Absolut empfehlenswert
Teufels Bruder1896: Zwei Brüder reisen durch Italien. Heinrich, 25, selbstbewusst, schon auf dem Weg zum Schriftsteller. Und Thomas, der jüngere Bruder, unsicher, suchend, ein bisschen verloren. Noch ist er nur „Tommy“, ...
1896: Zwei Brüder reisen durch Italien. Heinrich, 25, selbstbewusst, schon auf dem Weg zum Schriftsteller. Und Thomas, der jüngere Bruder, unsicher, suchend, ein bisschen verloren. Noch ist er nur „Tommy“, der Sitzenbleiber. Als Leser:in weiß man, wer er einmal sein wird. Aber hier, in dieser Geschichte, steht er noch ganz am Anfang.
Was mich am meisten begeistert hat, ist die Beziehung der Brüder.
Thomas bewundert Heinrich fast schon schmerzhaft. Er will gesehen werden, ernst genommen werden. Dieses Szenario prägt das ganze Buch. Es zeigt einen verletzlichen jungen Mann, der seinen Sinn und Zweck im Leben noch sucht und geprägt wird durch Erfahrungen.
Und Heinrich? Der wirkt stark, fast überlegen. Aber auch das bröckelt. Da sind Unsicherheit, Druck, Erwartungen. Beide sind im Grunde auf der gleichen Suche: nach sich selbst, nach Anerkennung und nach Liebe. Die Reise durch Italien ist dabei viel mehr als nur schicke Kulisse. Besonders in Venedig verändert sich Thomas. Die Begegnung mit dem melancholischen Jungen, der ihn nicht mehr loslässt. Der Autor erzählt das gefühlvoll und zeigt die feinen Nuancen des Lebens. Diese Passagen haben mir wirklich sehr gut gefallen, weil Matthias Lohre hier sein ganzes literarisches Talent zeigt. Den großen Thomas Mann als verletzlichen Menschen zu zeichnen.
Was Lohre ebenfalls richtig gut macht: Er verbindet Realität und Fiktion so, dass man ständig denkt, genau so könnte es gewesen sein. Gleichzeitig hat man das Gefühl, Thomas Mann beim Entstehen zuzusehen. Beim Sammeln von Eindrücken, die später Literatur werden.
Und trotzdem bleibt es ein eigener Roman. Keine bloße Nacherzählung, keine Biografie in Romanform, sondern eine Geschichte, die für sich alleinstehend überaus gut funktioniert.
Für mich war das ein richtig starkes Buch.
Ich habe oft vergessen, dass ich hier über einen der größten Schriftsteller überhaupt lese. Es ging einfach nur um Thomas. Um einen jungen Mann, der seinen Weg sucht.
Am Ende ist es für mich eine klare Leseempfehlung. Ein Buch, das zeigt, wie aus Unsicherheit etwas Großes entstehen kann. Die Geschichte rund um Thomas Mann ist ein literarischer Genuss, Matthias Lohre hat hier ein Buch vorgelegt, dass den großen Mythos "Thomas Mann" nicht entzaubert, sondern menschlicher macht. Ein großes Jahreshighlight.