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Veröffentlicht am 30.10.2025

Kraftvolles Werk

Durst ist schlimmer als Heimweh
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„Durst ist schlimmer als Heimweh“ von Lucy Fricke 

Verlag: Ullstein

Triggerwarnung: Gewalt, Missbrauch, Schmerz

„Warum vergießen Wolken so viele Tränen und werden dabei immer froher?“ 
(Position 721) ...

„Durst ist schlimmer als Heimweh“ von Lucy Fricke 

Verlag: Ullstein

Triggerwarnung: Gewalt, Missbrauch, Schmerz

„Warum vergießen Wolken so viele Tränen und werden dabei immer froher?“ 
(Position 721)

Lucy Fricke beschönigt nichts. Mit schonungslosem Blick, brutal ehrlich und zugleich mitreißend schreibt sie uns in das Leben der sechzehnjährigen Judith. Ein Leben, das von Missbrauch gezeichnet ist. Bereits seit ihrer Kindheit missbraucht; die Mutter, selbst verprügelt durch Judiths Peiniger, mehr Opfer als beschützende, liebevolle Mutter.

Hamburg in den 90er Jahren: Judith landet in einer Wohngruppe für Jugendliche. Ihre Eltern haben ihr Zimmer untervermietet, als sie einige Zeit abgehauen war. Obwohl sie alles hasst, was mit dem Wort Gruppe zu tun hat, lebt sie nun dort. Sie versucht sich in Aushilfsjobs, bricht Therapien ab und versucht starke Drogen zu meiden.

In ihrem Elternhaus fand Judith nur Schmerz und Gewalt, und obwohl dieser Missbrauch nun vorbei ist, spürt sie ein unerträgliches Heimweh. Ihre Haut ist übersät mit Linien, in denen der Schmerz ihr für kurze Augenblicke Ruhe schenkte. Ihre Freundin Ella spricht aus, was Judith nicht vermag: Es muss raus, die schlechten Erinnerungen müssen verbrannt und ins Meer geworfen werden.

Als Judith Tommy begegnet, verliebt sie sich zum ersten Mal. Aber auch er trägt eine desaströse Vergangenheit mit sich. Und kann diese nicht abwerfen, nicht loslassen, nicht ins Meer werfen.

An ihrem siebzehnten Geburtstag empfindet die Protagonistin eine einzige große Freude: das Wissen, dass diese Jahre nie zurückkehren werden. Allein diese Gewissheit ist Grund genug zum Feiern.

Fricke gelingt es meisterhaft, durch Auslassungen, Andeutungen und eine karge, eindringliche Sprache das Leiden der Protagonistin sichtbar zu machen. Das Buch verzichtet auf jede Beschönigung und zwingt uns, hinzusehen, wo wir lieber wegsehen würden.

Literarisch ist dieses Werk von besonderer Kraft: Es dringt tief in uns ein, beschäftigt uns weit über die Lektüre hinaus und hallt nach. Denn Judith steht nicht allein. Es gibt unzählige Jugendliche wie sie, junge Menschen, die leiser und leiser werden, bis sie kaum noch gehört werden. Kaum Beachtung finden und das offene Ende macht es noch eindringlicher!

Ich hoffe, das Buch findet in seiner Neuauflage viele Leserinnen.

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  • Erzählstil
  • Handlung
  • Charaktere
Veröffentlicht am 28.10.2025

Geheimnisvolles Haus

HEN NA IE - Das seltsame Haus
5

„HEN NA IE – Das seltsame Haus“ von Uketsu
Verlag: Lübbe

Ein Haus voller Geheimnisse, ein Architekt mit rätselhaften Ideen und ein Journalist, der nicht loslassen kann „HEN NA IE - Das seltsame Haus‘ ...

„HEN NA IE – Das seltsame Haus“ von Uketsu
Verlag: Lübbe

Ein Haus voller Geheimnisse, ein Architekt mit rätselhaften Ideen und ein Journalist, der nicht loslassen kann „HEN NA IE - Das seltsame Haus‘ lässt einen Seite für Seite rätseln.

Ich bin richtig gut in dieses Buch gestartet, von Anfang an war ich gefesselt. Es besteht fast ausschließlich aus Dialogen, und vielleicht ist es genau das, was es so spannend macht. Das Setting ist ungewöhnlich, die Gedankengänge des Architekten Kurihara und des Ich-Erzählers, eines Journalisten mit Schwerpunkt auf okkulte Phänomene, sind gleichermaßen faszinierend wie beunruhigend.

