Toller Auftakt
Dogma der WahrheitDogma der Wahrheit macht es einem nicht leicht. Dieses Buch nimmt seine Leser:innen nicht an die Hand, sondern stößt sie kopfüber in eine kalte, brutal durchorganisierte Zukunft. Wer Lesekomfort sucht, ...
Dogma der Wahrheit macht es einem nicht leicht. Dieses Buch nimmt seine Leser:innen nicht an die Hand, sondern stößt sie kopfüber in eine kalte, brutal durchorganisierte Zukunft. Wer Lesekomfort sucht, ist hier falsch. Wer sich jedoch fordern lassen will, bekommt eine Dystopie, die unangenehm nah an unsere Gegenwart heranrückt.
In Behemoffs Welt gehört der eigene Gedanke nicht mehr einem selbst. Wahrheit ist kein Diskurs, sondern ein Dogma. Wächter lesen Absichten, bestrafen Abweichungen sofort, öffentlich, tödlich, bejubelt. Realität wird fast nur noch durch virtuelle Brillen erlebt, Emotionen manipuliert, Gewalt gestreamt. Kinder entstehen künstlich, der Alltag spielt sich im „Grid“ ab: einem digitalen Käfig, der totale Kontrolle als Sicherheit verkauft.
Hagen erinnert sich noch an eine andere Zeit. Lange hat er funktioniert, weggesehen, überlebt. Doch Schuld und Verlust lassen ihn nicht los. Gerüchte über den Root Chip, angeblich Schlüssel zur totalen Kontrolle oder zur Zerstörung des Systems, werden für ihn zur letzten Hoffnung. Mit seiner Suche gerät er ins Visier des Moebius-Konzerns. Die Jagd beginnt. Und klar ist: Wer zu viel weiß, lebt nicht lange.
Die größte Stärke des Romans ist wohl sein Worldbuilding. Diese Welt ist düster, konsequent gedacht und erschreckend plausibel. Konzernherrschaft, totale Überwachung, Gewalt als Entertainment, nichts davon ist neu, aber hier gnadenlos umgesetzt. Hoffnungsschimmer sind rar. Diese Atmosphäre trägt das Buch über weite Strecken. Auch die Handlung funktioniert: Die Jagd nach dem Root Chip sorgt für Tempo und Spannung. Wissen ist hier eine Waffe, gegen andere, aber auch gegen einen selbst.
Mein größter Kritikpunkt ist die enorme Komplexität. Viele Begriffe und Konzepte werden eingeführt, ohne erklärt zu werden. Nach Lesepausen fiel mir der Wiedereinstieg schwer, ein Glossar hätte dem Buch sehr gutgetan. Das hat meinen Lesefluss spürbar gebremst.
Hinzu kommt die Figurentiefe: Viele Figuren bleiben blass und austauschbar. Eine starke Ausnahme ist Libby. Ihr Handlungsstrang hat mich emotional erreicht, hier entstand echte Bindung. Umso deutlicher wird, welches Potenzial bei den übrigen Figuren liegen geblieben ist.
Dogma der Wahrheit ist eine wahrlich ambitionierte, düstere Dystopie mit starkem Worldbuilding und spannender Handlung, die sich durch Überkomplexität und schwache Figuren jedoch immer wieder selbst im Weg steht.