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Carl

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Veröffentlicht am 06.08.2020

Eschbachs Apokalypse

NSA - Nationales Sicherheits-Amt
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Das NSA ist keine Erfindung der USA. Der Computer wurde in seinen Anfängen mit Dampf betrieben. Nicht Konrad Zuse baute ein Gerät, das heute als erster funktionstüchtige Computer bezeichnet wird, sondern ...

Das NSA ist keine Erfindung der USA. Der Computer wurde in seinen Anfängen mit Dampf betrieben. Nicht Konrad Zuse baute ein Gerät, das heute als erster funktionstüchtige Computer bezeichnet wird, sondern ein Engländer namens Charles Babbage (1791 bis 1871) brachte ihn zur Serienreife. Als in Deutschland noch der Kaiser herrschte, entstanden nicht nur die modernen Computer, sondern auch das NSA, das Nationale Sicherheitsamt, mit Sitz in Weimar. Zumindest in der Vorstellungswelt von Andreas Eschbach.

Er wirft mit seinem neuen, 800 Seiten starken Roman einen Blick in eine künftige Vergangenheit. Klingt verwirrend? Ist es aber nicht.

Tatsächlich entwickelte Charles Babbage die sogenannte „Analytical Engine“, die als Vorläufer des Computers, also auch Zuses Erfindung, gilt. Der spielt bei Eschbach allerdings noch keine Rolle, denn sein Plot ist zeitlich vor Zuse angelegt.

Computer, Mobiltelefone, eMails, SMS – das alles gibt es bei Eschbach schon seit den 30er Jahren. Mit dem Beginn des Naziterrors in Deutschland gewinnt das NSA, das alles und jeden überwacht, zunehmend an Bedeutung. Vor allem als – und hier nimmt Eschbach eine Entwicklung voraus, die in der Jetztzeit ernsthaft diskutiert wird – das Bargeld abgeschafft wird. Mit Einführung der bargeldlosen Kartenzahlung ist der NSA nichts mehr geheim. Jeder Zahlungsvorgang eines jeden Individuums wird registriert. Ärzte, Anwälte, deren Aufgabe in Vertraulichkeit gegenüber Patienten und Klienten beruht, müssen ihre Daten qua Gesetz in einer „Datensilo“ genannten Cloud speichern, auf die die NSA selbstverständlich Zugriff hat.

Nun gibt es Menschen, die werden sagen: „Na und?!“ In Eschbachs Szenario hat das fatale Folgen. Denn der Zugriff auf alle Arten von Daten und deren gegenseitiger Abgleich führt zur Aufspürung von – versteckten Juden.

Jeder Mensch muss essen. Über die Kontrolle der Lebensmittel-Einkäufe und den Abgleich mit den verbrauchten Kalorien ist leicht feststellbar, in welchen Haushalten mehr Nahrungsmittel verbraucht werden, als die gemeldeten Personen durchschnittlich benötigen. Dort besteht der dringende Verdacht, dass Menschen versteckt werden. Jüdische Mitbürger zum Beispiel. Oder Deserteure. Grund genug für Polizei und SS, sofort einzufallen und alles auf den Kopf zustellen. In Zusammenhang mit dem Abgleich der ebenfalls gespeicherten Grundrisse der Häuser und Wohnungen sind vom NSA sehr schnell und einfach auch verborgene Räumlichkeiten, die als Versteck dienen, aufzuspüren.

Und das bringt nun Helene in eine verzweifelte Situation. Sie ist beim NSA Programmiererin – in Eschbachs Sprache eine „Programmstrickerin“. Programmieren ist eine rein weibliche Aufgabe. Männer haben in dieser Zeit – wir befinden uns im Jahr 1942, der Weltkrieg tobt an allen Fronten – anderes zu tun. Sie überwachen den eMail-Verkehr, genannt Elektro-Post. Und es gibt das als „Weltnetz“ bezeichnete Internet.

Männer überwachen das „Deutsche Forum“ nach verräterischen Beiträgen, sie hacken vor allem das „Amerikanische Forum“ und manipulieren deren Mitglieder durch gefälschte, deutschfreundliche Beiträge. Desinformation nennt man das im Geheimdienst. Und die Fake-News-Debatte ist uns in unserer Zeit auch nicht neu.