Uketsu nimmt uns in diesem Buch mit in ein Haus mit seltsamen Grundriss. Man rätselt mit den beiden Protagonisten, analysiert die Grundrisse und wenn die beiden Herren über Falltüren, geheime Räume und sogar ein mordendes Kind sprechen, kreist unser Verstand um die Grundrisse und die Dialoge. Wir versuchen zu verstehen, werden jedoch immer tiefer in die undurchsichtigen Gedanken hineingezogen.

Auf die Erklärung der beiden Herren wäre ich selbst nie gekommen. Zwei Häuser, fast identisch aufgebaut, Zimmer ohne Fenster, ein Raum im Inneren des Hauses, das alles wirkt seltsam beklemmend. Und dann die Frage nach dem „Warum“: Geht es um Geld, um Auftragsmorde? Oder steckt etwas ganz anderes dahinter? Ich konnte mich dieser Unruhe, die sich beim Lesen aufbaut, kaum entziehen. Seite um Seite fesselt uns Uketsu an die Geschichte, an die Familie, an das unglaubliche.

Es wird immer abstruser, aber auch spannender. Ich habe mitgerätselt, konnte das Buch nicht aus der Hand legen. Die wiederkehrenden Skizzen der Grundrisse, die Theorien der beiden Männer, das geheimnisvolle Ritual und die verworrene Familiengeschichte: all das wirkte hoch spekulativ, aber gerade deshalb so faszinierend.

Warum die beiden Männer nur an einer bestimmten Annahme festhalten, blieb mir ein Rätsel und trotzdem wollte ich unbedingt wissen, wohin das führt.

Der Schreibstil bleibt stets flüssig, die Dialoge sind angenehm zu lesen, und trotz aller Rätselhaftigkeit ist die Geschichte unglaublich unterhaltsam.

Dann kam das Nachwort und plötzlich wurde alles auf den Kopf gestellt.
Ich musste zurückblättern, nachlesen, alles noch einmal überdenken und war völlig überrascht.

Ich möchte keinesfalls etwas verraten, ihr werdet unglaublich überrascht sein und ich muss gestehen, dieses Buch hat mich gefordert, verunsichert, fasziniert und genau das liebe ich an so einer Geschichte.

Absolute Empfehlung für dieses besondere rätselhafte Buch!

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  • Handlung
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  • Cover
  • Spannung
Veröffentlicht am 28.10.2025

Leseempfehlung!

Akikos lange Reise
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„Akikos lange Reise“ von Jan-Philipp Sendker
Verlag : Blessing

„Es war still. Mehr als das. Stiller. Am stillsten. Was für ein Unsinn. 
Es gab keine Steigerung von still, und doch fühlte es sich in diesem ...

„Akikos lange Reise“ von Jan-Philipp Sendker
Verlag : Blessing

„Es war still. Mehr als das. Stiller. Am stillsten. Was für ein Unsinn. 
Es gab keine Steigerung von still, und doch fühlte es sich in diesem Wald so an.“

In dieser Stille beginnt Akikos Weg. Ein Weg, der sie fortführt von allem, was sicher schien, hinein in das Ungewisse und zu sich selbst.
Nach dem Tod ihrer Mutter steht Akiko an einem Punkt, an dem vieles zu Ende geht und zugleich alles neu beginnen kann. Sie übergibt die Asche der Mutter dem Meer, begleitet von Kento, einem Hikikomori, der nach Jahren der Einsamkeit zum ersten Mal wieder hinaus in die Welt tritt. Zwei Menschen, die beide suchen, nach Nähe, nach Mut, nach Liebe und nach einem Platz im Leben.

Akiko kündigt ihren Job, um frei zu sein. Sie will schreiben, reisen, verstehen. Und sie wagt das, wovor sie sich am meisten gefürchtet hat, die Suche nach ihrem Vater, der sie als Baby verließ. Doch statt Antworten findet sie Schweigen, Enttäuschung, Schmerz. Nur ihr Großvater reicht ihr die Hand, still, warm, mit einem Verständnis, das heilt.

Mit jedem Gespräch, jedem Ort, den sie betritt, begreift Akiko ein Stück mehr von der Geschichte ihrer Familie. Von einer Liebe, die groß war und doch nicht stark genug, um zwei Menschen glücklich zu machen. Und sie begreift, dass Verstehen und Vergeben oft der erste Schritt nach Hause sind.

