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Veröffentlicht am 14.08.2018

Was bleibt

Der Duft des Lebens
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Aviv wird im Zuge seiner Geburt unmittelbar zum Waisenkind, so dass die Hebamme Selma ihn an Kindes statt annimmt. Behütet wächst er auf, lernt von seiner liebevollen, fürsorglichen Mutter, seine Umwelt ...

Aviv wird im Zuge seiner Geburt unmittelbar zum Waisenkind, so dass die Hebamme Selma ihn an Kindes statt annimmt. Behütet wächst er auf, lernt von seiner liebevollen, fürsorglichen Mutter, seine Umwelt bewusst und feinfühlig wahrzunehmen. Aviv verkörpert in allem das Gute, obwohl auch er nicht frei von Fehlern ist. Er ist wissbegierig und möchte alles um sich herum verstehen. Einen guten Freund findet er in dem Bettler Filip, von dem er sehr viel lernen kann.
Sein Gegenpol in dieser Parabel ist Dr. Kaminski. Ein Mensch, der die Welt um sich herum durch seine bloße Anwesenheit zu einem dunklen, kalten Ort macht. Das personifizierte Böse. Ein Mensch ohne Seele, der jedoch nichts mehr begehrt, als endlich auch einmal „Mensch“ sein zu können; er möchte das haben, was er schon so manches Mal in den Augen eines Gegenübers hat erahnen konnte und was man wohl braucht, um geliebt werden zu können.

„Der Duft des Lebens“ habe ich sehr gerne gelesen. Oft geht es um den Kampf von Gut gegen Böse in Büchern; hier ist dieses Kräftemessen vielleicht letztlich mehr mental, als in der Grausamkeit von Kaminski zu finden. Aviv wächst mit der Zeit zu einem ebenbürtigen Gegner, muss jedoch nicht in die Dunkelheit hinabsteigen, um das Böse zu besiegen. Aber er muss jedoch auch durch ein Tal der Tränen, um sich vollends entwickeln zu können.

Der Grundgedanke, dass eine Menschenseele einen Duft bei ihrem Entweichen und Aufbruch in die Weltenseele entfaltet, finde ich sehr schön. Ist die Seele doch für mich etwas Unfassbares. Dass dunkle Seelen einfach nur verkümmern könnten, statt posthum Schlechtes zu bewirken, finde ich tröstlich.

Die Idee, etwas vom Menschen einzufangen, um etwas Großes, Mächtiges zu erschaffen, ist nicht neu. Aber neu umgesetzt und damit letztlich einzigartig.

Schon anhand der Leseprobe war mir bewusst, dass ich in ein ganz besonderes Kleinod hineinlesen darf. Clara Maria Bagus bedient sich einer ganz besonderen, selten zu findenden Sprachform und erzeugt damit eine wunderbare Stimmung. Das Cover, schlicht aber doch anziehend gestaltet, passt m. E. hervorragend zum Inhalt.


Clara Maria Bagus, Der Duft des Lebens, gebundene Ausgabe, Literatur, Ullstein leben Verlag, 16,00 €, 352 Seiten, Erscheinungstermin 10.08.2018

Veröffentlicht am 30.07.2018

Wer ist Oskar Johansson?

Der Sprengmeister
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Mit diesem Buch halte ich die erste große Veröffentlichung von Henning Mankell in Händen. Mankell, der für mich seine Berühmtheit durch die Reihe um seinen „Kommissar Wallander“ erlangt hat und dessen ...

Mit diesem Buch halte ich die erste große Veröffentlichung von Henning Mankell in Händen. Mankell, der für mich seine Berühmtheit durch die Reihe um seinen „Kommissar Wallander“ erlangt hat und dessen Afrika-Romane ich gerne gelesen habe. Aber es gab ihn, den Schriftsteller davor, der ganz anders auftritt als für mich gewohnt. Und obwohl ich ein eher kleines Buch betrachte, ist es doch sperrig, etwas unbequem, gibt seinen Inhalt nicht widerstandslos preis.

