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Veröffentlicht am 02.09.2021

Eine queere Lovestory, die mit Klischees romantischer Komödien aufräumt und eine Familiensituation, die nur das Leben schreiben kann

Küsse im Sommerregen sind auch nur nass
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Der Klappentext des wundervoll abendsommerlichen Hardcovers, dessen Farben mich ein bisschen an die Regenbogenfahne erinnert, klingt eher nach dem Beginn einer süßen Jugendliebe. Denn die 18-jährige Protagonistin ...

Der Klappentext des wundervoll abendsommerlichen Hardcovers, dessen Farben mich ein bisschen an die Regenbogenfahne erinnert, klingt eher nach dem Beginn einer süßen Jugendliebe. Denn die 18-jährige Protagonistin Saoirse liebt Horrorfilme, aber ganz sicher nicht romantische Komödien. Schließlich vermitteln diese ein sehr unrealistisches Bild von Liebe (was Horrorfilme nicht tun) und im Endeffekt ist doch jede Beziehung zum Scheitern verurteilt. Sie weiß das, denn das Leben hat ihr das oft genug bewiesen. Doch dann trifft sie die quirlige Ruby, die jegliche verfilmte Schnulze aus dem FF kennt. Saoirse Interesse an Ruby ist schnell geweckt, doch es geht nur um den Spaß, nicht um die großen Gefühle. Ruby ist einverstanden und beide gehen über eine Diskussion den Deal ein typische RomCom-Dates nachzustellen, um so den letzten Sommer nach der High School gemeinsam genießen zu können - unverbindlich und mit Enddatum.

Doch, ich kenne die Jugendtitel aus dem Magellanverlag. Es steckt immer mehr dahinter als das bisschen Inhaltsangabe erzählt. Ich wurde dahingehend nicht enttäuscht. Nur Saoirse, die glücklicherweise, gleich zu Beginn erwähnt, dass ihr Name "Sier-scha" ausgesprochen wird, machte mir das Leben echt schwer. Ihre Perspektive zeigt eine ganz raue Schale. Gegenüber ihrem Vater, ihren Mitschülern, sogar sich selbst gegenüber verhält sie sich abweisend, ja, richtig ruppig. Ok, zickig, stur und furchtbar wütend trifft es genauso. Es gab ziemlich viele Fragezeichen für mich. Warum verhält sie sich so? Warum lebt sie mit ihrem Vater allein? Was ist mit ihrer Mutter? Warum ist sie nicht mehr mit ihrer Freundin zusammen? Was hat ihre beste Freundin angestellt, um sie vollends zu ignorieren? Saoirse reagierte für mich sehr oft über. Für eine 18-Jährige kam sie mir anstrengend rüber und das blieb lange so bis sie in kleinen Schritten eine weichere Schale entwickelte. Sie legte dennoch keine komplette Wandlung hin. Das ist gut so und authentisch, nur beste Freundinnen werden wir wohl nie. Ich mag einfach mehr Charaktere, die nicht dauer-impulsiv reagieren.

Was ich ziemlich mochte war ihre Schlagfertigkeit. Saoirse ist nicht auf den Kopf gefallen. Gerade mit Ruby oder Ruby´s Cousin Oliver, mit dem sie öfter textete, machten die Dialoge Spaß. Beide Figuren schloss ich schnell in mein Herz. Ruby verkörperte das Gegenteil von Saoirse - Hoffnung, Freude und Liebe, obwohl sie auch ihre Geheimnisse hat, wie Saorise ebenso. Allerdings log Saoirse an vielen Stellen und mir gefiel, dass die Autorin schön darin rum stocherte, dass Lügen eine Beziehung nur verkomplizierten. Denn kein Schutzpanzer der Welt kann das rechtfertigen. Für Ablenkung von den persönlichen Themen sorgte der RomCom-Deal. Beide Mädels gingen sehr kreativ damit um, Szenen nachzustellen und damit unvergessliche Erinnerungen zu schaffen. By the way erschufen sie ein neues Genre. Denn wenn ich so drüber nachdenke, wie viele queere RomComs gibt es denn? Genau auf diesen Zahn fühlen die beiden konstruktiv und nachdrücklich.

