Profilbild von Corsicana

Corsicana

Lesejury Star
offline

Corsicana ist Mitglied der Lesejury

Melde dich in der Lesejury an, um dich mit Corsicana über deine Lieblingsbücher auszutauschen.

Anmelden

Meinungen aus der Lesejury

Veröffentlicht am 17.11.2025

Familiengeschichte in einem sehr eigenwilligen Stil

Wenn du es heimlich machen willst, musst du die Schafe töten
0

Mit dem Titel sind wir direkt mittendrin: In einer heimlichen Schlachtung. Denn wenn es heimlich sein sollte, muss man ein Schaf schlachten, die bleiben still. Und kein Schwein, die quicken zu ...

Mit dem Titel sind wir direkt mittendrin: In einer heimlichen Schlachtung. Denn wenn es heimlich sein sollte, muss man ein Schaf schlachten, die bleiben still. Und kein Schwein, die quicken zu laut!
Erzählt wird von einer Familie, die auf einem Hof in Norddeutschland lebt und im Laufe der Generationen bis nach Österreich zieht. Der Stil ist außergewöhnlich, eigenartig und oft skizzenhaft. Und doch wird im Grunde genommen alles erzählt, manchmal mit nur einem Satz pro Seite. Geschildert werden Ehen, die eher hingenommen als geliebt werden, Kinder, von denen eins stets das Lieblingskind ist und eines eben nicht (letzteres leider oft die Mädchen) und die vielfältigen Herausforderungen, die das Leben im letzten Jahrhundert mit den Weltkriegen, mit Hunger und Armut und in den Anfängen des neuen Jahrtausends für die Menschen bereithielt Manche Menschen passen sich gut an, manche verweigern sich, manche ziehen sich zurück. Und leider werden einige weniger schöne Dinge von Generation zu Generation weitergegeben. Anna ist die letzte und aktuelle Generation - wird sie neue Wege gehen können?
Ich habe das Buch sehr gerne und vor allem sehr schnell gelesen. Es hat eine gewisse Atemlosigkeit und Unrast in manchen Kapiteln. Zwischendurch konnte ich dann ein wenig ausruhen, bis das nächste (Un-)Glück kam. Mit der Zeit wurde es dabei immer mysteriöser und surrealer. Mit einer gewissen Dosis an Magischem Realismus komme ich durchaus klar (wie zum Beispiel die Hebamme und die Totenwäscherin, die immer die gleichen Personen sind), auch den Bruder, der erst einmal 15 Jahre schläft, dann aufwacht und direkt alles kann, konnte ich noch als Stilmittel und wichtigen Inhalt akzeptieren.... als aber später eine Frau ein Zitronenbaum wird (Okay, das hat Giaconda Belli schon geschrieben, aber besser hinbekommen) und ein Sohn sich komplett in Holz verwandelt und es bei ihm auch nur Holz zu essen gibt), also, da bin ich gedanklich schon ein wenig ausgestiegen. Das war für mich persönlich nicht mehr sinnvoll für den Inhalt und für das Verständnis.

Trotzdem bleibt als Fazit: Ein außergewöhnlicher Stil, der lesenswert ist!

  • Einzelne Kategorien
  • Cover
  • Erzählstil
  • Handlung
  • Charaktere
Veröffentlicht am 02.11.2025

Sehr außergewöhnlich aber auch gewöhnungsbedürftig

HEN NA IE - Das seltsame Haus
7

Der mysteriöse Uketsu (Youtuber & Web-Autor aus Japan, der seine wahre Identität hinter einer Maske verbirgt) hat einen mysteriösen Krimi geschrieben. Dieser ist in einer Art "Berichtstil" geschrieben, ...

