Klug, charmant, witzig: ein sprachverliebtes Buch übers Anderssein.
Was ich dir erzählen möchte oder Lebensweisheiten für ein kleines AlienAlice Franklins „Was ich dir erzählen möchte oder Lebensweisheiten für ein kleines Alien“ ist ein sprachlich brillantes, geistreiches und zugleich charmantes Buch, das die Kindheit und Jugend eines Mädchens ...
Alice Franklins „Was ich dir erzählen möchte oder Lebensweisheiten für ein kleines Alien“ ist ein sprachlich brillantes, geistreiches und zugleich charmantes Buch, das die Kindheit und Jugend eines Mädchens erzählt, das sich oft wie ein kleines „Alien“ fühlt – neugierig, sensibel und unverstanden von seiner Umwelt. Als sie das geheimnisvolle Voynich-Manuskript entdeckt, wird dies für sie zur Initialzündung: Endlich etwas, das so fremd und unverstanden erscheint wie sie selbst – und der Beginn ihrer neugierigen Suche nach Wissen, Zugehörigkeit und Sinn.
Was mir besonders gut gefiel: Die Leserinnen werden durch die ungewöhnliche Ich-Du-Perspektive direkt in die Rolle des Kindes versetzt – sie erleben die Ereignisse, Gedanken und Gefühle quasi selbst und tauchen tief in die Innenwelt des kleinen Aliens ein. Die Erzählerin ist Linguistin, wodurch wir in den Genuss intelligenter sprachlicher Beobachtungen kommen. Gleichzeitig ist sie besonders geeignet, dem Little Alien – das als Autistin Schwierigkeiten mit Sprachverständnis hat – die Welt auf eine verständliche und einfühlsame Weise zu erklären.
Franklins Schreibstil ist locker, humorvoll und präzise. Sie reflektiert über Sprache, Grammatik und Bedeutungen auf feinsinnige Weise – ein wahres Vergnügen für Sprachliebhaberinnen. Am Ende der Kapitel gibt die Erzählerin fiktive Literaturtipps, die das gerade Erlebte mit einem Augenzwinkern kommentieren – manchmal humorvoll, manchmal enthüllend.
Die Charaktere – die psychisch labile Mutter, der nüchterne, ruhige Vater und der unterstützende Freund Bobby – sind vielschichtig und authentisch. Besonders eindrucksvoll ist die einfühlsame Darstellung der neurodivergenten Wahrnehmung. Oft musste ich schmunzeln über die klugen sprachlichen Reflexionen oder komische Alltagssituationen, zugleich war ich an vielen Stellen tief betroffen und voller Mitgefühl, wenn das Kind mit schulischen, sozialen oder alltäglichen Herausforderungen ringt, die für es überwältigend sind.
Leserinnen, die sich selbst als neurodivergent erleben, werden sich hier wiedererkannt fühlen. Doch auch alle anderen, die sich schon einmal fremd oder „nicht ganz passend“ gefühlt haben, finden in diesem Buch eine Stimme, die sie versteht.
Fazit:
Ein kluges, originelles und zugleich herzerwärmendes Buch, das Humor, Sprachliebe und Empathie vereint. Für alle, die die Welt aus der Perspektive eines kleinen Aliens erleben möchten – und für Sprachliebhaberinnen, die Freude an feinsinnigen Beobachtungen und Reflexionen über Sprache haben. Nach der letzten Seite bleibt nur ein Wunsch: mehr vom erwachsenen Little Alien!