Zu den Geheimnissen gehörte übrigens nicht die Sexualität. Es ist keine Coming Out - Geschichte, falls ihr euch das fragt. Saoirse erzählt am Rande von ihrem Coming Out, doch es steht absolut nicht im Mittelpunkt. Die Gefühle zu verschiedenen Personen in ihrem Leben schon.

Und damit komme ich zu ihren Geheimnissen. Ich möchte nicht spoilern, daher versuche ich einen weiteren wichtigen Inhalt nur zu umschreiben, weil der Fakt mich so oft um die Frage gehen ließ "Wie würde ich damit umgehen?" und ich hab bis jetzt keine Antwort. Saoirse Familiensituation beschreibt sich als kompliziert. Ihre selbst auferlegte Gefühlsabstinenz und Bindungsangst beruht auf Erfahrungen und Wahrscheinlichkeiten, die ihr widerfahren könnten wegen einer Erkrankung innerhalb der Familie. Puuh, ich will mich nicht aus dem Fenster hängen. Das solltet ihr selbst lesen. Im Gegensatz zu Saoirse konnte ich definitiv viel Empathie gegenüber ihrem Vater aufbauen, der versucht sein Bestes zu geben, zu lieben und Harmonie einzubringen. Trotz, dass ihn die Situation genauso trifft - er lebt weiter. Saoirse nicht.

Bis Ruby kam. Bis Saoirse sich öffnete, anderen und sich selbst gegenüber. Ein schwerer Gang. Spürbar für mich und die Aufarbeitung, so gebe ich zu, besaß einige Längen. Notwendig war es trotzdem. Die Autorin besitzt ein Gespür dafür Gefühle für eine jugendliche Leserschaft genau richtig auszudrücken, Szenen von himmelhochjauchzend in die Traurigkeit zu verfrachten, aus Verzweiflung im nächsten Moment Hoffnung zu gewinnen. Die Übersetzung durch Jessika Komina und Sandra Knuffinke möchte ich hier hervorheben. Wer "Gefühlsvölkerball" und "Glibbertittchen" einbauen kann ohne, dass es fremd erscheint, hat alles richtig gemacht. Die gehörige Prise Humor fehlt dabei nicht, ebenso wie Gastauftritte eines knuddeligen alten Herrn, der der Liebe immer wieder eine Chance geben würde, und einer Brautmodenverkäuferin, die ein Superheldencape gebrauchen könnte. Abschließend sei gesagt, es gibt kein klassisches Ende, keine Liebesmontage aus einer romantischen Komödie, sondern das Leben. Anders, aber gut..

  • Cover
  • Erzählstil
  • Handlung
  • Charaktere
Veröffentlicht am 10.08.2021

Trauerbewältigung, Humor, Romance, Tierliebe, Prickeln und doch auch eine "typische" Rockstargeschichte

Wenn in mir die Glut entflammt
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Ich habe wirklich, wirklich auf dieses Buch gewartet, weil ich bereits im 1. Band die beste Freundin der Protagonistin Kristen super sympathisch fand. Im Gegensatz zur direkten Art von Kristen schien Sloan ...

Ich habe wirklich, wirklich auf dieses Buch gewartet, weil ich bereits im 1. Band die beste Freundin der Protagonistin Kristen super sympathisch fand. Im Gegensatz zur direkten Art von Kristen schien Sloan fast engelsgleich und verdiente ihr Schicksal absolut nicht. Ja, ihr lest richtig. Hier gibts das typische NA-Schema, dass Mitglieder der "Clique" in den Folgebänden zu den Protagonisten werden. Ich empfehle auch, dass ihr fein der Reihe nach lest, weil "Wenn in mir die Glut entflammt" den 1. Band schon in einiger Hinsicht spoilert, einfach weil er "danach" spielt. Mir persönlich gefiel das sehr zu sehen, wie es Kristen nach "Wenn aus Funken Flammen werden" erging. Ich freute mich riesig für sie und fand es cool, dass die Autorin ihre Entwicklung hinein gewoben hat. Es ist und bleibt immer noch Kristen, aber eine Kristen, die neue Erfahrungen gesammelt hat. Ihre Nebenrolle als beste Freundin von Sloan begleitete mich bis zum Schluss. Und ich feiere diese Freundschaft enorm, weil sie nicht nur die Höhen zeigt, sondern ebenso die Tiefen einer Freundschaft, wenn sich ein Part abkapselt, dicht macht, es seinen Freunden nicht leicht macht. Das gehört dazu und fügte sich gut in die Handlung.