Der mysteriöse Uketsu (Youtuber & Web-Autor aus Japan, der seine wahre Identität hinter einer Maske verbirgt) hat einen mysteriösen Krimi geschrieben. Dieser ist in einer Art "Berichtstil" geschrieben, der sehr sehr viele Dialoge enthält und zumindest im ersten Teil zum Miträtseln einlädt. Später wird es dann allerdings immer verwirrender und alles basiert auf einer Grundannahme, die von Anfang an verfolgt wird, die ich persönlich aber nicht nachvollziehen konnte.
.
Es geht um ein geheimnisvolles Haus, das über einen seltsamen Grundriss verfügt. Das fand ich sehr interessant, irgendwie faszinieren mich Grundrisse und Miträtseln war auch spannend. Allerdings hörte die Chance zum Miträtseln für mich persönlich im zweiten Teil auf, als anstelle (der wirklich zahlreichen Grundrisse, sie nehmen mindestens ein Viertel des ohnehin schmalen Buches ein) dann Stammbäume von Familien auftauchten. Da bin ich gedanklich ausgestiegen, habe aber weitergelesen, weil ich natürlich wissen wollte, wie die Geschichte sich auflöst. Ohne zu spoilern: Die Lösung ist für "westliche" Leser wohl eher schwer nachvollziehbar, es wäre sinnvoll, sich in japanischen Riten und Werten gut auszukennen.
Der Clou war aber dann, dass der Autor im Nachwort dann wieder alles in Frage stellt.... hm. Interessant. Ja, sicherlich. Außergewöhnlich? Ja. Allerdings auch Gewöhnungsbedürftig. Aber das ist ja nicht das Schlechteste, was man über ein Buch sagen kann.

Daher: Klare Empfehlung für alle Japan-Liebhaber und für alle, die ein außergewöhnliches Buch suchen.
Vier Sterne wegen außergewöhnlich, inhaltlich eher so drei.

  • Einzelne Kategorien
  • Handlung
  • Erzählstil
  • Charaktere
  • Cover
  • Spannung
Veröffentlicht am 07.10.2025

Moderne Great American Novel

Weißes Licht
0

Ruhig und mit vielen feinen Zwischentönen hat der Autor Eric Puchner hier eine moderne und eigentlich fast dystopische American Novel vorgelegt.

Schwerpunkt ist, wie in vielen klassischen amerikanischen ...

Ruhig und mit vielen feinen Zwischentönen hat der Autor Eric Puchner hier eine moderne und eigentlich fast dystopische American Novel vorgelegt.

Schwerpunkt ist, wie in vielen klassischen amerikanischen Romanen, ein Ferienhaus. Dieses hier liegt an einem See im Nordwesten von Montana und hier stehen Charlie und Cece kurz vor der Eheschließung. Charlies Eltern gehört das Haus, Cece liebt das Haus und vor allem wohl seine Familie, sie selbst ist etwas "haltloser" aufgewachsen als Charlie und hat ihre Mutter früh verloren. Umso mehr freut sich Cece auf eine hoffentlich bessere Zukunft, auch wenn sie nicht so genau weiß, wohin sie eigentlich will. Ihr Medizinstudium hat sie abgebrochen, während Charlie ein aufstrebender Arzt ist. Kurz vor der Hochzeit lernt Cece dann Garret kennen, einen Jugendfreund von Charlie, dessen Leben nach dem tragischen Verlust eines gemeinsamen Freundes aus der Spur gelaufen ist. Mit Cece fühlt er sich endlich wieder lebendig und auch Cece fühlt sich zu Garret hingezogen. .... wohin wird das führen?

Dies alles wird ausführlich erzählt werden in einer Geschichte mit vielen Zeitsprüngen, die gleichzeitig weit in die Zukunft reichen wird. Wir erfahren so einiges über frühe Verluste, über Verluste von Freunden und Weggefährten, über Vertrauen, über das Wesen einer Ehe und darüber, wie sich wichtige Entscheidungen im Leben auswirken, auch auf ganze Generationen.

Dies alles wird sehr ruhig und feinfühlig erzählt. Spannend im eigentlichen Sinne ist es nicht, trotzdem war ich gefesselt. Denn alles war so lebensnah, so ein realistisches Auf- und Ab. Schicksalsschläge, Trennungen, Zusammenhalt und immer neue Wege finden, das macht das Leben aus. Die Themen sind vielfältig, fast ein wenig zu viel (Vertrauensbruch, Ehebruch, Drogen, Demenz, Umweltzerstörung), doch im Grunde genommen ist das das Leben: Immer ein wenig zu viel an Zumutungen, an Herausforderungen. Aber auch immer wieder die Chance, das kleine und große Glück zwischendurch zu finden.