Helene, Typ einfaches deutsches Mädchen nach Gretchen-Vorbild, das vieles so hinnimmt, weil es so ist, unpolitisch, wenig denkend, fängt erst an, über die Folgen ihres Handelns nachzudenken, als mit Hilfe eines ihrer Programme der Widerstandskreis der „Weißen Rose“ zerschlagen und deren Mitglieder festgenommen werden. Und als die Gefahr besteht, dass ihre große Liebe Artur gefasst wird. Artur ist nämlich von der Wehrmacht desertiert, und sie, Helene, hat ihn auf dem Bauernhof ihrer Freundin versteckt.

Der oft nüchterne, trockene Stil von Andreas Eschbach verursacht eine Gänsehaut, wenn man sich die Geschichte in Erinnerung ruft. Was die Nazis mit diesen Menschen, die nicht in ihr Klischee eines Ariers passten, die politische Gegner waren, die einfach nur politisch kritisierten, die eine gehässige Bemerkung über Hitler oder einen der anderen Parteibonzen machten, anstellten. Die Vermengung tatsächlicher Geschichte umrankt von Geschichten macht dieses Buch so spannend. Auch wenn es durchaus Längen hat, beispielsweise wenn Eschbach Helene in aller Ausführlichkeit und detailliert erklären lässt, wie eine Datenbankabfrage und die Kombination mit verschiedenen Parametern funktioniert. Hier wäre Einsparpotenzial gewesen. Aber Eschbach ist nun mal detailversessen.

Erschienen bei BASTEI LÜBBE, Hardcover, 796 Seiten, ISBN: 978-3-7857-2625-9, Preis 22,90 Euro

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Veröffentlicht am 03.08.2020

Die toten Straßen von Lissabon

Portugiesische Wahrheit
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Was erhoffen sich Autoren davon, einen - sagen wir mal, in Portugal angesiedelten - Roman unter einem portugiesisch klingenden Pseudonym zu schreiben? Was erwarten Verlage, wenn sie einen Autoren, der ...

Was erhoffen sich Autoren davon, einen - sagen wir mal, in Portugal angesiedelten - Roman unter einem portugiesisch klingenden Pseudonym zu schreiben? Was erwarten Verlage, wenn sie einen Autoren, der einen Roman schreibt, der - sagen wir mal, in Portugal angesiedelt ist - ein portugiesisch klingendes Pseudonym aufzuzwingen? Vor allem dann, wenn man als Leser nach spätestens dem zweiten Kapitel merkt, dass der Autor von Land, Leuten und Kultur so viel Ahnung zu haben scheint wie ein Tourist, der alle fünf Jahre dort zwei Wochen Urlaub verbringt.

Davon mal abgesehen, liest sich "Portugiesische Wahrheit" wie der Versuch eines Beamten, einen auf großen Schriftsteller zu machen. Luis Sellano, hinter dem sich der Schwäbische Grafiker und Illustrator Oliver Kern verbirgt, kann besser zeichnen als schreiben. Die "Portugiesische Wahrheit" ist ein Buch in Behördendeutsch, mit häufig verwendeten falschen Konjunktiven (insgesamt hat der Autor handwerkliche Probleme mit der deutschen Sprache) und zusätzlich noch einen gedankenwirren Helden, der larmoyant und selbstmitleidig daherkommt und ständig mehr oder weniger notgeil wirkend hinter Ex-Freundin Helena (eine Anlehnung an die Helena der griechischen Mythologie mag beabsichtigt sein) herstarrt.

Gleichzeitig hat es der 40-Jährige nicht geschafft, sich von Muttis Rockzipfel zu lösen, die matriarchalisch erst den Mann, dann den Sohn und schließlich die Tochter aus dem Haus treibt, ohne dass diese sich tatsächlich ihrer Dominanz entziehen. Nagut. Der Vater scheint es schaffen. Er nimmt sich eine portugiesische Geliebte und taucht bei ihr unter. Kontakt zur einstigen Familie vermeidet er. Und scheint damit der einzig Schlaue in diesem Konglomerat zu sein.

