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Veröffentlicht am 20.11.2025

Eine Rückkehr zur eigenen Identität

Die Rückkehr der Rentiere
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Ann-Helen Laestadius hat sich mittlerweile als die wohl wichtigste (und auch bekannteste) literarische Stimme der Sámi-Kultur etabliert. Ihr neuestes Werk, „Die Rückkehr der Rentiere“ legt den Fokus auf ...

Ann-Helen Laestadius hat sich mittlerweile als die wohl wichtigste (und auch bekannteste) literarische Stimme der Sámi-Kultur etabliert. Ihr neuestes Werk, „Die Rückkehr der Rentiere“ legt den Fokus auf eine sehr persönliche Reise - die Suche nach der eigenen Identität. Das wunderschöne Cover hat mich in seinen Bann gezogen - allerdings auch einige Assoziationen geweckt, die ich im Buch so nicht wiedergefunden habe.

​Im Zentrum des Romans steht die 29-jährige Marina. Sie war Hals über Kopf aus ihrer Heimatstadt Kiruna im hohen Norden Schwedens nach Stockholm gezogen und hat sich in die Anonymität der Großstadt geflüchtet. Doch sie kommt dort mental nie wirklich an, deshalb geht sie zurück nach Kiruna. Nach ihrer Rückkehr muss sie sich ihrer Vergangenheit stellen.

Der Roman beschäftigt sich mit der Zerrissenheit zwischen traditionellen Werten und moderner Gesellschaft. Doch an dieser Stelle hat es mir das Buch etwas schwer gemacht. Da dies mein erstes Buch der Autorin war, war ich mit den Problemen/Werten/Lebensweise der "klassischen" Sami-Kultur noch nicht vertraut. Im Buch habe ich erlebt, wie diese von Marinas Eltern bereits verleugnet werden, aber hatte dazu wenig Hintergrundwissen. Das machte es mir recht schwer, manches einzuordnen und zu verstehen.

Dazu kam leider, dass ich mit Marina nicht richtig warm geworden bin. Wir sind hier sehr viel in ihrer Gedanken- und Gefühlswelt - wenn man sich da schwertut mit dem Hauptcharakter, hat man es insgesamt schwer mit dem Buch. Das ist ganz natürlich, denke ich. Ich hatte mir eher eine handlungsgetriebene Geschichte erhofft, das hat mein Interesse im Laufe des Romans etwas abflauen lassen, obwohl ich den Schreibstil der Autorin grundsätzlich als sehr einnehmend empfand. Das Cover weckte in mir Assoziationen zu Nature Writing und einem ländlich-traditionellem Setting, das war jedoch nicht in dem Maße der Fall wie erhofft.

Ich hatte mir irgendwie vorgestellt, dass es mehr um das traditionelle Leben der Sami gehen würde - aber da sollte ich wohl doch erst einmal zu ihrem ersten Buch "Das Leuchten der Rentiere" greifen. Ich denke, dass mich das mehr begeistern würde.

​Fazit
​„Die Rückkehr der Rentiere“ ist ein Roman über Identität und Gesellschaft im Schweden der 1970er bis 1990er Jahre. Ich würde jedoch empfehlen, ihn nicht ohne einige Vorkenntnisse zur Sami-Kultur zu lesen bzw. nicht direkt vom Cover auf den Inhalt zu schließen.




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Veröffentlicht am 12.11.2025

Winter Wonderland? Nicht bei Simon Beckett...

Knochenkälte
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Die verschneiten Berge Cumbrias bilden das Setting des neuesten David-Hunter-Krimis, auf den Fans mehrere Jahre warten mussten. Und hat sich das Warten gelohnt? In meinem Fall… ja, schon irgendwie, aber… ...

