen, die nicht linear gebaut sind.

Fazit: Ein intensives Buch über Erinnerung, Verlust, Zeit und darüber, was bleibt, wenn Menschen gehen, aber Orte bleiben.

Kein Buch für Zwischendurch, sondern eins, das bleibt.

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Veröffentlicht am 16.08.2025

Too smart to feel, too vague to hit

Standing Ovations
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Sophie ist Redakteurin, Mutter eines Kleinkindes und für ein paar Wochen mit ihrem Kollegen Alex beim Edinburgh Fringe Festival untergebracht. Was harmlos klingt, wird schnell unangenehm. Alex ist nicht ...

Sophie ist Redakteurin, Mutter eines Kleinkindes und für ein paar Wochen mit ihrem Kollegen Alex beim Edinburgh Fringe Festival untergebracht. Was harmlos klingt, wird schnell unangenehm. Alex ist nicht einfach nur anstrengend, sondern ein Paradebeispiel für narzisstische, selbstgerechte Männlichkeit. Als nach und nach Geschichten über sein Verhalten gegenüber Frauen auftauchen, steht Sophie nicht nur beruflich, sondern auch moralisch unter Druck. Gleichzeitig hadert sie mit der Frage, was Kritik eigentlich leisten soll und wo sie selbst in diesem ganzen Spiel aus Kunst, Meinung und Verantwortung steht.

Das alles klingt nach einem starken Roman über Macht, Genderrollen und moralische Grauzonen. Und stellenweise ist es das auch. Runcie hat ein gutes Gespür für die Zwischenräume, für dieses Unausgesprochene. Besonders interessant wird es, wenn Sophie über ihren Beruf nachdenkt. Was mache ich da eigentlich, wenn ich andere verreiße, um mich selbst zu profilieren? Wie schreibt man über Kunst, die gut gemeint, aber schlecht gemacht ist? Wie ehrlich darf Kritik sein, wenn sie Karrieren zerstören kann?

Aber dazwischen zieht es sich. Sophie bleibt über weite Strecken erstaunlich passiv. Man hat das Gefühl, sie schaut ihre eigene Geschichte beim Abspielen zu, statt wirklich aktiv zu sein. Ihre Loyalität gegenüber Männern, die sie weder respektieren noch ernst nehmen, wird zwar angedeutet, aber kaum konsequent hinterfragt. Statt klarer innerer Konflikte gibt es oft nur ein diffuses Unbehagen. Und das Finale, ohne zu spoilern, ist so vage und spannungslos, dass es sich eher wie ein Ausweichen anfühlt als wie ein erzählerischer Schlusspunkt.

Alex ist als Figur zentral und überzeugend gezeichnet. Er ist kein reflektierter Bösewicht, sondern dieser real existierende Typ Mann, der sich für hält, aber ständig über andere hinweggeht. Das Buch zeigt, wie Misogynie funktioniert, gerade in Kreisen, die sich für besonders aufgeklärt halten (Redaktionen zum Beispiel). Gleichzeitig bleibt das Buch oft zu zahm. Vieles wird angerissen, aber selten wirklich durchdacht oder zu Ende geführt.

Unterm Strich hat “Standing Ovations“ viele gute Ansätze, spannende Fragen und kluge Beobachtungen. Aber der Text verzettelt sich. Es ist kein schlechtes Buch, aber auch keines, das lange nachhallt. Eher ein interessanter Entwurf als ein wirklich fertiges Werk.

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Veröffentlicht am 16.08.2025

Oh mein Gott, was war das denn bitte?

Die Probe
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„Die Probe“ klingt nach allem, was ich liebe: klug, sprachlich stark, viele interessante Gedanken über Kunst, Identität und Wahrnehmung. Katie Kitamura hat definitiv einen Blick für Details, die gleichzeitig ...

„Die Probe“ klingt nach allem, was ich liebe: klug, sprachlich stark, viele interessante Gedanken über Kunst, Identität und Wahrnehmung. Katie Kitamura hat definitiv einen Blick für Details, die gleichzeitig auf der Handlungsebene und auf einer Metaebene funktionieren.

Im Zentrum steht eine gefeierte Schauspielerin, die mitten in den Proben für eine Premiere steckt. Bei einem Mittagessen in Manhattan trifft sie auf Xavier, einen jungen Mann, der eine verstörende Behauptung aufstellt und damit eine Kette von Ereignissen auslöst, die ihre Realität ins Wanken bringt.

Am Anfang war ich auch wirklich drin. Ich mochte, wie beiläufig Themen wie kulturelle Rollenbilder, Zugehörigkeit oder das Selbstverständnis als Künstlerin auftauchen. Manche Sätze waren so großartig formuliert, dass ich sie zweimal lesen musste. Man merkt, dass Kitamura Atmosphäre kann und dass jedes Wort sitzt.

Aber irgendwann war ich raus. Mir fehlte durchgehend ein roter Faden, etwas, das mich durch den Text zieht. Stattdessen blieb alles bewusst offen, Szenen endeten einfach, vieles wurde nicht aufgelöst. Das kann man literarisch spannend finden, mich hat es eher müde gemacht.

Der Roman will, dass man sich in den Lücken bewegt, Bedeutungen zusammensetzt, Symbole deutet. Für mich fühlte es sich irgendwann an wie ein Kunstfilm, der mehr über das Zuschauen erzählt als über das, was man sieht. Wer auf abstrakte, meta-orientierte Literatur steht, wird das vermutlich feiern. Ich hatte eher das Gefühl, ich arbeite mich an etwas ab, das mir am Ende nicht genug zurückgibt.