Aber diese Mutti-Geschichte ist aufgesetzt wie auch der Plot, von dem man selbst nach 120 Seiten noch nicht weiß, wohin er führen soll. Da ist einerseits die bei der Renovierung des Swimming-Pools des "Hotel Oriente" im Betonfundament gefundene Leiche. Dummerweise ist ausgerechnet in dem Hotel auch Mutti abgestiegen, die ihren Sohn in Lissabon besucht. Ein Lissabon übrigens, das dem Leser außer ein paar hingekritzelte Straßennamen, Bezeichnungen für Viertel nichts bietet. Wirklich nichts, was über das Studium eines Online-Stadtplans oder schlechten Reiseführers hinausgeht.

Wenn Henrik Falkner eine Straße entlang flaniert oder fährt, dann hat diese Straße kein Leben, keine Atmosphäre, keine Geschichte. Dabei hätte es genügt, wenn Kern-Sellano einmal Thomas Manns "Felix Krull" gelesen hätte, um zu lernen, wie man einen Leser an die Hand nimmt und ihn durch Lissabon führt.

Da taucht andererseits immer wieder der verstorbene schwule Onkel dieses Henrik Falkner auf. Ich unterstelle, die phonetische Ähnlichkeit zu Henry Faulkner ist gewollt. Damit ist aber  die Ähnlichkeit zwischen diesen beiden sehr unterschiedlichen Charakteren auch schon erschöpft. Im Gegensatz zu dem Künstler, Exzentriker und Lebemann Faulkner ist Falkner einfach nur peinlich, ohne Persönlichkeit und Charakterstärke.

Dort, wo eigentlich die Handlung des Buches vorangetrieben werden müsste, denkt Falkner; widerspricht sich innerhalb eines Absatzes, versucht das Innere seines Gegenübers zu lesen und zu interpretieren, wirft dem Leser ein wirres Geflecht aus motivationslosen Gedankenfetzen entgegen, der sich darin verfängt, aber weder einen Ausweg findet noch einen angeboten bekommt. Die typische Arbeit eines Schreibers, der ohne Plan an sein Werk herangeht, dann irgendwann nicht mehr weiter weiß, aber diese Hängepartie auf Teufel komm raus und geh wieder rein überwinden muss.

Eben dieser Onkel vererbte Falkner sein Haus mitsamt Antiquariat in Lissabon, der daraufhin seinen Job als Kriminalbeamter in Deutschland hinschmiss, an den Tejo zog und dort nun von einem Kriminalfall in den nächsten stolpert. Immerhin ist "Portugiesische Wahrheit" schon der fünfte Band der Reihe.

In anderen Kritiken erfuhr ich, man müsse die ersten vier Bände gelesen haben, um die wirren Gedanken und Anspielung des Autor verstehen zu können. Aber genau das ist der falsche Ansatz, Herr Kern-Sellano. Sie schreiben keine Fortsetzungsserie. Und genau deshalb muss jeder Roman für sich stehen.

Das schönste am Buch, ich gestehe es, ist die Gestaltung des Umschlags. "punchdesign" hat sich etwas einfallen lassen, um Portugal anhand seines Lichtes, seiner Architektur, seiner Farben dem potenziellen Leser als Augenschmaus zu präsentieren. Die Coverdesigner haben optisch das geschaffen, worum sich der Autor verbal noch nicht einmal bemüht.

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Veröffentlicht am 03.08.2020

Die toten Straßen von Lissabon

Portugiesische Wahrheit
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Was erhoffen sich Autoren davon, einen - sagen wir mal, in Portugal angesiedelten - Roman unter einem portugiesisch klingenden Pseudonym zu schreiben? Was erwarten Verlage, wenn sie einen Autoren, der ...

Was erhoffen sich Autoren davon, einen - sagen wir mal, in Portugal angesiedelten - Roman unter einem portugiesisch klingenden Pseudonym zu schreiben? Was erwarten Verlage, wenn sie einen Autoren, der einen Roman schreibt, der - sagen wir mal, in Portugal angesiedelt ist - ein portugiesisch klingendes Pseudonym aufzuzwingen? Vor allem dann, wenn man als Leser nach spätestens dem zweiten Kapitel merkt, dass der Autor von Land, Leuten und Kultur so viel Ahnung zu haben scheint wie ein Tourist, der alle fünf Jahre dort zwei Wochen Urlaub verbringt.