Die verschneiten Berge Cumbrias bilden das Setting des neuesten David-Hunter-Krimis, auf den Fans mehrere Jahre warten mussten. Und hat sich das Warten gelohnt? In meinem Fall… ja, schon irgendwie, aber…


Mit einem wohligen Schaudern denke ich dran zurück, wie ich atemlos auf der Couch saß und völlig versunken war in den Fall, in dem er auf der Hebrideninsel Runa ermittelte oder als er in den USA auf der sogenannten „Body Farm“ unterwegs war - Fälle (und Bücher), die Maßstäbe gesetzt haben für eine ganze Generation von Thrillerautoren. Gemessen daran muss ich leider sagen, dass der neue Fall an diese außergewöhnlichen Thriller nicht heranreicht (zumindest in meinen Augen).

 

Was aber immer noch heißt, dass „Knochenkälte“ ein echt gutes Buch ist! Der Ton, das Setting und die Verwicklungen sind gut ausgearbeitet und beschrieben, so dass man wie immer in Becketts Büchern mittendrin ist und einem der eisige Wind förmlich um die Ohren pfeift, wenn man mit David Hunter in der winterlichen Fichtenplantage mitten im Nirgendwo unterwegs ist. Auch der Fundort der Skelette in den Wurzeln der Bäume ist eine neue Perspektive, die ich so noch nicht gelesen habe. Und sind wir mal ehrlich - wie schwer ist es für Thrillerautoren, immer wieder neue Ideen zu entwickeln, möglichst spektakulärer als bisher und die Leser immer wieder zu überraschen?

 

Am meisten hat mich Simon Beckett diesmal ehrlich gesagt mit dem Anfang der Geschichte überrascht - ich sag nur: das Schaf ohne Beine. Das war für seine Verhältnisse ein ziemlich amüsanter Einstieg in den Roman, der dann aber schnell zur gewohnten Ernsthaftigkeit fand.

 

Aus irgendwelchen Gründen konnte mich dieser Fall jedoch nicht so fesseln wie die vorherigen. Ich bin mit den Figuren nicht so richtig warm geworden (die einzige Ausnahme war Max - aber wer könnte einem jungen Labrador auch widerstehen?). Selbst bei Nisha hatte ich immer ein kleines Distanzgefühl (vielleicht hatte ich auch unterschwellig immer den Verdacht, dass keiner der Protagonisten am Ende so ist, wie er/sie am Anfang wirkt…) und auch Hunter selbst war für mich  diesmal etwas „blass“. Eine wirklich neue Entwicklung in seiner Person habe ich in diesem Buch nicht gesehen und das hat mich irgendwie ein wenig enttäuscht.

 

Aber letztendlich muss man sagen - das ist Jammern auf ziemlich hohem Niveau, denn der Fall um die in den Baumwurzeln eingewachsenen Knochen ist spannend, clever konstruiert und atmosphärisch geschildert. Natürlich schrammt Hunter auch diesmal wieder knapp am sicheren Tod vorbei und vollbringt schier Übermenschliches, um die Personen um sich herum zu retten. Genau so, wie es seine Fans lesen wollen.

 

Deshalb empfinde ich diesen 7. Band der Reihe als routiniert geschriebene Fortsetzung, die diesmal durch das winterliche, abgeschottete Setting in einem kleinen Dorf in den Bergen Cumbrias besticht. Punkten kann der Autor bei mir mit einem cleveren und komplexen Plot, der am Ende viele Fäden zusammenlaufen lässt und einigen Anflügen von Humor, die mir in seinen früheren Romanen nicht so aufgefallen sind. Mit der Charakterentwicklung des Protagonisten war ich jedoch nicht so zufrieden, da hätte ich mir mehr Dynamik erhofft.

 

Alles in allem ist der Roman für mich eine gute, aber keine herausragende Fortsetzung der Reihe. Im nächsten Band wünsche ich mir da mehr - oder aber einen würdigen Abschluss, denn vielleicht wäre es auch an der Zeit, neue Wege zu gehen und David Hunter zu verabschieden, wenn seine Geschichte nahezu auserzählt ist.

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Veröffentlicht am 29.10.2025

Skurrile Krimikomödie a la „Achtsam morden“

Der Doktor und der liebe Mord
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Mit "Der Doktor und der liebe Mord" versucht sich Rene Anour an einem Balanceakt zwischen schwarzem Humor und Krimi. Die Geschichte um Severin Herr, einen Tierarzt, der mehr Herz als Kalkül besitzt, hat ...