Ich habe es mit einer Biographie zu tun, verwoben mit der Zeitgeschichte Schwedens. Der Erzähler besucht Oskar Johansson regelmäßig auf der Schäreninsel, mal nur auf einen Kaffee oder ein kurzes „Hallo“, er geht mit ihm fischen und hilft ihm bei handwerklichen Erfordernissen. Dabei versucht er, die Lebensgeschichte des alten Sprengmeisters ans Licht zu heben. Oskar Johansson ist jedoch ein Mensch, der sich selbst, seine Geschichte und alles Drumherum, was ihn betrifft, nicht als wichtig oder besonders erachtet. Dementsprechend antwortet er mal gar nicht, einsilbig oder verweist einfach darauf, dass alles „normal“, „nichts Besonderes“ war. Ganz selten erzählt er von selbst.

Das Buch hält sich jedoch nicht stur an die zeitgeschichtliche Reihenfolge. Obwohl schon eine gewisse Chronologie den roten Faden bildet, springt die Handlung vor und zurück. Auch wechselt vereinzelt die Ich-Perspektive vom Erzähler auf Oskar. Es wird nichts beschönigt, aber auch kein Voyeurismus betrieben, es geht eher sachlich zu, in einem auch politischen Buch. Und letztlich könnte ich beinahe denken, Oskar Johansson sei ein ganz normaler Bürger seines Landes gewesen und habe zufrieden, in sich ruhend von seiner Hütte aus auf sein Leben zurückblicken können.

Für mich ist dieses Buch in sich stimmig. Das wunderschöne, stimmungsvolle Cover, die ungewohnte Erzählform, die Sprache, der Mut zur Lücke und zum schonungslosen Detail, das Schweigen – das alles transportiert in mir genau die Vorstellung, die ich von Oskar Johansson jetzt habe. Dessen Geschichte – hätte er je existiert – es wert gewesen wäre, erzählt worden zu sein.


Henning Mankell, Der Sprengmeister, gebundene Ausgabe, Literatur, Zsolnay Verlag, 21,00 €, 192 Seiten, Erscheinungstermin 23.07.2018

Veröffentlicht am 04.07.2018

Schwierige Zeiten in Paris

Die Toten von Paris
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1944 – Paris ist befreit; die Zeiten bleiben schwierig. Man weiß nicht, wem man nun trauen kann. Nicht alle, die mit den Nazis gerne verbunden waren, sind identifiziert. So wird Jean Ricolet, ein junger ...

1944 – Paris ist befreit; die Zeiten bleiben schwierig. Man weiß nicht, wem man nun trauen kann. Nicht alle, die mit den Nazis gerne verbunden waren, sind identifiziert. So wird Jean Ricolet, ein junger Inspektor aus dem Süden, nach Paris beordert, um dort die Polizeiarbeit zu unterstützen. Die Kunststudentin Pauline Drucat, Spionin der Résistance, musste als Expertin für die Nazis arbeiten. Aufgrund eines Mordes, welcher in Verbindung mit der Kunstszene zu stehen scheint, treffen Jean und Pauline aufeinander und begeben sich sowohl gemeinsam, als auch getrennt auf Spurensuche.

Im Rahmen dieses Kriminalromans lerne ich zunächst die Gegebenheiten in Paris zu jener Zeit und nach und nach die Biographien der Haupt-Protagonisten näher kennen. Die historischen Umstände erscheinen mir gut recherchiert; hinsichtlich der Kunstgeschichte wurde hier offensichtlich künstlerische Freiheit angewendet. Sprachlich ist der Text gut zu verfolgen. Michelle Cordier möchte scheinbar etwas französisches Flair einbinden, indem ab und an entsprechendes Vokabular zum Einsatz kommt, was mir zu bemüht erscheint und auch nicht konsequent stattfindet.