Davon mal abgesehen, liest sich "Portugiesische Wahrheit" wie der Versuch eines Beamten, einen auf großen Schriftsteller zu machen. Luis Sellano, hinter dem sich der Schwäbische Grafiker und Illustrator Oliver Kern verbirgt, kann besser zeichnen als schreiben. Die "Portugiesische Wahrheit" ist ein Buch in Behördendeutsch, mit häufig verwendeten falschen Konjunktiven (insgesamt hat der Autor handwerkliche Probleme mit der deutschen Sprache) und zusätzlich noch einen gedankenwirren Helden, der larmoyant und selbstmitleidig daherkommt und ständig mehr oder weniger notgeil wirkend hinter Ex-Freundin Helena (eine Anlehnung an die Helena der griechischen Mythologie mag beabsichtigt sein) herstarrt.

Gleichzeitig hat es der 40-Jährige nicht geschafft, sich von Muttis Rockzipfel zu lösen, die matriarchalisch erst den Mann, dann den Sohn und schließlich die Tochter aus dem Haus treibt, ohne dass diese sich tatsächlich ihrer Dominanz entziehen. Nagut. Der Vater scheint es schaffen. Er nimmt sich eine portugiesische Geliebte und taucht bei ihr unter. Kontakt zur einstigen Familie vermeidet er. Und scheint damit der einzig Schlaue in diesem Konglomerat zu sein.

Aber diese Mutti-Geschichte ist aufgesetzt wie auch der Plot, von dem man selbst nach 120 Seiten noch nicht weiß, wohin er führen soll. Da ist einerseits die bei der Renovierung des Swimming-Pools des "Hotel Oriente" im Betonfundament gefundene Leiche. Dummerweise ist ausgerechnet in dem Hotel auch Mutti abgestiegen, die ihren Sohn in Lissabon besucht. Ein Lissabon übrigens, das dem Leser außer ein paar hingekritzelte Straßennamen, Bezeichnungen für Viertel nichts bietet. Wirklich nichts, was über das Studium eines Online-Stadtplans oder schlechten Reiseführers hinausgeht.

Wenn Henrik Falkner eine Straße entlang flaniert oder fährt, dann hat diese Straße kein Leben, keine Atmosphäre, keine Geschichte. Dabei hätte es genügt, wenn Kern-Sellano einmal Thomas Manns "Felix Krull" gelesen hätte, um zu lernen, wie man einen Leser an die Hand nimmt und ihn durch Lissabon führt.

Da taucht andererseits immer wieder der verstorbene schwule Onkel dieses Henrik Falkner auf. Ich unterstelle, die phonetische Ähnlichkeit zu Henry Faulkner ist gewollt. Damit ist aber  die Ähnlichkeit zwischen diesen beiden sehr unterschiedlichen Charakteren auch schon erschöpft. Im Gegensatz zu dem Künstler, Exzentriker und Lebemann Faulkner ist Falkner einfach nur peinlich, ohne Persönlichkeit und Charakterstärke.

Dort, wo eigentlich die Handlung des Buches vorangetrieben werden müsste, denkt Falkner; widerspricht sich innerhalb eines Absatzes, versucht das Innere seines Gegenübers zu lesen und zu interpretieren, wirft dem Leser ein wirres Geflecht aus motivationslosen Gedankenfetzen entgegen, der sich darin verfängt, aber weder einen Ausweg findet noch einen angeboten bekommt. Die typische Arbeit eines Schreibers, der ohne Plan an sein Werk herangeht, dann irgendwann nicht mehr weiter weiß, aber diese Hängepartie auf Teufel komm raus und geh wieder rein überwinden muss.

Eben dieser Onkel vererbte Falkner sein Haus mitsamt Antiquariat in Lissabon, der daraufhin seinen Job als Kriminalbeamter in Deutschland hinschmiss, an den Tejo zog und dort nun von einem Kriminalfall in den nächsten stolpert. Immerhin ist "Portugiesische Wahrheit" schon der fünfte Band der Reihe.

In anderen Kritiken erfuhr ich, man müsse die ersten vier Bände gelesen haben, um die wirren Gedanken und Anspielung des Autor verstehen zu können. Aber genau das ist der falsche Ansatz, Herr Kern-Sellano. Sie schreiben keine Fortsetzungsserie. Und genau deshalb muss jeder Roman für sich stehen.

Das schönste am Buch, ich gestehe es, ist die Gestaltung des Umschlags. "punchdesign" hat sich etwas einfallen lassen, um Portugal anhand seines Lichtes, seiner Architektur, seiner Farben dem potenziellen Leser als Augenschmaus zu präsentieren. Die Coverdesigner haben optisch das geschaffen, worum sich der Autor verbal noch nicht einmal bemüht.