Wäre das Buch doppelt so lang gewesen, hätte ich wahrscheinlich abgebrochen. Dass ich es zu Ende gelesen habe, lag an der Kürze und daran, dass die Sprache selbst dann interessant bleibt, wenn mich die Handlung nicht mehr mitnimmt.

Mein Fazit: Sprachlich stark, konzeptionell spannend, aber für mich zu offen, zu abstrakt und zu wenig greifbar. Für Fans von experimenteller Literatur sicher ein Highlight, für mich am Ende eher anstrengend als bereichernd.

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Veröffentlicht am 11.08.2025

Wie weit kann man sich verändern, ohne sich zu verlieren?

Bestie
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Delia zieht in eine neue Stadt und entscheidet sich, ab jetzt Lilly genannt zu werden. Sie will einen klaren Schnitt, eine neue Version ihrer selbst erschaffen. Was zunächst nach Selbstermächtigung klingt, ...

Delia zieht in eine neue Stadt und entscheidet sich, ab jetzt Lilly genannt zu werden. Sie will einen klaren Schnitt, eine neue Version ihrer selbst erschaffen. Was zunächst nach Selbstermächtigung klingt, wirkt bald wie ein Zwang: jede Geste, jedes Wort wird überprüft, ob es zu dieser erfundenen Identität passt.

Anouk, ihre neue Mitbewohnerin, ist das Gegenteil. Sie ist eine erfolgreiche Influencerin, hat Kontrolle über jede Situation und wirkt nach außen kühl, unnahbar, berechnend. Doch hinter dieser Fassade liegen Brüche, die sie nicht zeigen will, weder ihrer Familie noch ihrem Freundeskreis.

Zwischen Lilly und Anouk entwickelt sich eine Freundschaft, die mehr ist als Sympathie oder geteilte Zeit. Sie ist ein stilles Kräftemessen, ein Wechselspiel aus Nähe und Distanz. ”Bestie” untersucht, wie viel man von sich preisgeben muss, um wirkliche Verbindung entstehen zu lassen. Und wie weit man bereit ist, sich selbst zu verändern, um dazuzugehören, ohne den eigenen Kern zu verlieren.

Joana June zeigt diese Dynamik ohne Übertreibung, dafür mit genauer Beobachtung. Die Figuren sind widersprüchlich, gleichzeitig greifbar und fern. Ihre Gespräche und Gesten tragen oft mehr Bedeutung, als sie oberflächlich vermuten lassen. Mich hat das an Freundschaften erinnert, in denen Anziehung und Misstrauen, Bewunderung und Abwehr nebeneinander existieren.

Dieses Buch inspiriert. Es setzt Gedanken in Bewegung, öffnet Türen zu neuen Ideen. Nach der letzten Seite wollte ich endlich mal wieder ins Theater gehen. Der Text hat einfach einen Impuls gesetzt. Lesen ist hier kein passiver Konsum, sondern innere Arbeit: Perspektiven verschieben sich, alte Haltungen geraten ins Wanken.

Der Stil ist fließend, bildreich, stellenweise bewusst theatralisch. Symbolhafte Elemente verleihen der Geschichte eine traumartige Schicht.

Für mich gehört ”Bestie” bisher zu den besten Büchern des Jahres. Ein vielschichtiger Roman über Freundschaft, Macht, Selbstinszenierung und die unsichtbaren Verhandlungen, die zwischen Menschen stattfinden.

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Veröffentlicht am 02.07.2025

Klingt wie ein Gag, liest sich wie ein Stich ins Herz

Shark Heart
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Buch: Typ wird zum Hai. Ich: Okay, ciao.

20 Seiten später: Okay, warte. Vielleicht bleib ich doch.

Ich war wirklich kurz davor, das abzubrechen. Dachte, das wird eins von diesen überkonstruierten, absurden ...

Buch: Typ wird zum Hai. Ich: Okay, ciao.

20 Seiten später: Okay, warte. Vielleicht bleib ich doch.

Ich war wirklich kurz davor, das abzubrechen. Dachte, das wird eins von diesen überkonstruierten, absurden Debüts, die „anders“ sein wollen, aber halt nix erzählen. Und dann hat’s mich einfach komplett reingezogen. Nicht, weil plötzlich viel passiert, sondern weil diese ganze absurde Ausgangslage sich plötzlich total logisch anfühlt. Emotional logisch.

Worum’s geht?

Lewis mutiert langsam zu einem weißen Hai, medizinisch bestätigt, nicht symbolisch. Wren, seine Partnerin, bleibt zurück und versucht, nicht durchzudrehen. Klingt absurd, ist aber richtig gut gemacht. Und das Beste: Die Geschichte nimmt das komplett ernst. Da wird nix ironisch gebrochen oder groß erklärt. Es ist einfach so.

Wren ist keine klassische Protagonistin. Sie hat keinen Masterplan, sie fällt nicht in ein neues Leben rein, sie ist einfach... lost und sie driftet. Nicht auf diese selbstfindungs-esoterische Art, sondern einfach, weil sie nicht weiß, was sie sonst tun soll. Sie geht zur Arbeit, sie redet mit Menschen, sie ist irgendwie da, aber innerlich ist sie komplett raus. Ich fand das super realistisch. Keine große Heldinnenreise. Nur Leere. Und das Gefühl, dass nichts mehr stimmt, obwohl alles gleich aussieht.

Ich hab’s an einem Tag durchgelesen, saß dann da und war so: Was zur Hölle war das jetzt? Und warum hat’s mich so berührt?

Ich mochte, dass es keine Auflösung gibt. Keine Message, kein „und dann hat sie gelernt, loszulassen“. Es ist einfach eine traurige, absurde, sehr direkte Geschichte über Veränderung. Körperlich, emotional, alles gleichzeitig. Ich hab’s geliebt. Auch wenn ich immer noch nicht ganz weiß, warum.

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