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Veröffentlicht am 13.01.2026

Toller Auftakt

Dogma der Wahrheit
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Dogma der Wahrheit macht es einem nicht leicht. Dieses Buch nimmt seine Leser:innen nicht an die Hand, sondern stößt sie kopfüber in eine kalte, brutal durchorganisierte Zukunft. Wer Lesekomfort sucht, ...

Dogma der Wahrheit macht es einem nicht leicht. Dieses Buch nimmt seine Leser:innen nicht an die Hand, sondern stößt sie kopfüber in eine kalte, brutal durchorganisierte Zukunft. Wer Lesekomfort sucht, ist hier falsch. Wer sich jedoch fordern lassen will, bekommt eine Dystopie, die unangenehm nah an unsere Gegenwart heranrückt.

In Behemoffs Welt gehört der eigene Gedanke nicht mehr einem selbst. Wahrheit ist kein Diskurs, sondern ein Dogma. Wächter lesen Absichten, bestrafen Abweichungen sofort, öffentlich, tödlich, bejubelt. Realität wird fast nur noch durch virtuelle Brillen erlebt, Emotionen manipuliert, Gewalt gestreamt. Kinder entstehen künstlich, der Alltag spielt sich im „Grid“ ab: einem digitalen Käfig, der totale Kontrolle als Sicherheit verkauft.

Hagen erinnert sich noch an eine andere Zeit. Lange hat er funktioniert, weggesehen, überlebt. Doch Schuld und Verlust lassen ihn nicht los. Gerüchte über den Root Chip, angeblich Schlüssel zur totalen Kontrolle oder zur Zerstörung des Systems, werden für ihn zur letzten Hoffnung. Mit seiner Suche gerät er ins Visier des Moebius-Konzerns. Die Jagd beginnt. Und klar ist: Wer zu viel weiß, lebt nicht lange.

Die größte Stärke des Romans ist wohl sein Worldbuilding. Diese Welt ist düster, konsequent gedacht und erschreckend plausibel. Konzernherrschaft, totale Überwachung, Gewalt als Entertainment, nichts davon ist neu, aber hier gnadenlos umgesetzt. Hoffnungsschimmer sind rar. Diese Atmosphäre trägt das Buch über weite Strecken. Auch die Handlung funktioniert: Die Jagd nach dem Root Chip sorgt für Tempo und Spannung. Wissen ist hier eine Waffe, gegen andere, aber auch gegen einen selbst.

Mein größter Kritikpunkt ist die enorme Komplexität. Viele Begriffe und Konzepte werden eingeführt, ohne erklärt zu werden. Nach Lesepausen fiel mir der Wiedereinstieg schwer, ein Glossar hätte dem Buch sehr gutgetan. Das hat meinen Lesefluss spürbar gebremst.

Hinzu kommt die Figurentiefe: Viele Figuren bleiben blass und austauschbar. Eine starke Ausnahme ist Libby. Ihr Handlungsstrang hat mich emotional erreicht, hier entstand echte Bindung. Umso deutlicher wird, welches Potenzial bei den übrigen Figuren liegen geblieben ist.

Dogma der Wahrheit ist eine wahrlich ambitionierte, düstere Dystopie mit starkem Worldbuilding und spannender Handlung, die sich durch Überkomplexität und schwache Figuren jedoch immer wieder selbst im Weg steht.

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Veröffentlicht am 04.01.2026

Toller Solarpunk Ansatz

AMATEA
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AMATEA: Memoirs of the Last City nimmt sich Zeit, manchmal sehr viel Zeit, und genau das ist auch seine Stärke. Saskia Karges legt keinen einfachen Zukunftsroman vor, sondern eine intensive, oft unbequeme ...

AMATEA: Memoirs of the Last City nimmt sich Zeit, manchmal sehr viel Zeit, und genau das ist auch seine Stärke. Saskia Karges legt keinen einfachen Zukunftsroman vor, sondern eine intensive, oft unbequeme Auseinandersetzung mit Verantwortung, Schuld und der Frage, wie viel Menschlichkeit man zu opfern bereit ist, wenn man glaubt, für eine größere Sache zu handeln.

Im Mittelpunkt steht Ruth Bernstein. Schon als Kind weiß sie, wohin ihr Weg führen soll: Sie will Stadtplanerin werden. Städte sollen gerechter, nachhaltiger, lebenswerter sein. Unterforderung und Mobbing, nicht nur durch Mitschüler:innen, sondern auch durch Lehrkräfte, prägen ihre Schulzeit. Erst später wird erkannt, dass sie hochbegabt ist.