Einen großen und wichtigen Teil im Roman nimmt das Thema Natur ein. Angefangen von den Ski-Abenteuern der Freunde in der Collegezeit über die Wanderungen durch die großartige Bergwelt von Montana bis hin zu den zunehmendem Waldbränden in den USA und Kanada, die im weiteren Verlauf die Luft- und Lebensqualität drastisch einschränken werden.

Aus politischen Gründen reise ich derzeit nicht in die USA, doch literarische Reisen sind erlaubt. Gerade dann, wenn (wie hier) ein Autor die Finger in die offenen Wunden legt und sowohl das destruktive politische Klima (hier ist Montana ein gutes Beispiel) als auch die zunehmende Umweltzerstörung und deren Folgen für die einzelnen Menschen bildhaft darstellt. Trump wird das Buch sicherlich sofort auf die Verbotsliste setzen. Also: Alles richtig gemacht Eric Puchner!

  • Einzelne Kategorien
  • Cover
  • Erzählstil
  • Handlung
  • Charaktere
Veröffentlicht am 06.10.2025

Südstaatenroman mit Wucht & grandioser Atmosphäre

Unsere letzten wilden Tage
0

Louisiana in den Südstaaten der USA: Endlose Sumpflandschaften, schwüle Hitze, Rassismus, Gewalt, korrupte Polizisten, toxische Männlichkeit, Bildungsprobleme, Rechtsextremismus, Trumpismus, ...

Louisiana in den Südstaaten der USA: Endlose Sumpflandschaften, schwüle Hitze, Rassismus, Gewalt, korrupte Polizisten, toxische Männlichkeit, Bildungsprobleme, Rechtsextremismus, Trumpismus, Armut & White Trash - alles Dinge, die ich nicht mag. Trotzdem lese ich gerne Louisiana Romane. Vor den klassischen "Plantagen-Romanen" wie "Tiefer Süden" von Gwen Bristow bis zu den wirklich harten Thrillern von James Lee Burke über den Polizisten Dave Robicheaux. Dieser Roman von Anna Bailey ist auf jeden Fall mehr James Lee Burke (vermischt mit ein wenig Vibe vom Film "Big Easy") und kein romantischer Südstaaten-Roman à la "Vom Winde verweht". Im (fiktiven) Ort Jacknife in den endlosen Sümpfen des Atchafalaya Beckens tief im Süden von Louisiana ist das Leben hart und trostlos. Einziger großer Arbeitgeber ist eine Kunststofffabrik, die Luft und Wasser verpestet. Oder man arbeitet im Diner. Oder man jagt Alligatoren. Zum Essen und zum Verkauf der Lederhaut. Ein Ort, aus dem man weg will. Und das genau hat Loyal gemacht. Sie ist ihrem Vater nach Texas gefolgt, hat studiert und ist Journalistin in Houston geworden. Doch als ihre Mutter starke Anzeichen von Demenz entwickelt, kommt Loyal zurück nach Jacknife. Sie will hier nicht nur ihre Mutter unterstützen, sondern sich auch mit ihrer Kindheitsfreundin versöhnen. Dieser hatte sie mit einem Artikel in der örtlichen Gazette einen verbalen Schlag versetzt. Wobei man wissen sollte, dass dies wiederum daran lag, dass einer der Alligatoren auf der Familienfarm der Freundin Loyal die halbe Hand abgebissen und Cutter, die Freundin, dies einerseits schuld war und andererseits nicht angemessen reagiert hatte.
Doch es gibt keine Chance zur Versöhnung, denn Cutter wird tot aufgefunden. Schnell wird die Sache als Selbstmord zu den Akten gelegt, denn Cutter kam aus miesen Verhältnissen: Versoffene, früh verstorbene Eltern, ein gewalttätiger älterer Bruder und ein drogensüchtiger jüngerer Bruder. Das "normale" Schicksal in dieser Gegend, wenn die Perspektiven fehlen oder man das eigene Versagen mit den "Eliten", der Regierung und ähnlichem rechtsextremem Gedankengut rechtfertigt. Doch Loyal will Cutter endlich Gerechtigkeit zukommen lassen und stürzt sich zusammen mit Sasha, ihrem Kollegen von der örtlichen Zeitung, in eigene Ermittlungen. Sie geraten dabei in einem Sumpf aus Drogengeschäften, Gewalt und korrupter Polizei, was sie immer mehr in Gefahr bringt.
Doch es gibt auch Lichtblicke zwischendurch, das unterscheidet diesen Roman von den Thrillern von James Lee Burke. Mitmenschlichkeit, zarte Bande, unerwartete Rettungen. Und da ist vor allem Sasha, die für mich eigentliche Hauptperson. Ein liebenswert-chaotischer Typ, der offen schwul lebt (in den Südstaaten nicht gerade gern gesehen) mit einem großen Herzen und einer Menge Mut. Gemeinsam schaffen Sie es, die sorgsam verborgenen Geheimnisse aufzudecken. Das ist spannend beschrieben und vor allen Dingen sind es die bildhaften Beschreibungen der Landschaft, der Hitze, der Schwüle, der schwarzen Sümpfe mit den unzähligen Alligatoren und die vielen unterschwelligen Bedrohungen, die diesen Roman so herausragend machen. Atmosphärisch ist das Buch fulminant. Ich konnte die Landschaft fast spüren, mit solcher sprachlichen Wucht wird alles beschrieben. Bei den expliziten Gewaltszenen musste ich oft schlucken - aber durch den Wechsel mit zarten und schönen kleinen Szenen wurde es erträglich. Und: Es gibt (leichte) Lichtblicke zum Schluss.

