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Meinungen aus der Lesejury

Veröffentlicht am 21.07.2025

Verloren in Texas

We Burn Daylight
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We Burn Daylight hat mich mit seiner ruhigen, aber sehr intensiven Art wirklich beeindruckt. Die Geschichte spielt Anfang der 90er in Texas und lehnt sich spürbar an die reale Tragödie von Waco an. Im ...

We Burn Daylight hat mich mit seiner ruhigen, aber sehr intensiven Art wirklich beeindruckt. Die Geschichte spielt Anfang der 90er in Texas und lehnt sich spürbar an die reale Tragödie von Waco an. Im Mittelpunkt stehen zwei Jugendliche, Jaye und Roy, die aus ganz unterschiedlichen Welten kommen und doch sofort eine besondere Verbindung zueinander spüren.

Jaye lebt mit ihrer Mutter auf der Ranch eines religiösen Führers, der sich selbst als Messias sieht. Sie bleibt kritisch, will eigentlich nur zurück nach Kalifornien, raus aus dieser seltsamen Welt. Roy ist der Sohn des örtlichen Sheriffs und ahnt zunächst gar nicht, in was Jaye hineingezogen wurde. Zwischen den beiden entwickelt sich eine stille, sehr berührende Liebesgeschichte: eine, die ganz ohne Kitsch auskommt und umso glaubwürdiger wirkt.

Was ich besonders mochte: Die Erzählweise ist abwechslungsreich. Neben den Kapiteln aus Jays und Roys Sicht gibt es Einschübe in Form von Podcast-Interviews, die Jahrzehnte später aufgenommen wurden. Diese Rückblicke geben der Geschichte Tiefe und zeigen, wie sehr die Ereignisse noch nachwirken.

Auch wenn das Buch nicht durchgehend hohes Tempo hat, war ich gefesselt. Die Stimmung ist oft bedrückend, manchmal fast hoffnungslos, aber es gibt auch Momente von Zärtlichkeit und Mut. Ich hätte mir allerdings gewünscht, dass die Dynamik innerhalb der Sekte noch etwas genauer gezeigt wird, da bleibt manches etwas vage. Trotzdem hat mich der Roman bewegt.

Es ist ein leises, aber eindrucksvolles Buch über Kontrolle, Glaube, Zweifel und den Versuch, sich selbst treu zu bleiben. Und über zwei junge Menschen, die einander Halt geben, während um sie herum alles aus den Fugen gerät.

Veröffentlicht am 22.06.2025

Ein Thriller am Puls der Zeit

Reset
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Reset von Peter Grandl ist ein rasantes und bedrückend realistisches Szenario über eine Welt, in der man der Wahrheit nicht mehr trauen kann. Ein Thriller, der unsere Gegenwart in erschreckend greifbare ...

Reset von Peter Grandl ist ein rasantes und bedrückend realistisches Szenario über eine Welt, in der man der Wahrheit nicht mehr trauen kann. Ein Thriller, der unsere Gegenwart in erschreckend greifbare Zukunft verwandelt.

Was wäre, wenn jede Nachricht, jedes Video, jeder Anruf gefälscht sein könnte? Wenn Deep Fakes nicht mehr von echten Aufnahmen zu unterscheiden sind, nicht für Behörden, nicht für Familien, nicht für dich selbst? Grandl greift diese Frage mit voller Wucht auf und entwickelt daraus eine globale Krise, die sich in kürzester Zeit in eine Katastrophe verwandelt.

Im Zentrum steht der irische Ermittler Valentine O’Brien, der im Chaos des digitalen Zusammenbruchs nach seiner verschwundenen Schwester sucht. Parallel dazu werden international Spezialisten zusammengezogen, die versuchen, eine außer Kontrolle geratene KI zu stoppen bevor alles kollabiert. Durch kurze Kapitel und schnelle Perspektivwechsel bleibt die Spannung konstant hoch. Das Tempo ist ein echter Pluspunkt. Grandl versteht es, mit Cliffhangern und sich zuspitzenden Situationen Sog zu erzeugen.

Besonders gelungen finde ich, wie Reset aktuelle technologische Entwicklungen - künstliche Intelligenz, Fake News, Deep Fakes - literarisch zugespitzt, aber nie völlig unrealistisch verarbeitet. Vieles fühlt sich erschreckend denkbar an. Die Idee, dass unsere digitale Kommunikation zur Waffe wird, ist so klug wie beängstigend umgesetzt.