Ein Stipendium führt Ruth an die Universität. Dort entwirft sie Amatea: eine visionäre Zukunftsstadt, ressourcenschonend und autark, gedacht als Modell für eine bessere Welt. Doch ein schwerer familiärer Schicksalsschlag reißt sie aus allem heraus. Ruth bricht ab, lässt Studium, Karriere und Amatea hinter sich und beginnt noch einmal gänzlich neu.

Jahre später holt sie ihre Vergangenheit ein. Amatea existiert noch, übernommen und weiterentwickelt von einem mächtigen Konsortium. Aus der einstigen Vision ist ein gigantisches Projekt geworden, das zunehmend beängstigende Züge annimmt. Lügen, Machtspiele und moralisch fragwürdige Entscheidungen bestimmen nun das Bild. Aus Solarpunk wird Dystopie.

Besonders eindrucksvoll ist dabei die moralische Grauzone, in der sich der Roman bewegt. AMATEA stellt unangenehme Fragen: Darf man Menschen opfern, um den Planeten zu retten? Wie viel Schuld trägt jemand, dessen Idee missbraucht wurde? Ab wann wird Wegsehen zur Mitschuld?

Kleinere Schwächen gibt es bei der Länge, einigen sehr ausführlichen Passagen und etwas abrupten Zeitsprüngen. Dennoch überwiegt klar die Atmosphäre: Der Wandel von Hoffnung zu Verzweiflung ist glaubwürdig und wirkt lange nach.

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Veröffentlicht am 27.12.2025

Starker zweiter Band

The Pancrator Principle - Der Formwandler
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Wenn es um Cyberpunk geht, bin ich eigentlich immer sofort dabei: schmutzige Städte, Neonlichter im Regen, Überwachung, Megakonzerne, Menschen, die ihren Körper zur Ware machen, um irgendwie zu überleben. ...

Wenn es um Cyberpunk geht, bin ich eigentlich immer sofort dabei: schmutzige Städte, Neonlichter im Regen, Überwachung, Megakonzerne, Menschen, die ihren Körper zur Ware machen, um irgendwie zu überleben. Und trotzdem tue ich mich mit Cyberpunk als Leser oft schwer. Viele Bücher setzen stark auf Technik und Konzepte, verlieren dabei aber das Menschliche aus den Augen.

Umso bemerkenswerter war es für mich, dass The Pancrator Principle – Der Formwandler genau hier ansetzt. Schon der erste Band konnte mich vor über einem Jahr begeistern, vor allem wegen der Welt und der Figuren. Entsprechend groß war meine Vorfreude auf Band zwei.

Die Geschichte setzt ein Jahr nach der Niederlage des Widerstands ein. Berlin 2070 ist kein Ort zum Leben, sondern zum Überleben. Die Rebellen sind geschwächt, der Untergrund ist ihr letzter Rückzugsort, während die neue Regierung einen gnadenlosen Überwachungsstaat etabliert. Im Zentrum steht erneut Nyssa. Gezeichnet von Verlusten, voller Zweifel, aber nicht bereit aufzugeben. Um gegen die KI Vedam überhaupt noch eine Chance zu haben, muss sie neue Bündnisse eingehen und moralische Grenzen überschreiten.

Parallel dazu entfaltet sich Vedams Geschichte und die ist für mich eines der Highlights des Buches. Diese KI ist kein klassischer Bösewicht. Sie ist intelligent, manipulativ, erschreckend konsequent und in ihrem Streben nach Unabhängigkeit fast schon tragisch. Dass man als Leser stellenweise Verständnis, ja sogar Mitleid empfindet, ist hohe erzählerische Kunst.

Die Atmosphäre ist wieder on top: Berlin fühlt sich real, dreckig und bedrückend an, die Stadt ist mehr als nur Kulisse. Gleichzeitig gibt es kleine, zärtliche Momente, in denen Menschlichkeit zelebriert wird. Die Figuren tragen die Geschichte wieder mühelos, allen voran Nyssa, ihre Entwicklung ist konsequent und nachvollziehbar. Dazu kommen die gelungenen Illustrationen und der begleitende Song, die das ohnehin starke Kopfkino noch einmal verstärken.

Unterm Strich ist „Der Formwandler“ für mich eine starke Weiterentwicklung der Reihe. Ernster, komplexer, spannender. Ich wollte so gerne noch länger in dieser Welt bleiben, ich kann es kaum erwarten, wenn der dritte und finale Band erscheint. Wer mit dem Genre etwas anfangen kann, oder bisher eher damit gehadert hat, sollte dieser Reihe unbedingt eine Chance geben. Es lohnt sich.

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Veröffentlicht am 20.12.2025

Sehr toll

Nirgendwann
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Das Cover ist ein echtes Schmuckstück. Auffällig, hübsch und sofort ein Blickfang und so ziemlich passend für das, was sich zwischen den Buchdeckeln von Nirgendwann: Plan B war auch Mist verbirgt.

Im ...

