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Veröffentlicht am 11.09.2025

Klug, charmant, witzig: ein sprachverliebtes Buch übers Anderssein.

Was ich dir erzählen möchte oder Lebensweisheiten für ein kleines Alien
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Alice Franklins „Was ich dir erzählen möchte oder Lebensweisheiten für ein kleines Alien“ ist ein sprachlich brillantes, geistreiches und zugleich charmantes Buch, das die Kindheit und Jugend eines Mädchens ...

Alice Franklins „Was ich dir erzählen möchte oder Lebensweisheiten für ein kleines Alien“ ist ein sprachlich brillantes, geistreiches und zugleich charmantes Buch, das die Kindheit und Jugend eines Mädchens erzählt, das sich oft wie ein kleines „Alien“ fühlt – neugierig, sensibel und unverstanden von seiner Umwelt. Als sie das geheimnisvolle Voynich-Manuskript entdeckt, wird dies für sie zur Initialzündung: Endlich etwas, das so fremd und unverstanden erscheint wie sie selbst – und der Beginn ihrer neugierigen Suche nach Wissen, Zugehörigkeit und Sinn.

Was mir besonders gut gefiel: Die Leserinnen werden durch die ungewöhnliche Ich-Du-Perspektive direkt in die Rolle des Kindes versetzt – sie erleben die Ereignisse, Gedanken und Gefühle quasi selbst und tauchen tief in die Innenwelt des kleinen Aliens ein. Die Erzählerin ist Linguistin, wodurch wir in den Genuss intelligenter sprachlicher Beobachtungen kommen. Gleichzeitig ist sie besonders geeignet, dem Little Alien – das als Autistin Schwierigkeiten mit Sprachverständnis hat – die Welt auf eine verständliche und einfühlsame Weise zu erklären.

Franklins Schreibstil ist locker, humorvoll und präzise. Sie reflektiert über Sprache, Grammatik und Bedeutungen auf feinsinnige Weise – ein wahres Vergnügen für Sprachliebhaber
innen. Am Ende der Kapitel gibt die Erzählerin fiktive Literaturtipps, die das gerade Erlebte mit einem Augenzwinkern kommentieren – manchmal humorvoll, manchmal enthüllend.

Die Charaktere – die psychisch labile Mutter, der nüchterne, ruhige Vater und der unterstützende Freund Bobby – sind vielschichtig und authentisch. Besonders eindrucksvoll ist die einfühlsame Darstellung der neurodivergenten Wahrnehmung. Oft musste ich schmunzeln über die klugen sprachlichen Reflexionen oder komische Alltagssituationen, zugleich war ich an vielen Stellen tief betroffen und voller Mitgefühl, wenn das Kind mit schulischen, sozialen oder alltäglichen Herausforderungen ringt, die für es überwältigend sind.

Leserinnen, die sich selbst als neurodivergent erleben, werden sich hier wiedererkannt fühlen. Doch auch alle anderen, die sich schon einmal fremd oder „nicht ganz passend“ gefühlt haben, finden in diesem Buch eine Stimme, die sie versteht.

Fazit:

Ein kluges, originelles und zugleich herzerwärmendes Buch, das Humor, Sprachliebe und Empathie vereint. Für alle, die die Welt aus der Perspektive eines kleinen Aliens erleben möchten – und für Sprachliebhaber
innen, die Freude an feinsinnigen Beobachtungen und Reflexionen über Sprache haben. Nach der letzten Seite bleibt nur ein Wunsch: mehr vom erwachsenen Little Alien!

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Veröffentlicht am 09.09.2025

Ein Familienmosaik voller Risse

Das Flüstern der Marsch
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Schon die Ausgangssituation ist packend: Eine Großmutter verschwindet spurlos, und zurück bleibt eine Familie, die auf schmerzhafte Weise mit der eigenen Vergangenheit und den ungelösten Konflikten konfrontiert ...

Schon die Ausgangssituation ist packend: Eine Großmutter verschwindet spurlos, und zurück bleibt eine Familie, die auf schmerzhafte Weise mit der eigenen Vergangenheit und den ungelösten Konflikten konfrontiert wird. Was als rätselhafter Einschnitt beginnt, entfaltet sich zu einer dichten Familiengeschichte, die Generationen umspannt und zeigt, wie Verletzungen, Schweigen und Geheimnisse weitergegeben werden.