Ein kleiner Kritikpunkt: Die Fülle an Figuren und Schauplätzen kann gerade zu Beginn etwas überfordern. Manche Charaktere bleiben dabei eher flach, was dem Roman in Bezug auf emotionale Tiefe gelegentlich etwas an Wirkung nimmt. Auch die Auflösung der Geschichte wirkte auf mich im Vergleich zur starken Ausgangslage etwas weniger kraftvoll. Das Ende ist solide, aber nicht ganz so packend wie der Rest.

Trotzdem: Reset ist ein hochaktueller Thriller mit gesellschaftlicher Relevanz, hohem Tempo und einer klaren Botschaft: kritisch denken, hinterfragen, nicht alles glauben. Für Fans von technoiden Verschwörungsthrillern mit internationalem Flair definitiv eine Empfehlung.

Veröffentlicht am 22.06.2025

Ein Hai mit zu wenig Biss

Shark Heart
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Shark Heart hat mich mit seiner außergewöhnlichen Prämisse sofort neugierig gemacht: Ein frisch verheirateter Mann, der sich langsam in einen weißen Hai verwandelt ...das klingt absurd, tragisch und vielversprechend. ...

Shark Heart hat mich mit seiner außergewöhnlichen Prämisse sofort neugierig gemacht: Ein frisch verheirateter Mann, der sich langsam in einen weißen Hai verwandelt ...das klingt absurd, tragisch und vielversprechend. Doch je weiter ich las, desto mehr wich meine anfängliche Faszination einer gewissen Ernüchterung.

Die Geschichte rund um Lewis und Wren will viel: eine Liebesgeschichte, eine Auseinandersetzung mit Vergänglichkeit, Identität, Trauer und familiären Altlasten, alles durchzogen von einem surrealen, fast märchenhaften Ton. Doch gerade in dieser Ambition liegt das Hauptproblem des Romans: er verzettelt sich.

Der Stil wechselt oft und ist mal konventionell erzählend, dann wieder wie ein Theaterstück oder ein Gedicht. Diese stilistischen Experimente wirken nicht immer harmonisch eingebunden, sondern reißen einen stellenweise aus dem Lesefluss. Besonders die Dialoge bleiben oft seltsam distanziert. Trotz der drastischen Situation wirken viele Reaktionen der Figuren erstaunlich kühl und wenig greifbar. Es fiel mir schwer, wirklich mitzufühlen, weder mit Lewis noch mit Wren, obwohl ihr Schicksal zutiefst berührend sein könnte.

Auch die Struktur des Buches lässt die eigentliche Hauptgeschichte aus dem Fokus geraten. Die Nebenhandlung ist für sich genommen nicht uninteressant, trägt aber nur bedingt zur emotionalen Tiefe der Ausgangshandlung bei.

Was bleibt, ist ein Buch mit einer kreativen Idee, das seine Eigenwilligkeit den Rest überschattet. Vielleicht ist genau das für manche Leser gerade der Reiz. Für mich jedoch blieb vieles zu blass und unausgearbeitet.

Veröffentlicht am 09.06.2025

Japanische Stille

Kokoro
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Kokoro ist kein klassischer Ratgeber, es ist eher ein sehr persönliches Tagebuch, das zwischen Trauerverarbeitung, Kulturbegegnung und philosophischer Sinnsuche pendelt. Beth Kempton, Japanologin und Autorin, ...

Kokoro ist kein klassischer Ratgeber, es ist eher ein sehr persönliches Tagebuch, das zwischen Trauerverarbeitung, Kulturbegegnung und philosophischer Sinnsuche pendelt. Beth Kempton, Japanologin und Autorin, begibt sich nach einer persönlichen Krise auf eine Pilgerreise durch Japan und nimmt die Leser mit auf ihren Weg. Dabei stehen nicht To-do-Listen für ein besseres Leben im Vordergrund, sondern Beobachtungen, Begegnungen und Reflexionen, oft leise, manchmal poetisch, manchmal auch etwas ausufernd.

Was das Buch stark macht, sind die atmosphärischen Beschreibungen des ländlichen Japans. Man spürt Kemptons Liebe zur Sprache, zur Landschaft, zur kulturellen Tiefe des Landes. Ihre Kenntnisse über japanische Begriffe, Schriftzeichen und spirituelle Konzepte wie eben „kokoro“ – ein Wort, das sowohl Herz als auch Geist bedeuten kann – eröffnen neue Perspektiven, auch wenn sie nicht immer leicht zugänglich sind.