Fazit
Ein Southern-Gothic-Roman, den ich empfehle. Nicht so filigran von der Erzählung wie die von Truman Capote, nicht so romantisierend wie Vom Winde verweht und nicht so hoffnungslos wie vieles von James Lee Burke. Statt dessen: Starke Landschaftsbilder und außergewöhnliche Charaktere, die immer auch eine weiche Seite haben. Erinnert insgesamt ein wenig an "Der Gesang der Flusskrebse" von Delia Owens und an "Soweit der Fluss uns trägt" von Shelley Road, beides Bücher, die ich sehr mochte.

  • Einzelne Kategorien
  • Cover
  • Erzählstil
  • Handlung
  • Charaktere
Veröffentlicht am 11.09.2025

Unterhaltsam mit viel Flair aus Köln

Die Lilienbraut
0

Das war wirklich gute Unterhaltung, dieser Roman. Spannend, historisch und mit viel Flair aus "Kölle": Ehrenfeld, Lindenthal, Eau de Cologne, 4711 und Farina. Dazu jede Menge Familiengeheimnisse und zwei ...

Das war wirklich gute Unterhaltung, dieser Roman. Spannend, historisch und mit viel Flair aus "Kölle": Ehrenfeld, Lindenthal, Eau de Cologne, 4711 und Farina. Dazu jede Menge Familiengeheimnisse und zwei Zeitebenen. Ich liebe das zur Entspannung.

Die Geschichte spielt zum einen im 2. Weltkrieg in Köln. Hier lebt Nellie in eher einfachen Verhältnissen: Ihre Mutter hat eine Kölsch-Kneipe, Nellie eine Arbeit als Bürohilfe bei 4711 und gleichzeitig wird sie aufgrund ihrer empfindlichen Nase vom Parfümeur der Firma unter ihre Fittiche genommen. Ihre beste Freundin ist allerdings aus dem Haus Farina, die ebenfalls (das eigentlich ursprüngliche) Eau de Cologne fabrizieren. Darüber hinaus hat sich Nellie noch in einen unerreichbaren Mann verliebt und ihr Bruder fühlt sich zu den Edelweißpiraten hingezogen, die gegen die Nazis sind. Wie soll das alles nur enden, wenn gleichzeitig immer mehr Fliegerangriffe auf Köln erfolgen und ihre Freundin einen waschechten Nazi heiraten will?

In 2019 macht sich Liv nach einer schmerzhaften Trennung mit einem Duftlädchen in Ehrenfeld selbständig. Und wird plötzlich auf der Straße von einer fremdem Frau als "Nellie" angesprochen. Warum? Sie kennt keine Nellie. Gibt es Geheimnisse in ihrer Familie, von denen sie nichts weiß?

Ich liebe ja Romane über Familiengeheimnisse und wenn dann noch historische Gegebenheiten aus dem letzten Jahrhundert und aus Köln dazukommen, umso mehr.

Daher: Ein ideales Buch für mich. Und für alle, die in die Geschichte von Köln eintauchen möchten!

  • Einzelne Kategorien
  • Cover
  • Erzählstil
  • Handlung
  • Charaktere