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Veröffentlicht am 27.07.2020

Wie Schnaps in der Lunge

Commissaire Le Floch und das Geheimnis der Weißmäntel
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Der Einstieg ist langatmig und verlangt einen langen Atem, der Schluss zu offensichtlich und früh durchschaubar und dazwischen weigert sich Autor Jean-François Parot penetrant, ein Geheimnis zu offenbaren. ...

Der Einstieg ist langatmig und verlangt einen langen Atem, der Schluss zu offensichtlich und früh durchschaubar und dazwischen weigert sich Autor Jean-François Parot penetrant, ein Geheimnis zu offenbaren. Das der Weißmäntel nämlich. Parots erster Geschichtskrimi trägt zwar den Titel „Das Geheimnis der Weißmäntel“ – nur kommt im gesamten Buch kein einziger Weißmantel vor. Lediglich, dass der Held namens LeFloch kurzzeitig in der Rue des Blancs-Manteaux wohnt, verbindet Inhalt mit Titel.

In der französischen Sprache bedeutet floc – ohne H am Ende – soviel plumpsen. Faire floc also plumps machen. Wenn man voraussetzt, dass Parot dieses Wortspiel beabsichtigte, dann passt das schon, denn er lässt seinen Helden, das Findelkind Nicolas LeFloch, aus der Bretagne direkt hineinplumpsen ins Paris von 1760 und die Regentschaft Ludwigs XV.

Der Notariatsgehilfe erhält nach einiger Zeit Dank seiner Fürsprecher einen Job – man würde es heute wohl als Hilfsermittler bezeichnen – bei dem, was Mitte des 18. Jahrhunderts als Polizei in Paris bezeichnet werden kann. Sein Vorgesetzter Antoine Raymond Juan Gualbert Gabriel de Sartine, Comte d’Alba, zu der Zeit, während der der Roman spielt, Lieutenant Général de Police, was soviel bedeutet wie Polizeipräfekt, und dem Amt des sagen wir mal Polizeipräsidenten von Paris gleichkam, betraut ihn mit einer diffizilen Aufgabe. Ein Polizist wird der Korruption verdächtigt, dann verschwindet er. Was als scheinbar einfacher Fall von Bestechung begann, wächst sich erst zum Mord aus, dann kommt noch eine Spionagegeschichte um Ludwig XV und Madame de Pompadour hinzu.

Antoine de Sartine ist eine historische Persönlichkeit, wie Parot viele historische Persönlichkeiten auftreten lässt. Sein Held LeFloch begegnet im Pariser Karneval sogar Giacomo Casanova. Insofern betreibt Parot „name dropping“, was die Sache insofern vereinfacht, als er keine neuen Figuren erfinden muss. Gleichzeitig vermittelt der Autor damit den Eindruck historischer Authentizität. Ob diese in ihren Charakteren ebenso korrekt dargestellt ist, lässt sich nun nicht nachprüfen. Allerdings lesen sich die Beschreibungen im angehängten Glossar wie eins zu eins von Wikipedia übernommen.

In einem Paris, das als dreckig, laut, teils ordinär mit einem dichten Nebeneinander von arm und degoutant reich beschrieben wird, fehlt es letztlich an Tiefgang. Dafür nimmt Parot Dinge voraus, die erst sehr viel später tatsächlich ins Licht von Wissenschaft und Medizin rücken.

Den späteren Henker von Paris, der insgesamt fast 3000 Menschen umbrachte, schildert er als eine freundliche, hilfsbereite, ja sensible Person mit ausführlichen medizinischen Kenntnissen. Dieser Charles-Henri Sanson wird dargestellt als ein Mensch mit erstaunlichen pathologischen Erfahrungen und Wissen. Zwar studierte Sanson tatsächlich Medzin, brach das Studium jedoch aus wirtschaftlichen Gründen ab, und war als 18-Jähriger beteiligt an der Folter von Robert François Damiens. Der verübte 1757 ein Attentat auf Ludwig XV. Die Folter lässt Parot durch die Figur des Sanson recht ausführlich – zu ausführlich – schildern. Wie überhaupt einige unschöne Dinge überflüssig detailreich dargestellt werden. So entbrennt unter anderem zwischen zwei Medizinern ein fast existenzieller Streit. Der eine schwört auf den Aderlass bei jedweder Art von Krankheit – egal ob gebrochener Knochen oder Fieber – während der andere schon Ansätze heutiger Schulmedizin zeigt.

