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Veröffentlicht am 05.05.2025

Jagd nach der Wahrheit

Killer Potential
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Killer Potential beginnt mit einem echten Knalleffekt: Evie, eigentlich nur zum Nachhilfegeben in Beverly Hills unterwegs, stolpert in ein echtes Albtraumszenario – tote Eltern, eine gefesselte Frau im ...

Killer Potential beginnt mit einem echten Knalleffekt: Evie, eigentlich nur zum Nachhilfegeben in Beverly Hills unterwegs, stolpert in ein echtes Albtraumszenario – tote Eltern, eine gefesselte Frau im Haus, Panik, ein Schlag, und plötzlich ist sie nicht mehr bloß Zeugin, sondern mutmaßliche Täterin auf der Flucht. Der Einstieg sitzt: schnell, dramatisch, voller Fragen.

Was als spannungsgeladener Thriller beginnt, entwickelt sich dann aber zunehmend in eine andere Richtung – nämlich zu einem Roadmovie, das mitunter etwas auf der Stelle tritt. Die Flucht dominiert den Mittelteil des Romans, samt gestohlenen Autos, billigen Snacks und zufälligen Begegnungen, während die eigentliche Frage – wer hat die Victors getötet und warum? – eher in den Hintergrund rückt.

Evie, die zu Beginn noch klug, bissig und relativ sympathisch wirkt, verliert zunehmend an Schärfe. Ihre Entscheidungen wirken manchmal schwer nachvollziehbar, ihre Gedanken drehen sich im Kreis. Auch ihre mysteriöse Begleiterin bleibt über weite Strecken eine leere Projektionsfläche. Zwar bekommt sie später mehr Profil, doch das, was man über sie erfährt, bleibt eher durchschnittlich und reiht sich nicht wirklich überzeugend in die Handlung ein.

Was der Geschichte jedoch gelingt, ist die medienkritische Ebene: Wie schnell jemand in der Öffentlichkeit zur Heldin oder zur Monsterfigur gemacht werden kann, wird klug angedeutet. Auch die Frage, wie wir mit Wahrheit und Schuld umgehen – besonders in Zeiten von Social Media – gibt dem Roman eine interessante Dimension, die man sich stärker ausgearbeitet gewünscht hätte.

Am Ende ist Killer Potential ein Buch mit guten Ansätzen, das aber viel von seinem anfänglichen Schwung verliert. Der Thriller ist durchaus unterhaltsam, aber verschenkt zu viel Potenzial, um wirklich lange im Kopf zu bleiben.

Veröffentlicht am 05.05.2025

Astroglanz ohne Substanz

Stars
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„Stars“ von Katja Kullmann beginnt mit einer guten Idee: Carla Mittmann, einst Philosophiestudentin mit großen Plänen, steckt seit Jahren im Kundenservice einer Möbelfirma fest. Nebenbei schreibt sie Horoskope ...

„Stars“ von Katja Kullmann beginnt mit einer guten Idee: Carla Mittmann, einst Philosophiestudentin mit großen Plänen, steckt seit Jahren im Kundenservice einer Möbelfirma fest. Nebenbei schreibt sie Horoskope – ohne echten Glauben daran, eher aus Pragmatismus. Als plötzlich ein Umschlag mit zehntausend Dollar vor ihrer Tür liegt, nutzt sie die Gelegenheit und wagt den Sprung ins Astrobusiness. Was als Flucht beginnt, entwickelt sich zu einem beruflichen Erfolg – doch bald stellt sich die Frage, wer hier eigentlich wen lenkt: Carla die Sterne, oder umgekehrt?

So vielversprechend diese Ausgangslage klingt, so ernüchternd empfand ich die Umsetzung. Der Roman braucht lange, um in Fahrt zu kommen. Über weite Strecken bleibt die Handlung vage, Ereignisse plätschern dahin, zentrale Fragen – etwa nach dem Ursprung des Geldes oder Carlas innerem Wandel – bleiben eher blass. Die titelgebende Astrologie spielt zwar eine Rolle, aber mehr als Kulisse denn als tragendes Thema. Tiefergehende Einblicke, sei es in die Szene oder in Carlas eigene Überzeugungen, habe ich vermisst.

Kullmann schreibt durchaus reflektiert, streut kluge Beobachtungen und gesellschaftliche Bezüge ein. Doch diese Elemente verlieren sich oft in der allgemeinen Orientierungslosigkeit der Hauptfigur. Carla ist eine Frau, die zwischen Resignation und Aufbruch schwankt – ein realistisches Bild vielleicht, aber literarisch nicht sonderlich mitreißend erzählt.