Die Autorin gelingt es meisterhaft, Spannung und Tiefe miteinander zu verweben. Sie dosiert die Hinweise mit großer Sorgfalt – nie zu früh, nie zu offensichtlich. Man rätselt mit, fragt sich, welche Geschichten unter der Oberfläche brodeln, und wird immer wieder überrascht, wenn ein neuer Faden auftaucht, der das Geflecht der Beziehungen erhellt. Gerade diese Balance aus Andeutung und Enthüllung hält die Lesenden bis zur letzten Seite gefangen.

Neben den vielschichtigen Figuren ist es vor allem die Landschaft, die das Buch trägt. Die Marsch ist weit mehr als Kulisse – sie wirkt wie eine eigene Figur. Mit ihrer Weite, ihrer Ruhe und Offenheit bildet sie einen heilsamen Kontrast zur Enge, Sprachlosigkeit und Schwere in den Familien. Während in den Häusern Druck, Schweigen und alte Verletzungen regieren, eröffnet die Marsch mit ihrem Himmel, dem Wind und dem weiten Horizont eine andere Dimension: Freiheit, Durchatmen, die Möglichkeit, für einen Moment sich selbst zu spüren. Man spürt beim Lesen fast die feuchte Erde unter den Füßen, hört das Rascheln der Gräser und das Rufen der Graureiher über der glitzernden Elbe. Es ist auch eine stille Liebeserklärung an diese Landschaft.

Die Figuren sind komplex, widersprüchlich, oft auch unbequem. Keine wird schwarz-weiß gezeichnet, alle tragen Brüche in sich. Gerade darin liegt die Stärke: Die Leserinnen werden nicht mit einfachen Erklärungen abgespeist, sondern dürfen selbst nachfühlen, wie traumatische Erfahrungen über Generationen wirken und welche Muster daraus entstehen. Dass die Autorin dabei immer nah an den inneren Stimmen bleibt, verleiht dem Roman große Authentizität.

Für mich war es eine berührende, intensive Lektüre, die mich noch lange beschäftigen wird. Es ist nicht nur ein Familienroman, sondern auch eine Geschichte über Weitergabe und Befreiung – darüber, wie schwer es ist, alte Muster zu durchbrechen, und wie heilsam es sein kann, sie ans Licht zu bringen.

Fazit: Ein literarisch starkes, atmosphärisch dichtes Werk, das fesselt, berührt und lange nachhallt.



Empfehlung:

Dieses Buch ist besonders für Leserinnen und Leser geeignet, die atmosphärische Familienromane mit Tiefgang schätzen. Wer gern in Generationengeschichten eintaucht, die leise, aber eindringlich von Geheimnissen, Schweigen und unausgesprochenen Verletzungen erzählen, wird hier fündig. Auch Liebhaber
innen von Romanen, in denen die Landschaft fast selbst zur Figur wird, werden begeistert sein. Ideal für alle, die literarische Spannung mögen, ohne klassischen Krimi lesen zu wollen.

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Veröffentlicht am 09.09.2025

Mitternachtsmagie und Lebenslektionen

Kleine Wunder in der Mitternachtskonditorei
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„Kleine Wunder in der Mitternachtskonditorei“ ist ein ruhiges, poetisches und sanftes Buch, das trotz des Themas Tod niemals bedrückend wirkt. Im Gegenteil: es hat eine Leichtigkeit, eine Sanftheit, und ...

„Kleine Wunder in der Mitternachtskonditorei“ ist ein ruhiges, poetisches und sanftes Buch, das trotz des Themas Tod niemals bedrückend wirkt. Im Gegenteil: es hat eine Leichtigkeit, eine Sanftheit, und immer wieder blitzen sogar kleine heitere Momente auf.

Die Geschichte dreht sich um Yeonhwa, die nach dem Tod ihrer Großmutter deren Konditorei erbt. Doch es gibt eine ungewöhnliche Bedingung: Sie darf nur nachts öffnen - und ihre Gäste sind keine gewöhnlichen Kunden, sondern Geister. Jede Begegnung erzählt die Geschichte eines verstorbenen Menschen, voller Sehnsucht, ungelöster Konflikte oder unausgesprochener Gefühle. Diese Geistergeschichten haben mich sehr berührt, denn sie sind voller versteckter kleiner Botschaften für uns Lebende.