Franka Reinhart übersetzte das freche und humorvolle Mundwerk der Autorin erneut gekonnt, so dass die Frische, der Humor, das seufzende Gefühl einer Szene voller Zweisamkeit und das Nicken meines Hundehalterinnen-Ichs mich permanent begleitete. Dazu kam der Kapitelaufbau. Die abwechselnden Ich-Perspektiven von Jason und Sloan bilden nichts Neues in diesem Genre, aber die Songtitel, die jedem Kapitel eine zusätzliche Untermalung bieten, machen etwas her. Die komplette Palylist findet man online oder bei einem bekannten Streaminganbieter. lediglich die letzten Songs habe ich nicht gefunden. Schadeeee, so schade, denn es sind Jaxon Waters Titel, also vom männlichen Charakter Jason höchstpersönlich. Das wäre genial gewesen, wenn diese Lieder wirklich existierten. Doch manchmal bekommt man nicht jeden Marketing-Gag zum Buch, den man sich wünscht.

Zur Handlung selbst machte ich mir unendlich viele Notizen. Das pdf ist riesig. Der Beginn zeigte ein Bild von Sloan, das ich erwartet habe. Sie weiß, dass sie nicht mehr sie selbst ist, nur fällt es ihr sehr schwer zurückzufinden. Erst mit der Zufallsbegegnung des entlaufenen Tuckers taut sie auf. Die Autorin zeigt damit auf ein wahres Bild. Tiere helfen dir über die schlimmste Zeit hinweg und sie beschreibt wunderbar, wie Sloan auf einmal wieder lächeln kann, wie ungewohnt das ist und Dank Tucker erlaubt sie es sich. Der Vierbeiner spielt immer wieder im Alltag innerhalb der Handlung eine Rolle und wird nicht nur als Einstiegshilfe genutzt.

So richtig lerne ich Sloan erst kennen als Jasons neugierige Nachrichten sie förmlich wecken. Es war ein heiden Spaß, ihre Chatverläufe zu lesen, ihre Gedankengänge, Zweifel und wartenden Blicke zu verfolgen während sie auf eingehende Nachrichten hofften. Ihre Gespräche verliefen schlagfertig, aber immer in einem empathischen Ton. Ich lernte Jason als jungen Künstler, Naturburschen, kompromissbereiten, aber auch hart arbeitenden und unter Druck stehenden Star kennen. Das Witzige ist, beide verbindet ihre Kreativität, nur auf unterschiedliche Weise, die ich nicht spoilern möchte. Diese Verbindung zieht sich durch ihre Berufe, ihr Privatleben und ihre Vergangenheit. Mich störte an ihrer Beziehung später nur der Fakt, dass sich beide ziemlich klettenhaft verhielten. So ein bisschen wie Teenager. In Ihrem Alter (Mitte/Ende 20) und mit ihrer bisherigen Erfahrung fehlte mir der Sinn darin.

Ich lernte natürlich neue Charaktere kennen: Eine Familie, die ich nur lieben konnte und zu der ich gern ziehen würde. Einen Manager, der mit offenen Karten spielt. Eine Assistentin, die zur Freundin wird und ein Starlet, deren Erfolg ernstzunehmende Folgen mit sich bringt. Abby Jimenez versuchte einige persönliche Probleme einzuarbeiten. Ich empfand gerade Sloans Trauma und ihre Trauer sehr authentisch. Kein Wunder, denn eine Freundin der Autorin erlebte Ähnliches, wie ich im Nachwort nachlesen konnte. Dagegen fielen die Klischees der Musikbranche eher negativ ins Gewicht. Ja, natürlich stehen Musiker*innen unter Druck abzuliefern, werden ausgenutzt und gehen zum Teil daran zugrunde. Doch hätte die Geschichte diesen Aspekt gebraucht? Ich sage nein. Sloans und Jasons Beziehung mit seiner und auch ihrer Karriere in Einklang zu bringen, ohne das viele Bomburium, hätte völlig gereicht. Auch um Jasons Part "mehr Inhalt" zu geben. Er ist natürlich ein super Gesamtpaket als Mann und Person. Ein Typ zum Dahinschmelzen. Dieser Stereotyp wurde gemildert durch kleine Feinheiten, zum Beispiel, dass er sich für den ein oder anderen Spaß nicht zu schade ist. Das passte für mich, das wollte ich auch, um ehrlich zu sein.
Der Höhepunkt und Schluss erfüllte in jeglicher Hinsicht meine Vorhersehung - so soll es sein. Erwartet also nichts Umwerfendes. Nur zwei, drei kleine Give Aways waren überraschend.