Insgesamt aber nimmt LeFloch auch Ermittlungsmethoden voraus, die erst etwa 40 Jahre später durch Eugène François Vidocq bekannt werden, der als Begründer der modernen französischen und europäischen Kriminalpolizei und insbesondere auch als Vorbild für die Arbeit von Scotland Yard gilt.

So weit, so gut. Wenn da nicht einige sprachliche Schnitzer wären, von denen mindestens einer auf dem Mist des Übersetzers gewachsen ist. Le Pont (die Brücke) ist im französischen maskulin, im Deutschen feminin. Der Übersetzer weigert sich penetrant, die Brücke zu übersetzen und spricht durchgängig von der Pont. „Der Pont Neuf . . .“ zum Beispiel. Irritierend. Klar, „die Neue Brücke“ klänge für eine der berühmtesten Seine-Brücken in Paris echt bescheuert. Aber warum nicht eindeutschen? Die Pont Neuf . . . da wüsste jeder, was gemeint ist.

Okay. LeFloch vereint zudem alle Merkmale eines Detektivs, die auch ein moderner detektivischer Romanheld hat. Egal, ob sein Name Philip Marlow, Sam Spade, Sherlock Holmes, Miss Marple oder Hercule Poirot lautet. Aber keinem wäre es eingefallen, diesen Satz zu schreiben: „Die Luft war klar und eisig und brannte wie klarer Schnaps in der Lunge.“

Wer jemals klaren Schnaps auf Lunge getrunken hat, der möge sich melden.

Das ist Quatsch, Quark, Blödsinn, hirnverbrannt – ein ebenso sprachlicher wie metaphorischer Gau. Und an den Bildern, also den Metaphern, seines Buches sollte Parot dringend noch arbeiten. Denn daran hapert’s. Selbst, wenn er das Paris von 1760 treffend gezeichnet haben sollte.

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Veröffentlicht am 27.07.2020

Verletzlich - ein bisschen wie das Leben selbst

Das Bücherhaus
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"Das Bücherhaus“ ist keine Liebesgeschichte, aber eine Geschichte der Liebe. Der zu Büchern, der zur Philosophie und zu den Philosophen und, nicht zuletzt, auch eine zu den Menschen. Und wie die Liebe ...

"Das Bücherhaus“ ist keine Liebesgeschichte, aber eine Geschichte der Liebe. Der zu Büchern, der zur Philosophie und zu den Philosophen und, nicht zuletzt, auch eine zu den Menschen. Und wie die Liebe oft verschlungene Wege geht, führt auch John Kaag seine Leser mäandernd durch seine Geschichte.

Seine Geschichte meint das, was es sagt: Es ist auch ein Stückweit die Biografie des inzwischen 41 Jahre alten Professors für Philosophie an der University of Massachusetts. Derzeit gilt er als einer der spannendsten jungen Philosophen der USA. 2016 erschien „American Philosophy: A Love Story“ (deutsch: Das Bücherhaus, erschienen 2019 im btb-Verlag, ISBN 9783 442 718 894, Preis 11,00 Euro), das durchaus als eine Hommage an die Entwicklung der Philosophie von frühan verstanden werden darf.

Eine Statue des Laokoon bringt Kaag zu der Erkenntnis, dass Ehrlichkeit häufig mit Schmerz und Qual verbunden ist. Der Trojanische Seher, der seine Mitbürger vor dem Danaer-Geschenk des Trojanischen Pferdes warnte und damit den Zorn Apolls erregte, wurde für die Verkündung der Wahrheit bestraft. Apoll schickte zwei Seeschlangen, die Laokoons Söhne vor den Augen des Vaters ins Wasser zerrten und töteten bevor dann der Vater selbst stirbt: „Das geschieht mit Menschen, die das Pech haben, schmerzhaft ehrlich zu sein“, sagt Kaag. Und angesichts seiner zunehmend darnieder gehenden Ehe und dem Beispiel des hingemetzelten Laokoons vor Augen, stellt er fest: „Mein jüngstes Experiment mit der Ehrlichkeit war ziemlich brutal ausgegangen.“ Um zu konstatieren: „Vielleicht war es besser, nicht ganz so ehrlich und am Leben zu sein als selbstgerecht und tot.“