Inhaltlich kreist vieles um Verlust, Abschied und den Umgang mit dem Tod. Die Autorin spricht offen über ihre Trauer um ihre Mutter und eine enge Freundin und genau darin liegt die emotionale Wucht des Buches. Wer eher praktische Lebenshilfen oder konkrete Alltagstipps erwartet, wird enttäuscht sein. Dafür bietet Kokoro eher einen meditativen Blick auf das Leben und lädt dazu ein, sich auf die eigenen inneren Fragen einzulassen, auch wenn es dafür keine einfachen Antworten gibt.

Allerdings muss man sich auf die ruhige Erzählweise einlassen können. Nicht jedes Kapitel zieht sofort in den Bann, manche Wiederholungen schleichen sich ein. Und wer mit japanischer Kultur bisher wenig Berührung hatte, wird sich stellenweise vielleicht etwas verloren fühlen, nicht nur wegen der vielen Begriffe und Anspielungen, sondern auch wegen des insgesamt sehr introspektiven Tons.

Kokoro ist ein stilles Buch. Kein lautes Lebenshilfe-Versprechen, sondern eine Einladung zur Selbstreflexion, mit all den offenen Enden, die das Leben mit sich bringt. Für einige mag das genau das Richtige sein. Für andere bleibt es vielleicht zu vage.

Veröffentlicht am 11.05.2025

Ein leiser Roman, der wenig erzählt

Perlen
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Siân Hughes’ Perlen beginnt mit einer starken Prämisse: Ein achtjähriges Mädchen wird Zeugin des plötzlichen Verschwindens ihrer Mutter, ein Verlust, der wie ein Echo durch ihr gesamtes weiteres Leben ...

Siân Hughes’ Perlen beginnt mit einer starken Prämisse: Ein achtjähriges Mädchen wird Zeugin des plötzlichen Verschwindens ihrer Mutter, ein Verlust, der wie ein Echo durch ihr gesamtes weiteres Leben hallt. Marianne bleibt mit ihrem kleinen Bruder und dem emotional überforderten Vater zurück. Was folgt, ist eine Erzählung über Erinnerung, Trauer und die Sehnsucht nach Antworten – und doch verliert sich der Roman streckenweise in der eigenen Zartheit.

Hughes schreibt leise, mit Bedacht, fast meditativ – und genau darin liegt sowohl die Stärke als auch die Schwäche des Buchs. Die Sprache ist klar und poetisch, viele Passagen haben eine beinahe lyrische Qualität. Besonders gelungen ist, wie Marianne sich die Welt über Gerüche, Märchen und kleine Details der Vergangenheit erschließt. Dabei funktioniert die Erzählung weniger über Handlung als über Stimmung. Doch diese Entscheidung führt auch dazu, dass der Roman stellenweise fast stehen bleibt. Die Erinnerungsfragmente wirken manchmal repetitiv, der Erzählfluss stockt – und die eigentliche Frage, warum die Mutter gegangen ist, verliert an Schärfe.

Einige der literarischen Bezüge, insbesondere zur mittelalterlichen Dichtung („Pearl“), geben dem Roman Tiefe, aber sie bleiben für viele Leserinnen eher schwer zugänglich. Wer diese Kontexte nicht kennt, wird möglicherweise einige symbolische Ebenen übersehen. Auch Mariannes psychische Entwicklung wird nur angedeutet – ihre Selbstverletzung, das Schwänzen der Schule, ihre Isolation – vieles davon wird beschrieben, ohne dass es wirklich greifbar wird. Als Leser fühlt man sich dadurch manchmal außen vor, als würde man an einer verschlossenen Tür lauschen.

Spannend ist hingegen, wie sich die Erzählung verschiebt, als Marianne selbst Mutter wird. Erst dann beginnt eine zaghafte Auseinandersetzung mit der Vergangenheit, die mehr Fragen aufwirft als beantwortet. Das mag realistisch sein – denn nicht jeder Verlust lässt sich erklären –, aber es hinterlässt auch eine gewisse Unzufriedenheit. Besonders da der Roman sich emotional viel zumutet, aber narrativ eher zurückhaltend bleibt.

Perlen ist ein sensibles, literarisch feinfühliges Debüt, das in seiner Melancholie berührt – aber auch Geduld erfordert. Für Leser, die klare Auflösungen oder eine treibende Handlung erwarten, dürfte der Roman trotz seines zarten Tons eher frustrierend wirken.