Mit "Der Doktor und der liebe Mord" versucht sich Rene Anour an einem Balanceakt zwischen schwarzem Humor und Krimi. Die Geschichte um Severin Herr, einen Tierarzt, der mehr Herz als Kalkül besitzt, hat was von einem Theaterstück: exzentrische Figuren treten auf, es gibt Alltägliches, aber auch überraschende Wendungen, und unter der Oberfläche lauert ein Hauch von Melancholie. 


Der Ton dieses Buches hat mich stark an "Achtsam morden" erinnert und auch die Geschichte an sich (umgänglicher Tierarzt wird wider Willen zum Mörder und gerät in eine haarsträubende Geschichte) hat aus meiner Sicht starke Anklänge daran. Für mich war die Frage: finde ich das gut oder schlecht? 


Letztlich muss ich sagen, ich hatte mich im Vorfeld nicht genug mit dem Inhalt des Buches beschäftigt und so passierte, was passieren musste - ich bekam etwas völlig anderes als erwartet. Als Fan der Serie "Der Doktor und das liebe Vieh" stellte ich mir anhand des Titels einen cosy Krimi vor, in dem ein Tierarzt in idyllischem Setting Kriminalfälle aufklärt. Weit gefehlt! Hier geht es deutlich skurriler zu - das muss man mögen. Die Sätze sind oft lakonisch, gelegentlich sarkastisch und die Szenen drifteten für meine Brgriffe manchmal zu sehr in Richtung Absurdität.



Was ich den Buch positiv anrechne, ist Gespür für Ambivalenz: Menschen, die helfen wollen, handeln nicht immer richtig; Helfer sind nicht automatisch Helden; Opfer bleiben komplex. Das schafft nicht jeder Autor.


Fazit:

Wer einen gemütlichen cosy Tierarztkrimi sucht (wie ich), könnte seine Probleme mit diesem Buch haben und es als zu "abgedreht" empfinden. Für Fans von Büchern a la "Achtsam morden" und Liebhaber des schwarzen Humors, skurriler Szenen und etwas exzentrischer Charaktere ist es ein wahres Fest. Also bitte unbedingt ausprobieren, falls das gut klingt für euch - auch wenn es für mich nicht das richtige Buch war! 

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Veröffentlicht am 29.10.2025

Tierforscher in Afrika

Der Ruf der Kalahari
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In der Neuauflage des Nature-Writing-Klassikers aus dem Jahr 1984 " Der Ruf der Kalahari " beschreiben Mark und Delia Owens (ja, die von den Flusskrebsen!) ihre Forschungsarbeit in einem abgelegenen Camp ...

In der Neuauflage des Nature-Writing-Klassikers aus dem Jahr 1984 " Der Ruf der Kalahari " beschreiben Mark und Delia Owens (ja, die von den Flusskrebsen!) ihre Forschungsarbeit in einem abgelegenen Camp jenseits der Zivilisation in Afrika.

Am Anfang hat mich das Buch etwas herausgefordert, denn wie die beiden ihr Leben in Afrika starten, fand ich sehr blauäugig und weltfremd. Des öfteren habe ich über ihre Entscheidungen, die teilweise wirklich lebensgefährlich waren, den Kopf geschüttelt und mich gefragt wie studierte, erwachsene Leute so agieren können. Aber zum Glück ging letztlich alles gut und als die Forschungsgelder dann flossen, nahm das Buch hauptsächlich die Tierforschung in den Fokus und ich war wieder versöhnt 😅

Ihre Beobachtungen des Sozialverhaltens von Löwenrudeln, Hyänen und weiterer Kalahari-Bewohner zeigten von Respekt und Demut vor der Tierwelt und gaben einen interessanten Einblick in das harte Alltagsleben in einem unwirtlichen Landstrich.

Insgesamt habe ich das Buch also dennoch als sehr bereichernd empfunden und gebe gern eine Leseempfehlung.