Im Grunde ist dieses Buch schon ein Kriminalroman, wobei es mehrere Handlungsstränge und Nebenschauplätze gibt, die an der einen oder anderen Stelle einem alternativen Genre Gewicht verleihen. Für mich kommt auch nicht wirklich Spannung auf, was natürlich auch daran liegen könnte, dass ich dieses Buch im Rahmen einer Leserunde (Lesejury Bastei-Lübbe-Verlag) in mehreren Abschnitten gelesen habe. Im Finale kommt irgendwie alles holterdiepolter zusammen, unerwartete Wendungen überschlagen sich und ein logischer Ausgang wird mir verwehrt. Für mich war das in dieser Ansammlung zu viel und erweckte den Eindruck, das Buch sollte nun endlich fertig sein.

Grundsätzlich hätte dieser Plot ein Potential für einen grundsoliden, historischen, richtig guten Kriminalroman geboten; eine Möglichkeit die m. E. verschenkt worden ist. Dadurch verliert dieses in den ersten zwei Dritteln doch gute Buch sehr. Vielleicht wollte die Autorin zu viel auf einmal; weniger hätte ich begrüßt.

Ein unterhaltsamer, mittelmäßiger Kriminalroman der – sofern man nicht in die Tiefe geht – eine angenehme Lektüre für zwischendurch darstellt.


Michelle Cordier, Die Toten von Paris, Taschenbuch, Kriminalroman, Bastei Lübbe Verlag, 9,99 €, 336 Seiten, Erscheinungstermin 25.05.2018

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Veröffentlicht am 10.06.2018

Die Zeit heilt keine Wunden

Und niemand soll dir vergeben
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Die Polizistin Miranda wird zu einem Tatort gerufen. Der Chief persönlich ist da, was sich – so ungewöhnlich es ist – durch den offensichtlichen Mord, welcher leicht erkennbar mit extremer, brutaler Gewalt ...

Die Polizistin Miranda wird zu einem Tatort gerufen. Der Chief persönlich ist da, was sich – so ungewöhnlich es ist – durch den offensichtlichen Mord, welcher leicht erkennbar mit extremer, brutaler Gewalt begangen worden ist, durchaus erklären lässt. Der Tatort wurde sehr gründlich gereinigt, auf den ersten Blick gibt es keine verwertbaren Spuren. Bei der späteren intensiven Tatortbegehung mit ihrem Partner Jack findet Miranda einen alten Zeitungsartikel, welcher sie aus dem Stand 14 Jahre zurück in die eigene Vergangenheit katapultiert. Eine Vergangenheit, die sie für sich abgeschlossen und aus ihrem Leben verbannt hatte.

Obwohl Miranda eine ausgezeichnete Ermittlerin ist, offenbart sich nach und nach, dass der Chief, bis dato ihr Mentor und Freund, ihre fachliche und persönliche Kompetenz in diesem Fall hinterfragt und letztlich offen anzweifelt. Da geschieht ein zweiter Mord. Und auf einmal steht Miranda scheinbar ganz alleine da, muss nicht nur einen Täter überführen, sondern auch die eigene Unschuld beweisen.

„Und niemand soll Dir vergeben“ habe ich gerne gelesen. Ich hatte das Vergnügen, im Rahmen einer Leserunde in der Lesejury.de dieses eBook zu lesen. Meiner Meinung nach handelt es sich eher um einen Kriminalroman, denn um einen Thriller. Mit der Bezeichnung „Romantic-Thriller“ kann ich nach wie vor nicht wirklich etwas anfangen. Im Vorfeld hatte ich die Befürchtung, eine Romanze könne das eigentliche Geschehen überlagern, was zum Glück nicht so ist. Die Protagonisten sind der Autorin gut gelungen und sind in ihrer Art und Weise stimmig. Auch die Umgebung des Schauplatzes mit seiner dörflichen Enge und alten Seilschaften fügen sich gut in die Handlung ein. Der Zeitensprung zwischen damals und heute fügt sich harmonisch ein und bereitet keinerlei Probleme beim Zurechtfinden in der jeweiligen Zeit.