Seine Wahrheit beruhte darin, dass er die jahrelangen Zweifel an seiner Ehe seiner Frau gestand, sich trennte und scheiden ließ. Und ein schlechtes Gewissen hatte, denn auch sein Vater hatte die Familie verlassen und war ihm nie ein guter Vater gewesen. Als er schließlich an dessen Sterbebett stand und hoffte: „Und so, ganz am Ende, würde er mit mir reden wie ein liebender Vater es mit seinem Sohn täte. Er würde mich überzeugen, dass unsere kurze Zeit zusammen nicht ein hohles, schmerzliches Versäumnis gewesen war“, bleibt dies vergeblich. Eine Hoffnung, die sich für den jungen Kaag nicht erfüllt: „Als ich ins Krankenhaus kam, war er schon weitgehend weggetreten, so still und bewusstlos wie er die meiste Zeit in meinem Leben gewesen war.“

Als Kaag sich von seiner Frau trennte, hatte er sich längst in die verschollene Bibliothek mitten im Wald im Hinterland von New Hampshire geflüchtet, die er durch Zufall fand. Die einstige Privatbibliothek des Philosophen und Theologen William Ernest Hocking (1873 – 1966) barg einen bibliophilen Nibelungenhort. Erstausgaben, frühe Schriften, Manuskripte, Schreiben fast aller namhafter europäischer und von diesen beeinflusster amerikanischer Philosophen.

Jahre verbringt Kaag erst allein, dann mit seiner Kollegin Carol Hay, um die Bücher zu sichten, zu sortieren und zu katalogisieren. Und immer findet Kaag in dem aufgezeichneten philosophischen Denken Parallelen zu seinem eigenen Leben. Beides verknüpft er in einer intellektuellen, ja fast paradigmatischen, Art. Dabei findet er durch die Gedanken und Schriften von Charles Sanders Peirce, Josiah Royce, William James, Jane Addams und Walt Whitman zu seiner Gegenwart. Er räsoniert über die in der Bibliothek gefundenen Werke Kants und Hegels, Platons und Dantes, die durch ihr Denken die amerikanischen Philosophen beeinflussten und somit ihre Gedanken in sowohl in der „verschollenen Bibliothek“ wie bei Kaag und daher auch im „Bücherhaus“ hinterließen.

Es ist die Unendlichkeit des Denkens, des Gedankens, die Kaag hier darstellt und die immer wieder erinnert an die Erzählung von Jorge Luiz Borges‘ „Die Bibliothek von Babel“. Nur, dass entgegen der Unendlichkeit der Bücher in Borges Text die Bibliothek von Kaag endlich ist. Hockings Erben bestellen einen Gutachter, um den Wert der Bücher zu ermitteln. Für Kaag ein blasphemischer Buchhalter, der „die Philosophie, diese gewaltige Liebesafäre mit der Weisheit, auf einem Kalkulationsbogen summiert zum Zwecke steuerlicher Absetzbarkeit“.

Hockings Erben schenken einen Teil der Bibliothek der University of Massachusetts Lowell. Dort verschwinden sie fast wie der Nibelungenhort, der nach Siegfrieds Tod von Hagen von Tronje im Rhein versenkt wurde. Und wie auch Hagen von Tronje nur weiß, wo der Hort liegt, kennen außer Kaag nur wenige den Ort, wo die Hocking-Bücher aufbewahrt werden. Sie kamen aus einer vergessenen Bibliothek und gingen in eine Bibliothek, die inzwischen schon wieder vergessen wäre. Wenn nicht Kaag daran erinnerte: „Ich besuche sie oft unter dem Licht der Neonröhren. Manchmal nehme ich Studenten mit.“ Aber eine richtige Bibliothek ist es nicht: „Es gibt keine wachsamen Bibliothekare und nicht einmal richtige Arbeitstische.“ Aber das stört weder die Studenten noch Kaag, der sich erinnert, wie er die Bücher in „West Wind“ – der verschollenen Bibliothek – fand und was sie blieben: „Unbezahlbar, aber verletzlich. Ein bisschen wie das Leben selbst.

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