Fazit:

Ich liebe Tucker, ich mag Sloan und Jason als Paar. Auch Band 2 dieser Reihe enthält eine Story fürs Herz, für die Lachmuskeln, ein NA-Roman, wie ich ihn mir wünsche. Lediglich der Rockstar-Part hätte ein paar Prozent weniger Klischee gut verkraftet.

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Veröffentlicht am 19.07.2021

Ein philosophischer Denkanstoß mit vertauschtem Blickwinkel

Und der Ozean war unser Himmel
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Ihr glaubt gar nicht, wie ehrfürchtig ich dieses 160-seitige Schätzlein in den Händen hielt. Ein Buch des Autors von "Sieben Minuten nach Mitternacht". Den Titel habe ich leider nicht gelesen, aber ich ...

Ihr glaubt gar nicht, wie ehrfürchtig ich dieses 160-seitige Schätzlein in den Händen hielt. Ein Buch des Autors von "Sieben Minuten nach Mitternacht". Den Titel habe ich leider nicht gelesen, aber ich weiß, wie bekannt er ist, dass er verfilmt wurde und Preise abgeräumt hat. "Und der Ozean war unser Himmel" wurde zum Teil als Hommage an "Moby Dick" beworben. Ihr wisst schon, die Geschichte, um den verrückten Kapitän, der wirklich alles riskiert hat, um den berüchtigten Wal Moby Dick zu fangen. Ein sehr dickes Buch im Gegensatz zu diesem hier. Ansonsten wusste ich tatsächlich nicht, was auf mich zukommen würde. Ich war blind als ich anfing zu lesen und meine Ahnungslosigkeit wurde mir zu Beginn des Lesens ein wenig zum Verhängnis.

Den Startschuss lieferte ein Zitat aus "Moby Dick", dass für mich brutalen Willen und Mordlust ausdrückte. Harter Tobak gleich am Anfang. Hatte ich erwähnt, dass das Buch ab 12 Jahren empfohlen wird? Ich bin mir bis jetzt nicht sicher, ob das nicht zu früh wäre. Denn auch, wenn blutige Details nicht komplett ausgeschlachtet werden - es gibt sie. Es behandelt die Jagd, den Tod, auch Worte wie Massaker fallen und Gefangenschaft, in der Folter angewandt wird. Die Grausamkeit sollte einem einfach bewusst sein. Möglicherweise bin ich ein Korinthenkacker, nur ist mir das aufgefallen und ich möchte darauf aufmerksam machen.

Die Handlung wird aus der Ich-Perspektive der Walin Bathseba erzählt, die sich für ihre Geschichte den Namen gegeben hat, aber nicht so heißt. Im Nu war ich im 1. Kapitel perplex. Denn warum sie sich umbenennt, bleibt mir bis jetzt ein Rätsel. Allerdings spielt das keine Rolle für die Handlung, so viel sei gesagt. Der Erzählstil wirkt gewaltig und bedeutsam. Beim Lesen fühlte es sich an wie literarische Kunst in Poesie und Philosophie vereint und war trotzdem kurzweilig. Ich verstand die Message. Nein, die vielen Messages. Bathseba erzählt von einem tausend Jahre alten Krieg zwischen den Menschen da unten und den Walen da oben (zu der Betrachtungsweise des Settings komm ich noch). Um nicht selbst gejagt zu werden muss man selbst jagen - eine endlose gegenseitige Jagd ist das Ergebnis, gespickt mit Verlusten, Trauer und Rache. Grob gesagt, las ich die Geschichte von Moby Dick, nur anders herum. Denn auch die Wale folgen einer Legende, einem Martyrium, suchen den Teufel. Bathseba ist klug und als sie beim Kapern eines Menschenschiffes einen Gefangenen machen, kommen ihr Zweifel an der Jagd, ihren Zielen und sämtlichen Mythen, die diese umgeben. Patrick Ness fragt offen, wer ist schuld, wer ist unschuldig, wer setzt dem ein Ende, warum so weiter machen? Ist es möglich aus seiner Haut zu kommen? Fragen, die auf alle menschlich geprägten Katastrophen passen. Welche Antworten er darauf hat, werde ich nicht vorweg nehmen, aber ich interpretiere sie so, dass wir alle die Antwort kennen. Das hat mir gut gefallen, denn so komplex die Betrachtungsweise in meinen Augen scheint, so ist der moralische Gedanke bekannt.