Zur Hauptdarstellerin entwickle ich eine persönliche Beziehung, begleite sie gerne auf ihren Wegen. Ein Techtelmechtel, eine gute Freundin mit einem eigenen großen Problem, Entfremdung in der Familie; schmückendes Beiwerk, für mich evtl. entbehrlich; all dies lenkt nicht vom eigentlichen Haupthandlungsstrang ab, so dass sich eine gewisse Spannung aufbauen und das eigentliche Rätselraten um den Täter stattfinden kann. Und gerade als ich dachte: „Ha! Jetzt weiß ich’s!“ beginn das Finale, welches angenehmer Weise ohne effektheischende überzogene Brutalität auskommt. Und ich lag „natürlich“ falsch…

Erica Spindler ist ein solider Krimi gelungen mit einer angenehmen Spannungskurve. Für einen Thriller hätte es für mich mehr an Geschwindigkeit und Spannung bedurft; vielleicht liegt diese Wahrnehmung auch an dem Umstand, dass in drei Abschnitten und somit mit Unterbrechungen gelesen wurde.


Erica Spindler, Und niemand soll Dir vergeben, eBook, Romantic-Thriller, Verlag beTHRILLED by Bastei Entertainment, 5,99 €, 330 Seiten, Erscheinungstermin 01.06.2018

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Veröffentlicht am 08.06.2018

Vergangenheit abschließen können

Das Finkenmädchen
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Felicity verlebt, nachdem der Vater die Familie verlassen hat, ihre Kindheit in ungünstigen familiären Verhältnissen. Die Mutter mit der zweitgeborenen Tochter Lila und ihrem eigenen Lebensfrust völlig ...

Felicity verlebt, nachdem der Vater die Familie verlassen hat, ihre Kindheit in ungünstigen familiären Verhältnissen. Die Mutter mit der zweitgeborenen Tochter Lila und ihrem eigenen Lebensfrust völlig überfordert, freut sich, dass Felicity jederzeit zur Nachbarsfamilie, die ebenfalls zwei Töchter hat, hinübergehen und dort Zeit verbringen kann. Was zunächst für Felicity ein schönes Arrangement darstellt, wandelt sich nach und nach zu einem Grauen.

Heute befindet sich Birdy, wie Felicity hier genannt wird, auf der „Farm“. Einer Justizvollzugsanstalt mit gelockerten Sicherheitsbestimmungen, wo die Frauen auf ihr Leben nach ihrer Entlassung vorbereitet werden sollen. Hier begegnet Felicity nach 25 Jahren unvorhersehbar Rose, der Nachbarin von damals…

„Das Finkenmädchen“ von Nicole Trope habe ich gerne gelesen. Abwechselnd werden die Biographien von Felicity und Rose ausgebreitet, was nach und nach die Verbindung der beiden Frauen enthüllt. Es sind zwei völlig verschiedene Lebensläufe, die sich verhältnismäßig kurz überschneiden. Diese kurze Schnittmenge verändert letztlich jedoch beider Leben und strahlt bis in die Gegenwart hinein.

Behutsam hebt die Autorin den Vorhang, so dass ich nach und nach das Ungeheuerliche erst erahne, um es alsdann bestätigt zu finden. Und sofern ich anfangs Probleme habe, die Handlungsweise der beiden Frauen nachvollziehen zu können, komme ich zu dem Ergebnis, dass die Geschichte keine Chance hatte, einen anderen Weg zu beschreiten.

Das Buch baut in seinem Verlauf eine gewisse Spannung auf. Ich habe das Manuskript im Rahmen einer Leserunde in der Lesejury.de lesen dürfen, wodurch sich die Lektüre auf drei Lese-Abschnitte erstreckte. Dies führte dazu, dass die Spannung mehrfach unterbrochen wurde und ich beim nächsten Abschnitt erst wieder in die Handlung hineinfinden musste. Als komplettes Buch - in einem durch gelesen - könnte ich mir vorstellen, dass die Spannungskurve den geneigten Leser dazu verleitet, „Überstunden“ einzulegen, um dem Schlusspunkt entgegenzustreben. Lese-Empfehlung!


Nicole Trope, Das Finkenmädchen, Romane & Erzählungen, Verlag Bastei Lübbe, 11,00 €, 352 Seiten, Erscheinungstermin 25.05.2018

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