Parallel zu den Geschichten der Geister erfahren wir auch mehr über Yeonhwa selbst. Anfangs wirkt sie distanziert und etwas zurückhaltend, doch nach und nach öffnen sich kleine Einblicke in ihre Gefühle, ihre Einsamkeit und die Art, wie sie ihr Leben bisher gelebt hat.

Ein Gedanke, der mir beim Lesen besonders in den Sinn kam, ist der von Søren Kierkegaard: „Das Leben kann nur rückwärts verstanden werden; es muss aber vorwärts gelebt werden.“ Viele Situationen verstehen die Figuren erst im Nachhinein, während Yeonhwa und die Leser gleichzeitig ermutigt werden, nach vorne zu blicken und das eigene Leben bewusst zu gestalten.

Ein kleiner Kritikpunkt: Manche Abschnitte mit ausführlichen Essensbeschreibungen, vielen koreanischen Begriffen und die anfängliche Distanz zu Yeonhwa haben meinen Lesefluss etwas gebremst. Dennoch überwiegt die emotionale Wirkung des Buches, die ruhige Atmosphäre und die warmherzige Erzählweise. Gegen Ende konnte ich das Buch kaum aus der Hand legen – so sehr hat mich die Geschichte berührt.

Interessant ist auch der kulturelle Hintergrund: In Korea gibt es viele weibliche Schamaninnen, die Mudang genannt werden. Sie gelten als Mittlerinnen zwischen den Welten, führen Rituale durch, nehmen Kontakt zu den Verstorbenen auf und bringen deren Botschaften zu den Lebenden – oft um Trost, Heilung oder Versöhnung zu ermöglichen. Wenn man diesen Hintergrund kennt, kann man Yeonhwas Großmutter und Yeonhwa selbst gut als moderne Schamaninnen sehen. Auch sie öffnen einen besonderen Raum, in dem die Verstorbenen sich zeigen können, übersetzen deren Botschaften und ermöglichen Heilung für die Hinterbliebenen – nur dass ihr „Ritual“ hier aus Teig, Zucker und Wärme besteht. ✨

Insgesamt ist es ein stilles, poetisches Buch, das mit Herz und Feingefühl geschrieben ist. Ich empfehle es allen, die Geschichten über Menschen, Magie und kleine Wunder lieben.

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Veröffentlicht am 03.09.2025

Berührende Familiengeschichte voller Tiefe

Du musst meine Hand fester halten, Nr. 104
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“Du musst meine Hand fester halten” von Susanne Abel ist für mich bisher das beste Buch des Jahres.

Die Autorin erzählt mit großem Einfühlungsvermögen und psychologischem Tiefgang von Hardy, der als Kind ...

“Du musst meine Hand fester halten” von Susanne Abel ist für mich bisher das beste Buch des Jahres.

Die Autorin erzählt mit großem Einfühlungsvermögen und psychologischem Tiefgang von Hardy, der als Kind im Krieg seine Familie verliert und in Heimen aufwächst. Schon früh muss er lernen, sich anzupassen, zu überleben und mit Verlust und Gewalt umzugehen – Erfahrungen, die ihn sein ganzes Leben begleiten. Hardy wächst einem sofort ans Herz: sein Leid, seine stillen Momente der Geborgenheit und sein stiller Überlebenswille lassen einen mitfiebern und mitleiden.

Seine Beziehung zu Margret, ebenfalls ein Kriegswaisenkind, ist besonders berührend. Sie wird ihm zur großen Schwester und zum Schutz, während er für sie Halt und Nähe bedeutet. Beide brauchen einander – als Stütze, um die Härte ihrer Kindheit überhaupt ertragen zu können.

Die Autorin verwebt auf meisterhafte Weise zwei Zeitebenen: die Vergangenheit von Hardy und Margret, sowie die Gegenwart ihrer Familie, in der die Traumata der Vergangenheit noch immer spürbar sind und sich auf die drei nachfolgenden Generationen auswirken.