Mein Verstand kam also mit den Botschaften im Text zurecht, für die dazugehörigen Beschreibungen des Settings brauchte ich allerdings ewig. Ehrlich gesagt fast das ganze Buch lang, weil der Titel Programm ist. Ich musste mir langfristig vorstellen, dass der menschliche Himmel mit Sonne, Wolken, Vögeln etc. ein Abgrund ist. Die Wale im Ozean schwimmen also im Himmel und zwar so, dass sie sich mit dem Bauch Richtung menschlichen Himmel (ihrem Abgrund) bewegen. Dazu sind sie ausgestattet mit Harpunen und weiterem Material, dass nicht in meinem Kopf wollte. Die Wale in ihrem tierischen Sein nehmen menschliches Gebaren an, aber nicht auf die Kinderbuchart, das wäre ja leicht, nein, sondern todernst. Realistisch ist das natürlich nicht, obwohl gerade bei dem Gefangenen die Thematik Sauerstoff mit einer guten Idee beantwortet wird. Ich kann bis jetzt nicht sagen, ob mir die Variante der verkehrten Welt wirklich zusagt. Fasziniert bin ich definitiv, nur kompliziert ist es eben auch.

Die Illustrationen haben meinem Verstand auf die Sprünge geholfen. Rovina Cai arbeitete viel mit Schraffuren und meist mit zwei verschiedenen Grundfarben, die dann entweder in hellere oder dunklere Tönen übergingen. Die skizzenartigen Zeichnungen sind wirklich beeindruckend und eindringlich, gerade bei aggressiv aufzeigenden Szenen, die das Buch wegen der Jagdthematik besitzt. Trotzdem versteht sie sich dabei, den Betrachtenden nicht zu "traumatisieren". Schlussendlich lässt mich lässt mich Bathseba mit vielen Eindrücken statt einem Gesamtbild zurück. Unvergesslich in seiner einmaligen Art.

Fazit:

"Und der Ozean ist unser Himmel" ist mehr Kunst als Geschichte mit moralischen Denkanstößen, die jeder kennt und untermauert mit eindringlichen Illustrationen. Einmalig, aber der Verstand kann einem hier Streiche spielen. Für erfahrene Leser*innen, die Herausforderungen in kurzweiligen, poetischen Büchern suchen.

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Veröffentlicht am 12.04.2021

Anfängliche Skepsis wich dem Lesesog

ONE OF US IS LYING
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Das Buch lag bestimmt 2 Jahre auf meinem SUB. Woran das lag? Vermutlich, weil es Thrillerelemente beinhaltet und ich selten Lust auf so etwas habe und weil die Meinungen dazu sehr auseinander gingen. Nachdem ...

Das Buch lag bestimmt 2 Jahre auf meinem SUB. Woran das lag? Vermutlich, weil es Thrillerelemente beinhaltet und ich selten Lust auf so etwas habe und weil die Meinungen dazu sehr auseinander gingen. Nachdem aber bereits das 4. Werk der Autorin erschienen ist und ich mich fragte, ob an dem Mix aus Gossip Girl und Breakfast Club wirklich etwas dran ist, fing ich an zu lesen. Der Klappentext ließ es zumindest vermuten: Simon stirbt beim Nachsitzen mit der Schulschönheit Abby, dem Kleinkriminellen Nate, dem Baseballstar Cooper und der Streberin Bronwyn. Die Umstände sind mysteriös, die Indizien unzureichend bis Stück für Stück die vier Nachsitzerinnen ins Licht der Ermittlungen rücken. Denn jeder von ihnen hat einen Grund Simon eins auszuwischen, denn seine Plattform "About that" enthüllt die Abgründe und Geheimnisse jeden Schülers der Bayview High...