Insgesamt hatte ich den Eindruck, dass der Roman zu viel andeutet, ohne etwas wirklich auszuerzählen. Es fehlt ein roter Faden, der Carla und die Leser gleichermaßen durch die Geschichte trägt. Wer sich für leise Bücher interessiert, die eher Stimmungen als Handlung transportieren, könnte hier fündig werden. Für mich persönlich blieb „Stars“ jedoch hinter seinem Potenzial zurück – atmosphärisch interessant, aber ohne bleibenden Eindruck.

Veröffentlicht am 14.04.2025

Von Föhr nach Manhattan

Das Licht in den Wellen
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Eine Überfahrt über den Atlantik, zwei Frauen, ein Jahrhundert. In Das Licht in den Wellen erzählt Janne Mommsen die Geschichte von Inge Martensen, die mit fast hundert Jahren ein letztes Mal aufbricht. ...

Eine Überfahrt über den Atlantik, zwei Frauen, ein Jahrhundert. In Das Licht in den Wellen erzählt Janne Mommsen die Geschichte von Inge Martensen, die mit fast hundert Jahren ein letztes Mal aufbricht. Begleitet von ihrer Urenkelin Swantje geht es per Schiff zurück nach New York, dorthin, wo Inges bewegtes Leben einst eine radikale Wendung nahm – und wo vielleicht auch für Swantje ein Neuanfang liegt.

Im Zentrum des Romans steht eine leise, eindringliche Lebensgeschichte: Inge, aufgewachsen als Bauerntochter auf Föhr, emigriert nach einem nicht näher benannten Einschnitt in jungen Jahren in die USA. Aus der Nordseetochter wird in Manhattan eine ambitionierte, humorvolle und kluge Frau, die mit Kartoffelsalat Herzen und Türen öffnet – bis hin zur Bewirtung prominenter Persönlichkeiten. Doch der Weg dorthin ist alles andere als einfach. Mommsen schildert ein Leben zwischen Anpassung und Selbstbestimmung, zwischen Heimweh und Neugier, zwischen Pflichtgefühl und Freiheitsdrang.

Was das Buch besonders macht, ist nicht allein der historische Stoff, sondern die Art, wie er erzählt wird: warm, klar, mit viel Gespür für Zwischentöne. Der Ton ist durchweg gefühlvoll, ohne ins Sentimentale abzurutschen. Dass der Roman sich über mehrere Zeitebenen entfaltet – Vergangenheit und Gegenwart, Erinnerungen und Erzählungen – funktioniert dank der Charaktere ausgesprochen gut. Besonders Inge ist eine Protagonistin, die man nicht mehr vergisst: lebensklug, widersprüchlich, mutig. Auch Swantje, die mit ganz anderen Herausforderungen zu kämpfen hat, wird mit Sorgfalt gezeichnet – ihr inneres Ringen um Orientierung wirkt nie aufgesetzt, sondern glaubwürdig und berührend.

Das Licht in den Wellen ist ein Roman über Abschiede und Aufbrüche, über das Weitergeben von Erfahrungen und die Kraft, die aus der eigenen Geschichte erwachsen kann. Ein Buch, das Mut macht – nicht, weil es einfache Lösungen bietet, sondern weil es zeigt, wie viel in einem Leben steckt. Und wie befreiend es sein kann, das eigene Leben selbst in die Hand zu nehmen – egal, ob mit 20 oder mit 99.

Veröffentlicht am 14.04.2025

Warum Natur Politik braucht

Das Parlament der Natur
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Sarah Darwin, Johannes Vogel und Boris Herrmann laden zu einem außergewöhnlichen Dialog ein – über das Verschwinden von Arten, die Rolle der Wissenschaft und die politische Sprengkraft der Natur.

Die ...

Sarah Darwin, Johannes Vogel und Boris Herrmann laden zu einem außergewöhnlichen Dialog ein – über das Verschwinden von Arten, die Rolle der Wissenschaft und die politische Sprengkraft der Natur.