Jan-Philipp Sendker schreibt mit jener Sanftheit, die das Herz berührt. Seine Worte fließen wie ein stiller Bach, klar, poetisch, tief. Er zeigt, wie Einsamkeit, Liebe und Vergebung ineinander greifen und wie Heilung leise geschieht.

Ein stilles, tröstendes Buch über das Ankommen in der Welt, in der Familie und im eigenen Herzen.

Ein Buch, das nachklingt, sanft, weise und voller Herz.

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  • Handlung
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Veröffentlicht am 26.10.2025

Herzerwärmend

Sonnenaufgang Nr. 5
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Sonnenaufgang Nr. 5 von Carsten Henn, gelesen von Oliver Siebeck
Verlag: OSTERWOLD Audio
Dauer: 7 Stunden 21 Minuten

„Lieb haben, auch wenn etwas komisch ist.“
Diese Worte flüstert Jonas’ kranke Mutter ...

Sonnenaufgang Nr. 5 von Carsten Henn, gelesen von Oliver Siebeck
Verlag: OSTERWOLD Audio
Dauer: 7 Stunden 21 Minuten

„Lieb haben, auch wenn etwas komisch ist.“
Diese Worte flüstert Jonas’ kranke Mutter leise.
Jonas, 19 Jahre alt, hat sein Germanistikstudium abgebrochen und möchte nun als Ghostwriter Autobiografien schreiben. Stella Dor, eine ehemalige Filmschauspielerin, ist seine erste Kundin. Sein Weg führt ihn an die Nordsee, zu Stellas Erinnerungen. Doch dort lernt er nicht nur die BewohnerInnen des Ortes kennen, sondern auch ein Stück von sich selbst.
Stella hat ihren Mann und ihre Tochter Marlene von sich gestoßen. Sie hat vor vielen Jahren ihr kleines Mädchen verlassen, als deren Bruder starb. Seitdem lebt Stella allein in der Nähe des Meeres und möchte mit ihrer Autobiografie ihr erfülltes, glamouröses Leben darstellen.
Doch während Stella Jonas ihre Geschichte erzählt, merkt er schnell: Ihre Erinnerungen weichen von der Realität ab, aber sie ist überzeugt, dass ihre Version der Wahrheit entspricht. Überall in ihrem Pavillon am Strand liegen Zettel mit Notizen und Erinnerungsfetzen, die darauf hindeuten.
Dann ist da noch Paul, ein älterer, an Demenz erkrankter Mann, der seit Jahren Stellas Pavillon repariert. Paul wünscht sich nichts sehnlicher, als einmal mit Stella zu tanzen. Doch sie verweigert es, obwohl ihr Paul mit seiner sympathischen Art längst ans Herz gewachsen ist. Er und sein Hund „Guter Junge“ sind so oft bei Stella, dass der Hund glaubt, sie seien ein Rudel. Und obwohl Paul sich verändert, versteht „Guter Junge“ am Klang seiner Stimme, was diese zwei Worte bedeuten: „Ich hab dich lieb.“
Eine weitere Dorfbewohnerin lernt Jonas gleich bei seiner Ankunft kennen: Bentje, eine ältere Frau, die im Bushäuschen sitzt und der alten Durchsage lauscht, die ihr verstorbener Mann einst auf Band gesprochen hat.
Auch Nessa, eine junge, freche Frau mit einer tragischen Kindheitsgeschichte, kreuzt immer wieder Jonas’ Weg.
Doch auch Jonas selbst trägt eine Geschichte in sich, die er nicht in Worte fassen kann. Seine Mutter starb, als er noch ein Kind war, und sein Vater versuchte, ihm die Liebe von zwei Menschen zu schenken. Dennoch muss Jonas sein Leben selbst aufarbeiten und wenn es ihm gelingt, aufschreiben.
„Erinnerst du dich später an mich?“, fragte seine Mutter einst.
Als Kind verstand Jonas diese Worte nicht. Erst als Erwachsener erkennt er, was sie bedeuteten. Er erinnert sich, an seine Mutter, an seine Kindheit, an die Zeit, in der sie noch eine kleine Familie waren.
Damals sagte Jonas in kindlicher Naivität, dass ein Film zum Erinnern wirklich gut wäre. 
Und sein Vater bringt ihm nun, viele Jahre später, diesen Film.
Literarisch überzeugt mich dieses Hörbuch absolut. Der Sprecher fängt die Stimmung wunderbar ein und verleiht ihr mit seiner angenehmen Stimme Tiefe. Wahre und falsche Erinnerungen, Trauer, Hoffnung und Wahrnehmung werden in dieser Geschichte kunstvoll verwoben. Der Autor holt uns emotional ab und zeigt uns mit poetischer Sprache die inneren Konflikte und Gefühle seiner Figuren, allen voran Stella und Jonas,
Zahlreiche Nebencharaktere werden lebendig und bildhaft beschrieben. Auch wenn sie nur kleine Rollen spielen, tragen sie wesentlich zur Geschichte bei.
Carsten Henn lädt uns mit diesem Roman ein, die nach außen starke Stella Dor kennenzulernen. Warmherzig, tiefgründig und berührend, regt der Autor mit seinen Worten zum Nachdenken an. Seine Figuren sind so nah, so real; seine Erzählung so herzerwärmend.
„Es war nicht alles gut, aber es war auch nicht alles schlecht. Das war für den Anfang mehr als genug. 
Ein neues Buch konnte geschrieben werden.“
Sonnenaufgang Nr. 5 zeigt, dass jeder Tag neue Wege bereithält. Jede Entscheidung hat Folgen, und wir können uns, egal wie alt wir sind, jederzeit für eine andere Wahrheit entscheiden.
Ein Hörbuch-Highlight von Carsten Henn, der mich bereits mit „Der Buchspazierer“ überzeugt hat.
Sonnenaufgang Nr. 5 wärmt das Herz und zaubert ein Lächeln ins Gesicht.