Über 400 Seiten Hardcover, unterteilt in 3 Teile, wobei ich solch eine Unterteilung sinnlos finde, weil zudem noch die jeweiligen Kapitel der 4 Ich-Perspektiven mit Datum und Uhrzeit integriert sind. Daher habe ich mich nicht wirklich auf die große Unterteilung konzentriert. Eins muss ich der Autorin lassen, sie handelt den Einstieg mit Simons Ableben bereits innerhalb der ersten 40 Seiten ab - keine langwierige Einführung oder Charaktervorstellung. Stattdessen ergründe ich die Figuren und die Auflösung des vermeintlichen Unfalls, Mords oder wie auch immer (spoilern werde ich nicht) im Verlauf der Handlung. So macht das Spaß.

Also bis auf ein paar Tatsachen, die mich störten oder die Augen verleiern ließen. Kleinkariert wie ich bin, störten mich Namen: Vor allem Bronwyn - selbst in Gedanken lässt sich der Name nicht gut aussprechen. Der hat etwas Mittelalterliches, ich kann mir nicht helfen und es passt nicht. Ich glaube, dass die Autorin sich debenso mit Namen wie "Officer Hank Budapest" einen Spaß erlaubte. Vielleicht eine kleine Expertise an längst vergangene Krimiserien? So richtig ernst nehmen konnte ich das nicht. Gut, nach einer Weile gewöhnte ich mich dran. Genauso wie an den ein oder anderen Logikfehler im zeitlichen Ablauf (nein, das war nicht gestern, sondern vor 4 Tagen...) oder dass ein Detective die Schüler mit ihrem Kurz- bzw. Spitznamen anspricht. Es sei verziehen. Manchmal braucht man Eingewöhnungszeit, um mit dem Stil klar zu kommen, aber wenn man einmal warm ist, dann stoppt einen nichts mehr. Wie hier.

Mein Augenrollen bezüglich der Charaktere kostete mich jedoch zu Beginn Nerven. Abby ist ein Prinzesschen, dass sich völlig abhängig von ihrem Freund macht und keine einzige Entscheidung selbst fällt. Ich mochte sie eingangs nicht. Sie wirkte durch ihr Verhalten dumm und naiv. Cooper, die typische amerikanische Sportkanone und Daddys Aushängeschild. Mit ihm hatte ich eher noch Mitleid. Bronwyn ließ mich nicht an sich ran, aber ich war mir sicher, der perfekte Schein würde noch aufhören mich zu blenden. Lustigerweise ging mein High Five an den unbeliebtesten und bereits Verurteilten Nate. Ja, er hat Dreck am stecken und ja, sein Stereotyp ist genauso offensichtlich wie bei den anderen und doch: Er war ehrlich, nahm kein Blatt vor dem Mund und blendete niemanden mit seinem Ruf. Als der Stein so richtig ins Rollen kommt, entwickeln sich die vier Schüler in verschiedene Richtungen, so dass ich sogar Abby schlussendlich nur in mein Herz schließen konnte.

Ich gebe zu, ich habe sofort angefangen mit zu rätseln, was an den Geschehnissen kurz vor Simons Tod und auch danach inszeniert, kein Zufalls sein kann oder total logisch ins Bild passte. Das der Verstorbene im Leben kein Unschuldslamm war, wurde ebenso beleuchtet, wie jedes Geheimnis und die Hintergründe von Bronwyn, Cooper, Abby und Nate. Ich mochte diese Abwechslung und die gesellschaftlichen Probleme, die angesprochen worden: Erfolgsdruck, toxische Liebesbeziehungen, Gewalt, Verwahrlosung, Sexismus, Rassismus, Intoleranz, Inakzeptanz. Ebenso wie Dinge, die dem entgegenwirken. Und das alles nur, weil soziale Medien dem Menschen ein Bild von anderen Personen geben, dass dessen Leben gewollt wie ungewollt verändern kann. Hier vor allem in Form von Simons Plattform "About that", die im Endeffekt so funktioniert wie die Offenbarungen in der Serie "Goospi Girl". Fanfact: Simon lügt darin nie. Umso gruseliger ist es, wenn nach seinem Tod Posts erscheinen. Genau, das ist einer der Steine, der eine Lawine auslöst.