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Veröffentlicht am 09.10.2025

Super atmosphärisch, clevere Wendungen - der perfekte Thriller für den Herbst!

Das Internat
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Dies war mein erstes Buch von Hannah Richell, aber es wird definitiv nicht mein letztes sein! Von der ersten Seite an war ich mitten im Geschehen, habe die düstere Atmosphäre rund um eine Halloweenparty ...

Dies war mein erstes Buch von Hannah Richell, aber es wird definitiv nicht mein letztes sein! Von der ersten Seite an war ich mitten im Geschehen, habe die düstere Atmosphäre rund um eine Halloweenparty und ein Upper-Class-Internat aufgesogen und mich zurückversetzt gefühlt in meinen England-Urlaub, der mich nur wenige Kilometer am Schauplatz dieses Romans vorbeiführte.

 

Denn Hannah Richell hat zwar die Schule und weitere Ortsbezeichnungen erfunden, eingebettet ist die Geschichte jedoch in die Landschaft rund um Bath und einen Straßenabschnitt mit dem merkwürdigen Namen Sally in the wood. Und hier könnt ihr schon mal anfangen zu googeln - den gibt es nämlich wirklich. Und auch den Turm auf einem Hügel, der im Buch eine bedeutende Rolle spielt (gebt mal Brown’s Folly im Routenplaner ein). Selbst die Höhlen, die im Buch vorkommen, kann man sich auf Fotos anschauen und taucht so völlig ein in den Schauplatz - schon mal sehr clever gemacht und für Leser spannend nachzuverfolgen.

 

Die Story selbst fand ich unheimlich gut erzählt. Nachdem die Halloweenparty einiger Schüler des Internats im nahegelegenen Wald etwas aus dem Ruder gelaufen ist, wird die Leiche einer Schülerin am Fuße des (oben beschriebenen) Turms gefunden. In einem weißen Kleid, wie die Legende der „Sally in the wood“, mit einer Vogelmaske und mit Worten, die auf Arme und Beine geschrieben sind.

 

Polizist Ben versucht den Fall schnellstmöglich aufzuklären - was nicht einfach ist, da seine Tochter selbst Schülerin dieser Schule ist. Und seine Ex-Partnerin die Schulpsychologin. Die interessante Familienkonstellation und die dadurch entstehenden Spannungen legen auf die ohnehin schon gute Grundidee nochmal eine Schippe drauf und geben dem Roman eine noch komplexere Struktur - ohne dass das den Lesefluss negativ beeinflusst. Ganz im Gegenteil. Ich bin nur so durch die Seiten geflogen, hatte klare Sympathien, aber auch viele Verdächtige (wobei mir so einige Theorien am Ende um die Ohren geflogen sind) und war einfach völlig drin im Geschehen. Ich habe selten einen Thriller so gern gelesen, denn trotz der kühlen und düsteren Atmosphäre war auch immer wieder Raum für Menschelndes. Diese Kombination hat mir sehr gut gefallen.

 

Einzig den deutschen Titel fand ich nicht ganz passend gewählt. Der Originaltitel ist „One dark night“ und das fasst die Stimmung und die Handlung erheblich besser zusammen als „Das Internat“. Denn ja, das Internat hat zwar eine große Bedeutung im Buch, aber das eigentliche Geschehen und auch die Ermittlungen spielen sich eben hauptsächlich außerhalb des Schulgeländes ab, während der Titel ja eher eine Art „Kammerspiel“ innerhalb der Internatsmauern erwarten lässt. Das nur als Hinweis für potentielle Leser.

 

Ich jedenfalls habe mich mit diesem Thriller bestens unterhalten gefühlt und muss auch zugeben, dass ich diverse Twists nicht habe kommen sehen - insbesondere den am Ende. Ich empfehle das Buch unbedingt weiter für all diejenigen, die in eine herbstliche, düstere Atmosphäre rund um Halloween eintauchen möchten, die mit der Sally-Legende auch einen leichten Gruselfaktor ertragen können und die gern flüssig geschriebene, unterhaltende Thriller lesen, die ohne Unmengen von Blut auskommen. 

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