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Veröffentlicht am 26.10.2025

Gute Unterhaltung

Das glückliche Leben
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„Das glückliche Leben“ von David Foenkinos
Verlag: Kiepenheuer & Witsch
Dies war mein erstes Buch von David Foenkinos und ich bin gut in die Geschichte hineingekommen.
Der Schreibstil ist flüssig, leicht ...

„Das glückliche Leben“ von David Foenkinos
Verlag: Kiepenheuer & Witsch
Dies war mein erstes Buch von David Foenkinos und ich bin gut in die Geschichte hineingekommen.
Der Schreibstil ist flüssig, leicht und sehr angenehm, die kurzen Kapitel halten den Lesefluss wunderbar aufrecht.
Die Geschichte ist interessant und hat viele spannende Ansätze. Dennoch sind mir die beiden Hauptfiguren, Amélie und Éric, zunächst fremd geblieben. Ihre Emotionen wurden meines Erachtens nicht richtig herausgearbeitet.
So war für mich zum Beispiel nicht nachvollziehbar, warum Éric seinen sicheren und gut bezahlten Job bei Decathlon aufgibt, um einen schlechter bezahlten Regierungsjob mit vielen Reisen, die ihm Unbehagen bereiten, anzunehmen. Das wirkte auf mich nicht ganz realistisch.
Auch Amélie, die ihr Leben nach außen perfekt erscheinen lässt, während es innen bröckelt, bleibt etwas schematisch.
Im weiteren Verlauf gewinnt die Geschichte, Éric wird sympathischer und seine Idee mit den Fake-Beerdigungen greift einen interessanten Zeitgeist nach der Pandemie auf.
Die Aufarbeitung seiner schwierigen Beziehung zur Mutter ist einfühlsam und realistisch beschrieben und hat mir sehr gut gefallen.
Insgesamt jedoch bleiben viele Entwicklungen oberflächlich, die Figuren zeigen wenig Tiefe und die Handlung hinterlässt keinen bleibenden Eindruck. Vor allem im letzten Teil wirkte die Handlung für mich etwas vorhersehbar. Einige Entwicklungen wurden recht schnell erzählt und hätten nach meinem Empfinden mehr Tiefe und Zeit verdient.
Trotz dieser Kritikpunkte bleibt es ein kurzweiliger Roman, den man gerne liest. Foenkinos schreibt charmant, locker und unterhaltsam über Veränderungen, Neubeginne und die Suche nach dem eigenen Ich.
Die Idee mit der Fake-Beerdigung ist gelungen und zeigt auf, wie unterschiedlich der Weg zum Glück ist.
„War das Bewusstsein der eigenen Vergänglichkeit nicht der Schlüssel zur Gestaltung der Zukunft?“ (Seite 152)
Die Story konnte mich gut unterhalten, der Autor überzeugt mit seinem lockeren Schreibstil.

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