Nebenbei versuchte ich herauszufinden, was die Vier zu verstecken versuchen. Zum Teil war das ultraeinfach zu erkennen - welch ein Erfolgserlebnis oder einfach nur vorhersehbar, zeitweise auch sehr klischeehaft. Zum anderen lag ich dann doch daneben und machte große Augen. Umso mehr Facetten hinzukamen, umso mehr entwickelte sich ein Sog, der mich Verbindungen schließen und Puzzleteile an die richtige Stelle setzen ließ. Dabei blieb es leicht und nachvollziehbar. Ich fands toll. Vor allem, weil aus Einzelkämpfer
innen ein Team wird, dass mit Vorurteilen abschließt. Dieser Aspekt lässt mich nicht los und zeigt, dass es anders gehen kann, auch wenn der Grund hier ziemlich dramatisch ist.

Zum Ende hin wurde es natürlich abenteuerlich, gar übertrieben. Ich kam mir vor, als sähe ich einen End-Neunziger-Teeniefilm. Ein bisschen Angst und Bange wurde mir trotzdem. Tja, an sich war mir bereits Seiten zuvor schon klar, wieso Simon starb. Ich klopfte mir also auf die Schulter als meine Vermutung sich bestätigte und noch mit einigen Details umrahmt wurde.

Fazit:
Ein klein wenig Gossip Girl, ein klein wenig Breakfast Club, ein bisschen Teeniefilm, aber ganz viel gegenwärtige Thematik und Problembewältigung mit Charakteren, die sich Dank ihrer eigenen Erkenntnisse weiter entwickeln. Spannend mit Sogwirkung und trotz vieler Facetten dem roten Faden treu bleibend. Empfehlung für leichte Jugendthriller-Leser*innen.

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Veröffentlicht am 15.03.2021

Ist Normal das, was andere uns sagen?

Sara auf der Suche nach Normal
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Mein Bild:

Zu allerallererst gibt’s ein Manko. Mit so etwas beginne ich nicht gern, doch dieses Kinder- bzw. Jugendbuch benötigt, meines Erachtens einen Hinweis über die sensiblen Inhalte - Triggerwarnung. ...

Mein Bild:

Zu allerallererst gibt’s ein Manko. Mit so etwas beginne ich nicht gern, doch dieses Kinder- bzw. Jugendbuch benötigt, meines Erachtens einen Hinweis über die sensiblen Inhalte - Triggerwarnung. Es werden Symptome psychischer Erkrankungen, psychische und körperliche Gewalt angesprochen. Das sollte vorab bekannt sein. Das macht die Geschichte auf keinen Fall schlecht! Im Gegenteil, ich finde sie empfehlenswert, jedoch mit Bedacht. Das Buch ist für Kinder ab 12 Jahren geeignet und vom Verständnis und der Sprache her, empfinde ich das als passend.

Ich hätte nie gedacht, dass hinter diesem fantasievollen Relief-Cover eine so starke Geschichte steckt. Als ich zu lesen begann, dachte ich dann allerdings, dass knapp 270 Seiten bestimmt nicht reichen, um Saras Geschichte ausreichend zu erzählen. Doch das haben sie in einem bewegenden Umfang.
Wesley King weiß wovon er schreibt, denn er hat in seiner Jugendzeit selbst mit psychologischen Erkrankungen zu kämpfen gehabt, wie er im Nachwort beschreibt. Ich denke, kaum jemand hätte Saras Perspektive genauer und authentischer fassen können. Die Protagonisten war ab Seite 1 meine Freundin. Ich mochte ihre Perspektive so sehr, denn sie sprach mit mir. Ich kam mir vor wie in einem Dialog am Kaffeetisch. Sie erklärte mir, dass sie eine Einleitung machen wollte, aber das sei knifflig, daher begann sie mit einer Kindheitserinnerung, die mir einen ersten Einblick in ihr Leben verschaffte. "Crass" nehme ich selten als Ausdruck in meinen Rezensionen, aber anders kann ich mein Empfinden nicht ausdrücken. Saras Ich-Perspektive zeigt hautnah, was passiert, wenn ein Kind „schwierig“ wird und man konsequent versucht es in eine Rolle zu drängen, die es nicht erfüllen kann. Ich hätte ihre Mutter so gern angeschrien.