Besonders eindringlich schildert die Autorin, wie entwurzelte Kinder nach dem Krieg ohne Eltern und ohne Halt durchs Leben gehen mussten – und welche seelischen Narben diese Erfahrung hinterlassen hat.

Susanne Abels Sprache ist einfühlsam und nie übertrieben rührselig – sie zieht den Leser emotional in die Geschichte hinein. Für mich war es ein zutiefst berührendes Leseerlebnis und ich musste öfter Tränen verdrücken, was mir so eigentlich nur bei Filmen passiert.Taschentücher sollte man also bereithalten.

Der Roman behandelt universelle Themen wie Trauma, Verantwortung, Verbundenheit und Heilung über Generationen hinweg. Er zeigt, wie tiefgehend die Folgen von Krieg und Verlust sein können und wie wichtig Mitgefühl, Verständnis und Kommunikation innerhalb einer Familie sind - und was Schweigen anrichten kann.

Die Geschichte geht zu Herzen, öffnet den Blick für die Belastungen vergangener Generationen und zeigt die Kraft der Verbundenheit und des Verständnisses.

Ein Buch, das lange nachwirkt.

Absolute Leseempfehlung!

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Veröffentlicht am 03.09.2025

Anders als erwartet: Krimirätsel statt Buchmagie

Die Bibliothek meines Großvaters
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Masateru Konishis „Die Bibliothek meines Großvaters“ ist auf den ersten Blick ein echter Hingucker: wunderschönes Cover, zauberhafter Farbschnitt, und der Klappentext verspricht die Magie von Büchern und ...

Masateru Konishis „Die Bibliothek meines Großvaters“ ist auf den ersten Blick ein echter Hingucker: wunderschönes Cover, zauberhafter Farbschnitt, und der Klappentext verspricht die Magie von Büchern und Geschichten. Ich ging also von einer Familiengeschichte aus, in der Bücher die Figuren emotional berühren und die Handlung vorantreiben. Tatsächlich dreht sich die Geschichte aber fast ausschließlich um Krimis und das Lösen von Rätseln – das hatte ich so nicht erwartet.

Die Geschichte folgt Kaede, einer jungen Lehrerin, die viel Zeit mit ihrem demenzkranken Großvater verbringt. Ihre Gespräche über Kriminalfälle zeigen die enge Bindung zwischen den beiden, ziehen sich aber oft in die Länge. Viel Handlung passiert nicht, und bis auf den Großvater bleiben die anderen Figuren lange distanziert und schwer greifbar. Erst gegen Ende wird es spannender, wenn direkt Kriminalfälle in der Handlung eingebaut sind – da merkt man, dass der Autor durchaus Spannung erzeugen kann.

Besonders die Beziehung zwischen Kaede und ihrem Großvater hat mich berührt. Trotz seiner Demenz teilen sie eine gemeinsame Leidenschaft, die Nähe schafft. Die Demenz wird sensibel beschrieben, die Einblicke in die Herausforderungen rühren. Auch die Hintergrundgeschichte um Kaedes Mutter bringt emotionale Tiefe, wirkt aber etwas plötzlich eingefügt. Die japanische Kultur wird immer wieder eingebunden, das ist interessant, aber ein kleines Glossar hätte mir geholfen, manche Begriffe und Anspielungen besser einzuordnen.

Insgesamt bleibt ein gemischtes Gefühl. Der Roman ist weder ein klassischer Krimi noch ein richtiges Familiendrama, sondern irgendwas dazwischen. Mir fehlte ein klarer roter Faden, und die Spannung kommt erst spät. Die versprochene Kraft der Bücher spielt leider nur eine Nebenrolle. Trotzdem hat das Buch seine Momente: Die Beziehung zwischen Kaede und ihrem Großvater ist herzerwärmend, und die Einblicke in Demenz und japanische Kultur sind echt bereichernd. Für Krimi-Fans oder Leser*innen, die eine einfühlsame Familiengeschichte mögen, ist es definitiv einen Blick wert. Für mich hat der Roman viel Potenzial, aber die Erwartungen, die der deutsche Titel und der Klappentext wecken, erfüllt er nicht ganz.

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