Das Cover ist ein echtes Schmuckstück. Auffällig, hübsch und sofort ein Blickfang und so ziemlich passend für das, was sich zwischen den Buchdeckeln von Nirgendwann: Plan B war auch Mist verbirgt.

Im Mittelpunkt steht Jo. Jung, ohne Geld und ohne Job. Sie kommt aus einem Elternhaus, das von Gewalt und Missachtung geprägt war, und trägt den Wunsch mit sich, ihre Geschwister irgendwann da herauszuholen. Doch die Realität der Großstadt ist hart. Wer nichts vorzuweisen hat, wird schnell zur Zielscheibe: übergriffige Männer, ausbeuterische Arbeitsverhältnisse, skrupellose Vermieter. Diese Welt ist nicht freundlich.

Jos Art, sich trotzdem nicht völlig brechen zu lassen, überzeugt auf ganzer Linie. Sie ist chaotisch und manchmal überfordert, aber sie bleibt aufmerksam und menschlich. Und genau das öffnet ihr dann Türen. Der Roman zeigt: Unterstützung existiert, aber man muss bereit sein, sie anzunehmen. Und selbst dann hört das Dunkle noch nicht einfach auf.

Die Figuren tragen die Geschichte mühelos. Jo trifft auf Carlo, der ihr komplettes Gegenteil ist: kontrolliert, aber auch introvertiert. Und auf Hänsel, einen Rentner, der durch Jo wieder Nähe, Struktur und Lebenslust findet. Diese kleine Gemeinschaft wirkt authentisch und gibt der Geschichte Wärme und Halt.

Ein besonderer Kniff sind die Einschübe aus der Perspektive des „Büdchens“. Als Beobachter erzählt es vom gesellschaftlichen Wandel: von früheren Begegnungen und Gesprächen. Da wird der Roman stellenweise fast philosophisch und überraschend gesellschaftskritisch, sehr gelungen.

Handwerklich gibts nichts zu meckern, die Geschichte ist flüssig und gut zugänglich. Die Geschichte ist spannend und die Figuren punkten in diesem Buch. Nirgendwann: Plan B war auch Mist ist eine Geschichte nah am Leben. Rau, manchmal düster, aber immer wieder durchzogen von Hoffnungsschimmern. Leseempfehlung!

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Veröffentlicht am 19.12.2025

Sehr lehrreich

Kreuzfahrer
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Die Kreuzzüge gehören zu den dunkelsten, brutalsten und zugleich folgenreichsten Kapiteln der Geschichte. Kreuzfahrer von Dan Jones macht daraus aber kein trockenes Geschichtsbuch, sondern liefert eine ...

Die Kreuzzüge gehören zu den dunkelsten, brutalsten und zugleich folgenreichsten Kapiteln der Geschichte. Kreuzfahrer von Dan Jones macht daraus aber kein trockenes Geschichtsbuch, sondern liefert eine vielstimmige und menschliche Erzählung.

Dan Jones ist für mich einer der besten populären Historiker unserer Zeit, und einer meiner liebsten Autoren. Dieses Buch bestätigt das erneut. Er teilt die Geschichte der Kreuzzüge in drei große Abschnitte: den Aufbruch und die ideologischen Grundlagen bis zum Fall Jerusalems 1099, die Hochphase der Kreuzfahrerstaaten in Syrien und Palästina sowie schließlich den langsamen, unaufhaltsamen Niedergang, unter dem Druck innerer Machtkämpfe und aufstrebender Reiche wie der Mongolen und Mamluken.

Jones erzählt dabei nicht langweilig und trocken. Natürlich werden Päpste, Könige und Feldherren beleuchtet. Aber ebenso präsent sind einfache Pilger, Frauen, Dichter, byzantinische Prinzessinnen, sunnitische Gelehrte und Menschen, die zwischen die Fronten geraten sind. Engländer, Spanier, Balkanbewohner, Araber, sogar Wikinger. Diese Einzelschicksale verdichten sich zu einem Gesamtbild, das die Kreuzzüge als das zeigt, was sie waren: ein chaotisches, widersprüchliches Geflecht aus Glauben, Gewalt, Opportunismus und menschlicher Hoffnung.

Jones schreibt wie immer klar, präzise und erstaunlich zugänglich. Selbst komplexe Zusammenhänge bleiben verständlich. Wer mit Geschichte sonst wenig anfangen kann, wird hier nicht abgeschreckt, im Gegenteil.

Kreuzfahrer ist dabei kein romantisierender Blick zurück und auch keine Moralpredigt. Es ist eine ehrliche, differenzierte und hervorragend erzählte Geschichte einer Epoche, die bis heute nachwirkt. Für mich ein rundum gelungener Geschichtsausflug und eine klare Leseempfehlung, nicht nur für Geschichtsnerds.

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