Ein Leben, das Jahre später von einer Sammlung Etiketten (so nennt Sara die Diagnosen), Therapiesitzungen, Einzelunterricht und Medikamenten beeinflusst wird. Ich kann mir nicht vorstellen, wie es ist, jeden Tag von jetzt auf gleich Todesangst zu bekommen oder eine Panikattacke, nachts nicht schlafen zu können, sich so schwer zu fühlen, dass man einfach keine Kraft besitzt aufzustehen. Durch Sara habe ich es jedoch gesehen, gefühlt und realisiert, welchen Kampf sie täglich lebt. Und ob ihr es glaubt oder nicht, sie erzählt es mit einer leichten Routine und trockenen Art, dass es mich nicht runter zog. Sara hält durch, auf ihre Art. Indem sie eindeutig definiert, dass ihr Gehirn eine „sie“ ist, indem sie Harry Potter Band 1 immer wieder liest, sich Notizen und Listen macht, die im Buch übrigens abgebildet sind.
Das Ziel Normal zu sein wird innerhalb der Handlung konsequent infrage gestellt, von allen, außer Sara. Sie sieht in allen anderen Möglichkeiten keine Möglichkeit für sich, was eine Achterbahnfahrt bereits vorprogrammiert. Ich selbst gewöhnte mich dadurch irgendwann an ihre Situation, weil sich ihre Einstellung mittelfristig nicht änderte. Dadurch kam es zu einigen Längen in Saras Entwicklung. Doch, wer hat gesagt, dass es schnell gehen muss? Das wäre doch ziemlich unrealistisch. Ich gebe zu, dass ich trotzdem oft den Kopf geschüttelt habe, weil Saras Suche nach Normal keine Lösung für mich darstellte und sie die Konsequenzen oft selbst spürte.

Facettenreich wird es, als Sara beginnt mit mehr als 4 Menschen zu sprechen und der Autor damit von ihrer Geschichte anteilig auf die des Jungen James und des Mädchens Erins springt, die Sara bei ihren Therapeuten kennenlernt. Erin nahm von den beiden den höheren Anteil in Saras Leben ein und war mir von Anfang an sympathisch. Sie verkörpert Hoffnung, Freude und einfach das Teenie-Sein, was Saras doch recht steifer Natur fehlt. Es bewegte mich, zu lesen, wie sich beide anfreundeten und Erin Sara versuchte beizubringen, dass sie nicht verrückt, sondern etwas Besonderes sind. Ich verstehe so gut, wie es ist, jemanden zu finden, der einem ähnlich ist, der einem das Gefühl gibt mit seiner Situation nicht allein zu sein und der einem Mitgefühl zeigt, weil man es verdient, nicht weil es sein muss.
Sowohl Erin als auch James kämpfen ihren eigenen Kampf und setzen unterschiedlich auf Saras Unterstützung mit unterschiedlichen Ergebnissen für alle 3 Beteiligten. Die Thematik Hilfe zu geben und anzunehmen spielt eine große Rolle, auch wenn es manchmal bedeutet schwere Entscheidungen zu treffen. Die Umsetzung macht es hier wahnsinnig spannend und ich habe nicht vorhergesehen, welchen Weg Sara einschlagen wird. Im schlimmsten Fall wird es verdrängt, weil sie es einfach nicht schafft. Im besten Fall nimmt sie ihren Mut zusammen und zieht ihre Idee durch.

Einen weiteren Blickwinkel wirft die Handlung auf das Eltern-Kind-Verhältnis, Akzeptanz, Ignoranz und den weitreichenden Folgen, wenn sich ein Kind fragt, ob es von allen Elternteilen geliebt wird. Das ist hart. Genauer betrachtet, stellt sich die Frage für mich nicht, sondern eher wie die Eltern mit ihrem Kind umgehen und wie der äußere Schein trügen kann. Denn wie ich feststellen musste, habe ich Saras Eltern zu Beginn anders eingeschätzt als ich es zum Schluss tat. Für Sara, Erin und allen anderen Kindern, die so viel Ballast mit sich tragen, reicht es völlig, wenn sie die Liebe und den Zusammenhalt bekommen, die ein Kind, egal in welcher Situation, bekommen sollte.

Abschließend sei gesagt, dass mich Saras Geschichte berührt und aufgeweckt hat. Die Message, sich selbst nicht über andere zu definieren, sondern für sich selbst festzulegen, wer man sein möchte und was normal für einen selbst ist, kam definitiv an.

Fazit:
Eine Leseempfehlung für alle, die mit sensiblen Inhalten umgehen können und sich fragen, was denn dieses Normal ist. Dafür sollte man die ein oder andere Länge in der Charakterentwicklung nicht scheuen.

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