Die Grundidee des Buches ist ebenso simpel wie klug: Natur ist nicht nur schön oder nützlich, sie ist zutiefst politisch. Und genau diese politische Dimension steht im Zentrum der Gespräche zwischen der Botanikerin Sarah Darwin (ja, Darwin!), ihrem Mann Johannes Vogel, Direktor des Berliner Naturkundemuseums, und dem Journalisten Boris Herrmann. In klarer, zugänglicher Sprache sprechen sie darüber, warum die Sammlungen in Naturkundemuseen nicht nur Archive der Vergangenheit sind, sondern Werkzeuge für die Zukunft – für Forschung, für Bildung, für Debatten.

In zwei Teilen – Drinnen und Draußen – entfaltet sich das Gespräch mal im Museum zwischen Präparaten, mal unter freiem Himmel im südenglischen Essex. Diese Struktur verleiht dem Buch eine fast filmische Atmosphäre, in der das Persönliche und das Politische immer wieder ineinanderfließen. Herrmann leidet das Gespräch und führt Leser ohne biologischen Hintergrund souverän durch komplexe Themen.

Es geht um weit mehr als nur Biodiversität. Es geht um die großen Fragen: Wie können wir politisch handlungsfähig werden, wenn uns die Zeit davonläuft? Was braucht es, damit Gesellschaften nicht nur erkennen, was auf dem Spiel steht – sondern tatsächlich ins Handeln kommen?

Das Parlament der Natur ist weder Fachbuch noch Manifest. Es ist ein nachdenklicher, dabei zutiefst optimistischer Beitrag zur Debatte um Klima, Artensterben und unsere gemeinsame Verantwortung. Die Gestaltung – mit liebevoll gesetzten Illustrationen, historischen Exponaten und Zeichnungen – verstärkt diesen Eindruck: Hier wird nicht nur gesprochen, hier wird erzählt, gezeigt, erinnert.

Und genau das bleibt: ein Gefühl der Verbundenheit. Mit den Menschen, die Natur bewahren wollen. Mit den Tieren und Pflanzen, die verschwinden. Und mit der Hoffnung, dass wir vielleicht doch noch umsteuern können – wenn wir die richtigen Gespräche führen.

Veröffentlicht am 07.04.2025

Der Duft der Vergangenheit

Die Gerüche der Kathedrale
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In „Die Gerüche der Kathedrale“ entführt Wendy Wauters ihre Leser mitten hinein in das geschäftige, widersprüchliche Leben rund um die Antwerpener Liebfrauenkirche im 16. Jahrhundert – einem Ort, an dem ...

In „Die Gerüche der Kathedrale“ entführt Wendy Wauters ihre Leser mitten hinein in das geschäftige, widersprüchliche Leben rund um die Antwerpener Liebfrauenkirche im 16. Jahrhundert – einem Ort, an dem sich das Heilige und das Alltägliche, das Erhabene und das Grobe eng berührten. Statt klassischer Chronologie oder nüchterner Daten präsentiert Wauters einen atmosphärischen, sinnlich geprägten Zugang zur Geschichte.

Das besondere Augenmerk auf Gerüche – von Weihrauch bis Verwesung – ist kein bloßer Gimmick, sondern Teil eines durchdachten kulturhistorischen Konzepts. Dabei gelingt es der Autorin, wissenschaftliche Tiefe mit anschaulicher Sprache zu verbinden. Die Kathedrale erscheint nicht nur als Ort des Glaubens, sondern auch als Spiegel einer Stadt im Umbruch: Handelsmetropole, religiöser Brennpunkt, sozialer Treffpunkt.

Stärken des Buches sind die interdisziplinäre Herangehensweise und die vielen kleinen historischen Einblicke, die das große Ganze greifbar machen. Durch Illustrationen, Abbildungen und begleitende Materialien (wie Festkalender oder Zeittafeln) wird die Lektüre zusätzlich bereichert.

Trotzdem verlangt die Lektüre eine gewisse Offenheit: Wer sich einen klassischen Geschichtsabriss oder ein durchgängig erzähltes Sachbuch erwartet, wird möglicherweise irritiert sein. Der Fokus auf das Atmosphärische bringt zwar Nähe, verzichtet aber teilweise auf tiefere analytische Kontexte oder größere historische Linien.

Insgesamt ist „Die Gerüche der Kathedrale“ ein bemerkenswert anderes Geschichtsbuch – sinnlich, durchdacht und ungewöhnlich in seinem Zugriff. Besonders empfehlenswert für Leser, die an Alltagsgeschichte, kultureller Anthropologie oder dem Leben zwischen den Zeilen interessiert sind.